Posts Tagged: Humor


24
Mai 10

[Belletristik] Die Cappuccino Jahre – Sue Townsend

Ersten Sätze…
Mittwoch, 30. April 1997
So greife ich dann wieder zur Feder, um das Treiben meiner Zeitgenossen aufzuzeichnen (den Schmus »und -genossinen« kann ich mir bei der strengen Nichtöffentlichkeit dieses Tagebuchs gottlob sparen).
Ich wage vorherzusagen, dass mit Anbruch des übermorgigen zweiten Mai die Labour Party mit hauchdünner Mehrheit obsiegt haben und folglich die neue Regierung bilden wird. Das Gerede von einem erdrutschartigen Wahlsieg ist hysterischer Medienschwachsinn.”

Inhalt
Adrian Mole ist wieder da – diesmal im Alter von 30 3/4 Jahren. Der beliebteste Tagebuchautor Englands bekommt langsam eine Glatze, fühlt sich selbst ganz als Intellektueller, trifft Bridget Jones und arbeitet als Koch in dem noblen Szenelokal Hoi Polloi in Soho. Sehr zu seinem Leidwesen ist noch immer nichts aus der erträumten Schriftstellerkarriere geworden. Auch ansonsten verläuft in Adrians Leben bei weitem nicht alles nach Plan: seine Ehe liegt in Scherben, sein junger Sohn wird von der Mutter in Ashby-de-la-Zouch aufgezogen, seine 16-jährige Schwester zieht mit ihrem mehrfach gepiercten Freund zusammen, und sein Vater ist manisch-depressiv ans Bett gefesselt. Adrian führt immer noch Listen mit jugendlichen Neurosen und befasst sich ausgiebig mit der lebenswichtigen Frage, ob Viagra tatsächlich hält, was es verspricht. Von einem Kabefernsehproduzenten entdeckt, wird Adrian schließlich zum Star einer Kochsendung, die sich auf Innereien spezialisiert hat. Selbstverständlich träumt Adrian imm noch von seiner großen Liebe Pandora Braithwaite, die mittlerweile für Tony Blairs Labour-Partei kandidiert. Es versteht sich von selbst, dass er sogleich ins heimatliche Leicester aufbricht, um seine Stimme für die atemberaubende Politikerin abzugeben…

Nicht ganz das alte, aber trotzdem nicht schlecht…
Adrian ist wieder da! Nicht in Höchstform, aber in guter. Wie immer macht er sich viele Gedanken um Nichtigkeiten, fährt übervorsichtig Auto, ist mittlerweile süchtig nach Gummibärchen usw.

Adrian wird dieses Mal Koch in einer Fernsehsendung spezialisiert auf die ekelhaftesten Gerichte (Innereien) – nur, er kann nicht kochen. Macht nichts, wie immer schlingelt er sich durch. Ach ja, ein entsprechendes Buch muss er auch schreiben (»Alle schreien nach Innereien – das Buch!«). Die Show seiner Sendung wird ihm, wie sollte es anders sein, komplett von seinem Assistenten Dev Singh gestohlen. Er wird der eigentliche Star, aber Adrian hat eine tiefe Begabung dafür, die Dinge nicht so zu sehen, wie sie wirklich sind. Er findet die ein oder andere Aktion, die ihn aussen vor lässt, zwar empörend, aber dennoch hält er an seinem intellektuellen Starstatus bis zuletzt fest.

Vielleicht hat die Autorin in diesem Band etwas über das Ziel hinaus geschossen und damit die Story überladen. Es geht u.a. um Pandoras Wahlkampf, Adrian als Koch im Szenelokal Hoi Polloi und sein Rausschmiss, Adrian als Pseudo-Koch einer niveaulosen Fernsehsendung, die Affären seiner Eltern (Adrians Mutter und Pandoras Vater ziehen zusammen, im Anschluss natürlich auch Adrians Vater mit Pandoras Mutter…), das Auftauchen seines Sohnes Glenn, der Umzug ins neue Haus usw.

Es gibt einen Abschnitt, der mir wieder besonders gut gefallen hat und den ich hier wiedergeben möchte:

Sonntag, 15. Februar
Les Banks, der Dachdecker, den ich mit den Arbeiten an Archies Haus beauftragt habe, rief an, um zu sagen, er könne heute leider nicht wie verabredet anfangen. Seine Schwiegermutter sei vergangene Nacht unerwartet gestorben.

Montag, 16. Februar
Ein Mensch namens Nobby kam vorbei und fragte, ob er die »Leitern mal hinten abstellen» könne. Er behauptete, ein Betriebsangehöriger von Les Banks zu sein. Ich bat ihn, sich in irgendeiner Form entsprechend auszuweisen. Er sagte:»Rufen Sie doch Les über das Handy an.«
Ich tat’s. Les bestätigte, dass Nobby einer seiner Arbeiter sei und dass die Arbeiten in Rampart Terrace am Mittwoch aufgenommen werden würden, »sobald wir die Beerdigung hinter uns gebracht haben«. Er hörte sich nicht besonders gramgebeugt an. Im Hintergrund dudelte Radio One, und es klang fast, als befände er sich auf einem Dach.
15 Uhr
Ich finde, die Familie Banks bringt die Verstorbene in unziemlicher Hast unter die Erde!

Mittwoch, 18. Februar
Keine Spur von Les Banks. Nobby kam nachmittags um fünf vorbei und nahm die Leiter wieder mit. Ich rief Les an, bekam aber nur seine automatische Ansage zu hören. [...]

Donnerstag, 19. Februar
Les Banks rief an, um mir mitzuteilen, er könne heute leider die Arbeiten nicht aufnehmen. Er sei »mit der Frau in der Unfallstation vom Krankenhaus. Sie ist mit den Fingern in ihr elektrisches Tranchiermesser geraten.«
Nobby brachte die Leitern wieder.

