Posts Tagged: Schwarzer Humor


3
Apr 10

[Belletristik] Cliffhanger – Tim Binding

Es klang ganz einfach.
»Audrey«, sagte ich. »Audrey, wie wär’s, wenn wir ein bisschen rausgehen, einen Spaziergang machen?«
»Bei dem Wetter?«
»Uns ein bisschen den Kopf durchpusten lassen«, sagte ich, während ich mir die Schuhe anzog, und sie zuckte die Achseln und sagte: »Wieso nicht?«
Weil ich dich von der Scheißklippe stoßen werden, Audrey, deshalb nicht.

Image of Cliffhanger: Roman

Schräg und böse – very british
Al Greenwood will seine Frau umbringen. Gute Gründe dafür nennt er reichlich: „keine Streitereien mehr über dies und das, kein Töpfescheppern mehr, keine kalte Schulter mehr nach einer Sauftour, wenn ein Mann horizontale Gedanken kriegt.“ Scheidung zwecklos – Mord muss her.

Al und seine Frau Audrey wohnen in einer Bungalow-Siedlung nahe Wareham, wo es einen Bäcker gibt, einen Taxifahrer (nämlich Al) und einen Ein-Mann-Polizeiwache von Police Constable Hühneraugenpflaster. Es gibt zwei rivalisierende Familien, die Stokies und die Travers „die über den Ärmelkanal rudern würden, um sich gegenseitig ertrinken zu sehen.“ Und darüber hinaus gibt es eine Klippe, die sich förmlich aufdrängt, verhasste Ehefrauen ins Jenseits zu befördern. Nur ein Problem hat Al bei seinem Vorhaben, seine Frau muss mitziehen. Wie schafft er das? Klar, in dem er sie auf britisch ordinäre Art provoziert. Audrey rennt wütend aus dem Haus und Al folgt ihr. Er weiß, dass sie zum Kliff geht. Und so erstaunt es ihn nicht so oben anzutreffen und seinen Plan umzusetzen. Umso erstaunter ist er jedoch, als er nach Hause kommt und sie lasziv räkelnd vor dem Kamin antrifft. Voll in Fahrt und bereit für ein nettes kleines Schäferstündchen. Tja, und dann beginnt das Chaos: wen hat er über die Klippen gestoßen, wenn nicht seine Frau? Wo war seine Frau, wenn nicht auf dem Kliff? Und was ist mit seiner unehelichen Tochter Miranda geschehen, die just zum Zeitpunkt des vermeintlichen Mordes an seiner Frau verschwindet? Al ist völlig überfordert…

Al ersäuft in seinem hausgemachten Mord-Schlammassel. Wir treffen auf eine Schar durchgeknallter Nebenfiguren mit verrückten Motiven und insgesamt ist alles recht bizarr. Besonders die Nachbarin, Alice Blackstone – alias Mrs. Schnüffelnase -, eine begnadete Kifferin, ist unschlagbar.

Steckt man die erheblichen Obszönitäten Al seiner Frau gegenüber am Anfang weg, geht es fast schon harmlos weiter zur Sache. Spannend daran ist, dass ausnahmsweise hierbei nicht der Täter, sondern das Opfer gesucht wird. Al versucht natürlich erbittert herauszufinden, wen er da von den Klippen in den Tod gestoßen hat, wenn nicht seine Frau. Der Protagonist kommt dabei gar nicht mal so schlecht weg. Man könnte annehmen, er wäre ein mieser Sack. Aber nein, so einfach macht es uns Tim Binding nicht. Ganz im Gegenteil, es entwickeln sich sogar reizende Züge an Al, denen man zugunsten der Sympathie erliegt. Es ist auch nicht alles nur blödsinniger Klamauk. Man kann schon ganz gut erahnen, dass Binding die Spezies Mensch beobachtet und gekonnt auf die Schippe nimmt…

Es sind mitunter aberwitzige und skurrile Momente, die der Unterhaltung dienen. Die Ideen gehen dem Autor dabei tatsächlich nicht aus. Jede Menge Unsinn und jede Menge Spaß dabei. Aber äußerst gut ausgearbeitet und mitunter auch informativ – vor allem was die Karpfenzucht angeht. Miträtseln kann man auch noch.

