Posts Tagged: Zeitgenössisch


12
Sep 10

Sogar Papageien überleben uns – Olga Martynova

Der Zeitfluss, das Zeitflussweib, die Bergvogelfrauen
Klares Wasser eines Bergbaches eilt über die Steine. Ich schaue nach unten von der Brusthöhe einer Frau, die mich in ihren Armen hält, um mich hinüberzubringen. Die Frau tut keinen Schritt, sie steht einfach da in den auf den Wellen hüpfenden Sonnensplittern, knietief. Trotzdem sind wir nach einer Weile am anderen Ufer. Nie fand ich heraus, wie das ging.” [1]

Inhalt
Marina stammt aus Petersburg und ist zu Besuch in Deutschland, wo sie bei einem Kongress über Daniil Charms und seinen Freundeskreis spricht.
Außerdem ist da ein Mann, der in Leningrad Russisch studierte und mit dem sie damals, vor 20 Jahren, eine Liebesgeschichte erlebte.
Die Vergangenheit ist nicht vergangen – und das gilt nicht nur für diese private Geschichte: “Ich habe Angst vor den Geheimnissen der Zeit.”
Ein ganzes Jahrhundert (und manchmal auch darüber hinaus) passiert in Marinas Assoziationen Revue, und nirgendwo sonst ist dieses letzte Jahrhundert vielfältiger, durch gewaltige Brüche im Sozialsystem fragmentierter gewesen als in Russland: vom Zarenreich über die Revolution, die Sowjetunion, die Weltkriege, die Belagerung Leningrads durch die Deutschen, die Perestrojka…

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Irgendwo las ich, dass man dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und lesen kann. Dem ist wirklich so. Olga Martynova Roman besteht aus 88 mehr oder weniger kurzen Prosatexten, die fast vollständig unabhängig voneinander gelesen werden können. Der rote Faden ist die Beziehung Marinas zu ihrem deutschen Freund Andreas und der Dichterkreis um Daniil Charms.

Sogar die Papageien überleben uns ist eine ungewöhnliche Reise durch Zeit und Geschichte. Es handelt vom Zeitfluss, von Zeitflussweibern, von “Dingen, von früher” und “Dinge aus dem anderen Leben” und wirkt ein wenig selbstverliebt als Roman. Es braucht das ein oder andere Mal ein wenig Durchhaltevermögen um den Unsinn der Gedankenspiele zu druchschauen, aber insgesamt amüsieren die geistigen Achterbahnfahrten der Autorin.

“Wwedenskij sagte: Und überhaupt: Jede Beschreibung ist falsch. Der Satz: »Ein Mensch sitzt, über seinem Kopf ist ein Schiff« ist doch vielleicht richtiger als »Ein Mensch sitzt und liest ein Buch.«”

Es wäre falsch zu sagen (das habe ich in meinem Vortrag nicht mitgeteilt): Ich stehe in einem schattigen Hof. Neben mir steht ein deutscher Schauspieler. Ich warte, bis er sein Foto signiert hat. Nein. Ich stehe in einem schattigen Hof. Über meinem Kopf kauen die Kamele das dürftige Grün, das nicht einmal grün ist. Unter meinen Füßen hinter dem Schattengatter (-gitter?) staubt der gelbe Himmel der Wüste, der Andreas und mir vor fast zwanzig Jahren golden war.” [2]

Auch an den Gesprächen der Oberiuten (Charms und seine Dichterfreunde [3]), die “den Unsinn als Erkenntnisform gewählt haben, um die absurde Welt, in der sie zu leben hatten, besser zu verstehen”, die ähnliche (aber unterhaltsamere) Formen hatten, dürfen wir dank der Autorin teilhaben.

Der Roman ist sicherlich ein Exot unter den Nominierungen zum Deutschen Buchpreis. Vielleicht einen Hauch zu verspielt, zu wenig ernsthaft um in den Kreis der Shortlistnominierten aufgenommen zu werden. Olga Martynovas Sätze sind lang, verschachelt und bewusst konfus (mit zahlreichen gedanklichen Abschweifungen in Klammern versehen). Klammerung innerhalb von Klammerungen nicht ungewöhnlich bei Frau Martynova. Insgesamt macht es Spaß dieses Buch zu lesen, da es einfach anders ist und zum Mitdenken und Miträtseln auffordert. Ihren scherzig bissigen Tonfall setzt die Autorin mit Bravour ein.

Fazit
Die Kernaussage ist bei mir nicht so richtig angekommen, aber das Buch hat irgendwie etwas. Etwas, was Spaß macht . Eine lyrische Reise durch die Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Russland. Ganz sicher nicht jedermans Geschmack.

Weitere Rezensionen
Büchereule
dw world
Die Zeit online
sf magazin

[1] Seite 1 (ersten Sätze)
[2] Seite 59
[3] Daniil Charms bei Wikipedia, Die Oberiuten bei Wikipedia


Die Autorin
Olga Martynova, 1962 bei Krasnojarsk geboren, wuchs in Leningrad auf, studierte russische Sprache und Literatur; 1991 zog sie nach Deutschland. Sie lebt mit ihrem Mann Oleg Jurjew in Frankfurt/Main.
Sie schreibt Gedichte (auf Russisch) und Essays und Prosa (auf Deutsch).


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Sogar Papageien überleben uns – Olga Martynova
199 Seiten,
Gebunden,
19 Euro



5
Sep 10

Die Attentäterin – Yasmina Khadra

“Ich erinnere mich nicht, eine Detonation gehört zu haben. Ein Zischen vielleicht, ähnlich dem Reißen eines Stoffes, aber sicher bin ich mir nicht. Meine Aufmerksamkeit ist abgelenkt von diesem Mann, der vom Heer seiner frommen Anhänger getragen wird wie ein Gott, während seine Leibgarde versucht, ihm einen Weg zu seinem Fahrzeug zu bahnen.” [1]

Amin Jaafari ist ein hoch angesehener Chirurg in einem Krankenhaus in Tel Aviv. Amin Jaafari ist aber auch ein arabischer Israeli und damit ein Musterbeispiel an Integration. Er wohnt, gemeinsam mit seiner Frau, die er sehr liebt und mit der er sehr glücklich ist, in einem der besten Viertel Tel Avivs, wo sie sich wohlhabend eingerichtet haben. Sie reisen um die Welt, verbringen ihre Zeit oft in geselligen Runden und auf exklusiven Partys. Klingt annehmbar, sollte man meinen.

Eines Tages geschieht, was wohl so oft geschieht in dieser Gegend: es passiert ein Selbstmordanschlag in einem Fast-Food-Restaurant. Zahlreiche Kinder sind als Opfer zu vermelden. Amin nimmt die Verletzten entgegen und versucht Leben zu retten, wo er kann. Das ist nicht nur sein Job, es ist seine Berufung.

Kurze Zeit später erfährt Amin, dass seine Frau zu den Opfern des Anschlags zählt. Sie war offensichtlich nicht, wie von ihm angenommen in Kafr Kannan, bei ihrer Großmutter. Aber es kommt noch schlimmer. Sie soll nicht nur ein Opfer gewesen sein, sondern die Attentäterin. Amin ist völlig geschockt und überrumpelt von den Ereignissen und gerät dabei selbst noch in Verdacht. Bevor er überhaupt versteht wie ihm geschieht, findet er sich unter zähen Verhören und Beschuldigungen wieder.