Freitag, 20. Februar
Die Finger von Mrs Banks haben sich entzündet, was einen neuerlichen Krankenhausbesuch erforderlich machte. Les ist seiner Frau offensichtlich sehr zugetan. Er hat hoch und heilig versprochen, am Montag anzufangen. »Da gibt es kein Vertun, Mr Mole.«

Montag, 23. Februar
An Mrs Banks verletzten Fingern hat sich eine Blutvergiftung entwickelt. »Die ganze Hand steht jetzt auf dem Spiel.« Im Haus ist es indessen eiskalt, und das Dach ist undicht. Wird der von häuslichem Pech verfolgte Mr Banks jemals in der Lage sein, die Arbeiten an meinem Haus aufzunehmen?

Dienstag, 3. März
Habe Les Banks getroffen, als er im BP-Shop Zigaretten kaufte. Ich erkundigte mich nach seiner Frau. Er sah mir mit geweiteter Pupille tief in die Augen und sagte: »Es geht ihr gar nicht gut. Ihr Vater ist letzte Nacht tot umgefallen.« Ich gab ein zynisch-bitteres Lachen von mir und empfahl mich.
Ich hörte Banks »Gefühlloses Arschloch!« hinter mir herrufen.

Donnerstag, 5. März
Bin sehr erschrocken, als ich heute Abend im »Leicester Mercury» ein Foto von Les Banks und Familie sah. Die Schlagzeile lautete:»vom Pech verfolgt: Tapfere Familie zittert vor weiteren Schicksalsschlägen.«
Ich brachte es nicht fertig, den zugehörigen Artikel zu lesen, und wünschte, mein Blick wäre nicht zufällig auf das Fettgedruckte unter dem Foto gefallen, wo die Rede ar von der »trotz Handamputation ungebrochenen Hausfrau Lydia Banks (41)«.
[...]
Ich habe Les Banks angerufen und mich entschuldigt. Er sagte, er würde morgen kommen, »wenn das Wetter mitspielt«. Ich fragte ihn, wann das Wetter für ihn nicht mehr mitspielt. Er sagte:»Wenn’s mich vom Dach weht.«

Freitag, 6. März
Den ganzen Tag Wind mit Sturmböen.[...]

Sonntag, 8. März
Les Banks rief gestern an. Er sagte, ein Sattelschlepper habe beim Zurücksetzen seinen Hund angefahren. Ich achtete darauf, gebührend Mitgefühl zu äußern. [...]
Ich wünschte ihm gute Besserung für seinen Hund.

Fazit
Insgesamt ist dieser Teil der Reihe wahrscheinlich einer der schwächeren. Einige Abschnitte ziehen sich hin, was man nun von Sue Townsend wirklich nicht gewöhnt ist, andere aber gleichen das wieder aus. Trotz allem, die Adrian Mole-Tagebücher gehören für mich zu den besten Büchern. Gerade in schlechten Zeiten sind sie für mich unersetzlich.

Die Adrian Mole Reihe im Überblick
1. Das Intimleben des Adrian Mole, 13 3/4 Jahre
(fasst die beiden ersten englischen Bände »The Secret Diary of Adrian Mole, Aged 13¾« und »The Growing Pains of Adrian Mole« zusammen)
2. The True Confessions of Adrian Albert Mole (nicht in deutscher Sprache erschienen?)
3. Adrian Moles wilde Träume. Geheime Tagebücher, vierter Teil
4. Die Cappuccino-Jahre. Ein Adrian-Mole-Roman
5. Adrian Mole und die Achse des Bösen
6. Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole
7. The Prostrate Years (2009, noch nicht auf Deutsch erschienen)

Weitere Besprechungen
Die Leselust
Hansblog


Image of Die Cappuccino-Jahre: Ein Adrian-Mole-Roman

Die Cappuccino Jahre – Sue Townsend
432 Seiten, TB, 2007, Originaltitel »The Cappuccion Years«
8,95 Euro,
Heyne Verlag


Weitere Bücher von Sue Townsend
Queen Camilla
Downing Street No. 10


1
Apr 10

[Hörbuch] Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch

Lust auf einen überaus netten, humorigen und modernen Liebesroman? Hier ist einer…

Robert und Monika – er 27, sie 42
Robert, siebenundzwanzig und Angestellter eines PC-Game Unternehmens, trifft unerwartet auf seine große Liebe Monika. In einer Reinigung. Robert beschreibt sich selbst als selbstbewusst und gutaussehend. Ja, sogar als Frauenschwarm. Dennoch macht er einen liebenswürdigen Eindruck. Er wirkt ein wenig naiv bei seinen Schilderungen, neigt dazu das ein oder andere Fettnäpfchen mitzunehmen und ist mit einem warmen Herzen ausgestattet. Zum Gernhaben halt.

Mit eher mäßiger Begeisterung habe ich mich dieser Geschichte angenähert. Dafür gab es allerdings keinen Grund. Gernot Gricksch beschreibt realistisch und dabei stets mit Humor die Entwicklung dieser eher ungewöhnlichen Liebe. Ungewöhnlich ist vielleicht nicht das richtige Wort, vielleicht wäre seltene Konstellation besser ausgedrückt. Monika ist fünfzehn Jahre älter als Robert. Das stört ihn jedoch überhaupt nicht. Im Gegensatz zu Monika, die nicht nur um die Beziehung zu ihrem pubertierenden Sohn fürchtet, sondern auch um ihr Ansehen bei Freunden und Verwandten. Und so entwickelt sich nach und nach eine tiefe Zuneigung, die ihre Momente der Leidenschaft erlebt, aber auch die der kräftezerrenden Routine.

Hier ist alles vereint, was unterhält – vor allem Komik. Obwohl die Story eher unspektakulär ist, ja sich fast schon eines 08/15-Plots bedient, unterliegt man umgehend dem Sogeffekt. Keine langweiligen Szenen, keine überflüssigen Beschreibungen – einfach Unterhaltung pur. Es ist sicher nichts spektakulär Neues und auch nicht sonderlich tiefgründig. Aber es ist durchaus nett.

