Posts Tagged: Satire


13
Feb 10

[Zeitgenössisch - Hörbuch] Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland

“Es war im Jahr 1988, da hatte mein Freund Bernd den perfekten Plan: die DDR zu verlassen. Ausgerüstet allein mit seinem grünen Sozialversicherungsausweis, wollte er am Silvestertag sich über die VR Polen und die UDSSR nach Nordkorea durchschlagen und anschließend irgendwie nach Südkorea weiterziehen.”

Kurzbeschreibung
Herr W. hat eines Tages eine ominöse Einladung in der Post: Auf einer Podiumsdiskussion unbekannter Untergrunddichter soll er Auskunft geben über sein Werk, über die Unterdrückung in der DDR und über seine Erlebnisse als Staatsfeind. Zuerst glaubt er an einen schlechten Scherz. Ist er überhaupt gemeint? Mit der DDR hat er doch längst abgeschlossen, nachdem sie 1989 wie ein falsch montiertes Chemieklo zusammenklappte. War er je als Dichter auffällig geworden? Als unterdrückter gar?

Ich schlage vor, dass wir uns küssen W. stellt Nachforschungen an, unterzieht sich bei der Psychologin Tyna Novelli einer Rückführungstherapie in die DDR-Vergangenheit und nimmt schließlich Einsicht in seine Stasi-Akte. Was für ein Fund: Tatsächlich sind hier seine lyrischen Gehversuche unter dem Titel “Mögliche Exekution des Konjunktivs” abgeheftet, dazu sämtliche Liebesbriefe an Liane in München – alles von einem Oberleutnant Schnatz über Jahre akribisch gegengelesen, verwegen gedeutet und als staatszersetzend-konterrevolutionäres Schrifttum eingestuft.
“Ich schlage vor, dass wir uns küssen” ist ein Roman über die Absurditäten der Erinnerung, auch der eigenen, über rätselhafte Wirkungen unbeholfener Gedichte und über eine Liebe, wie sie nur in Zeiten der deutschen Teilung blühen konnte. Ein Buch über die Mauer, die es nie gab. Eine wahre Geschichte, die niemand für möglich gehalten hat. Nicht einmal ihr Verfasser.

Die Geschichte dieses Buches beruht auf einer wahren Begebenheit: die DDR hat es wirklich gegeben.

Herr W. fischt eines Tages eine Einladung vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands aus seinem Briefkasten. Eingeladen wird zum Symposion „Dichter, Dramen, Diktatur – Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR“. Gerade sein Werk bezeuge, welchen Widrigkeiten junge und kritische Literatur im Realsozialismus ausgesetzt war.
Herr W. ist einigermaßen überrascht von dieser Einladung, kann er sich doch nicht daran erinnern, zu DDR-Zeiten schriftstellerisch tätig gewesen zu sein noch als Unterdrückter gegolten zu haben. Laut Aussage der Frau Schneider, seiner Ansprechpartnerin vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands (VUDD) jedoch, habe er Gedichte geschrieben, die er nun öffentlich vortragen soll.

Ich sagte, es gäbe keine Gedichte, könne keine geben und falls es doch welche gäbe, dann seien sie nicht von mir. Sie erklärte, dass sie das nicht glauben könne, dass sie sie schließlich gelesen habe und dass ein Irrtum ausgeschlossen sei, es sei denn, sie irre. Ich wusste nichts. Sie wusste alles.

Ob dieser „Unterstellungen“ neugierig geworden, besorgt sich Herr W. das Bändchen mit Anthologien, herausgegeben von eben jenem Verein und entdeckt doch tatsächlich seinen Namen und, wie er selbst sagt, „interessante biografische Zusatzinformationen“. Sein Werk: „Mögliche Exekution des Konjunktivs“.

Ich habe eine Liebste und diese Liebste ist schön.
Ich wollt‘ ich könnt‘ mit der Liebsten
Mal um ein paar Ecken und hinter die Hecken
Von hier bis nach drübsten gehen.

Doch das ist alles erst der Anfang, erst ein Beispiel der lyrischen Ergüsse Herr W‘s.. Nachdem er seine Stasiakte zugeschickt bekommt, die nicht wenige Unterlagen enthält bzw. so ziemlich all das, was er jemals zu Papier gebracht hat (inklusiver aller Liebesbriefe an seine Liane), beginnt sein Rückblick in allen Einzelheiten. Was er so angestellt hat und wie das, was er so machte, von der Stasi nebenbei „operativ“ bearbeitet wurde.