Fazit
Ein Geschichte Marke „very british“. Skurril, böse, ja, auch vulgär, aber durchweg unterhaltend und gut gelaunt. Man sollte ein bisschen für den seltsam abgedrehten schwarzen Humor der Inselbewohner übrig haben. Nach den ersten drei Kapiteln ist eine Unterbrechung jedoch ärgerlich.

Weitere Besprechungen
Büchereule
wdr.de/Rezension von Christine Westermann
dradio
rezensionen.ch


Cliffhanger – Tim Binding
350 Seiten, TB, April 2010,
8,95 Euro,
Heyne


Weitere Bücher von Tim Binding
Henry Seefahrer
Im Königreich der Luft
Inselwahn
Sylvie und die verlorenen Stimmen


23
Feb 10

[Belletristik] Begrabt mich hinter der Fußleiste – Pawel Sanajew

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Kurzbeschreibung
Sascha Saweljew lebt bei seiner Großmutter, die mit ihren wilden Flüchen, ihrer tyrannischen Fürsorge und der unerklärlichen Wut auf Saschas ferne Mutter wie einem bösen Märchen entsprungen zu sein scheint. Seine Welt besteht aus Verboten, Wollstrumpfhosen, merkwürdigen Badeprozeduren und dem Staphylococcus aureus, der angeblich in seinem Körper wütet. Sascha ist überzeugt, dass er mit 16 verfault sein wird und wie die Geschenke seiner Mutter in dem Müllschlucker in der Küche landet. Saschas Glück ist die Mutter, sein Leben ist die Großmutter, und das eine scheint das andere auszuschließen. Kaum je wurde der Horror einer Kindheit mit solch tragikomischer Verve beschrieben wie in dem erzählerischen Debüt des russischen Filmautors Pawel Sanajew.

Tragikkomische und autobiografische Erzählung einer russischen Kindheit
Sascha ist ein ca. fünfähriger Junge, der, weil seine Mutter in laut seiner Großmutter einfach hergegeben hat, bei eben dieser aufwachsen muss. Sie ist tyrannisch, leidet an Depressionen und flucht in einem Maße, was mich zu Beginn das Buch weglegen lassen wollte. Eigentlich “ver”flucht sie vielmehr. Sie verflucht Sascha, den armen Kerl, der dies jedoch stets recht gelassen hinnimmt, dafür, dass er die “Missgeburt” ihrer Tochter ist, sie verflucht ihren Mann dafür, dass er sie geheiratet hat, sie verflucht ihre Tochter dafür ihren Sohn hergegeben zu haben und ihn ihr “aufgehalst” hat … – sie verflucht eben jeden und alles. Was sie aber am allermeisten verflucht, das jedoch, bleibt dem Leser überlassen zu erkennen, ist sich selbst.

Sascha erzählt im Laufe der Geschichte die verschiedensten Anekdoten aus seiner Kindheit. Das fängt bei wüsten Beschimpfungen an und hört bei großmütterlichen Überfürsorge auf. Dazwischen gibt es alles an Befindungen und entsprechenden Situationen, die man sich vorstellen kann.

Die Großmutter hat in mir das tiefste Gefühl an Mitleid geweckt. Mitleid für ihr verlorenes Leben, Mitleid für ihre verlorene Seele, Mitleid dafür, dass sie auf so unbeholfene Art und Weise so innig liebt und selbst nicht geliebt werden kann. Sie selbst spricht zum Schluss von ihrer Liebe als “einer hässlichen Liebe”, ohne die sie aber nicht atmen kann. Ich glaube, besser kann man es nicht ausdrücken.

