Posts Tagged: Judentum


23
Aug 10

[Zeitgenössisch] Die Teilacher – Michel Bergmann

“Das jiddische Substantiv »Teilacher« ist der Cousin des jiddischen Berliner Verbs »teilachen«, und das heißt im vulgären Sprachgebrauch so viel wie »abhauen«. seinen Ursprung hat dies wiederum in dem Wort für Hausierer und müsste eigentlich »Teillaacher« geschrieben werden. Es ist ein Pleonasmus und setzt sich zusammen aus dem Begriff »Teil« und dem Wort »Laachod«, Einzelhandel. Der Teilacher, als Vertreter des Einzelhandels, ist das kleinste spaltbare Teilchen, das Atom der Kaufmannswelt. Was den Teilacher vom herkömmlichen Handlungsreisenden unterscheidet: Der Teilacher ist Jude. Oder er gibt sich als solcher aus. Denn es gab eine Zeit, da konnte das, unglaublich, aber wahr, Vorteile haben.
Aber auch Nachteile.”[1]

Inhalt
1972, David Bermann, der »Einstein unter den Teilachern«, ist tot. Nach der Beerdigung finden sich Verständig, Fajnbrot, und Szoros in ihrem Stammcafé ein. Man redet natürlich über alte Zeiten…

1946, Frankfurt am Main. Ausgerechnet nach Deutschland, ins Land der Täter, sind sie zurückgekommen. David Bermann, Emil Verständig, Max Holzmann und die anderen, sie sind zurück. Wie ist es ihnen ergangen? Fast alle waren aus den Lagern gekommen, oft als einzig Überlebende in ihrer Familie. Und doch ist jetzt Aufbruch angesagt: Tag für Tag sind sie unterwegs, um allerlei Dinge zu verkaufen. Wie viel Kraft hat es gekostet, wieder an Liebe, Nestbau und Zukunft zu glauben? [2]

~~~~~~~~~~~~~~~~

Die Geschichte um David Bermann beginnt 1972 als sein Ziehneffe, Alfred, im Altersheimzimmer des Verstorbenen steht und dessen Habseligkeiten zusammen packen soll. Es fällt ihm schwer, er kann sich nicht konzentrieren – zu tief sitzt noch der Schock und die Trauer über den Toten in den Gliedern. Also beginnt er alte Erinnerungen wieder hervorzurufen: wie er mit seinem „Onkel David“ im Boot sitzt und dieser ihm von der Flucht vor den Pogromen in Galizien 1918 berichtet. Seine Geschwister und er fliehen nach Deutschland und eröffnen das Wäschekaufhaus „Gebrüder Bermann“. Das Geschäft läuft gut, aber David Bermann ist das alles zu konventionell. Während seine Brüder jüdische Töchter heirateten und laut David Bermann selbstverständlich hochbegabten Nachwuchs zeugten, entschied er sich gegen das seiner Meinung nach heuchlerisch burgeoise Leben und bezeichnete sich als “Flaneur”.

“Flaneur. Den Begriff kennt man heute ja nicht mehr. [...] Ein Flaneur ist ein Bohemien, nur dass er das Kaffeehaus wechselt. Die frische Luft muss man allerdings in Kauf nehmen, wie Anton Kuh sagt.” [3]

Aber nicht nur das. In Folge entscheidet er sich sogar zum Entsetzen seiner Familie ein Teilacher – ein jüdischer Handlungsreisender – zu werden. Seine Brüder erklären ihn für verrückt einer so brotlosen Kunst zu verfallen und ärgern sich über seinen Eigensinn:

“Du bist doch eine Schande für die Familie, bist du!
Da habe ich gesagt: Und du bist a nudnik! Du weißt, was das ist, a nudnik? Ein nudnik ist einer, den du fragst, na, wie geht’s… und er erzählt es dir!” [4]

Onkel David erzählt Alfred noch von seiner ersten Liebe Maria, die er in einem Anfall jugendlichen Leichtsinns gleich heiraten wollte und sich großspurig brüstete die Sache mit ihren Eltern zu regeln, die als Deutsche sich womöglich wenig glücklich zeigen würden einen jüdischen Schwiegersohn aufzunehmen. Das Ende vom Lied war ein Veilchen und die Landung im Vorgarten der Eltern.