Amin glaubt natürlich keineswegs an die Schuld seiner Frau. Völlig unmöglich erscheint es ihm, dass Sihem ohne sein Bemerken fundamentalistische Kreisen beigetreten ist und sogar ihr Leben dafür gelassen haben soll. Er beginnt eigene Erkundungen anzustellen, gerät dabei des Öfteren in Lebensgefahr und muss letztlich der schmerzhaften Wahrheit ins Gesicht blicken.

Ich bin ein wenig hin- und hergerissen bei der Beurteilung der Lektüre. Einerseits zwingt die Thematik zur Sachlichkeit, andererseits möchte man aber auch gerne unterhalten werden. Yasmina Khadra hat einen Mittelweg gefunden, der mir nicht ausnahmslos gefällt. Zwar habe ich dieses Buch regelrecht verschlungen – innerhalb dreieinhalb Stunden Wartezeit in einer Arztpraxis -, was aber keine Begeisterungsstürme in mir auslöst.

Insgesamt ist die Story sehr effekthascherisch. Zu viel Krimi, zu viele Dialoge. Amin wird verprügelt noch und nöcher, bedroht und verfolgt ohne Schaden zu erleiden. Sein seelischer Zustand wirkt glaubaft, die Beschreibungen dazu aber sind überstrapaziert. Er irrt völlig verwahrlost durch die Gegend, verbringt ein Gutteil der Zeit in einem geistigen Delirium. Dies ist alles grundsätzlich nachvollziehbar und dennoch im Gesamtgefüge der Geschichte einfach überzogen. Selten habe ich mich dem Protagonisten in seinen Gefühlen verbunden gefühlt. Lediglich die ersten und die letzten Seiten sind tatsächlich ergreifend und erschütternd.

Nichtsdestotrotz, Yasmina Khadra wäre nicht so erfolgreich mit seinen Büchern, wenn sie nicht inhaltlich einer gewissen Qualität, in Bezug auf die politischen Themen, unterliegen würde. So auch in diesem Fall. Beeindruckend beispielsweise ist es, wie er die Motivation einzelner beschreibt. So auch Amin Jaafaris Motivation zur Berufswahl:

“Ich erinnere mich nicht, dem Kampf der einen je Beifall gezollt oder den der anderen je verurteilt zu haben, da ich sie beide unendlich vernunftwidrig fand. Nicht ein einziges Mal habe ich mich betroffen gefühlt, oder auch nur angesprochen, in dem blutigen Konflikt, der bei Licht besehen Prügelknaben und Sündenböcke einer verbrecherischen Geschichte, die jederzeit rückfällig werden kann, unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegeneinander hetzt. Ich habe so viel an Anfeindung erlebt, dass das einzige Mittel darin besteht, denen nicht ähnlich zu werden, die dahinterstecken, und nicht meinerseits darein zu verfallen. Statt die andere Wange hinzuhalten oder Auge um Auge auszuteilen, habe ich mich dafür entschieden den Kranken zu helfen. Ich habe den edelsten Beruf, den die Menschheit kennt, ich bin stolz auf ihn und würde um nichts in der Welt etwas tun, was seinem Ansehen schaden könnte.” [2]

Das ist natürlich ohne Zweifel eine wunderschöne Liebeserklärung an einen Beruf und gleichzeitig ein starkes Plädoyer für den Frieden. Solche Szenen sind bezeichnend für Yasmina Khadras Schreibe und es verwundert mich ein wenig davon so wenige zu finden in diesem Roman. Vor kurzem habe ich von ihm “Die Schuld des Tages an die Nacht” als Hörbuch gehört (Rezension folgt) und war angesichts des feinfühligen Tons sehr begeistert. Allerdings unterscheidet sich die Thematik grundlegend, so dass ein direkter Vergleich einem Vergleich mit Äpfel und Birnen gleich käme.

Letzten Endes ist es dem Autor hoch anzurechnen, dass er mit diesem Roman keinen Versuch unternimmt dem Konflikt mit einer Lösung nahe zu kommen. Eine solche sieht er nicht. Diese Feststellung trifft er mit dem Romanende ganz deutlich. Es ist ihm gelungen, die Beweggründe der verfeindeten Parteien aufzuzeigen. Er gibt zu, dass er spätestens beim Verständnis kapitulieren muss – beeindruckend und ehrlich. Aber leider, und das ist wiederum als Leser/in enttäuschend, zieht man keinen Gewinn aus diesen Überlegungen. Mir ist immernoch völlig unklar, was genau Amins Frau dazu getrieben hat, sich, trotz ihrer gesellschaftlich gut situierten Persönlichkeit, zu opfern. Die einzige Motivationsgrundlage, die Yasmina Khadra dazu liefert, bleibt wenig glaubwürdig.

Fazit
Thematisch hat Yasmina Khadra ein sehr interessantes Buch vorgelegt. Literarisch ist es sicherlich keine Meisterleistung, eher trivial. Und da ersteres gut umgesetzt ist und letzteres nicht immer schlecht sein muss, ist es trotz allem eine Leseempfehlung.

Weitere Rezensionen
Büchereule
Buchkritik
Die Leselust
Rezensionen.co

[1] Seite 1 (ersten Sätze)
[2] Seite 175


Der Autor
Yasmina Khadra ist das Pseudonym von Mohammed Moulessehoul. Der 1955 geborene Autor war hoher Offizier in der algerischen Armee. Wegen der strengen Zensurbestimmungen veröffentlichte er seine beliebten Kriminalromane mit Kommissar Llob unter dem Namen einer Frau. Erst nachdem er im Dezember 2000 mit seiner Familie nach Frankreich ins Exil gegangen war, konnte er das Geheimnis um seine Identität lüften. Yasmina Khadra ist eine der wichtigsten Stimmen der arabischen Welt, seine Romane sind in 17 Sprachen übersetzt.


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Die Attentäterin – Yasmina Khadra
272 Seiten,
Taschenbuch,
9,90 Euro



31
Aug 10

[Zeitgenössisch] Die Ehe – Natascha Wodin

“Das war er, der deutsche Mann, den ich nie wollte. Aber er war der erste und einzige, der mir ein Leben als Deutsche anbot. [...] Er war das Beste, was ich bekommen konnte, und ich war das Beste, was er bekommen konnte. Er nahm meinen Mangel in Kauf und ich den seinen. Das war unser Handel, das war unsere Bestimmung füreinander.