Es ist wie vielfach beschrieben: eine Geschichte prall gefüllt mit geistreicher Spaß-Lyrik und viel Klamauk ohne verklärende Blicke und frei von Nostalgie über die letzten Stunden der DDR. Gelesen vom Autor selbst bietet dieses Hörbuch einen hohen Genuss, dem sich zu entziehen schwer fällt. Seine Analysen sind haarscharf, seine Vergleiche erfrischend originell, ein Kalauer jagd den nächsten. Und das alles, auf einem sehr intelligenten Niveau!

“OPK – Operative Personenkontrolle. Keine Ahnung, was das ist. In der DDR wurde ja gern und ausdauernd kontrolliert. Wenn Länder Neurosen haben könnten, dann hätte die DDR chronischen Kontrollzwang. Zum Krankheitsbild gehört, wie man weiß, sorgfältige Verheimlichungstendenzen, da Zwänge auf Mitmenschen oft absurd und lächerlich wirken können. Zwangsneurotiker wissen auch um die Sinnlosigkeit ihrer Kontrollrituale und doch müssen sie, wie ferngesteuert, immer weiter machen.“

Rayk Wieland liest äußerst gelungen sein eigenes Buch. Wie sollte es auch anders sein? Besonders die Gedichte erhalten durch ihn die richtige Tonlage. Die Stimme ist angenehm „rauh“ und enthält stets einen amüsierten – irgendwie naiven – und leichten Unterton. Die Autofahrten wurden zu den vergnüglichsten Zeiten meines Tages. Vielen Dank dafür, Herr Wieland! Und um alle Zweifel bezüglich der Hörbuchversion auszuräumen: Es ist ungekürzt!

Fazit
Ein hoch vergnügliches Gute-Laune-(Hör)Buch zum Thema „Erinnerungen an die DDR“. Es tut einfach gut, die sinnlose Absurdität der Aktivitäten und Spitzeleien, die dort betrieben wurde, auf die Spitze getrieben serviert zu bekommen. Herr W. und sein Konjunktiv als Staatsfeind Nr. 1. Ganz großes Kino!


Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland
5 Std. 4 Min., ungekürzte Lesung, Audible Download,
Hörprobe auf der Audible Seite erhältlich

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10
Feb 10

[Must-Reads] David Sedaris’ gesammelte Anekdoten…

Wer David Sedaris nicht kennt, hat lesetechnisch, menschlich und im Bereich der satirischen Erzählungen tatsächlich etwas verpasst. Aber kein Grund zur Panik: das kann und sollte nachgeholt werden!

David Sedaris Texte stecken voller wortgewaltiger Momentaufnahmen, die an Situationskomik nicht zu überbieten sind. Teilweise sind sie einfach völlig absurd und unglaublich, teilweise aber auch grotesk und ungewollt komisch, besonders wenn es um um sein schwieriges Heranwachsen geht. Er kommt aus einer völlig verdrehten Familie, über die er sich nicht zu schade wird zu schreiben. Ich frage mich manchmal, ob seine Verwandten seine Bücher lesen bzw. wissen, womit er eigentlich sein Geld verdient… Seine Rückblicke sind gnadenlos detailliert, zynisch und alles andere als loyal der Familie gegenüber, wenn Loyalität auch darauf abzielt, Dinge, die sich hinter den bekannten vier Wänden in Familien abspielen, auch dort zu belassen. Ganz getreu dem Grundsatz “Die besten Geschichten schreibt das Leben“.

Bei youtube.com gibt es dieses amüsante Video einer Kurzlesung von Sedaris aus dem Titel “Schöner wird’s nicht” bei Letterman:

Infos und Interviews

Hier die Empfehlungen (die Bücher im Original sind übrigens auch nicht zu verachten!):
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Nackt
Willkommen in der haarsträubenden Welt des David Sedaris. Sedaris packt die gegenwärtige Autobiographienmode beim sprichwörtlichen Schlafittchen und erklärt das weite Feld seines Lebens und das seiner Familie zum Minenfeld. In siebzehn Geschichten erzählt er von seinen Betätigungen als halbwüchsiger Tramper, Apfelpflücker, Möchtegern-Schauspieler, Collegestudent oder Nudist – witzig, anrührend, exzentrisch, pingelig und zutiefst charmant.