Das Hörbuch bietet zwei große Vorteile: gute Unterhaltung für Erkältungstage im Bett, an denen es nicht zum Lesen reicht, aber der Schlaf nicht kommen will und es ist ungekürzt. Ich habe mich an den Sprecher gewöhnt, bin aber davon überzeugt, dass mir das Buch selbst gelesen besser gefallen hätte. Die Aussprache ist teilweise holprig und die Betonung der Aussagen mit sarkastischem Inhalt bisweilen ermüdend. Ich hätte mich über ein wenig mehr Pointierung gefreut.

Fazit
Die Geschichte macht Spaß! Das Hörbuch ist empfehlenswert, wenn auch nicht ganz nach meinem Geschmack gesprochen. Ich habe mir den Film auf meine Leihliste gesetzt und bin schon sehr gespannt darauf.

Weitere Besprechungen
Büchereule


Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch
9 Std. 54 Min. (ungekürzt),
Gesprochen von Max Trüffel,
17,95 Euro (regulär), 9,95 Euro (als Audible-Abonnent)
audible


Ähnliche Bücher

Image of Neue Vahr Süd. 12 CDs: Autorenlesung

Neue Vahr Süd
Wir befinden uns im Jahre 1980 in der Neuen Vahr Süd, einem ganz und gar nicht pittoresken Neubauviertel im Osten von Bremen. Für Frank Lehmann, der gerade seine Lehre beendet hat, noch immer bei seinen Eltern wohnt und irgendwie vergessen hat, den Wehrdienst zu verweigern, wird es ein hartes halbes Jahr. Zwar gelingt ihm nach einem Streit der Auszug aus dem Elternhaus in eine chaotische Wohngemeinschaft im Bremer Studentenviertel Ostertor, aber ein neues Zuhause hat er damit noch lange nicht gefunden, und die Neue Vahr Süd holt ihn immer wieder ein. Und während Frank – noch immer rätselnd, wie es so weit kommen konnte – in der Kaserne strammstehen, Hemden auf Din-A-4 falten und durchs Gelände robben muss, streiten seine Freunde für ihre Version der proletarischen Weltrevolution, gegen Militär und Aufrüstung und um die energische Sibille, ohne diese allerdings vorher nach ihrer Meinung gefragt zu haben. Hin- und hergerissen zwischen Auflehnung und Resignation kämpft Frank Lehmann hart am Abgrund und mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln für eine eigene, würdige Existenz zwischen zwei widersprüchlichen Welten. Sven Regener ist ein komischer und zugleich beklemmender Roman gelungen, der uns über den Aufbruch seines Helden in eine verwirrende Zukunft die frühen achtziger Jahre von einer Seite nahebringt, die wir erfolgreich verdrängt zu haben glaubten.
(© Roof Music)
34,95 Euro Audible Preis, 9,95 Euro Audible Abo Preis


26
Mrz 10

[Humor] Radio Heimat – Frank Goosen

“An lauen Sommerabenden stehe ich gern auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die Fiege-Brauerei, das neue Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus 2001), die Türme von Propstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbau-Museums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!”

Kurzbeschreibung
Wie heißt es im Pott so treffend: Woanders ist auch scheiße, oder?
In Radio Heimat erzählt Frank Goosen Geschichten von zuhause, von Helden und Laberfürsten, von Pomeesbuden und Kneipen. Zhause, das ist das Land der Autobahnen, der frechen Blagen und der alten Frauen, die nicht auf den Mund gefallen sind. Goosens Omma taucht hier ebenso wieder auf wie die Kumpels Mücke und Scotty, wenn der Autor und Kabarettist unterwegs ist in Stadien und Partykellern, in Parks und Brachen. Drängende Fragen werden beantwortet: Wieso sagte Vattern früher: Mach die Augen zu und iss? Was meinter der Wirt, als er sprach: Wat der Mensch braucht, dat muss er haben? Und wer kann hier von sich behaupten: Kär, wat ham wir früher malocht?

Ganz großes Kino!

Höflichkeit ist was für Leute, die nicht richtig arbeiten können!

Genial – ehrlich! Wir Goosen seine Heimat beschreibt, Land und Leute, Landschaften und Gebräuche, ist genial, erfrischend und hemmunglos ehrlich.
Schon der erste Satz ist grandios!

“An lauen Sommerabenden stehe ich gern auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die Fiege-Brauerei, das neue Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus 2001), die Türme von Propstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbau-Museums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!”

Mit einer großen Portion Ruhrpott-Patriotismus erzählt Frank Goosen in stetig humorvollen Ton von seiner Heimat, seinen Erfahrungen, seinem Aufwachsen und seinen “Lieben”. Er erzählt von einem Menschenschlag, der “nicht besonders höflich, dafür aber sehr direkt” ist. Die Folge davon? “Man kommt mit ihnen ins Gespräch, ob man will oder nicht”.

Egal, ob es um den besagten Menschenschlag geht, der sich im Ruhrpott so herumtreibt oder um den ruhrpotteigenen Budenzauber, Frank Goosen erzählt ohne zu spotten. Einfach so, wie es ist. Für Auswärtige sehr informativ, für Einheimische völlig normal und für alle ausgesprochen amüsant.

“Das größte Plus für die Lebensqualität zwischen Recklinghausen und Hattingen, Duisburg und Unna ist jedoch die “Trinkhalle” oder “Selterbude”, kurz: die Bude, ein nicht wegzudenkender Versorgungsstützpunkt, der elementare Grundnahrungsmittel wie Flaschenbier, Kartoffelchips und Klümpchen auch jenseits der üblichen Ladenöffnungszeiten bereithält.”

Woran man gute Buden erkennt, das sollte man besser selbst nachlesen.

Um das obige Zitat besser einordnen zu können, muss man natürlich wissen, dass für Goosen “Südlich von Hattingen Tirol ist und nördlich von Recklinghausen Dänemark, östlich von Unna beginnt für ihn Sibirien und westlich von Duisburg ist die Welt zu Ende und da fallen alle ins Urmeer!”

Umgehauen hat mich auch die Beschreibung der Haushaltskittel der Ruhrfrauen – das wohl meistgetragenste Kleidungsstück dieser Gegend.