Inhalt
Der neue Roman von Natascha Wodin führt zurück in eine deutsche Kleinstadt im Jahr 1964.
Die Heldin ist zu Beginn 19 Jahre alt und arbeitet als Sekretärin und Telefonistin. Bald lernt sie Harald kennen, der einen ganz neuen, aufsehenerregenden Beruf hat: Programmierer.
So recht vorzeigbar vor den Kolleginnen ist Harald wegen eines Körperschadens zwar nicht, aber dennoch ist die Heirat für die junge Frau wie ein Sprung auf die andere Seite des Lebens. Hatten sich doch Kindheit und Jugend in Blocks hinter dem Kanal abgespielt, wo nach dem Krieg fast ausschließlich versprengte, russische Familien wohnten und der Blick gutbürgerlichen Lebens jedenfalls hinreicht. Nun aber adelt ein deutscher Name die neue Existenz. Die Segnungen der neuen Umgebung, die Aufnahme in die Famile des Gatten, die der Christlichen Wissenschaft und der NPD huldigt, Urlaubsreisen nach Italien, Operbesuche, Begleitung des Ehemanns zur Jagd gewähren ganz ungeahnte Genüsse. Mit naivem, fast ungläubigem Staunen nimmt die junge Ehefrau die Atmosphäre wachsenden Wohlstandes in den sechziger Jahren wahr, aber bald erweist sich auch dessen Brüchigkeit.

~~~~~~~~~~~~~~~~

Ein beeindruckendes Buch angesichts der Tatsache, dass Natascha Wodin in ihren Werken ihre Vergangenheit aufarbeitet. So auch in diesem Werk. Es geht vor allem um Heimatlosigkeit, sie bezeichnet sich selbst als Fremde zwischen den Kulturen.
Der Lebenslauf der namenslosen Ich-Erzählerin ähnelt in allen Eckdaten Natascha Wodins Lebenslauf.

Die Ehe ist ein Roman vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit in Deutschland und ein detaillierter Blick hinter die Kulissen. Die Atmosphäre dieser Zeit ist beeindruckend aufgefangen (“die 68-er”, Studentenproteste gegen den Vietnam-Krieg, Willy Brandts Kanzlerschaft etc.). In einem distanzierten und äußerst schlichtem Ton berichtet die Ich-Erzählerin von ihren Erlebnissen dieser Zeit, von ihren Gefühlen und von ihrer Unkenntnis über die Kultur eines Landes, in dem sie zwar geboren ist, in dem sie jedoch völlig orientierungslos herumirrt.

Als die Ich-Erzählerin eines Tages beim Fernsehabend der Nachbarin auf den einäugigen Harald Sikora trifft, ekelt sie sich zwar, aber sie weiß, er ist ihre Chance auf eine “deutsche” Zukunft.

Er sah schaurig aus. Ich wollte davonlaufen, wenn mich ein Blick aus diesem Gesicht traf

Das war er, der deutsche Mann, den ich nie wollte. Aber er war der erste und einzige, der mir ein Leben als Deutsche anbot. [...] Er war das Beste, was ich bekommen konnte, und ich war das Beste, was er bekommen konnte. Er nahm meinen Mangel in Kauf und ich den seinen. Das war unser Handel, das war unsere Bestimmung füreinander.

Die Ehe steht von Beginn an unter schlechten Sternen. Haralds Eltern und auch er selbst sind Mitglieder einer Sekte, die sich “Christliche Wissenschaft” nennt und nebenbei engagiert sich ihr neuer Mann in einer neugegründeten Partei, die NPD heißt. Ihre Schwiegermutter hasst das Mädchen von Anfang an und versäumt es nicht ihr gegenüber dies zum Ausdruck zu bringen. Was zu Beginn noch Faszination auf die junge Frau ausübt – die Ehe, die Aufnahme in eine echte “deutsche” und bürgerliche Familie, die in Wohlstand lebt – entwickelt sich schon nach kurzer Zeit zu einem konventionellen Gefängnis. Das Mädchen kämpft sich im Laufe ihrer Ehejahre an ihrem Mann vorbei durch die Konventionen und schafft es zuletzt tatsächlich als Frau ihre Unabhängigkeit zu erringen.

Fazit
Ein kühles und beeindruckendes Buch. Es wirkt oft recht befremdlich, dadurch aber auch faszinierend. Ich bin schon sehr auf “Nachtgeschwister” gespannt. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule


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Die Ehe – Natascha Wodin
200 Seiten, Gebunden, 1997
vergriffen



23
Aug 10

[Zeitgenössisch] Die Teilacher – Michel Bergmann

“Das jiddische Substantiv »Teilacher« ist der Cousin des jiddischen Berliner Verbs »teilachen«, und das heißt im vulgären Sprachgebrauch so viel wie »abhauen«. seinen Ursprung hat dies wiederum in dem Wort für Hausierer und müsste eigentlich »Teillaacher« geschrieben werden. Es ist ein Pleonasmus und setzt sich zusammen aus dem Begriff »Teil« und dem Wort »Laachod«, Einzelhandel. Der Teilacher, als Vertreter des Einzelhandels, ist das kleinste spaltbare Teilchen, das Atom der Kaufmannswelt. Was den Teilacher vom herkömmlichen Handlungsreisenden unterscheidet: Der Teilacher ist Jude. Oder er gibt sich als solcher aus. Denn es gab eine Zeit, da konnte das, unglaublich, aber wahr, Vorteile haben.
Aber auch Nachteile.”[1]

Inhalt
1972, David Bermann, der »Einstein unter den Teilachern«, ist tot. Nach der Beerdigung finden sich Verständig, Fajnbrot, und Szoros in ihrem Stammcafé ein. Man redet natürlich über alte Zeiten…

1946, Frankfurt am Main. Ausgerechnet nach Deutschland, ins Land der Täter, sind sie zurückgekommen. David Bermann, Emil Verständig, Max Holzmann und die anderen, sie sind zurück. Wie ist es ihnen ergangen? Fast alle waren aus den Lagern gekommen, oft als einzig Überlebende in ihrer Familie. Und doch ist jetzt Aufbruch angesagt: Tag für Tag sind sie unterwegs, um allerlei Dinge zu verkaufen. Wie viel Kraft hat es gekostet, wieder an Liebe, Nestbau und Zukunft zu glauben? [2]

~~~~~~~~~~~~~~~~

Die Geschichte um David Bermann beginnt 1972 als sein Ziehneffe, Alfred, im Altersheimzimmer des Verstorbenen steht und dessen Habseligkeiten zusammen packen soll. Es fällt ihm schwer, er kann sich nicht konzentrieren – zu tief sitzt noch der Schock und die Trauer über den Toten in den Gliedern. Also beginnt er alte Erinnerungen wieder hervorzurufen: wie er mit seinem „Onkel David“ im Boot sitzt und dieser ihm von der Flucht vor den Pogromen in Galizien 1918 berichtet. Seine Geschwister und er fliehen nach Deutschland und eröffnen das Wäschekaufhaus „Gebrüder Bermann“. Das Geschäft läuft gut, aber David Bermann ist das alles zu konventionell. Während seine Brüder jüdische Töchter heirateten und laut David Bermann selbstverständlich hochbegabten Nachwuchs zeugten, entschied er sich gegen das seiner Meinung nach heuchlerisch burgeoise Leben und bezeichnete sich als “Flaneur”.