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Ich ein Tag sprechen hübsch
“Nackt” war erst der Anfang – jetzt kommt die Fortsetzung!
David Sedaris schreibt hier seinen mit dem Erfolgstitel “Nackt” begonnenen “Roman in autobiographischen Geschichten” fort. Noch einmal wirft der Autor einen Blick zurück in die Kindheit. Wir erleben Davids Vater und dessen Jazz-Leidenschaft, gehen mit Klein David zur Logopädin, begleiten den Kunststudenten David zum ersten Mal in den Aktsaal und beobachten, wie aus David “Mr. Sedaris” wird.

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Oft kopiert – nie erreicht: Sedaris ist das Original, denn niemand kann die Schrecken des Jungseins und des Familienlebens so haarsträubend komisch und charmant schildern.

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Die fünf schönsten Geschichten, die David Sedaris zum Thema Weihnachten geschrieben hat!

Die Weihnachtszeit kann nervenaufreibend sein, vor allem als Zwerg im größten Kaufhaus der Welt, bei Macy’s. Denn es glaube keiner, dass es nur eine Art von Zwergen gibt … Aus diesem Stoff sind die kleinen und großen Tragödien, die hinter jeder Ecke lauern und von denen David Sedaris erzählt. Kongenial ins Deutsche übertragen von Harry Rowohlt.

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Seine Geschichten sind Satire und Sozialstudie, Eigentherapie und Eventliteratur in einem, sein Humor brachte ihm Grammy-Nominierungen und internationale Bestseller ein. Endlich gewährt uns Staressayist David Sedaris mit »Schöner wird’s nicht« nun wieder einen Aufenthalt. Und zwar in dem neurotischen, von skurrilster Materie erfüllten und in unnachahmlicher Tragikomik erstrahlenden Universum, das er sein Leben nennt.

Dem Alltag wohnt der Wahnwitz inne: Wer daran verzweifelt, findet Trost bei manch kurzweiligem Kolumnisten. David Sedaris ist das nicht genug. Ihn witzig zu nennen hieße, das Weltall als geräumig zu bezeichnen. Das Beste an seinem Leben ist, dass er darüber Buch führt. Ob er seine Kindheit aufarbeitet (die Hölle eines amerikanischen Vorortes, begleitet von einer trinkenden Mutter, schizophrenen Schwestern und schwulen Ambitionen), seiner Jugend nachspürt (der Versuch, der Hölle durch haarsträubende Jobs und persönlichkeitsverändernde Drogen zu entkommen) oder einen erwachsenen Wahlfranzosen darstellt: Sedaris’ Beobachtungen und Erinnerungen sind immer präzise, ernstlich überraschend und herrlich wahrhaftig.»Schöner wird’s nicht« liefert die sehnlich erwarteten neuen Episoden aus dem Paralleluniversum des Kultautors. Er erläutert, wie man sich mit Schallplattenhüllen vor psychopathischen Singvögeln schützt, was modische Herrenaccessoires über Erektionsschwierigkeiten verraten und warum man in Tokio weder Japanisch lernen noch mit dem Rauchen aufhören sollte. Und er stellt unter Beweis, dass Kreuzworträtsel viel mit Lebensbewältigung gemein haben. Du kannst immer die passende Lösung aufschreiben. Du musst einfach nur die Vorgaben ignorieren.


5
Feb 10

[All-Time-Favourites] Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4 – Sue Townsend

Das Intimleben des Adrian Mole... Inhalt
Adrian Mole ist ein ganz normaler Jugendlicher und so hat er auch die ganz normalen, altersbedingten Träume und die ganz normalen, altersbedingten Probleme: Pickel, Schule und Mädchen. Mal altklug, mal Herz erfrischend naiv kommentiert er aus der Sicht des Heranwachsenden die – für seine Begriffe – reichlich verworrene und undurchschaubare Erwachsenenwelt. Nicht nur die Beziehung seiner Eltern ist ihm manchmal ein unerklärliches Rätsel, unbegreiflich ist ihm auch, wie der Rundfunk seine Gedichte ablehnen kann. So sind Adrians Gefühle wie ein Jojo in einem ständigen Auf und Ab begriffen. Da sind ihm weder sein 39 Jahre alter, Kette rauchender Kumpel Bert, seine vierzehn Jahre alte Freundin, noch sein bester Freund Nigel eine große Hilfe. Nein, Adrian sieht sich als missverstandener Intellektueller und allein gelassen im Kampf gegen eine uneinsichtige, unsensible Umwelt …