David Bermann wird durchweg als lebensfroher Mensch voller „chuzpe“ gezeichnet, der seine Freiheit und sein Junggesellendasein in vollen Zügen genießt. Bermanns Erzählungen sind stets erfrischend, übertrieben und zeugen von großer Fabulierkunst. Abschweifend, spannend und mit einer gehörigen Portion typisch jüdischem Humor erzählt er die Geschichten seines Lebens.

Später, nach der Beerdigung, geht es weiter mit den Erzählungen. Alfred sitzt mit den verbleibenden Teilachern und Freunden David Bermanns im Café Unterleitner, dem Stammcafé der Teilachermannschaft, und lässt sich dort die Geschichten der Nachkriegszeit erzählen.

Michel Bergmann hat ein Buch geschrieben, dass beim Lesen ein wohlig warmes Gefühl vermittelt. Es scheint, als wäre man mitten in der Runde, bei einem Kaffee in einem Frankfurter Kaffeehaus 1978. Und so erfährt man aus vielen einzelnen Anekdoten Stück für Stück die gesamte Geschichte der Teilacher. Natürlich sind auch hier die Schreckmomente des Krieges und die Demütigungen nicht ausgelassen. Aber Bergmann verzichtet darauf diese in den Mittelpunkt zu stellen. Seine Figuren sind gezeichnet durch ihre Erfahrungen aber nicht bereit aufzugeben, sondern sich auf zu neuen Ufern machen. Sie raufen sich zusammen, bauen sich ihre Leben neu auf und schauen sogar nach einiger Zeit hoffnungsvoll in die Zukunft. Viele verbringen die Kriegszeit im Ausland und überleben auf diese Weise. Sie alle kehren aber nach Frankfurt zurück und treffen sich dort. Es wird ein neues Wäschehaus eröffnet und so nehmen die Dinge ihren – guten – Lauf. Es ist ein Vergnügen den Teilachern bei ihren spektakulären und schelmischen „peckl“-Verkäufen über die Schultern zu schauen. Und immer wenn’s den Anschein macht, es könnte traurig werden, kommt von irgendwo ein Teilacher her und erhellt die Runde mit einem Witz.

„Sagt eine Frau zur anderen: „Mein Mann ist gestorben.“ „Woran denn?“, fragt die andere zurück. „An einer Erkältung.“ „Gott sei Dank nichts Ernstes!“

Fazit
Ein tolles, warmes Buch mit viel Humor, das ein stimmungsvolles Bild sowohl der Vorkriegszeit in Deutschland als auch über das Zusammenleben der Juden und Deutschen zur Nachkriegszeit vermittelt. Michel Bergmann ist ein toller Erzähler, der ein wundervolles Buch geschrieben hat. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule
Deutschlandradio
Bücher Hagalil

[1] Seite 105/106
[2] Seite 42
[3] Seite 43


Image of Die Teilacher

Die Teilacher – Michel Bergmann
288 Seiten, Gebunden, 2010
19,90 Euro,
Arche Verlag



28
Feb 10

[Zeitgenössisch] Die Leinwand – Benjamin Stein

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Kurzbeschreibung
Ein Spiegelkabinett mit zwei Eingängen. Hinter beiden Buchdeckeln beginnt je eine Geschichte. Genau in der Mitte kommt es zur Konfrontation, treffen die beiden Erzähler, Amnon Zichroni und Jan Wechsler, aufeinander.

Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. Geboren in Jerusalem und streng jüdisch erzogen, studiert er in den USA und lässt sich in Zürich als Analytiker nieder. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermuntert, seine traumatische Kindheit in einem NS-Vernichtungslager schreibend zu verarbeiten. Beider Existenz steht auf dem Spiel, als der Journalist Jan Wechsler behauptet, das Minsky-Buch sei reine Fiktion…
Zehn Jahre später wird eben diesem Jan Wechsler ein Koffer zugestellt, der ihm bei einer Reise nach Israel verloren gegangen sein soll – doch Wechsler kann sich an den Koffer nicht erinnern. Auf den Spuren fragwürdig gewordener Erinnerungen reist er nach Israel und gerät in ein Verhör. Tatsächlich, stellt sich heraus, ist er schon einmal dort gewesen, und sein damaliger Gastgeber, Amnon Zichroni, gilt seither als vermisst …

Ein faszinierender, spannender Roman über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen und das Ringen um Identität. Meisterhaft konstruiert – und als Buch zum Wenden zugleich eine Liebeserklärung an das Medium Buch.