“Flaneur. Den Begriff kennt man heute ja nicht mehr. [...] Ein Flaneur ist ein Bohemien, nur dass er das Kaffeehaus wechselt. Die frische Luft muss man allerdings in Kauf nehmen, wie Anton Kuh sagt.” [3]

Aber nicht nur das. In Folge entscheidet er sich sogar zum Entsetzen seiner Familie ein Teilacher – ein jüdischer Handlungsreisender – zu werden. Seine Brüder erklären ihn für verrückt einer so brotlosen Kunst zu verfallen und ärgern sich über seinen Eigensinn:

“Du bist doch eine Schande für die Familie, bist du!
Da habe ich gesagt: Und du bist a nudnik! Du weißt, was das ist, a nudnik? Ein nudnik ist einer, den du fragst, na, wie geht’s… und er erzählt es dir!” [4]

Onkel David erzählt Alfred noch von seiner ersten Liebe Maria, die er in einem Anfall jugendlichen Leichtsinns gleich heiraten wollte und sich großspurig brüstete die Sache mit ihren Eltern zu regeln, die als Deutsche sich womöglich wenig glücklich zeigen würden einen jüdischen Schwiegersohn aufzunehmen. Das Ende vom Lied war ein Veilchen und die Landung im Vorgarten der Eltern.

David Bermann wird durchweg als lebensfroher Mensch voller „chuzpe“ gezeichnet, der seine Freiheit und sein Junggesellendasein in vollen Zügen genießt. Bermanns Erzählungen sind stets erfrischend, übertrieben und zeugen von großer Fabulierkunst. Abschweifend, spannend und mit einer gehörigen Portion typisch jüdischem Humor erzählt er die Geschichten seines Lebens.

Später, nach der Beerdigung, geht es weiter mit den Erzählungen. Alfred sitzt mit den verbleibenden Teilachern und Freunden David Bermanns im Café Unterleitner, dem Stammcafé der Teilachermannschaft, und lässt sich dort die Geschichten der Nachkriegszeit erzählen.

Michel Bergmann hat ein Buch geschrieben, dass beim Lesen ein wohlig warmes Gefühl vermittelt. Es scheint, als wäre man mitten in der Runde, bei einem Kaffee in einem Frankfurter Kaffeehaus 1978. Und so erfährt man aus vielen einzelnen Anekdoten Stück für Stück die gesamte Geschichte der Teilacher. Natürlich sind auch hier die Schreckmomente des Krieges und die Demütigungen nicht ausgelassen. Aber Bergmann verzichtet darauf diese in den Mittelpunkt zu stellen. Seine Figuren sind gezeichnet durch ihre Erfahrungen aber nicht bereit aufzugeben, sondern sich auf zu neuen Ufern machen. Sie raufen sich zusammen, bauen sich ihre Leben neu auf und schauen sogar nach einiger Zeit hoffnungsvoll in die Zukunft. Viele verbringen die Kriegszeit im Ausland und überleben auf diese Weise. Sie alle kehren aber nach Frankfurt zurück und treffen sich dort. Es wird ein neues Wäschehaus eröffnet und so nehmen die Dinge ihren – guten – Lauf. Es ist ein Vergnügen den Teilachern bei ihren spektakulären und schelmischen „peckl“-Verkäufen über die Schultern zu schauen. Und immer wenn’s den Anschein macht, es könnte traurig werden, kommt von irgendwo ein Teilacher her und erhellt die Runde mit einem Witz.

„Sagt eine Frau zur anderen: „Mein Mann ist gestorben.“ „Woran denn?“, fragt die andere zurück. „An einer Erkältung.“ „Gott sei Dank nichts Ernstes!“

Fazit
Ein tolles, warmes Buch mit viel Humor, das ein stimmungsvolles Bild sowohl der Vorkriegszeit in Deutschland als auch über das Zusammenleben der Juden und Deutschen zur Nachkriegszeit vermittelt. Michel Bergmann ist ein toller Erzähler, der ein wundervolles Buch geschrieben hat. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule
Deutschlandradio
Bücher Hagalil

[1] Seite 105/106
[2] Seite 42
[3] Seite 43


Image of Die Teilacher

Die Teilacher – Michel Bergmann
288 Seiten, Gebunden, 2010
19,90 Euro,
Arche Verlag



18
Apr 10

[Zeitgenössisch] Eine besondere Vorsehung – Richard Yates

Ersten Sätze…
“Samstags, nach der Inspektion und nachdem in der Schreibstube Urlaubsscheine ausgegeben worden waren, brach in Camp Pickett, Virginia, eine Stampede aus. Man konnte nach Lynchburg oder Richmond oder Washington, D.C., fahren, und so man willens war, neun Stunden Fahrt auf sich zu nehmen – fünf Stunden mit dem Bus und vier mit dem Zug -, schaffte man es bis nach New York.”

Inhalt
Robert Prentice ist das Ein und Alles seiner Mutter Alice. Ihm, dem sie einst mit einer Statue ein Denkmal setzte, hat die Bildhauerin ihren bisher einzigen Kritikererfolg zu verdanken. Und sie hofft mit siner Hilfe irgendwann künstlerische Anerkennung zu erzielen. Doch plätzlich steht sie allein da mit ihren Fantasien von einem glamourösen Künstlerleben, denn Robert meldet sich zum Militär und geht nach Europa, um auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs zu Ruhm und Ehre zu gelangen.

Kein Yates wie gewohnt…
Richard Yates ist kein Neuland mehr. Nach „Easter Parade“ und „Zeiten des Aufruhrs“ war „Eine besondere Vorsehung“ das dritte Buch von einem Autor, den ich sehr zu schätzen gelernt habe. Während „Easter Parade“ das Scheitern zweier Schwestern darstellt und „Zeiten des Aufruhrs“ uns das gnadenlose Scheitern einer Bilderbuchehe vor Auge führt, befasst sich „Eine besondere Vorsehung“ mit einer gestörten Mutter-Sohn-Beziehung, wobei dies in einem weit weniger dramatischen Maße als die vorherigen Romane ihre Themen behandelten.

Der Prolog verspricht viel: Robert Prentice, in Ausbildung zum Gewehrschützen, achtzehn Jahre alt, befindet sich auf dem Weg nach New York um – wahrscheinlich ein letztes Mal vor dem Einzug zum Krieg – seine Mutter Alice zu besuchen. Robert wirkt dabei verloren, fast hilflos und vor allem heimatlos, wie viele Protagonisten Yates’.

„Er war zögerlich wie ein Tourist, als es galt, die richtige Bahn zu nehmen […]. Er hatte die meiste Zeit seines Lebens in New York oder in der Nähe gelebt, aber kein Stadtteil, keine Straße hatte sich jemals wie sein Zuhause angefühlt: Er hatte in keinem Haus länger als ein Jahr gewohnt.“

Beim Zusammentreffen mit seiner Mutter macht er eher einen unglücklichen und wiederum hilflosen Eindruck. Sie erdrückt ihn mit ihrer Zuneigung, „…sie war so zerbrechlich wie ein Spatz, doch die Kraft ihrer Liebe war so groß, dass er sich wie ein Boxer wappnen musste, um ihre Wucht abzufangen.“ Beim Gespräch im Restaurant verfällt die liebende Mutter in einen immer wieder kehrenden Redeschwall, dem sich Robert nur zu entziehen vermag, indem er ihre Worte in seinen Ohren verhallen lässt.