“Man fragte sich spontan: Wie kam die Tante da überhaupt rein? Vermutlich wie der Christbaum ins Netz kommt: Im Altersheim stand auf dem Gang eine durchgeschnittene Tonne, da kam vorne der Pullover drauf, und hinten schoben zwei Zivis.”

Ich habe gelernt, Schrebbagahten und Currywurstpommesamayo gehören zum Pott wie Stoibers “äh” und Hofbräuhaus zu Bayern. Das ist Kultur! Von wegen Klischees! Und eines ist sicher: “Woanders is auch scheiße!”

Fazit
Egal ob Ruhrpottler oder Auswärtiger, der bei einem Ruhrbesuch den Begriff der Schönheit erweitert bekommt, dieses Buch ist eine Meisterleistung und eine großartige Hommage an Land, Leute und Kultur. Umwerfend komisch, aber von Herzen kommend. Bitte Herr Goosen, mehr davon!

Weitere Besprechungen
Büchereule
aus.gelesen
Bernd Weber
Buch Avisio


Radio Heimat – Frank Goosen
163 Seiten, Gebunden, 14,95 Euro,
Eichborn Verlag


25
Feb 10

[Belletristik] Der Schneeflockenbaum – Maarten ‘t Hart

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Kurzbeschreibung
Vom ersten Tag an war seine Mutter misstrauisch gewesen gegenüber der »dürren Missgeburt«, wie sie seinen Freund Jouri immer nannte. Als Sohn eines Kollaborateurs hatte Jouri in den Niederlanden der Fünfziger Jahre wahrhaftig nicht viel zu lachen, genauso wenig wie der Erzähler selbst, der mit seinem eigensinnigen Humor und seinen Darmwinden Mitschüler und Lehrer quälte. Als sich dann einmal die kleine Ria Dons tapfer an seine Seite stellt und ihm, gegen Bezahlung von fünf Cent, sogar erlaubt sie zu küssen, ist das der Beginn einer schmerzlichen Erfahrung – denn Jouri zerreißt das zarte Band und spannt ihm ungerührt die Freundin aus. Voller funkelnder Lust am Erzählen ist »Der Schneeflockenbaum« ein Roman um verlorene Liebe, ein lebenslanges Missverständnis und eine unerklärliche Freundschaft.

Seichtes dahinplätschern…
Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, weil ich vor längerer Zeit Das Wüten der Welt von diesem Autor gelesen habe und begeistert war. Demnach hatte ich mir eine genauso spannende und unterhaltsame Lektüre erhofft, bin jedoch zu dem Schluß gekommen, dass Der Schneeflockenbaum qualitativ keineswegs an das oben genannte Buch heran kommt.

Es dreht sich alles um eine lebenslange Freundschaft zwischen einem namenslosen Ich-Erzähler und seinem Sandkastenkumpel Jouri. Beide stehen stets ein wenig im Abseits. Der Ich-Erzähler aufgrund einer üblen desozialisierenden Darmerkrankung, die ihn ständig und in den unmöglichsten Situationen laut furzen und auf die Toilette rennen lässt. Der andere, Jouri, aufgrund der Tatsache Sohn eines Kollaborateurs zu sein. Die Eltern anderer Kinder ermuntern diese natürlich nicht zum Umgang mit Jouri.

Wie es die Umstände so wollen, werden der Ich-Erzähler und Jouri gute Freunde – Jouri stört der Gestank, den der Ich-Erzähler oftmals ausbreitet und weswegen er gemieden wird, nicht. Selbstverständlich werden sie auch älter. Und auf einmal beginnt die Misere: Jouri spannt seinem Freund sämtliche Freundinnen aus. Kaum hat sich der Ich-Erzähler in eine junge Dame verguckt, ist Jouri schon zur Stelle um sie ihm auszuspannen. Dieses Szenario zieht sich sogar bis zur Ehe der beiden Männer hin. Überraschend dabei ist, wie loyal der Ich-Erzähler stets gegenüber seinem Freund bleibt. Das wirkt gelegentlich schon recht unglaubwürdig.

Maarten ‘t Harts Kernaussage ist kurz und bündig. Wohin es führen kann, wenn destruktiven Neidgefühlen nachgegeben wird und was das mit verpassten Chancen zu tun hat, davon handelt dieses Buch. Wahrscheinlich geht es auch um die Schwierigkeiten des “Erwachsen werden”, aber dies sicher nur am Rande.

Der beliebte niederländische Autor besitzt einen amüsanten und lockeren Stil, den er auch hier einsetzt. Er ist ein sehr guter Erzähler. Letztlich rettet diese Tatsache das Buch, denn schon früh zieht sich die Thematik hin. Augenscheinlich dreht dreht sich alles um die Ausspannerei, aber leider ist weit weniger ersichtlich, wo es letztendlich hinführen soll. Jouri spannt eben am laufenden Band die Freundinnen aus, aber na ja, nach der dritten müssen nicht noch drei weitere folgen. Irdendwann besteht der Wunsch nach Aufklärung.
Die Unklarheiten – auch in Bezug auf den Titel – lösen sich natürlich auf. Allerdings bleiben große Überraschungen bis zum Ende hin aus. Die Figuren als farblos zu bezeichnen wäre unangebracht, aber sie bleiben entfernt, da die Motivation für ihre Handlungsweise nicht klar dargestellt wird. Man liest, man findet seltsam, was das vor sich geht, aber man leidet oder freut sich sicher nicht mit den Figuren. Das hat wohl den Grund, das eine Unklarheit doch bestehen bleibt: warum der Ich-Erzähler und Jouri ein Leben lang befreundet bleiben, erschließt sich beim besten Willen in keiner Weise.

Auch auch in diesem Roman, wie so oft bei Maarten ‘t Hart, spielt die klassische Musik wieder eine bedeutende Rolle. Die große Leidenschaft des Autors zu dieser Musikrichtung muss man zwar nicht teilen, aber es schadet nicht ein wenig Interesse dafür übrig zu haben, um der Langatmigkeit entgegen zu kommen.