Erzählt wird das ganze aus Saschas Sicht, in einem kindlich naiven Stil, der jedoch die Ernsthaftigkeit der Situationen stets durchblicken lässt. Es dreht sich alles um den Hass der Großmutter gegen die ihr nahe stehenden – ihrer Tochter, ihrem Mann – und vor allem um ihre Schuldgefühle, denen sie hoffnungslos ausgeliefert ist. Wüste Beschimpfungen sind Gang und Gebe, Gewalt steht an der Tagesordnung und auch der Tod spielt eine alltägliche und wesentliche Rolle. Trotzdem, es gibt auch einige wenige Abschnitte, die erkennen lassen, dass die Großmutter nicht nur das Böse verkörperte. Aber, herrje, was Familie an Zerstörungskraft besitzt, das will man manchmal gar nicht so sehr wissen… Sascha ist diesen schlimmen Verhältnissen völlig ausgeliefert und versucht sie auf seine Art für sich zu erklären. Das schmerzt richtig.

Fazit
Eine aussergewöhnliche, schonungslose, erschreckende aber immer auch mit der einer gehörigen Portion Galgenhumor erzählte Geschichte eines russichen Jungen mit einem hoffnungsvollen Ende. Stellenweise lähmend traurig. Ich wünsche diesem Buch eine große Leserschaft. Empfehlenswerte Leseerfahrung!


Begrabt mich hinter der Fußleiste – Pawel Sanajew
240 Seiten, 2009 TB, 8,95 Euro,
Heyne,
Übersetzung von Natascha Wodin

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Weitere Bücher von Pawel Sanajew
Keine weiteren Bücher erschienen


13
Feb 10

[Zeitgenössisch - Hörbuch] Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland

“Es war im Jahr 1988, da hatte mein Freund Bernd den perfekten Plan: die DDR zu verlassen. Ausgerüstet allein mit seinem grünen Sozialversicherungsausweis, wollte er am Silvestertag sich über die VR Polen und die UDSSR nach Nordkorea durchschlagen und anschließend irgendwie nach Südkorea weiterziehen.”

Kurzbeschreibung
Herr W. hat eines Tages eine ominöse Einladung in der Post: Auf einer Podiumsdiskussion unbekannter Untergrunddichter soll er Auskunft geben über sein Werk, über die Unterdrückung in der DDR und über seine Erlebnisse als Staatsfeind. Zuerst glaubt er an einen schlechten Scherz. Ist er überhaupt gemeint? Mit der DDR hat er doch längst abgeschlossen, nachdem sie 1989 wie ein falsch montiertes Chemieklo zusammenklappte. War er je als Dichter auffällig geworden? Als unterdrückter gar?

Ich schlage vor, dass wir uns küssen W. stellt Nachforschungen an, unterzieht sich bei der Psychologin Tyna Novelli einer Rückführungstherapie in die DDR-Vergangenheit und nimmt schließlich Einsicht in seine Stasi-Akte. Was für ein Fund: Tatsächlich sind hier seine lyrischen Gehversuche unter dem Titel “Mögliche Exekution des Konjunktivs” abgeheftet, dazu sämtliche Liebesbriefe an Liane in München – alles von einem Oberleutnant Schnatz über Jahre akribisch gegengelesen, verwegen gedeutet und als staatszersetzend-konterrevolutionäres Schrifttum eingestuft.
“Ich schlage vor, dass wir uns küssen” ist ein Roman über die Absurditäten der Erinnerung, auch der eigenen, über rätselhafte Wirkungen unbeholfener Gedichte und über eine Liebe, wie sie nur in Zeiten der deutschen Teilung blühen konnte. Ein Buch über die Mauer, die es nie gab. Eine wahre Geschichte, die niemand für möglich gehalten hat. Nicht einmal ihr Verfasser.

Die Geschichte dieses Buches beruht auf einer wahren Begebenheit: die DDR hat es wirklich gegeben.

Herr W. fischt eines Tages eine Einladung vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands aus seinem Briefkasten. Eingeladen wird zum Symposion „Dichter, Dramen, Diktatur – Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR“. Gerade sein Werk bezeuge, welchen Widrigkeiten junge und kritische Literatur im Realsozialismus ausgesetzt war.
Herr W. ist einigermaßen überrascht von dieser Einladung, kann er sich doch nicht daran erinnern, zu DDR-Zeiten schriftstellerisch tätig gewesen zu sein noch als Unterdrückter gegolten zu haben. Laut Aussage der Frau Schneider, seiner Ansprechpartnerin vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands (VUDD) jedoch, habe er Gedichte geschrieben, die er nun öffentlich vortragen soll.