“1. Januar Donnerstag Neujahr

Im neuen Jahr werde ich:
1. den Blinden über die Straße helfen,
2. meine Hosen über den Bügel hängen,
3. meine Platten wieder in die Hülle stecken,
4. nicht mit dem Rauchen anfangen,
5. nicht an meinen Pickeln herumdrücken,
6. den Hund gut behandeln,
7. den Armen und Unwissenden helfen,
8. niemals einen Tropfen Alkohol anrühren. Das habe ich mir geschworen, nachdem ich gestern nacht meine Eltern beduselt erlebt habe – wie entwürdigend!

Bei der gestrigen Party hat der Vater den Hund mit Weinbrand vollaufen lassen. Wenn das der Tierschutzverein wüßte, könnte er was erleben! Seit Weihnachten sind acht Tage vergangen, doch Mutter aht die grüne Lurex-Schürze, die ich ihr geschenkt habe, immer noch nicht umgehabt. Nächstes Jahr bekommt sie Badesalz.
Natürlich muss ich ausgerechnet am ersten Tag des neuen Jahres einen Pickel am Kinn bekommen.”

[Erster Tagebucheintrag]

Sympathischster Verlierer-Typ des Universums!
Ein Buch, das man mit fünfzehn das erste Mal mit großer Begeisterung gelesen hat, mit dreißig das zehnte Mal und mit mindestens genauso großer Begeisterung liest – das kann nur eines der besten Bücher überhaupt sein!
In Tagebuchform, aus Sicht des Adrian Mole natürlich, wird hier die Thatcher-Ära der 80-er Jahre ohne Unterlass auf’s Korn genommen. Und zwar derart, dass auch Jugendliche bzw. Menschen ohne Kenntnisse der politischen Vorgänge dieser Zeit verstehen dürften was “Gut” und “Böse” ist.

Im Kern selbst ist die Story nicht lustig. Aber wie so oft erzeugt dies die Lacher. Adrian ist ein völlig orientierungsloser Pubertierender, der in einem eher asozialen unkonventionellen Umfeld aufwächst. Ihm geht es eigentlich nicht sehr gut. Er macht sich Sorgen über sein Aussehen (Pickel), über die Größe seines Penises (Lineal muss her…) und über seine soziale Herkunft und die ihm versperrten Möglichkeiten. Seine Eltern versaufen das Geld lieber als das sie ihm ordentliche Sportkleidung für den Unterricht besorgen und er muss sich einigen Mobbing-Attacken von Schulkollegen stellen. Wie er dies macht bzw. wie er dies beschreibt ist selbstverständlich nicht entsetzend, sondern zum Lachen, denn Adrian bemitleidet sich nicht selbst. Also, doch, eigentlich schon, aber auf eine sehr neutrale Art und Weise. Bis Adrian versteht was ihm widerfährt ist es schon vorbei. Und im Nachhinein betrachtet man die Dinge ja immer etwas nüchterner – er ist schließlich auch hochintellektuell und betrachtet sämtliche Umstände aus einer weisen Distanz… Was soll er auch sonst machen als intellektueller Geist zwischen einem arbeitslosen Versager-Vater und einer trinksüchtigen Mutter, die die Hilfe des lieben Nachbarn für seinen Geschmack manchmal “zu häufig und zu intensiv” in Anspruch nimmt?

Adrian stapft tapfer von einem Fettnäpfchen ins nächste und es ist ein Genuss ihm dabei zuzuschauen. Darüber hinaus aber nimmt er aber auch auf seine herrlich naive Art an der politischen Entwicklung seines Landes teil. Er hat zwar überhaupt keine Vorstellung davon, was die Aktivitäten der Eltern seiner Freundin “Pandora”, die mächtig einen Sprung in der Schüssel hat, bewirken, aber er schreibt sehr unterhaltsam darüber und deutet sie zumindest im Ansatz positiv.