Fazit
Eine ruhige und mäßig unterhaltende Geschichte, die ein wenig mehr Plot vertragen hätte. Die Kernbotschaft ist recht dürftig und wird im Laufe der Erzählung schlichtweg überstrapaziert. Es schadet nicht dieses Buch zu lesen, aber es macht auch nichts, wenn man es nicht tut. Als Hörbuch könnte ich es mir besser vorstellen…


Der Schneeflockenbaum – Maarten ‘t Hart
350 Seiten, 2010 HC, 19,95 Euro,
Piper

Weitere Besprechungen

Weitere Bücher von Maarten ‘t Hart
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15
Feb 10

[Zeitgenössisch] Das war ich nicht – Kristof Magnusson

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Drei Personen, eine Stadt: Chicago. Jasper, Meike und Henry treffen dort, rein zufällig, aufeinander. Jasper ist Trader. Er handelt mit virtuellem Geld. Dass das mal schief gehen kann haben wir in letzten zwei Jahr im Rahmen der Finanzkrise selbst erfahren. Warum das aber schief gehen kann, was dahinter steckt und was „virtuelles Geld“ eigentlich im engeren Sinne bedeutet, das haben vielleicht nicht alle verstanden. Jasper begeht eine kleine überhebliche Dummheit, nein, eigentlich macht er alles richtig, aber es läuft eben alles aus dem Ruder. An dieser Stelle setzt Magnusson an. Der Part rund um Jasper und seine Geschäfte ist eine gute Möglichkeit die Hintergründe der Finanzwelt nachzuvollziehen. Keine Angst, dabei prasseln nicht seitenweise Fachbegriffe der Finanzwelt nieder, nein, vielmehr bekommen wir unvergleich einleuchtende Erläuterungen, die auf unterhaltsame Weise für einen Mehrwert an Allgemeinbildung sorgen.

“Es könnte so kommen wie in dem Disney-Comic, den jemand an die Wand hinter dem Wasserspender gehängt hatte: Tick, Trick und Track bieten auf einem Flohmarkt Limonade an. Tick hat einen Taler, kauft ein Glas, trinkt es. Zahlt den Taler an Trick. Der kauft damit ein Glas, trinkt es. Zahlt an Track. Auch der kauft ein Glas und zahlt mit dem Taler. So verkaufen die Drei sich reihum mit demselben Taler immer wieder neue Limonade. Als alle Flaschen leer sind, glauben Tick, Trick und Track, dass sie viel Geld verdient haben – schließlich haben sie ja jedes Glas Limonade verkauft. Als sie festestellen, dass in ihrer Kasse nur ein Taler ist, fallen sie aus allen Wolken.”

Klasse, absolut laientauglich diese Erklärung, oder?! Ja, so oder so ähnlich muss es den Finanzexperten wohl auch gegangen sein.

Neben Jasper gibt es noch Meike. Meike übersetzt überwiegend „Hausfrauenpornos“. Einmal aber darf sie ein ganz großes Werk übersetzen: „Unterm Ahorn“, vom gefeierten amerikanischen Schriftsteller Henry La Marck. Das ist ihr Durchbruch. Denkt sie.
Wir lernen Meike kennen, als sie gerade dabei ist, aus ihrem vermeintlichen Bilderbuchleben zu verschwinden. Im Prinzip hat sie in Hamburg alles, was man sich so wünschen kann: einen zuverlässigen, netten Freund (das ist jetzt mal so angenommen, wir kommen ihm nicht sehr nahe und Meike verrät auch nicht allzu viel über ihre Beziehung), weitere nette und sorgende Bekannte, alle gerade auf dem Weg Familie zu gründen und sesshaft zu werden. Meike sieht sich in die Enge getrieben, fühlt sich unwohl, vielleicht auch dem Druck der Bilderbuchgesellschaft nicht mehr gewachsen, packt ihre sieben Sachen, nimmt Abschied von Hamburg und zieht ans Ende der deutschen Welt. Dort angekommen, wartet sie nun auf das neueste Werk von Henry La Marck, das sie wieder übersetzen soll. Zuvor muss sie jedoch lernen ihr Holz zu hacken für den Ofen.

Tja, und dann gibt es noch Henry. Henry, der Schriftsteller, der mit seinem Buch „Unterm Ahorn“ den Bestseller schlechthin geschrieben hat. Henry ist gefeiert, darf in Talkshows, gemeinsam mit Elton John, auftreten und erhält Preisnominierungen. Besser könnte es nicht laufen. Schwer im Magen liegt ihm nur, dass die Menschheit gerade auf seinen Jahrhundertroman wartet, den er selbst versprochen hat zu schreiben. Noch schwerer im Magen liegt jedoch die Tatsache, dass er nicht nur nicht fertig ist mit diesem Roman, sondern, dass er noch nicht einmal ein Wort dazu niedergeschrieben hat. Er steckt ein bisschen in der Klemme. Um unangenehmen Fragen nach dem Manuskript auszuweichen haut er auf einer Party einfach ab und versteckt sich.

Jasper, Meike, Henry. So ist auch das Buch aufgebaut. Aus immer wechselnder Erzählperspektive und immer aus Sicht der jeweiligen Person berichtet, nimmt die Story eine rasante Entwicklung an. Jasper ist bereits in Chicago, Meike fliegt im Laufe dorthin und Henry ist ohnehin aus dieser Gegend. Alle drei treffen sie per Zufall aufeinander und ihr Schicksal wird auf originelle Art und Weise miteinander verwoben. Jasper ist Henrys „Business-Boy“, Meike findet Henry toll und Jasper findet Meike toll.

Kristof Magnusson hat ein tolles Händchen für’s Schreiben – das steht fest. Keine Zeile Langatmigkeit, kein Wort zu viel. Der Plot ist originell, der Spaßfaktor ganz hoch. Klasse Unterhaltung. Kurze Kapitel, rasante Handlung machen „Das war ich nicht“ zu einem rasanten Roman über aktuelles Zeitgeschehen. Hinterher passt alles, alles ist schön, es bleibt kein Türchen offen. „Das war ich nicht“ als Titel war eine gute Wahl.