Ich sagte, es gäbe keine Gedichte, könne keine geben und falls es doch welche gäbe, dann seien sie nicht von mir. Sie erklärte, dass sie das nicht glauben könne, dass sie sie schließlich gelesen habe und dass ein Irrtum ausgeschlossen sei, es sei denn, sie irre. Ich wusste nichts. Sie wusste alles.

Ob dieser „Unterstellungen“ neugierig geworden, besorgt sich Herr W. das Bändchen mit Anthologien, herausgegeben von eben jenem Verein und entdeckt doch tatsächlich seinen Namen und, wie er selbst sagt, „interessante biografische Zusatzinformationen“. Sein Werk: „Mögliche Exekution des Konjunktivs“.

Ich habe eine Liebste und diese Liebste ist schön.
Ich wollt‘ ich könnt‘ mit der Liebsten
Mal um ein paar Ecken und hinter die Hecken
Von hier bis nach drübsten gehen.

Doch das ist alles erst der Anfang, erst ein Beispiel der lyrischen Ergüsse Herr W‘s.. Nachdem er seine Stasiakte zugeschickt bekommt, die nicht wenige Unterlagen enthält bzw. so ziemlich all das, was er jemals zu Papier gebracht hat (inklusiver aller Liebesbriefe an seine Liane), beginnt sein Rückblick in allen Einzelheiten. Was er so angestellt hat und wie das, was er so machte, von der Stasi nebenbei „operativ“ bearbeitet wurde.

Es ist wie vielfach beschrieben: eine Geschichte prall gefüllt mit geistreicher Spaß-Lyrik und viel Klamauk ohne verklärende Blicke und frei von Nostalgie über die letzten Stunden der DDR. Gelesen vom Autor selbst bietet dieses Hörbuch einen hohen Genuss, dem sich zu entziehen schwer fällt. Seine Analysen sind haarscharf, seine Vergleiche erfrischend originell, ein Kalauer jagd den nächsten. Und das alles, auf einem sehr intelligenten Niveau!

“OPK – Operative Personenkontrolle. Keine Ahnung, was das ist. In der DDR wurde ja gern und ausdauernd kontrolliert. Wenn Länder Neurosen haben könnten, dann hätte die DDR chronischen Kontrollzwang. Zum Krankheitsbild gehört, wie man weiß, sorgfältige Verheimlichungstendenzen, da Zwänge auf Mitmenschen oft absurd und lächerlich wirken können. Zwangsneurotiker wissen auch um die Sinnlosigkeit ihrer Kontrollrituale und doch müssen sie, wie ferngesteuert, immer weiter machen.“

Rayk Wieland liest äußerst gelungen sein eigenes Buch. Wie sollte es auch anders sein? Besonders die Gedichte erhalten durch ihn die richtige Tonlage. Die Stimme ist angenehm „rauh“ und enthält stets einen amüsierten – irgendwie naiven – und leichten Unterton. Die Autofahrten wurden zu den vergnüglichsten Zeiten meines Tages. Vielen Dank dafür, Herr Wieland! Und um alle Zweifel bezüglich der Hörbuchversion auszuräumen: Es ist ungekürzt!

Fazit
Ein hoch vergnügliches Gute-Laune-(Hör)Buch zum Thema „Erinnerungen an die DDR“. Es tut einfach gut, die sinnlose Absurdität der Aktivitäten und Spitzeleien, die dort betrieben wurde, auf die Spitze getrieben serviert zu bekommen. Herr W. und sein Konjunktiv als Staatsfeind Nr. 1. Ganz großes Kino!


Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland
5 Std. 4 Min., ungekürzte Lesung, Audible Download,
Hörprobe auf der Audible Seite erhältlich

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3
Feb 10

[Biografie] Wo fahren wir hin, Papa? – Jean-Louis Fournier

“Wenn man über behinderte Kinder spricht, macht man meistens ein betretenes Gesicht. Wenigstens diese eine Mal möchte ich versuchen, mit einem Lächeln über euch zu reden. Ihr habt mich oft zum Lachen gebracht – nicht immer unabsichtlich.”