Ein Wort voraus…
Es gibt Bücher, die liest man, bespricht man und vergisst man. Es gibt Bücher, die liest man, man bespricht sie ausführlich, weil sie einen Eindruck hinterlassen und behält sie in guter oder schlechter Erinnerung. Und dann gibt es Bücher, die können nicht einfach besprochen werden, weil sie so beeindruckend sind, weil sie so viel vermitteln, dass man eine ganze Weile braucht, um überhaupt zu verstehen, was einem geboten wurde. Und um ein solches Buch handelt es sich bei „Die Leinwand“ von Benjamin Stein.

Das erste, was auffällt ist die Aufmachung. Von hinten oder von vorne, egal mit welcher Geschichte man beginnt, es ist sehr wahrscheinlich entscheidend für den Gesamteindruck, den das Buch hinterlässt. Mein Einstieg war der um Jan Wechsler. Jan Wechsler, ein Verleger, der enorme Erinnerungslücken hat und sich mit einem intensiven Prozess um seine Identität auseinandersetzen muss. Die andere Geschichte, das ist die um Amnon Zichroni, ein jüdischer Psychonanalytiker , streng jüdisch erzogen, mit einem interessanten Lebenslauf. Ist es jetzt eigentlich eine Geschichte oder sind es zwei? Was haben diese Personen miteinander zu tun?

Um das Buch zu verstehen, sollten die Hintergründe des Plots bekannt sein. Es ist nicht zwingend notwendig, aber es verleiht dem Roman einen besonderen Reiz.

Der Hintergrund
1995 veröffentlichte ein Mann namens Binjamin Wilkomirski sein Buch namens „Bruchstücke – aus einer Kindheit 1939 – 1948“. Darin berichtete er in autobiografischer Form über die Ermordung eines Mannes durch einen Uniformierten in Riga, die er beobachtet haben soll, über seinen Aufenthalt in zwei Konzentrationslagern, Auschwitz und Madjanek, und über seine Opferschaft „bestialischer Menschenversuche“ in diesen KZs.

Von Kritikern wurde Wilkomirskis Buch seinerzeit mit Begeisterungswellen überschüttet und erhielt zahlreiche Literaturpreise. Laut der Zeit online gab es zwar „Gewalt- und Horrorszenen aus den Lagern, die ein wenig zu klar und zu effektvoll wirken“ – wie „auf der Couch eines Psychoanalytikers rekonstruierte Alpträume eines Traumatisierten“ (Süddeutsche Zeitung). „Da kriechen Ratten aus Frauenbäuchen, Hirnmasse quillt aus Babyschädeln und Blut schießt den Opfern in mächtigen schwarzen Fontänen aus den Hälsen.“ Im Allgemeinen jedoch hielt man sich stark mit zweifelnden Aussagen zurück, da es Erinnerungen eines Zeitzeugen waren deren Anzweiflung als revolutionär anmaßende Bösartigkeit gedeutet worden wäre.

Der Journalist Daniel Ganzfried jedoch veröffentlichte am 27. August 1998 einen Artikel in der Züricher Weltwoche, in der er Binjamin Wilkomirskis wahre Identität preisgab. Laut Ganzfried hieße Wilkomirski in Wahrheit Bruno Grosjean und in einem Weisenhaus in der Schweiz aufgewachsen. Von dort sei er von einem wohlhabenden Ehepaar namens Dössekker aus Zürich adoptiert worden. Ganzfried konnte im Laufe der Zeit einen lückenlosen Lebenslauf Wilkomirskis vorlegen, was dazu führte, dass dessen Erinnerungen tatsächlich als Fiktion entlarvt wurden.