„Wovon sie sprach, war bedeutungslos, er wusste, was sie tatsächlich sagen wollte. Hilflos und vorsichtig, klein und müde und bestrebt zu gefallen, bat sie ihn, ihr zu bestätigen, dass ihr Lebe nicht gescheitert war. Erinnerte er sich an die guten Zeiten? Erinnerte er sich an die vielen netten Leute, die sie gekannt hatten, und an die vielen auf interessante Weise unterschiedlichen Orte, an denen sie gelebt hatten?“

Was diesen Roman wesentlich von den anderen unterscheidet ist seine Unaufgeregtheit – trotz der Kriegsschilderungen. Meisterhaft gelingt Yates wieder einmal die Emotionen und das Ungleichgewicht der Männerseelen im Krieg darzustellen. Sie halten sich mit Alkohol bei Laune, schwingen mehr oder weniger irgendwelche Heldenreden, machen auch ihrer Angst Luft und merken stets auf’s Neue wie wenig sie eigentlich auszurichten haben, wie sehr sie trotzdem dafür kämpfen müssen.

Roberts Abhängigkeit zu seiner Mutter verfolgt ihn auch ins Kriegsgebiet. Erst durch die Erlebnisse des Krieges schafft er es langsam und unbewusst sich von der seelischen Fesselung an Alice zu befreien. Er kämpft um seinen Platz in der Truppe, immer und immer wieder. Er erleidet stets Rückschläge, die ihn nie aber gänzlich zerstören. Er ist ein Kämpfer, der sich befreien will und um Respekt und Ansehen kämpft.

Auch Alice, Roberts Mutter, ist eine Kämpferin. Eine hoffnungslose. Sie lebt ausschließlich für ihren Traum als berühmte Künstlerin. Sie weigert sich einen Anstellung für einen geregelten Verdienst zu suchen. Alice ist eine sprunghafte, naive und selbstsüchtige Persönlichkeit. Ihre selbsterbauten Luftschlösser zerplatzen ein ums andere Mal, und sowohl Robert als auch sein Vater, der die finanziellen Notlagen ausgleichen muss, leiden darunter. Alice aber ist sich sicher: schon sehr bald wird alles besser und damit rückt die Einzelausstellung immer näher. Jahr für Jahr.

Insgesamt wirkt der Roman ein wenig zerstückelt und an manchen Stellen auch zu sehr gewollt. Meinem persönlichen Empfinden nach hätte die ein oder andere Kriegstaktikschilderung ausbleiben dürfen. Diese wirkten bisweilen langatmig und unbedeutend. Im Vergleich zu „Zeiten des Aufruhrs“ schneidet dieses Buch wesentlich schlechter ab. Der Spannungsbogen, der sich „Zeiten des Aufruhrs“ Seite für Seite langsam aufbaut, wird nicht nahezu in der gleichen Qualität erreicht. Sicher, auch hier versteht es Yates das Scheitern der Figuren detailliert herauszuarbeiten – Robert im Krieg und Alice in ihrem vermeintlichen Künstlerdasein -, aber dennoch fehlte mir das „gewisse Etwas“. Wahrscheinlich ist es die fehlende Eskalation. Es findet keine Begegnung dieser Figuren miteinander statt.

„Eine besondere Vorsehung“ reicht qualitativ sicher nicht an den Vorgänger „Zeiten des Aufruhrs“ heran. Es ist weit weniger dramatisch, viel ruhiger und vom Grundaufbau her weniger zusammen hängend. Im Prinzip sind es zwei Geschichten: die der Möchtegern-Künstlerin Alice, getrennt lebend mit einem Kind, und die von Robert, einem Verlierer-Typ, der um Respekt kämpft und seinen Platz in der Gesellschaft sucht. Beide zusammen haben im Prinzip wenig miteinander zu tun.

Es ist sehr ruhiger Roman. Er ist nicht so, wie man es von Yates kennt. Es baut sich kein grausamer Spannungsbogen im Hintergrund auf, auf den man zusteuert, den man sich aber nicht zu erklären weiß. Hier wird einfach die Geschichte von Robert und Alice erzählt. Wenig aufregend, aber dennoch lesenswert.

Fazit
„Eine besondere Vorsehung“ ist zweifelsohne ein Buch, das sich von der Masse deutlich hervorhebt und immer noch die typischen Yates-Elemente enthält: eine Atmosphäre des Scheiterns und Figuren, die ihrer hilflosen Einsamkeit nicht oder nur schwer entkommen können. Die Erwartungshaltung an eine Story über eine gescheiterte „Mutter-Sohn-Beziehung“ sehe ich jedoch nicht erfüllt.

Weitere Besprechungen
Büchereule
perlentaucher
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Die Leselust
Berliner Literaturkritik


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Eine besondere Vorsehung – Richard Yates
390 Seiten, TB, 2008, Originaltitel »A special Providence« (1969)
10,00 Euro,
btb Verlag


Weitere Bücher von Richard Yates
Zeiten des Aufruhrs
Easter Parade
Ruhestörung
Elf Arten der Einsamkeit (Short Stories)
Verliebte Lügner (Short Stories)


12
Mrz 10

[Zeitgenössisch] Der Verlorene – Hans-Ulrich Treichel

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Kurzbeschreibung
Eine Familie hat es nach der Flucht aus dem Osten im deutschen Westen zu etwas gebracht. Doch das alltägliche Leben wird von nur einem Thema beherrscht: der Suche nach dem auf dem Treck verlorengegangenen Erstgeborenen, Arnold. Der jüngere Bruder und Ich-Erzähler des Romans erfaßt schnell, daß ihm nur eine Nebenrolle zugedacht ist. In seiner Vorstellung wird das, was die Eltern ersehnen, nämlich die Rückkehr des Verschwundenen, zum Alptraum. Lakonisch-distanziert und zugleich ironisch-humorvoll erzählt Hans-Ulrich Treichel, Jahrgang 1952, die Geschichte seiner Generation.

Bedrückend…

Diese kurze Geschichte handelt von einer Familie, die aus Russland vertrieben wurden und dabei ihren Erstgeborenen, Arnold, verloren. Erzählt wird aus Sicht des jüngeren Bruders, der das verzweifelte Verhalten und die Ruhelosigkeit der Eltern in grotesken Szenen beschreibt, die sehr Konsternierung hervorrufen.

Viele Themen der Nachkriegszeit werden hier angegangen, nicht im Detail, denn aus Sicht eines Kindes sind es stets verschwommene, unklar bedrückende Geschehnisse, die nicht in Gänze erfasst werden können. Aber die bittere Realität, die dahinter steckt, lässt sich erahnen: die Schrecken der Flucht, die Vergewaltigung der Mutter, der Rassenhass. Und all dies immer mit Blick auf den verlorenen Sohn dessen “verloren gegangen sein” vor allem von der Mutter nicht überwunden werden kann. Die Selbstvorwürfe und das aus diesem Schuldgefühl heraus entstehende egozentrische Verhalten der Mutter sind nervenzerreißend für alle Beteiligten – vor allem aber natürlich für den Ich-Erzähler, der sich zunehmend nichts mehr wünscht, als das Arnold aus seinem Leben verschwindet.

“Damit war, für mich jedenfalls, Arnold ein weiteres Mal gestorben. Beziehungsweise das Findelkind 2307. So unwahrscheinlich es nun war, daß es sich bei dem Findelkind um meinen Bruder handelte, so unwahrscheinlich war es nun auch geworden, daß ich mit ihm mein Zimmer teilen mußte. Ich war beruhigt, auch ein wenig enttäuscht, aber mehr beruhigt als enttäuscht.”