Wo fahren wir hin PapaWie gerne hätte der Vater seinen Söhnen ‘Tim und Struppi’ geschenkt – aber leider können sie nicht lesen. Wie gerne wäre er mit ihnen auf die Berge gestiegen, hätte mit ihnen Musik gemacht, hätte mit ihnen Volleyball gespielt – aber leider können sie immer nur mit Holzklötzchen spielen. Thomas und Mathieu sind behindert und waren nie das, was sich der Vater gewünscht hätte: normale Kinder.
Pointiert und mutig schildert Fournier das Leben mit seinen zwei Söhnen, die zu lieben nicht leicht war. Für die beiden wäre eine Engelsgeduld nötig gewesen, doch Fournier, bekennt er offen, war kein Engel.

“Keine Literatur kann in puncto Zynismus das wirkliche Leben übertreffen.” (Anton P. Tschechow)

Ich habe bereits viele Meinungen zu diesem Buch gehört und gelesen und kann die teilweise vernichtenden Kritiken zwar nachvollziehen aber nicht für gut heißen. Allein den Aspekt “hier spottet ein Vater über seine schwerstbehinderten Kinder” zu betrachten ist – meiner Meinung nach – zu oberflächlich.
Was Jean-Louis Fournier hier verfasst hat, ist schonungslos ehrlich – vor allem sich selbst gegenüber. Wie schwer er an diesem, seinem Schicksal hadert, ist äußerst niederschmetternd. So schreibt Fournier an einer Stelle:

Wenn Kinder einen Vater brauchen, auf den sie stolz sein können, dann brauchen Väter umgekehrt die Bewunderung ihrer Kinder, um selbstsicherer zu sein.
(Seite 126)

Ja, das ist wohl wahr und gilt sicherlich nicht nur für Väter. Jeder, der Kinder hat, wird wissen, dass es wenig schönere Momente im Leben gibt, als die, in denen wir die ehrliche Zuneigung unserer Kinder bekommen und wie sehr uns dies für unsere Mühe, Sorgen und Ängste entlohnt, die wir mit ihnen auch haben.

Wo fahren wir hin, Papa?
Price: EUR 12,90

64 used & new available from EUR 7,20

Das Buch selbst ist eine Aneinanderreihung von Wünschen, Verwünschungen, Hoffnungen, Hoffnungslosigkeiten, Äußerungen der Selbstverachtung, Äußerungen zum Selbstschutz und nicht zuletzt auch die Suche nach dem “Warum”. Und dabei gilt: je schwärzer der Humor, desto tiefer die Verzweiflung.

Die anderen sagen: “Ein behindertes Kind ist ein Geschenk des Himmels.” Sie sagen es aber nicht etwa aus Spaß. Und es sind selten Leute, die selbst behinderte Kinder haben.
Wenn man so ein Geschenk bekommt, will man am liebsten zurufen: “Ach! Das wäre doch nicht nötig gewesen…”
(Seite 34)

Mathieu hat nicht viel Ablenkung. Er sieht nie fern, ist auch nicht nötig, er hat´s auch so zum geistig Behinderten gebracht.

Die Konzentration auf die Söhne ist so stark,dass seine Frau und seine gesunde Tochter (mit der ebenfalls etwas nicht stimmt, was wir aber nicht erfahren) kaum eine Erwähnung finden. Es scheint, als wäre die Trennung von seiner Frau und der Verlust(?) seiner Tochter nur die konsequente Fortführung seines Bilderbuch-Schicksals. Er ist letztlich “nur” noch Vater von zwei schwerbehinderten Kindern. Sicher liest sich aus der ein oder anderen Zeile auch eine Spur Selbstmitleid heraus. Aber das ist doch völlig legitim, oder nicht? Darf ein Mensch mit einem solchen Schicksal nicht damit hadern? Zu keiner Zeit macht Fournier seinen Kindern einen Vorwurf. Lediglich sich selbst sieht er als Objekt für Mobbingattacken von “ganz oben”.