Die Autorin überspitzt natürlich maßlos und fühlt dabei den Schwächen des politischen Systems mächtig auf den Zahn. Sie ist in England weit bekannt für ihre Kritik an der Klassengesellschaft und der Monarchie. Margaret Thatchers Wirtschaftspolitik hatte schlimme Auswirkungen im Land: Massenarbeitslosigkeit, Armut, Zerfall der Gesellschaft in eine “Zweiklassengesellschaft” mit politisch gewollter Hinnahme der Ungleichheit, mangelnde Toleranz, Ignoranz dagegen im Überfluss…
Alles, was kritisch zu beäugen ist, beäugt die Autorin kritisch, immer mit Fokus auf Absurditäten der Gesellschaft. Und Durch Adrian Moles Augen. Sicher, das ein oder andere Malheur darf da nicht fehlen und der Humor schon gar nicht, aber nichtsdestotrotz sind die Botschaften, die hinter diesen Einträgen stecken sehr deutlich und furchtlos. Ihrer maßlosen Verachtung gegenüber dem politischen System lässt Sue Townsend freien Lauf. Einige Thatcher-Szenen dürften zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches sicherlich nicht bei allen Lesern Freude hervorgerufen haben…
Alle bedeutenden politische Ereignisse dieser Zeit finden übrigens auch einen Platz in Moles Tagebüchern.

Sue Townsend trifft folgende Aussage zu ihrer Motivation die Bücher zu schreiben, die sie schreibt:

Ich denke, wenn die Menschen lachen, und sie lachen gerne, achten sie auch auf das, was hinter dem Lachen steckt. Das Kunststück besteht also darin, auch ernste Themen mit Humor zu behandeln, Komik nicht außer Acht zu lassen, wenn es ernst wird – das soll die Leser herausfordern und sie sensibilisieren. Ich nenne diese Art der Schreibe “serious comedy”. Darum geht es mir, dieses Genre liegt mir am Herzen.
[Quelle: sueddeutsche.de: Interview mit Sue Townsend ]

Fazit
Was soll ich sagen? Dieser erste Teil gehört meiner Meinung nach zu den besten Jugendbüchern, die es zum Thema “politische Kritizität” gibt. Das Adrian die gleichen Höhen und Tiefen durchlebt wie fast jeder Pubertierende in seinem Alter, dürfte auch seinen großen Erfolg in Deutschland erklären. Der Wiedererkennungseffekt ist recht hoch und herrlich belustigend. Ein Buch, dass tief verwurzelte Fehlzustände aufzeigt und gesellschaftskritische Grundsätze vermittelt. Und das sicher nicht nur für Jugendliche – unbedingt lesen!


Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4 – Sue Townsend
410 Seiten, Goldmann,
ISBN 3442101638, 8,50 Euro


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Weitere Informationen


Die Reihe um Adrian Mole

  • Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4. Die geheimen Tagebücher erstmals komplett und unzensiert vollständig in einem Band
  • Die Cappucino-Jahre
  • Adrian Mole und die Achse des Bösen
  • Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole

Die Reihe um Adrian Mole (Englisch)

  1. The Secret Diary of Adrian Mole Aged 13 ¾
  2. The Growing Pains of Adrian Mole
  3. True Confessions of Adrian Albert Mole
  4. Adrian Mole – The Wilderness Years
  5. Adrian Mole – The Cappuccino Years
  6. The Weapons of Mass Destruction
  7. The Lost Diaries Of Adrian Mole 1999 – 2001
  8. Adrian Mole – The Prostrate Years

Weiter Bücher von Sue Townsend

Krieg der Schnecken
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21 used & new available from EUR 0,10

Queen Camilla
Price: EUR 8,95

94 used & new available from EUR 0,83

Downing Street Number 10: Roman
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16 used & new available from EUR 0,69



3
Feb 10

[Biografie] Wo fahren wir hin, Papa? – Jean-Louis Fournier

“Wenn man über behinderte Kinder spricht, macht man meistens ein betretenes Gesicht. Wenigstens diese eine Mal möchte ich versuchen, mit einem Lächeln über euch zu reden. Ihr habt mich oft zum Lachen gebracht – nicht immer unabsichtlich.”

Wo fahren wir hin PapaWie gerne hätte der Vater seinen Söhnen ‘Tim und Struppi’ geschenkt – aber leider können sie nicht lesen. Wie gerne wäre er mit ihnen auf die Berge gestiegen, hätte mit ihnen Musik gemacht, hätte mit ihnen Volleyball gespielt – aber leider können sie immer nur mit Holzklötzchen spielen. Thomas und Mathieu sind behindert und waren nie das, was sich der Vater gewünscht hätte: normale Kinder.
Pointiert und mutig schildert Fournier das Leben mit seinen zwei Söhnen, die zu lieben nicht leicht war. Für die beiden wäre eine Engelsgeduld nötig gewesen, doch Fournier, bekennt er offen, war kein Engel.