Höhepunkt der Geschichte sind die Untersuchungen in Heidelberg, die die Eltern und der Ich-Erzähler über sich ergehen lassen müssen, um herauszufinden ob das “Findelkind 2307″ der verlorene Sohn Arnold sein könnte. Es ist eine schmerzhafte Odyssee, die letztendlich ein ebenso schmerzhaftes aber absolut angemessenes Ende nimmt.

Und so, nämlich aus Sicht des kindlichen Erzählers, bringt es Treichel mit seiner Erzählung fertig, diese eigentlich furchtbare Geschichte – eine Atmosphäre voller Schuldgefühle – in eine tragikkomische Verpackung zu hüllen, die über den monotonen Stil Distanz bewirkt aber dabei mit dem bestechend klaren Blick des Erzählers spannend bis zuletzt einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Treichel ist ohne Zweifel ein fesselnder Erzähler.

Fazit
Eine schmerzhafte Suche nach dem verlorenen Sohn und der verlorenen Vergangenheit, die die Unmöglichkeit der Aufarbeitung dieser Geschehnisse vor Augen führt. Eine kurze, aber sehr eindringliche Nachkriegserzählung.
Ein feines, kurzes und empfehlenswertes Buch!


Der Verlorene – Hans-Ulrich Treichel
174 Seiten, TB, 7.90 Euro,
Suhrkamp Verlag


Weitere Besprechungen

Weitere Bücher von Hans-Ulrich Treichel
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28
Feb 10

[Zeitgenössisch] Die Leinwand – Benjamin Stein

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Kurzbeschreibung
Ein Spiegelkabinett mit zwei Eingängen. Hinter beiden Buchdeckeln beginnt je eine Geschichte. Genau in der Mitte kommt es zur Konfrontation, treffen die beiden Erzähler, Amnon Zichroni und Jan Wechsler, aufeinander.

Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. Geboren in Jerusalem und streng jüdisch erzogen, studiert er in den USA und lässt sich in Zürich als Analytiker nieder. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermuntert, seine traumatische Kindheit in einem NS-Vernichtungslager schreibend zu verarbeiten. Beider Existenz steht auf dem Spiel, als der Journalist Jan Wechsler behauptet, das Minsky-Buch sei reine Fiktion…
Zehn Jahre später wird eben diesem Jan Wechsler ein Koffer zugestellt, der ihm bei einer Reise nach Israel verloren gegangen sein soll – doch Wechsler kann sich an den Koffer nicht erinnern. Auf den Spuren fragwürdig gewordener Erinnerungen reist er nach Israel und gerät in ein Verhör. Tatsächlich, stellt sich heraus, ist er schon einmal dort gewesen, und sein damaliger Gastgeber, Amnon Zichroni, gilt seither als vermisst …

Ein faszinierender, spannender Roman über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen und das Ringen um Identität. Meisterhaft konstruiert – und als Buch zum Wenden zugleich eine Liebeserklärung an das Medium Buch.

Ein Wort voraus…
Es gibt Bücher, die liest man, bespricht man und vergisst man. Es gibt Bücher, die liest man, man bespricht sie ausführlich, weil sie einen Eindruck hinterlassen und behält sie in guter oder schlechter Erinnerung. Und dann gibt es Bücher, die können nicht einfach besprochen werden, weil sie so beeindruckend sind, weil sie so viel vermitteln, dass man eine ganze Weile braucht, um überhaupt zu verstehen, was einem geboten wurde. Und um ein solches Buch handelt es sich bei „Die Leinwand“ von Benjamin Stein.

Das erste, was auffällt ist die Aufmachung. Von hinten oder von vorne, egal mit welcher Geschichte man beginnt, es ist sehr wahrscheinlich entscheidend für den Gesamteindruck, den das Buch hinterlässt. Mein Einstieg war der um Jan Wechsler. Jan Wechsler, ein Verleger, der enorme Erinnerungslücken hat und sich mit einem intensiven Prozess um seine Identität auseinandersetzen muss. Die andere Geschichte, das ist die um Amnon Zichroni, ein jüdischer Psychonanalytiker , streng jüdisch erzogen, mit einem interessanten Lebenslauf. Ist es jetzt eigentlich eine Geschichte oder sind es zwei? Was haben diese Personen miteinander zu tun?

Um das Buch zu verstehen, sollten die Hintergründe des Plots bekannt sein. Es ist nicht zwingend notwendig, aber es verleiht dem Roman einen besonderen Reiz.

Der Hintergrund
1995 veröffentlichte ein Mann namens Binjamin Wilkomirski sein Buch namens „Bruchstücke – aus einer Kindheit 1939 – 1948“. Darin berichtete er in autobiografischer Form über die Ermordung eines Mannes durch einen Uniformierten in Riga, die er beobachtet haben soll, über seinen Aufenthalt in zwei Konzentrationslagern, Auschwitz und Madjanek, und über seine Opferschaft „bestialischer Menschenversuche“ in diesen KZs.

Von Kritikern wurde Wilkomirskis Buch seinerzeit mit Begeisterungswellen überschüttet und erhielt zahlreiche Literaturpreise. Laut der Zeit online gab es zwar „Gewalt- und Horrorszenen aus den Lagern, die ein wenig zu klar und zu effektvoll wirken“ – wie „auf der Couch eines Psychoanalytikers rekonstruierte Alpträume eines Traumatisierten“ (Süddeutsche Zeitung). „Da kriechen Ratten aus Frauenbäuchen, Hirnmasse quillt aus Babyschädeln und Blut schießt den Opfern in mächtigen schwarzen Fontänen aus den Hälsen.“ Im Allgemeinen jedoch hielt man sich stark mit zweifelnden Aussagen zurück, da es Erinnerungen eines Zeitzeugen waren deren Anzweiflung als revolutionär anmaßende Bösartigkeit gedeutet worden wäre.

Der Journalist Daniel Ganzfried jedoch veröffentlichte am 27. August 1998 einen Artikel in der Züricher Weltwoche, in der er Binjamin Wilkomirskis wahre Identität preisgab. Laut Ganzfried hieße Wilkomirski in Wahrheit Bruno Grosjean und in einem Weisenhaus in der Schweiz aufgewachsen. Von dort sei er von einem wohlhabenden Ehepaar namens Dössekker aus Zürich adoptiert worden. Ganzfried konnte im Laufe der Zeit einen lückenlosen Lebenslauf Wilkomirskis vorlegen, was dazu führte, dass dessen Erinnerungen tatsächlich als Fiktion entlarvt wurden.

