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Kurzbeschreibung
Eine Familie hat es nach der Flucht aus dem Osten im deutschen Westen zu etwas gebracht. Doch das alltägliche Leben wird von nur einem Thema beherrscht: der Suche nach dem auf dem Treck verlorengegangenen Erstgeborenen, Arnold. Der jüngere Bruder und Ich-Erzähler des Romans erfaßt schnell, daß ihm nur eine Nebenrolle zugedacht ist. In seiner Vorstellung wird das, was die Eltern ersehnen, nämlich die Rückkehr des Verschwundenen, zum Alptraum. Lakonisch-distanziert und zugleich ironisch-humorvoll erzählt Hans-Ulrich Treichel, Jahrgang 1952, die Geschichte seiner Generation.
Bedrückend…
Diese kurze Geschichte handelt von einer Familie, die aus Russland vertrieben wurden und dabei ihren Erstgeborenen, Arnold, verloren. Erzählt wird aus Sicht des jüngeren Bruders, der das verzweifelte Verhalten und die Ruhelosigkeit der Eltern in grotesken Szenen beschreibt, die sehr Konsternierung hervorrufen.
Viele Themen der Nachkriegszeit werden hier angegangen, nicht im Detail, denn aus Sicht eines Kindes sind es stets verschwommene, unklar bedrückende Geschehnisse, die nicht in Gänze erfasst werden können. Aber die bittere Realität, die dahinter steckt, lässt sich erahnen: die Schrecken der Flucht, die Vergewaltigung der Mutter, der Rassenhass. Und all dies immer mit Blick auf den verlorenen Sohn dessen “verloren gegangen sein” vor allem von der Mutter nicht überwunden werden kann. Die Selbstvorwürfe und das aus diesem Schuldgefühl heraus entstehende egozentrische Verhalten der Mutter sind nervenzerreißend für alle Beteiligten – vor allem aber natürlich für den Ich-Erzähler, der sich zunehmend nichts mehr wünscht, als das Arnold aus seinem Leben verschwindet.
“Damit war, für mich jedenfalls, Arnold ein weiteres Mal gestorben. Beziehungsweise das Findelkind 2307. So unwahrscheinlich es nun war, daß es sich bei dem Findelkind um meinen Bruder handelte, so unwahrscheinlich war es nun auch geworden, daß ich mit ihm mein Zimmer teilen mußte. Ich war beruhigt, auch ein wenig enttäuscht, aber mehr beruhigt als enttäuscht.”
Höhepunkt der Geschichte sind die Untersuchungen in Heidelberg, die die Eltern und der Ich-Erzähler über sich ergehen lassen müssen, um herauszufinden ob das “Findelkind 2307″ der verlorene Sohn Arnold sein könnte. Es ist eine schmerzhafte Odyssee, die letztendlich ein ebenso schmerzhaftes aber absolut angemessenes Ende nimmt.
Und so, nämlich aus Sicht des kindlichen Erzählers, bringt es Treichel mit seiner Erzählung fertig, diese eigentlich furchtbare Geschichte – eine Atmosphäre voller Schuldgefühle – in eine tragikkomische Verpackung zu hüllen, die über den monotonen Stil Distanz bewirkt aber dabei mit dem bestechend klaren Blick des Erzählers spannend bis zuletzt einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Treichel ist ohne Zweifel ein fesselnder Erzähler.
Fazit
Eine schmerzhafte Suche nach dem verlorenen Sohn und der verlorenen Vergangenheit, die die Unmöglichkeit der Aufarbeitung dieser Geschehnisse vor Augen führt. Eine kurze, aber sehr eindringliche Nachkriegserzählung.
Ein feines, kurzes und empfehlenswertes Buch!
Der Verlorene – Hans-Ulrich Treichel
174 Seiten, TB, 7.90 Euro,
Suhrkamp Verlag
Weitere Besprechungen
- Büchereule
- Die Leselust
- Buchkritik (ACHTUNG hier wird die gesamte Geschichte besprochen – inkl. Höhepunkte und Ausgang)
Weitere Bücher von Hans-Ulrich Treichel
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