“Keine Literatur kann in puncto Zynismus das wirkliche Leben übertreffen.” (Anton P. Tschechow)

Ich habe bereits viele Meinungen zu diesem Buch gehört und gelesen und kann die teilweise vernichtenden Kritiken zwar nachvollziehen aber nicht für gut heißen. Allein den Aspekt “hier spottet ein Vater über seine schwerstbehinderten Kinder” zu betrachten ist – meiner Meinung nach – zu oberflächlich.
Was Jean-Louis Fournier hier verfasst hat, ist schonungslos ehrlich – vor allem sich selbst gegenüber. Wie schwer er an diesem, seinem Schicksal hadert, ist äußerst niederschmetternd. So schreibt Fournier an einer Stelle:

Wenn Kinder einen Vater brauchen, auf den sie stolz sein können, dann brauchen Väter umgekehrt die Bewunderung ihrer Kinder, um selbstsicherer zu sein.
(Seite 126)

Ja, das ist wohl wahr und gilt sicherlich nicht nur für Väter. Jeder, der Kinder hat, wird wissen, dass es wenig schönere Momente im Leben gibt, als die, in denen wir die ehrliche Zuneigung unserer Kinder bekommen und wie sehr uns dies für unsere Mühe, Sorgen und Ängste entlohnt, die wir mit ihnen auch haben.

Wo fahren wir hin, Papa?
Price: EUR 12,90

90 used & new available from EUR 0,88

Das Buch selbst ist eine Aneinanderreihung von Wünschen, Verwünschungen, Hoffnungen, Hoffnungslosigkeiten, Äußerungen der Selbstverachtung, Äußerungen zum Selbstschutz und nicht zuletzt auch die Suche nach dem “Warum”. Und dabei gilt: je schwärzer der Humor, desto tiefer die Verzweiflung.

Die anderen sagen: “Ein behindertes Kind ist ein Geschenk des Himmels.” Sie sagen es aber nicht etwa aus Spaß. Und es sind selten Leute, die selbst behinderte Kinder haben.
Wenn man so ein Geschenk bekommt, will man am liebsten zurufen: “Ach! Das wäre doch nicht nötig gewesen…”
(Seite 34)

Mathieu hat nicht viel Ablenkung. Er sieht nie fern, ist auch nicht nötig, er hat´s auch so zum geistig Behinderten gebracht.

Die Konzentration auf die Söhne ist so stark,dass seine Frau und seine gesunde Tochter (mit der ebenfalls etwas nicht stimmt, was wir aber nicht erfahren) kaum eine Erwähnung finden. Es scheint, als wäre die Trennung von seiner Frau und der Verlust(?) seiner Tochter nur die konsequente Fortführung seines Bilderbuch-Schicksals. Er ist letztlich “nur” noch Vater von zwei schwerbehinderten Kindern. Sicher liest sich aus der ein oder anderen Zeile auch eine Spur Selbstmitleid heraus. Aber das ist doch völlig legitim, oder nicht? Darf ein Mensch mit einem solchen Schicksal nicht damit hadern? Zu keiner Zeit macht Fournier seinen Kindern einen Vorwurf. Lediglich sich selbst sieht er als Objekt für Mobbingattacken von “ganz oben”.

Ich betrachte dieses Buch als bewussten Tabubruch. Natürlich könnte man die Beweggründe zur Verfassung hinterfragen. Allerdings haben das schon andere getan und selbstverständlich ist die Antwort darauf “die Verarbeitung des Schicksals”. Sicher hat Fournier mit diesen wenigen Sätzen nicht die “ganze Wahrheit” dargestellt – das würde den Unterhaltungswert sicher schmälern. Aber es gibt durchaus auch Momente in diesem dünnen Büchlein, die mich glauben lassen, Fournier habe seine Kinder geliebt. Er hat sich nur nicht von dem Bild bzw. seinem Traum der “perfekten Familie” trennen können, die er meint, hätte haben zu können, wenn die Kinder nicht behindert gewesen wären. Ich weigere mich jedenfalls, davon auszugehen, Fournier hätte dieses Buch nur geschrieben um Aufmerksamkeit zu erlangen. Natürlich war das ein netter und nicht zu unterschätzender Nebeneffekt. Und es sei ihm gegönnt.