Nach dieser Aufdeckung begann die Diskussion darüber, was diesen Mann, Bruno Grosjean, dazu brachte solche Erinnerungen nieder zu schreiben. Es wurde Ermittlungen von allen Seiten angestellt, die darlegten, dass Wilkormiski bzw. Grosjean nicht aus einer bloßen Laune heraus diese Erinnerungen verfasst hatte. Ganz im Gegenteil sollen es bruchstückhafte Erinnerungsfetzen gewesen sein, die im Laufe einer jahrelangen Therapie, die dem Mann helfen sollte verdrängte Erinnerungen wieder zu erlangen, hervor geholt wurden. Dabei wurde festgestellt, dass die Geschehnisse in Polen aus Wilkomirskis Buch sich mit den Erfahrungen seiner Schweizer Kindheit deckten. Auch schlimme Misshandlungen hatte Grosjean erlitten, nur nicht im Zusammenhang mit Konzentrationslagern. Der Züricher Historiker Stefan Mächler versuchte mit diesen Nachforschungen darzustellen, dass Wilkomirski nicht berechenden und kalt vorgegangen war, sondern Opfer einer Erinnerungsfälschung im Rahmen einer „Recoverd Memory Therapy“ geworden sei.

„Dabei muß der Therapeut dem Klienten zur Ermutigung immer wieder bestätigen, daß seine Erinnerungen als Bestandteile einer historischen Realität angehört und aufgenommen werden. […] Es bedarf bei dieser Form der Psychotherapie, wie die Autoren ausführen, der Zusammenarbeit des Psychologen mit einem Historiker, um die oft vagen Erinnerungssplitter der Patienten im richtigen Kontext einzuordnen. Das klingt auf Anhieb sehr einleuchtend. Wer jedoch Wilkomirskis Buch kennt, den wird es im Fortlauf des Referats schaudern. Denn erstens stammen alle Beispiele für das Gelingen der Therapie aus ebendiesem Buch. Wenn hier dreimal von “einem Klienten” die Rede ist, wodurch der Eindruck erweckt wird, es sei von mehreren Personen die Rede, so verbirgt sich dahinter doch jedesmal nur Bruno Doessekker, das abgelegte Alter ego des Binjamin Wilkomirski. Und es scheint, als sei der in der Therapie Doessekkers maßgeblich zu Rate gezogene “Historiker” wiederum niemand anders als Binjamin Wilkomirski (“Ostrava University, Czech Republic”). Man bekommt hier einen tiefen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Buches. Es ist gezeugt worden aus dem Geist einer anmaßenden Psychotherapie, die sich zutraut, Lebenssinn und gar eine “Identität” zu erzeugen, indem sie als “historische Wirklichkeit” akzeptiert, unterstützt und bestätigt, was auch immer vom Klienten vorgebracht wird.“
[Quelle: Zeit online]

Das Buch
Stein nimmt den oben beschriebenen Hintergrund als Grundlage seines Romans. Als thematischen Hintergrund. Dabei geht er nicht in der Hauptsache auf die Person „Wilkomirski“, im Buch „Minsky“, ein, sondern auf die beiden anderen Figuren, den Journalisten Jan Wechsler und den Psychoanalytiker Amnon Zichroni. Was der Autor aus diesen Figuren macht, wie er die Geschichten der beiden zu seiner Geschichte macht, und uns damit die Kultur des Judentums und die Problematik des Identitätsverlustes nahe bringt, ist großartig und äußerst beeindruckend.

Über Jan Wechsler erfahren wir sehr intensiv, wie es sich anfühlen mag, wenn die eigene Identität, der eigene Hintergrund, nicht vorhanden ist. Wie kann man ein verlässliches Leben führen, wenn man sich nicht auf seine Erinnerungen verlassen kann? Wie wird Identität erworben und wie zu einem unauslöschlichen Bestandteil einer Persönlichkeit? Diese Fragen beantwortet Stein natürlich nicht, nein, er wirft sie auf mit der Geschichte um Jan Wechsler. Es sind Fragen, mit denen wir uns nicht alltäglich beschäftigen, weil sie nichts mit unseren alltäglichen Problemen zu tun haben. Umso faszinierender ist es, die Auseinandersetzung mit der Thematik Identitätsverlust zu verfolgen.

“Ich weiß nicht, ob ich mich mehr vor der Möglichkeit fürchtete, dass Wechsler meine Erinnerungen und damit mich selbst gestohlen hatte, oder aber vor einer zweiten, die ich für schlimmer hielt: Ich selbst könnte der Dieb sein und irgendwann in den letzten zehn Jahren die Regensburgers, Hillers und Markovás adoptiert und ihre Familiensaga zur Geschichte meiner Familie gemacht haben. Wenn es so war, dann existierte ich gar nicht. Dann bestand ich nur aus der Vorstellung, die ich mir und anderen von mir gemacht hatte.”

Amnon Zichroni dagegen hat kein Problem mit Identitätsverlust. Ganz im Gegenteil besitzt er sogar die Fähigkeit in die Erinnerungen anderer einzutauchen, deren Identität quasi nachvollziehen bzw. vielmehr selbst erleben zu können. Es ist nicht so, dass der Fall „Minsky“ das zentrale Thema um Zichronis Teil ausmacht. Dies wird lediglich auf den letzten zwanzig Seiten behandelt. Vielmehr wird Amrons Leben, sein Aufwachsen in der Schweiz bei seinem Onkel, seine Studienzeit in New York und seine als Psychonanalytiker bedeutendsten Fälle dargestellt. Amnon wächst stets in einer strengen jüdischen Glaubensgemeinschaft auf und behält diesen tiefen Glauben auch.
Wir begleiten Amnon auf seinen Weg zum Psychoanalytiker. Der allgemeinen Schulmedizin gegenüber entwickelt er eine große Skepsis, die nach den Begegnungen mit alternativer Medizin sogar in Ablehnung überschlägt.

“Der mechanistisch argumentierende und auf Apparate und Substanzen vertrauende Medizin erschien mir wie ein faszinierendes Ende aber doch abwegiges Gedankenexperiment, das nicht aufgehen konnte, weil in ihrer Gleichung die Variable des göttlichen Funken in allem Lebenden fehlte.“

Benjamin Stein schreibt aus eigener Erfahrung. Er selbst ist Jude und wuchs in der DDR auf. Allerdings berichtet er durch Jan Wechsler, der glaubt, in der DDR aufgewachsen zu sein, über die Erfahrungen des jüdischen Lebens in der DDR, nicht durch Amnon. Ein sehr interessanter Einblick übrigens.

Stein erzählt in einem sehr anspruchsvollen aber unterhaltenden Ton über jüdisches Leben, über Identität und Wahrheit. Für mich war es eine herausfordernde Lektüre, da ich mich nur bedingt mit jüdischen Gepflogenheiten auskannte und mich nebenbei einlesen musste bzw. wollte. Schon lange habe ich mich nicht mehr mit den Inhalten eines Romans so intensiv beschäftigt, wie bei diesem Buch. Das ist es, was ich mir unter Literatur vorstelle, die Kultur ausmacht.

Aufgrund dessen ist es, so schätze ich, der falsche Ansatz diesen Roman als Unterhaltung zu verstehen. Ich verstehe ihn als Vermittlung von Kultur und einen Beitrag zur Völkerverständigung auf unterhaltender Ebene. Er ist etwas ganz Besonderes. Nicht nur, weil man es von vorne oder von hinten lesen kann. Es führt an Themen heran, die nicht häufig als Plot dienen. Daneben vermittelt die Lektüre eine Fülle an Informationen, die aufgenommen, erforscht und bewertet werden wollen.