Nach dieser Aufdeckung begann die Diskussion darüber, was diesen Mann, Bruno Grosjean, dazu brachte solche Erinnerungen nieder zu schreiben. Es wurde Ermittlungen von allen Seiten angestellt, die darlegten, dass Wilkormiski bzw. Grosjean nicht aus einer bloßen Laune heraus diese Erinnerungen verfasst hatte. Ganz im Gegenteil sollen es bruchstückhafte Erinnerungsfetzen gewesen sein, die im Laufe einer jahrelangen Therapie, die dem Mann helfen sollte verdrängte Erinnerungen wieder zu erlangen, hervor geholt wurden. Dabei wurde festgestellt, dass die Geschehnisse in Polen aus Wilkomirskis Buch sich mit den Erfahrungen seiner Schweizer Kindheit deckten. Auch schlimme Misshandlungen hatte Grosjean erlitten, nur nicht im Zusammenhang mit Konzentrationslagern. Der Züricher Historiker Stefan Mächler versuchte mit diesen Nachforschungen darzustellen, dass Wilkomirski nicht berechenden und kalt vorgegangen war, sondern Opfer einer Erinnerungsfälschung im Rahmen einer „Recoverd Memory Therapy“ geworden sei.

„Dabei muß der Therapeut dem Klienten zur Ermutigung immer wieder bestätigen, daß seine Erinnerungen als Bestandteile einer historischen Realität angehört und aufgenommen werden. […] Es bedarf bei dieser Form der Psychotherapie, wie die Autoren ausführen, der Zusammenarbeit des Psychologen mit einem Historiker, um die oft vagen Erinnerungssplitter der Patienten im richtigen Kontext einzuordnen. Das klingt auf Anhieb sehr einleuchtend. Wer jedoch Wilkomirskis Buch kennt, den wird es im Fortlauf des Referats schaudern. Denn erstens stammen alle Beispiele für das Gelingen der Therapie aus ebendiesem Buch. Wenn hier dreimal von “einem Klienten” die Rede ist, wodurch der Eindruck erweckt wird, es sei von mehreren Personen die Rede, so verbirgt sich dahinter doch jedesmal nur Bruno Doessekker, das abgelegte Alter ego des Binjamin Wilkomirski. Und es scheint, als sei der in der Therapie Doessekkers maßgeblich zu Rate gezogene “Historiker” wiederum niemand anders als Binjamin Wilkomirski (“Ostrava University, Czech Republic”). Man bekommt hier einen tiefen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Buches. Es ist gezeugt worden aus dem Geist einer anmaßenden Psychotherapie, die sich zutraut, Lebenssinn und gar eine “Identität” zu erzeugen, indem sie als “historische Wirklichkeit” akzeptiert, unterstützt und bestätigt, was auch immer vom Klienten vorgebracht wird.“
[Quelle: Zeit online]

Das Buch
Stein nimmt den oben beschriebenen Hintergrund als Grundlage seines Romans. Als thematischen Hintergrund. Dabei geht er nicht in der Hauptsache auf die Person „Wilkomirski“, im Buch „Minsky“, ein, sondern auf die beiden anderen Figuren, den Journalisten Jan Wechsler und den Psychoanalytiker Amnon Zichroni. Was der Autor aus diesen Figuren macht, wie er die Geschichten der beiden zu seiner Geschichte macht, und uns damit die Kultur des Judentums und die Problematik des Identitätsverlustes nahe bringt, ist großartig und äußerst beeindruckend.

Über Jan Wechsler erfahren wir sehr intensiv, wie es sich anfühlen mag, wenn die eigene Identität, der eigene Hintergrund, nicht vorhanden ist. Wie kann man ein verlässliches Leben führen, wenn man sich nicht auf seine Erinnerungen verlassen kann? Wie wird Identität erworben und wie zu einem unauslöschlichen Bestandteil einer Persönlichkeit? Diese Fragen beantwortet Stein natürlich nicht, nein, er wirft sie auf mit der Geschichte um Jan Wechsler. Es sind Fragen, mit denen wir uns nicht alltäglich beschäftigen, weil sie nichts mit unseren alltäglichen Problemen zu tun haben. Umso faszinierender ist es, die Auseinandersetzung mit der Thematik Identitätsverlust zu verfolgen.