Fazit
Es liegt nicht an mir eine Meinung im engsten Sinne abzugeben. Jean-Louis Fournier hat mit diesem Buch sicher eine Lanze gebrochen hat. Die Behinderung seiner Söhne wird von ihm bis auf’s Letzte ins Lächerliche gezogen. Ich sehe dies als eine Art, der Auswegslosigkeit der Situation die Stirn zu bieten, der Autor selbst hält sich für einen schlechten Vater. Ein gewagtes aber mutiges Buch!

Weitere Besprechungen


Wo fahren wir hin, Papa? – Jean-Louis Fournier
160 Seiten, Softcover, dtv,
2009, ISBN 3423247452, 12,90 Euro


1
Feb 10

[Zeitgenössisch - Hörbuch]: Einsamkeit und Sex und Mitleid – Helmut Krausser

Krausser Einsamkeit und...

Vincent ist Callboy, aber an Weihnachten sitzt er alleine in der Kneipe. Als die dichtmacht, lässt er sich zu Hause ein Bad ein. Beim Einsteigen wird er von einer Einbrecherin überrascht. Die beiden freunden sich an. Helmut Kraussers neuer Roman bringt zusammen, was nicht zusammengehört: Ein Kind wird entführt, eine mitternächtliche Hochzeit improvisiert, ein Gotchaschuss erkauft, der Prophet Jesaja predigt auf dem Kreuzberg – und alles ist auf ungeahnte Weise miteinander verknüpft. “Einsamkeit und Sex und Mitleid” spielt auf der Klaviatur des scheinbaren Zufalls, mischt Melodram, Ironie, Suspense und Lakonik zu einem bizarren Panorama zu einem überwältigenden Kaleidoskop des Lebens.

Über die Autorin
Helmut Krausser, geboren 1964 in Esslingen war u. a. Spieler, Nachtwächter, Zeitungswerber, Opernstatist, Sänger in einer Rock`n`Roll-Band und Journalist. (Halb-)freiwillig verbrachte er ein Jahr als Berber. Nebenbei studierte er provinzialrömische Archäologie. er schrieb Erzählungen, Theaterstücke und ein Opernlibretto.

Eine scharfzüngige, schnörkellose und skurrile Zeichnung unserer Gesellschaft auf hohem Unterhaltungsniveau!
Zugegeben, der Start ist ein wenig unruhig. Der Roman entwickelt erst nach einer geraumen Zeit Züge einer zusammenhängenden Handlung. Es treten von Beginn an sehr viele Personen auf, die scheinbar unabhängig voneinander ihr Leben führen, zwar in derselben Gegend wohnen, sich in denselben Kneipen begegnen, sich aber nicht kennen. Erst nach und nach fügen sich diese lose Fäden zu einer großen Geschichte zusammen und alle Figuren haben auf mehr oder minder seltsame Art und Weise miteinander zu tun. Es beginnt mit Vincent, einem Gigolo, der seine Wohnung nicht abschließt, was Konsequenzen hat, setzt fort mit dem Lateinlehrer Ekki, der aus fragwürdigen Gründen frühpensioniert wurde und seinen mit Leidenschaft ausgeübten Beruf als Lateinlehrer damit aufgeben musste. Weiter treten auf Dr. Thomas Stein mit seiner kampfsportlustigen Geliebten Carla, und auch dessen Frau Sarah, die erst spät aber dafür sehr pointiert in Szene gebracht wird; es gibt Sventja, eine rebellierende Vierzehnjährige, der zwei Jungs hinterher rennen, die gegensätzlicher nicht sein könnten, Janine, die abgehobene, besserwissende aber verlorene Tänzerin, die ihre Einsamkeit in einer sexuellen Affäre ertränken möchte, Uwe, Marktleiter der Lebensmittelabteilung bei Karstadt und so weiter…

Es mag auf den ersten Blick so erscheinen, als ob der Autor ein paar Personen zuviel das Wort überträgt um daraus eine gute Story zu machen. Aber weit gefehlt – er hat sie im Griff! Treffpunkt für alle ist eine Kneipe, in der die kräftige Minnie bedient, die, wie könnte es anders sein, ebenfalls mit hinein gezogen wird.