Fazit
In Sternen ist hier schwer zu urteilen – meines Erachtens werden nur fünf Sterne dem Werk nicht gerecht. Viel Zeit und Muße sollte man sich für das Lesen nehmen. Keine Empfehlung an alle. Aber eine große Bereicherung, wenn man sich darauf einlässt, die sich setzen muss und die nachwirkt. Also doch eine Empfehlung – eine ganz persönliche.

Am Rande...
Hintergrundinformationen über den Fall Wilkomirski bei Wikipedia
Als Zweitbuch bzw. Sekundärliteratur empfehle ich wärmstens [avhamazon locale="DE" asin="3548367135" linktype="text" picsize="small"] von Paul Spiegel.


Die Leinwand – Benjamin Stein
416 Seiten, Gebunden, 2010, 19,95 Euro,
C.H.Beck

Weitere Besprechungen

Weitere Bücher von Benjamin Stein und weiterführende Literatur
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26
Feb 10

[Zeitgenössisch] Einfache Gewitter – William Boyd

Kurzbeschreibung
Ein Mann. Eine Zufallsbekanntschaft. Ein Aktenordner. Ein Toter.

Von einer Sekunde auf die andere muss Adam Kindred, angesehener Klimatologe, auf Durchreise in London, untertauchen. Jeder Weg zu seinem früheren Leben ist versperrt. Kontakt zur Familie nicht möglich, Kreditkarte und Mobiltelefon nicht zu benutzen, das Hotelzimmer außer Reichweite.

Nur Stunden zuvor hatte er in einem kleinen italienischen Restaurant in Chelsea Philip Wang kennengelernt, Chef-Entwickler des Pharmakonzerns Calenture-Deutz. Als er ihn wenig später in seinem Appartment aufsucht, um einen vergessenen Ordner vorbeizubringen, findet er einen sterbenden Mann vor. In Panik flieht Adam, alle Indizien weisen auf ihn. Er versteckt sich auf Brachland nahe der Themse und muss nun, wie tausend andere in London, im Untergrund, im Verborgenen leben. Schnell hofft er seine Unschuld zu beweisen, doch ahnt er nicht, welchen Mächten er gegenübersteht.

William Boyd erzählt die Geschichte eines Mannes, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Er erzählt, welche Kräfte jemand entwickelt, dem alles genommen ist, und welch unerwartete Wege sich in düsterer Stunde auftun. Ein Roman über die Zerbrechlichkeit unserer Identität, in dem Boyd einmal mehr sein großes Können entfaltet. Und wie bei Ruhelos fasziniert er auch hier durch glänzend recherchierte Hintergründe, Glaubwürdigkeit und ein hohes Maß an Authentizität.

Gute Unterhaltung -mysteriöse Genrezuordnung
Identität und Identitätsverlust scheint dieser Tage ein beliebtes Romanthema zu sein. So auch bei William Boyd und seinem aktuellen Roman „Einfache Gewitter“, mein erstes (Hör)Buch übrigens von diesem Autor.

Das Buch wird momentan in den Spannungsecken der Buchhandlungen bzw. in den Krimi/Thriller-Ecken der Online Buchhandlungen verkauft. Wie es dazu kommt, keine Ahnung. Ich könnte mir vorstellen, dass es ob dieser Zuordnung schon den ein oder anderen unzufriedenen Leser gegeben haben mag. Klar, es wird gemordet, es wird gejagd, aber alles recht vorhersehbar und nervenschonend. Ich darf das behaupten, weil ich prinzipiell aufgrund zu schwacher Nerven das Thriller-Genre meide – nicht nur aus diesem Grund, aber mitunter.

Was bietet dieser Roman? Nun, einen guten Einblick in die Londoner Untergrund- und Bettlerszene sicherlich. Aber auch eine kleine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, heutzutage einfach abzutauchen, seine Identität abzulegen. Von heute auf morgen den Verlust des eigenen Hintergrundes und eine Neuorientierung in eine Richtung, die im Optimalfall nur eine große Verschlechterung der Lebenssituation darstellt, im Normallfall jedoch ein Kampf ums Überleben bedeutet. Daneben wartet Boyd mit interessanten Figuren auf. Leider bleibt aber auch kein Klischee auf der Strecke, insbesondere was die „bösen Buben“ aus den osteuropäischen Ländern, die in den Londoner Untergrund abtauchen, angeht.

Viel Neues wird nicht geboten. Dubiose, politisch weitreichende, Machenschaften in der Pharmaindustrie sind keine Überraschung. Die Auflösung, sofern von Auflösung überhaupt gesprochen werden kann, ist keine Auflösung, da von vornherein ersichtlich. Als Thriller funktioniert die Geschichte nicht. Keine rasanten Actionszenen, keine überraschenden Wendungen – ganz im Gegenteil, die Jagd läuft mehr als gut aus Adam Kindreds Sicht des Gejagden, und keine falschen Fährten.

Was William Boyd zweifellos kann, ist gut erzählen. Seine Figuren sind zwar nicht in der Tiefe ausgearbeitet, aber sie sind wunderbar „Gut“ und „Böse“ und manchmal auch ein bisschen zwischendrin (so z.B. die Prostituierte, in die sich Adam Kindred ein bisschen verliebt). Die Dialoge wirken zwar hin und wieder recht aufgesetzt (besonders die Unterschicht mit den Migranten, oder bei Jonjo, dem Ex-Soldat und Berufskiller), aber wahrscheinlich ist das die notwendige Portion Authenzität aus Boyds Sicht.

Ich habe mich auf die Geschichte eingelassen und wurde auf rein unterhaltender Ebene nicht enttäuscht. Bis zum Schluss habe ich dem Sprecher gebannt zugehört. Rückblickend bin ich zwar über den Schluss enttäuscht, aber das wusste ich zum Zeitpunkt des Hörens ja nicht…

Was die Genrezuordnung angeht ist es weder Fisch noch Fleisch. Für eine Einordnung ins zeitgenössische Genre hat es meines Erachtens nicht genug Substanz, für einen Thriller bietet es zu wenig Rasanz und/oder Spannung. Gewünscht hätte ich mir einen „runderen“ Plot mit einem adäquaten Abschluss oder aber eine differenziertere Gesellschaftsstudie.

Die Lesung selbst war makellos. David Nathan besitzt eine angenehm ausdrucksstarke Stimme, mit der er Persönlichkeiten gekonnt in Szene setzt und eine optimale Atmosphäre erzeugt. Besonders das gesprochene Herantragen des unterkühlten Milieus der Shaft-Bewohner hat mich beeindruckt. Wirklich gut. Es hat großen Spaß gemacht ihm zuzuhören. Langweiligen Autofahren wurde damit das Garaus gemacht.

Fazit
Was immer es auch wirklich sein soll, als Hörbuch funktioniert es wunderbar und bietet beste Unterhaltung. Als netten Zeitvertreib kann ich es nur empfehlen! Ganz im Gegensatz zu meiner Erwartung (nach den Kritiken zu Ruhelos) allerdings keineswegs anspruchsvoll.


Einfache Gewitter – William Boyd
7 Std. 39 Min., 2010, Audible Download,
Sprecher: David Nathan

Weitere Besprechungen

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