Fazit
Nichts Tiefgründiges, nichts Schweres, aber flott und sehr unterhaltsam. Eine sichere Empfehlung für ein paar gelungene Lesestunden. Gute Unterhaltung!


Das war ich nicht – Kristof Magnusson
283 Seiten, 1. Auflage 2010,
Kunstmann Verlag

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Weitere Informationen

Weitere Bücher von Kristof Magnusson
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Zuhause
Auf Weihnachten in Reykjavik hat Larus Ludvigsson sich so richtig gefreut. Aber dann kommt alles anders. Kurz vor der Abreise macht sein Freund mit ihm Schluss, das isländische Einwohnermeldeamt erklärt ihn für tot, und Dagur, der sich in Larus verliebt hat, begeht Selbstmord. Dagur, der aus der einflussreichsten Familie Islands stammt, war einer mysteriösen Enthüllung über seine Vorfahren auf der Spur. Larus gelingt es, hinter das Geheimnis um Dagurs Familie zu kommen. Doch dabei wird er selbst mit seiner isländischen Herkunft auf eine Weise konfrontiert, die er sich nie hätte träumen lassen …


10
Feb 10

[Must-Reads] David Sedaris’ gesammelte Anekdoten…

Wer David Sedaris nicht kennt, hat lesetechnisch, menschlich und im Bereich der satirischen Erzählungen tatsächlich etwas verpasst. Aber kein Grund zur Panik: das kann und sollte nachgeholt werden!

David Sedaris Texte stecken voller wortgewaltiger Momentaufnahmen, die an Situationskomik nicht zu überbieten sind. Teilweise sind sie einfach völlig absurd und unglaublich, teilweise aber auch grotesk und ungewollt komisch, besonders wenn es um um sein schwieriges Heranwachsen geht. Er kommt aus einer völlig verdrehten Familie, über die er sich nicht zu schade wird zu schreiben. Ich frage mich manchmal, ob seine Verwandten seine Bücher lesen bzw. wissen, womit er eigentlich sein Geld verdient… Seine Rückblicke sind gnadenlos detailliert, zynisch und alles andere als loyal der Familie gegenüber, wenn Loyalität auch darauf abzielt, Dinge, die sich hinter den bekannten vier Wänden in Familien abspielen, auch dort zu belassen. Ganz getreu dem Grundsatz “Die besten Geschichten schreibt das Leben“.

Bei youtube.com gibt es dieses amüsante Video einer Kurzlesung von Sedaris aus dem Titel “Schöner wird’s nicht” bei Letterman:

Infos und Interviews

Hier die Empfehlungen (die Bücher im Original sind übrigens auch nicht zu verachten!):
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Nackt
Willkommen in der haarsträubenden Welt des David Sedaris. Sedaris packt die gegenwärtige Autobiographienmode beim sprichwörtlichen Schlafittchen und erklärt das weite Feld seines Lebens und das seiner Familie zum Minenfeld. In siebzehn Geschichten erzählt er von seinen Betätigungen als halbwüchsiger Tramper, Apfelpflücker, Möchtegern-Schauspieler, Collegestudent oder Nudist – witzig, anrührend, exzentrisch, pingelig und zutiefst charmant.

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Ich ein Tag sprechen hübsch
“Nackt” war erst der Anfang – jetzt kommt die Fortsetzung!
David Sedaris schreibt hier seinen mit dem Erfolgstitel “Nackt” begonnenen “Roman in autobiographischen Geschichten” fort. Noch einmal wirft der Autor einen Blick zurück in die Kindheit. Wir erleben Davids Vater und dessen Jazz-Leidenschaft, gehen mit Klein David zur Logopädin, begleiten den Kunststudenten David zum ersten Mal in den Aktsaal und beobachten, wie aus David “Mr. Sedaris” wird.

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Oft kopiert – nie erreicht: Sedaris ist das Original, denn niemand kann die Schrecken des Jungseins und des Familienlebens so haarsträubend komisch und charmant schildern.

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Die fünf schönsten Geschichten, die David Sedaris zum Thema Weihnachten geschrieben hat!

Die Weihnachtszeit kann nervenaufreibend sein, vor allem als Zwerg im größten Kaufhaus der Welt, bei Macy’s. Denn es glaube keiner, dass es nur eine Art von Zwergen gibt … Aus diesem Stoff sind die kleinen und großen Tragödien, die hinter jeder Ecke lauern und von denen David Sedaris erzählt. Kongenial ins Deutsche übertragen von Harry Rowohlt.

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Seine Geschichten sind Satire und Sozialstudie, Eigentherapie und Eventliteratur in einem, sein Humor brachte ihm Grammy-Nominierungen und internationale Bestseller ein. Endlich gewährt uns Staressayist David Sedaris mit »Schöner wird’s nicht« nun wieder einen Aufenthalt. Und zwar in dem neurotischen, von skurrilster Materie erfüllten und in unnachahmlicher Tragikomik erstrahlenden Universum, das er sein Leben nennt.

Dem Alltag wohnt der Wahnwitz inne: Wer daran verzweifelt, findet Trost bei manch kurzweiligem Kolumnisten. David Sedaris ist das nicht genug. Ihn witzig zu nennen hieße, das Weltall als geräumig zu bezeichnen. Das Beste an seinem Leben ist, dass er darüber Buch führt. Ob er seine Kindheit aufarbeitet (die Hölle eines amerikanischen Vorortes, begleitet von einer trinkenden Mutter, schizophrenen Schwestern und schwulen Ambitionen), seiner Jugend nachspürt (der Versuch, der Hölle durch haarsträubende Jobs und persönlichkeitsverändernde Drogen zu entkommen) oder einen erwachsenen Wahlfranzosen darstellt: Sedaris’ Beobachtungen und Erinnerungen sind immer präzise, ernstlich überraschend und herrlich wahrhaftig.»Schöner wird’s nicht« liefert die sehnlich erwarteten neuen Episoden aus dem Paralleluniversum des Kultautors. Er erläutert, wie man sich mit Schallplattenhüllen vor psychopathischen Singvögeln schützt, was modische Herrenaccessoires über Erektionsschwierigkeiten verraten und warum man in Tokio weder Japanisch lernen noch mit dem Rauchen aufhören sollte. Und er stellt unter Beweis, dass Kreuzworträtsel viel mit Lebensbewältigung gemein haben. Du kannst immer die passende Lösung aufschreiben. Du musst einfach nur die Vorgaben ignorieren.