“Ich weiß nicht, ob ich mich mehr vor der Möglichkeit fürchtete, dass Wechsler meine Erinnerungen und damit mich selbst gestohlen hatte, oder aber vor einer zweiten, die ich für schlimmer hielt: Ich selbst könnte der Dieb sein und irgendwann in den letzten zehn Jahren die Regensburgers, Hillers und Markovás adoptiert und ihre Familiensaga zur Geschichte meiner Familie gemacht haben. Wenn es so war, dann existierte ich gar nicht. Dann bestand ich nur aus der Vorstellung, die ich mir und anderen von mir gemacht hatte.”

Amnon Zichroni dagegen hat kein Problem mit Identitätsverlust. Ganz im Gegenteil besitzt er sogar die Fähigkeit in die Erinnerungen anderer einzutauchen, deren Identität quasi nachvollziehen bzw. vielmehr selbst erleben zu können. Es ist nicht so, dass der Fall „Minsky“ das zentrale Thema um Zichronis Teil ausmacht. Dies wird lediglich auf den letzten zwanzig Seiten behandelt. Vielmehr wird Amrons Leben, sein Aufwachsen in der Schweiz bei seinem Onkel, seine Studienzeit in New York und seine als Psychonanalytiker bedeutendsten Fälle dargestellt. Amnon wächst stets in einer strengen jüdischen Glaubensgemeinschaft auf und behält diesen tiefen Glauben auch.
Wir begleiten Amnon auf seinen Weg zum Psychoanalytiker. Der allgemeinen Schulmedizin gegenüber entwickelt er eine große Skepsis, die nach den Begegnungen mit alternativer Medizin sogar in Ablehnung überschlägt.

“Der mechanistisch argumentierende und auf Apparate und Substanzen vertrauende Medizin erschien mir wie ein faszinierendes Ende aber doch abwegiges Gedankenexperiment, das nicht aufgehen konnte, weil in ihrer Gleichung die Variable des göttlichen Funken in allem Lebenden fehlte.“

Benjamin Stein schreibt aus eigener Erfahrung. Er selbst ist Jude und wuchs in der DDR auf. Allerdings berichtet er durch Jan Wechsler, der glaubt, in der DDR aufgewachsen zu sein, über die Erfahrungen des jüdischen Lebens in der DDR, nicht durch Amnon. Ein sehr interessanter Einblick übrigens.

Stein erzählt in einem sehr anspruchsvollen aber unterhaltenden Ton über jüdisches Leben, über Identität und Wahrheit. Für mich war es eine herausfordernde Lektüre, da ich mich nur bedingt mit jüdischen Gepflogenheiten auskannte und mich nebenbei einlesen musste bzw. wollte. Schon lange habe ich mich nicht mehr mit den Inhalten eines Romans so intensiv beschäftigt, wie bei diesem Buch. Das ist es, was ich mir unter Literatur vorstelle, die Kultur ausmacht.

Aufgrund dessen ist es, so schätze ich, der falsche Ansatz diesen Roman als Unterhaltung zu verstehen. Ich verstehe ihn als Vermittlung von Kultur und einen Beitrag zur Völkerverständigung auf unterhaltender Ebene. Er ist etwas ganz Besonderes. Nicht nur, weil man es von vorne oder von hinten lesen kann. Es führt an Themen heran, die nicht häufig als Plot dienen. Daneben vermittelt die Lektüre eine Fülle an Informationen, die aufgenommen, erforscht und bewertet werden wollen.

Fazit
In Sternen ist hier schwer zu urteilen – meines Erachtens werden nur fünf Sterne dem Werk nicht gerecht. Viel Zeit und Muße sollte man sich für das Lesen nehmen. Keine Empfehlung an alle. Aber eine große Bereicherung, wenn man sich darauf einlässt, die sich setzen muss und die nachwirkt. Also doch eine Empfehlung – eine ganz persönliche.

Am Rande...
Hintergrundinformationen über den Fall Wilkomirski bei Wikipedia
Als Zweitbuch bzw. Sekundärliteratur empfehle ich wärmstens [avhamazon locale="DE" asin="3548367135" linktype="text" picsize="small"] von Paul Spiegel.


Die Leinwand – Benjamin Stein
416 Seiten, Gebunden, 2010, 19,95 Euro,
C.H.Beck

Weitere Besprechungen

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