Ich betrachte dieses Buch als bewussten Tabubruch. Natürlich könnte man die Beweggründe zur Verfassung hinterfragen. Allerdings haben das schon andere getan und selbstverständlich ist die Antwort darauf “die Verarbeitung des Schicksals”. Sicher hat Fournier mit diesen wenigen Sätzen nicht die “ganze Wahrheit” dargestellt – das würde den Unterhaltungswert sicher schmälern. Aber es gibt durchaus auch Momente in diesem dünnen Büchlein, die mich glauben lassen, Fournier habe seine Kinder geliebt. Er hat sich nur nicht von dem Bild bzw. seinem Traum der “perfekten Familie” trennen können, die er meint, hätte haben zu können, wenn die Kinder nicht behindert gewesen wären. Ich weigere mich jedenfalls, davon auszugehen, Fournier hätte dieses Buch nur geschrieben um Aufmerksamkeit zu erlangen. Natürlich war das ein netter und nicht zu unterschätzender Nebeneffekt. Und es sei ihm gegönnt.

Fazit
Es liegt nicht an mir eine Meinung im engsten Sinne abzugeben. Jean-Louis Fournier hat mit diesem Buch sicher eine Lanze gebrochen hat. Die Behinderung seiner Söhne wird von ihm bis auf’s Letzte ins Lächerliche gezogen. Ich sehe dies als eine Art, der Auswegslosigkeit der Situation die Stirn zu bieten, der Autor selbst hält sich für einen schlechten Vater. Ein gewagtes aber mutiges Buch!

Weitere Besprechungen


Wo fahren wir hin, Papa? – Jean-Louis Fournier
160 Seiten, Softcover, dtv,
2009, ISBN 3423247452, 12,90 Euro


18
Jan 10

[Zeitgenössisch] Schöne Verhältnisse – Edward St Aubyn

1. Teil der Patrick Melrose Reihe

Schöne Verhältnisse
Über die Hölle, die Familie heißt

Ein strahlender Septembermorgen in einer Villa in Südfrankreich: Der Hausherr ertränkt mit Hilfe des Gartenschlauchs ganze Ameisenvölker, seine alkoholsüchtige Frau versucht unbemerkt an ihren ersten Brandy zu gelangen, während der fünfjährige Sohn auf dem Brunnenrand mit seinem Leben spielt – so sieht der ganz normale Alltag der Familie Melrose aus. Und das ist längst nicht alles, was sich hinter der sorgfältig aufgebauten Fassade der Upper-Class-Familie abspielt …Eine ungeheuerliche Geschichte, ebenso komisch wie erbarmungslos.

Es beruhigt zu wissen, dass es Patrick Melrose heute gut geht…
Dies ist die tragische Geschichte von Patrick Melrose, Edward St Aubyns Alter Ego.
Angesichts der autobiografischen Züge der Geschichte um die Familie Melrose ist der Roman eine einzige Katastrophe. Und zwar dahingegend, dass es unmöglich zu verstehen erscheint, was dort, in dieser reichen, kalten und niederträchtigen Gesellschaft, vor sich geht. Der Autor verarbeitet mit seiner, auf eine Trilogie ausgelegten, Familiengeschichte die Hölle, die er als Kind durchlaufen hat und die zum völligen Heroinabsturz führte. Er selbst sagt aus, dass das Schreiben dieses Buches seine letzte Chance war, sein Leben in den Griff zu bekommen und damit auch zu retten.

1 Tag, 188 Seiten lang, dürfen wir in diesem feudalen und wenig erfreulichen Umkreis verbringen. Hauptfigur und das größte Ekel, das mir in letzter Zeit unter die Seiten gekommen ist, ist David Melrose, das 60-jährige alles in einen rabenschwarzen Schatten stellendene Familienoberhaupt, Vater des 5-jährigen Sohnes Patrick und Ehemann der wohlhabendenden, aus königlichem Hause kommenden und trinksüchtigen Elanore. Daneben erscheinen die Besucher der Familie als graue Mäuschen, was sie bei weitem aber nicht sind. Doch deren Versuche es ihm in irgendeiner Weise gleich zu tun, andere zu erniedrigen, scheitern kläglich in seinem Beisein. Sie sind lediglich Mitläufer.