5
Feb 10

[All-Time-Favourites] Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4 – Sue Townsend

Das Intimleben des Adrian Mole... Inhalt
Adrian Mole ist ein ganz normaler Jugendlicher und so hat er auch die ganz normalen, altersbedingten Träume und die ganz normalen, altersbedingten Probleme: Pickel, Schule und Mädchen. Mal altklug, mal Herz erfrischend naiv kommentiert er aus der Sicht des Heranwachsenden die – für seine Begriffe – reichlich verworrene und undurchschaubare Erwachsenenwelt. Nicht nur die Beziehung seiner Eltern ist ihm manchmal ein unerklärliches Rätsel, unbegreiflich ist ihm auch, wie der Rundfunk seine Gedichte ablehnen kann. So sind Adrians Gefühle wie ein Jojo in einem ständigen Auf und Ab begriffen. Da sind ihm weder sein 39 Jahre alter, Kette rauchender Kumpel Bert, seine vierzehn Jahre alte Freundin, noch sein bester Freund Nigel eine große Hilfe. Nein, Adrian sieht sich als missverstandener Intellektueller und allein gelassen im Kampf gegen eine uneinsichtige, unsensible Umwelt …

“1. Januar Donnerstag Neujahr

Im neuen Jahr werde ich:
1. den Blinden über die Straße helfen,
2. meine Hosen über den Bügel hängen,
3. meine Platten wieder in die Hülle stecken,
4. nicht mit dem Rauchen anfangen,
5. nicht an meinen Pickeln herumdrücken,
6. den Hund gut behandeln,
7. den Armen und Unwissenden helfen,
8. niemals einen Tropfen Alkohol anrühren. Das habe ich mir geschworen, nachdem ich gestern nacht meine Eltern beduselt erlebt habe – wie entwürdigend!

Bei der gestrigen Party hat der Vater den Hund mit Weinbrand vollaufen lassen. Wenn das der Tierschutzverein wüßte, könnte er was erleben! Seit Weihnachten sind acht Tage vergangen, doch Mutter aht die grüne Lurex-Schürze, die ich ihr geschenkt habe, immer noch nicht umgehabt. Nächstes Jahr bekommt sie Badesalz.
Natürlich muss ich ausgerechnet am ersten Tag des neuen Jahres einen Pickel am Kinn bekommen.”

[Erster Tagebucheintrag]

Sympathischster Verlierer-Typ des Universums!
Ein Buch, das man mit fünfzehn das erste Mal mit großer Begeisterung gelesen hat, mit dreißig das zehnte Mal und mit mindestens genauso großer Begeisterung liest – das kann nur eines der besten Bücher überhaupt sein!
In Tagebuchform, aus Sicht des Adrian Mole natürlich, wird hier die Thatcher-Ära der 80-er Jahre ohne Unterlass auf’s Korn genommen. Und zwar derart, dass auch Jugendliche bzw. Menschen ohne Kenntnisse der politischen Vorgänge dieser Zeit verstehen dürften was “Gut” und “Böse” ist.

Im Kern selbst ist die Story nicht lustig. Aber wie so oft erzeugt dies die Lacher. Adrian ist ein völlig orientierungsloser Pubertierender, der in einem eher asozialen unkonventionellen Umfeld aufwächst. Ihm geht es eigentlich nicht sehr gut. Er macht sich Sorgen über sein Aussehen (Pickel), über die Größe seines Penises (Lineal muss her…) und über seine soziale Herkunft und die ihm versperrten Möglichkeiten. Seine Eltern versaufen das Geld lieber als das sie ihm ordentliche Sportkleidung für den Unterricht besorgen und er muss sich einigen Mobbing-Attacken von Schulkollegen stellen. Wie er dies macht bzw. wie er dies beschreibt ist selbstverständlich nicht entsetzend, sondern zum Lachen, denn Adrian bemitleidet sich nicht selbst. Also, doch, eigentlich schon, aber auf eine sehr neutrale Art und Weise. Bis Adrian versteht was ihm widerfährt ist es schon vorbei. Und im Nachhinein betrachtet man die Dinge ja immer etwas nüchterner – er ist schließlich auch hochintellektuell und betrachtet sämtliche Umstände aus einer weisen Distanz… Was soll er auch sonst machen als intellektueller Geist zwischen einem arbeitslosen Versager-Vater und einer trinksüchtigen Mutter, die die Hilfe des lieben Nachbarn für seinen Geschmack manchmal “zu häufig und zu intensiv” in Anspruch nimmt?

Adrian stapft tapfer von einem Fettnäpfchen ins nächste und es ist ein Genuss ihm dabei zuzuschauen. Darüber hinaus aber nimmt er aber auch auf seine herrlich naive Art an der politischen Entwicklung seines Landes teil. Er hat zwar überhaupt keine Vorstellung davon, was die Aktivitäten der Eltern seiner Freundin “Pandora”, die mächtig einen Sprung in der Schüssel hat, bewirken, aber er schreibt sehr unterhaltsam darüber und deutet sie zumindest im Ansatz positiv.