Letztlich dreht sich in diesem Buch alles um Sex. Der Titel ist also nicht nur Mittel zum Zweck sondern Programm. Auch Einsamkeit und Mitleid spielen eine große Rolle – irgendwie passt ja doch alles zusammen. Es ist Berlin, der Ton ist ruppig und schonungslos. Sexualität ist ein Geschäft – Liebe ist Luxus. Krausser tischt alles auf, was schon nur beim Zuhören manch einem einen roten Kopf bescheren dürfte. Hier geht es um verluderte Frauen, die tagsüber große Geschäfte managen, religiöse Eltern, die ihre Kinder sektenartig erziehen und zum Gespött der Gesellschaft machen, um einsame Männer mit dubiosen Beweggründen und – wieder – um Sex. Aber: es geht auch um Liebe, wenngleich diese ein bisschen anders als gewöhnlich dargestellt wird.

Elke Heidenreich sagte zu diesem Buch in ihrer Sendung auf litCOLOGNY.de:

“Das ist kein Buch für Zimperfritzen, meine Damen und Herren! Das böse Wort
mit “F” kommt auf jeder Seite darin vor!”

Ja, so ist es. Wer die Töne darunter nicht hört, der wird keine Freude an diesem (Hör-)buch haben. Denn, bei genauerer Betrachtung dreht es sich um eine Sammlung an Figuren, die einsam und orientierungslos sind und nicht so recht einen Platz im Leben finden. Manche, weil sie ihren Platz verloren haben, wie Janine, die Tänzerin, andere, weil die Gesellschaft in der sie aufwachsen sie zum Scheitern verurteilt, wie in Johnnys Fall und wieder andere, weil sie durch andere „bösartige“ Menschen von ihrem Platz verscheucht wurden. Helmut Krausser erzählt, was viele hinter verschlossenen Türen treiben, was hinter verschlossenen Türen besprochen wird und was in den Köpfen derer vorgeht, die sich hinter diesen verschlossenen Türen befinden. Jede Schicht ist dabei, jeder kriegt sein Fett weg.

Image of Einsamkeit und Sex und Mitleid

Auf skurillste Weise, über scharfsinnige Beobachtungen und mit einem satirischen Ton führt er sie nach und nach zueinander. Es löst sich nichts in Wohlgefallen auf. Manche Dinge bleiben schleierhaft (auch unnötig), andere lösen sich auf. Es ist eben so wie es ist und nicht immer ist Recht von Unrecht deutlich zu unterscheiden.

Herr Krausser scheint hierzulande, ich nehme mal stark an, dass das mit seinem deftigen “erotischen” Ton zu tun hat, eher wenig gelesen zu werden. Ich finde das schade, denn über diesen Stil hinaus, vermittelt er – zumindest in dieser Geschichte – wesentliche Denkansätze in Bezug auf unsere Gesellschaft. Ich werde diesen Autor jedenfalls auf meine Must-Read-Liste setzen, denn dieses rasante, bitterböse und kluge Buch über unsere “Möchtegern- Gesellschaft” hat mir ausnehmend gut gefallen!

Ich habe das bei Audible als Download erhältliche Hörbuch gehört, welches von Andreas Petri gesprochen wird. Andreas Petri trifft den Ton und vor allem den Unterton dieser Geschichte hervorragend. Er inszeniert glänzend und setzt die Charaktere einzeln und gekonnt um. Man könnte meinen, das Buch wäre von ihm bzw. für ihn geschrieben worden. Ich kann diese Lesung nur wärmstens emfpfehlen! Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: „Besser als selbst lesen!“

Fazit
Sehr empfehlenswert diese Gesellschaftsstudie der bösen Art! Als Hörbuch ein Hochgenuss!


Einsamkeit und Sex und Mitleid – Helmut Krausser
4 Std. 37 Min. (gekürzt), Audible Download


Audible Seite mit Hörprobe


Weitere Besprechungen


Weitere Bücher von Helmut Krausser

  • Eros
  • Schweine und Elefanten (1. Teil der Hagen-Trinker-Trilogie)
  • Fette Welt (2. Teil der Hagen-Trinker-Trilogie)
  • Könige über dem Ozean (3. Teil der Hagen-Trinker-Trilogie)
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  • Die kleinen Gärten des Maestro Puccini
  • Ultrachronos
  • Substanz: Das beste aus den Tagebüchern

Ein Lesetipp zu diesem Buch

Aufzeichnungen eines Außenseiters
Price: EUR 7,95

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