Auf jeder einzelnen Seite des Romans springt uns die völlig hemmunglose Entlarvung der Figuren ins Gesicht. Brodelnder Zynismus, beißender Spott, schlimmste Erniedrigungen und Perversionen… ich finde es schwer auch nur annähernd zu beschreiben, mit welchem Gefühl der Ungeheuerlichkeit ich dieses Buch gelesen und beendet habe. Hinzu kommen ausdauernde psychologische Tiefgänge, denen ich nicht selten nicht mehr folgen konnte und wollte. Es reichte mir zu verstehen, was hinter diesen dicken Wänden der Aristokratie vor sich geht. Sicherlich werden jedoch psychologisch versiertere Menschen als ich noch voller auf ihre Kosten kommen bei dieser Lektüre.

Das sich hinter dieser makaber schwarzen Potraitierung der Gesellschaft auch noch eine Tragödie abspielen wird, konnte ich zu Beginn nur erahnen. Was dann jedoch folgt, was Patrick, der Sohn von Eleanore und David, in dieser Familie und nur an diesem Tag alleine erleiden muss, ist schier unvorstellbar. Umso erstaunlicher, dass der Autor seinen Weg aus der Drogenabhängigkeit gefunden hat und heute ein nahezu normales Leben führt.

Hoch anspruchsvoll zeichnet Edward St Aubyn seine Figuren und deren Leben. Wüsste ich es nicht besser, würde ich ihnen allen jedoch – ausser zwei Personen – ob der unglaublich menschenverachtenden Verhaltens- und Denkweisen jegliche Authenzität absprechen. Auf gerade mal 188 Seiten schafft es der Autor mithilfe diverser und auch rasanter Perspektivenwechsel extrem tiefe Einsichten in das Gedankengut der Familie und Besucher zu vermitteln. Dies ist zum Teil sehr anstrengend und forderte zumindest mir eine Menge Konzentration ab. Nicht weniger anspruchsvoll ist der gesamte Stil. Fast im “Vorbeilesen” und zwischen den Zeilen der makaberen Dialoge werden existenzielle Motive und Geisteszustände mit auf den Weg gegeben. Manches Mal musste ich zurückblättern und nochmals lesen um überhaupt zu verstehen, was genau der Autor vermitteln wollte. Wahrscheinlich habe ich viele andere Male die Pointe verpasst und weiß nichts von meinem Pech… Nichtsdestotrotz, hat man die Geschichte einmal begonnen, ist es fast krankhaft umöglich sich der Faszination und dem Sog der Wörter zu entziehen.

Übrigens ist der deutsche Titel, meiner Meinung nach, wesentlich passender als der der Originalausgabe. In diesen zwei Wörtern versteckt sich die gesamte bittere Ironie des Buches.

Als Fazit bleibt, dass es mir durchaus nachvollziehbar erscheint, warum dieser autobiografische Roman als “ganz große Literatur” bezeichnet wird. Und trotzdem wird der bittere Nachgeschmack noch lange anhalten, was mich höchstwahrscheinlich auch davon abhalten wird, die Fortsetzungen in die Hand zu nehmen. Zuviel von solchen Geschichten und ich würde selbst Gefahr laufen in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen zu werden…
Sicherlich eine große Leseerfahrung, die ich nicht missen möchte, aber von der ich vorerst keine zweite benötige.


Schöne Verhältnisse
Edward St Aubyn
192 Seiten, Taschenbuch, btb Verlag


Die Reihe im Überblick

  1. Schöne Verhältnisse
  2. Schlechte Neuigkeiten
  3. Nette Aussichten
  4. Muttermilch

Die Bücher von Edward St Aubyn im Überblick

Schöne Verhältnisse: Roman
Price: EUR 8,00

104 used & new available from EUR 1,88

Schlechte Neuigkeiten: Roman
Price: EUR 8,00

54 used & new available from EUR 2,90

Nette Aussichten: Roman
Price: EUR 8,00

90 used & new available from EUR 3,29

Muttermilch
Price: EUR 19,95

92 used & new available from EUR 8,70