Die Autorin überspitzt natürlich maßlos und fühlt dabei den Schwächen des politischen Systems mächtig auf den Zahn. Sie ist in England weit bekannt für ihre Kritik an der Klassengesellschaft und der Monarchie. Margaret Thatchers Wirtschaftspolitik hatte schlimme Auswirkungen im Land: Massenarbeitslosigkeit, Armut, Zerfall der Gesellschaft in eine “Zweiklassengesellschaft” mit politisch gewollter Hinnahme der Ungleichheit, mangelnde Toleranz, Ignoranz dagegen im Überfluss…
Alles, was kritisch zu beäugen ist, beäugt die Autorin kritisch, immer mit Fokus auf Absurditäten der Gesellschaft. Und Durch Adrian Moles Augen. Sicher, das ein oder andere Malheur darf da nicht fehlen und der Humor schon gar nicht, aber nichtsdestotrotz sind die Botschaften, die hinter diesen Einträgen stecken sehr deutlich und furchtlos. Ihrer maßlosen Verachtung gegenüber dem politischen System lässt Sue Townsend freien Lauf. Einige Thatcher-Szenen dürften zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches sicherlich nicht bei allen Lesern Freude hervorgerufen haben…
Alle bedeutenden politische Ereignisse dieser Zeit finden übrigens auch einen Platz in Moles Tagebüchern.

Sue Townsend trifft folgende Aussage zu ihrer Motivation die Bücher zu schreiben, die sie schreibt:

Ich denke, wenn die Menschen lachen, und sie lachen gerne, achten sie auch auf das, was hinter dem Lachen steckt. Das Kunststück besteht also darin, auch ernste Themen mit Humor zu behandeln, Komik nicht außer Acht zu lassen, wenn es ernst wird – das soll die Leser herausfordern und sie sensibilisieren. Ich nenne diese Art der Schreibe “serious comedy”. Darum geht es mir, dieses Genre liegt mir am Herzen.
[Quelle: sueddeutsche.de: Interview mit Sue Townsend ]

Fazit
Was soll ich sagen? Dieser erste Teil gehört meiner Meinung nach zu den besten Jugendbüchern, die es zum Thema “politische Kritizität” gibt. Das Adrian die gleichen Höhen und Tiefen durchlebt wie fast jeder Pubertierende in seinem Alter, dürfte auch seinen großen Erfolg in Deutschland erklären. Der Wiedererkennungseffekt ist recht hoch und herrlich belustigend. Ein Buch, dass tief verwurzelte Fehlzustände aufzeigt und gesellschaftskritische Grundsätze vermittelt. Und das sicher nicht nur für Jugendliche – unbedingt lesen!


Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4 – Sue Townsend
410 Seiten, Goldmann,
ISBN 3442101638, 8,50 Euro


Weitere Besprechungen


Weitere Informationen


Die Reihe um Adrian Mole

  • Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4. Die geheimen Tagebücher erstmals komplett und unzensiert vollständig in einem Band
  • Die Cappucino-Jahre
  • Adrian Mole und die Achse des Bösen
  • Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole

Die Reihe um Adrian Mole (Englisch)

  1. The Secret Diary of Adrian Mole Aged 13 ¾
  2. The Growing Pains of Adrian Mole
  3. True Confessions of Adrian Albert Mole
  4. Adrian Mole – The Wilderness Years
  5. Adrian Mole – The Cappuccino Years
  6. The Weapons of Mass Destruction
  7. The Lost Diaries Of Adrian Mole 1999 – 2001
  8. Adrian Mole – The Prostrate Years

Weiter Bücher von Sue Townsend

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9
Jan 10

Hörbuch: Also… – Elke Heidenreich

Die besten Kolumnen aus der Brigitte
Spieldauer 79 min.

Also Heidenreich

17 Jahre lang begeisterte Elke Heidenreich Woche für Woche unzählige Brigitte-Leserinnen mit ihrer legendären Kolumne Also …
Ausgewählt und vorgelesen von Heidenreich selbst, sind 25 ihrer besten Kolumnen nun auch zu hören.

»Also …« – mit diesem Wörtchen fangen alle Brigitte-Kolumnen von Elke Heidenreich an. Schonungslos nimmt sie darin die großen und kleinen Dinge des Alltags unter die Lupe, und weil Heidenreich wie kaum jemand weiß, wo im Alltag der Schuh drückt, trifft sie mit ihren eigenwilligen Analysen ein ums andere Mal ins Schwarze.
Ebenso einfühlsam wie maliziös schreibt sie etwa über feine Damen in feinen Parfümerien, über Frauen zwischen Literatur und Fensterputz, über ihren Ausleih-Mann, über ihr Bettenleben, über die Qualen bei einem Badeanzugkauf im Spätwinter, über Tage, an denen sich alle und alles gegen einen verschwören, über geheimnisvolle Zettel, die man selbst geschrieben hat und nicht mehr versteht, über die Tücken von ausgeliehenen Autos, über die kosmetische Geheimsprache, über Männer beim Einkaufen, über die ewige Baustelle Liebe, über nervige und – nicht zuletzt – über nette Mitmenschen. Natürlich nimmt sie bei alledem kein Blatt vor den Mund, und natürlich könnte niemand diese Texte besser vortragen als – Elke Heidenreich selbst.

Kurzweilig und unterhaltsam
Was gibt es besseres, als beim Bügeln oder Hausputz oder auch im lästigen Stau gut unterhalten zu werden? Zur Zeit dieser Tätigkeiten selbst wohl nicht viel… Also… ist dafür eine gute Wahl. Frau Heidenreichs Kolumnen sind amüsante Alltagsbeobachtungen, sehr unterhaltsam und vor allem sehr treffend zusammen gefasst. Ob’s nun um den “Ausleihmann” geht, der eigene Ehemann, der ständig für sämtliche Arbeiten der Freundinen/Verwandten/Bekannten ausgeliehen werden muss und mit Dank zurückgegeben wird, oder um die Tage, an den denen alles schief läuft.

Frau Heidenreich hat eine selten gute Begabung Trivialitäten des Alltags detailgetreu wiederzugeben, so dass der Wiedererkennungseffekt mit der eigenen Person mitunter recht hoch ist.

Da ich die Kolumnen von Frau Heidenreich nicht aus der Zeitschrift kannte, hatte ich keine konkrete Vorstellung davon, was mich dabei erwartet. Leztendlich muss ich sagen, kamen diese Kolumnen jedoch weit weniger “bissig” daher, als ich vermutet hatte. Schade…

Fazit
Ein (leider) kurzweiliges, unterhaltsames und kluges Hörvergnügen. Gut zum Wiederhören geeignet!