Posts Tagged: Hörbücher


1
Apr 10

[Hörbuch] Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch

Lust auf einen überaus netten, humorigen und modernen Liebesroman? Hier ist einer…

Robert und Monika – er 27, sie 42
Robert, siebenundzwanzig und Angestellter eines PC-Game Unternehmens, trifft unerwartet auf seine große Liebe Monika. In einer Reinigung. Robert beschreibt sich selbst als selbstbewusst und gutaussehend. Ja, sogar als Frauenschwarm. Dennoch macht er einen liebenswürdigen Eindruck. Er wirkt ein wenig naiv bei seinen Schilderungen, neigt dazu das ein oder andere Fettnäpfchen mitzunehmen und ist mit einem warmen Herzen ausgestattet. Zum Gernhaben halt.

Mit eher mäßiger Begeisterung habe ich mich dieser Geschichte angenähert. Dafür gab es allerdings keinen Grund. Gernot Gricksch beschreibt realistisch und dabei stets mit Humor die Entwicklung dieser eher ungewöhnlichen Liebe. Ungewöhnlich ist vielleicht nicht das richtige Wort, vielleicht wäre seltene Konstellation besser ausgedrückt. Monika ist fünfzehn Jahre älter als Robert. Das stört ihn jedoch überhaupt nicht. Im Gegensatz zu Monika, die nicht nur um die Beziehung zu ihrem pubertierenden Sohn fürchtet, sondern auch um ihr Ansehen bei Freunden und Verwandten. Und so entwickelt sich nach und nach eine tiefe Zuneigung, die ihre Momente der Leidenschaft erlebt, aber auch die der kräftezerrenden Routine.

Hier ist alles vereint, was unterhält – vor allem Komik. Obwohl die Story eher unspektakulär ist, ja sich fast schon eines 08/15-Plots bedient, unterliegt man umgehend dem Sogeffekt. Keine langweiligen Szenen, keine überflüssigen Beschreibungen – einfach Unterhaltung pur. Es ist sicher nichts spektakulär Neues und auch nicht sonderlich tiefgründig. Aber es ist durchaus nett.

Das Hörbuch bietet zwei große Vorteile: gute Unterhaltung für Erkältungstage im Bett, an denen es nicht zum Lesen reicht, aber der Schlaf nicht kommen will und es ist ungekürzt. Ich habe mich an den Sprecher gewöhnt, bin aber davon überzeugt, dass mir das Buch selbst gelesen besser gefallen hätte. Die Aussprache ist teilweise holprig und die Betonung der Aussagen mit sarkastischem Inhalt bisweilen ermüdend. Ich hätte mich über ein wenig mehr Pointierung gefreut.

Fazit
Die Geschichte macht Spaß! Das Hörbuch ist empfehlenswert, wenn auch nicht ganz nach meinem Geschmack gesprochen. Ich habe mir den Film auf meine Leihliste gesetzt und bin schon sehr gespannt darauf.

Weitere Besprechungen
Büchereule


Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch
9 Std. 54 Min. (ungekürzt),
Gesprochen von Max Trüffel,
17,95 Euro (regulär), 9,95 Euro (als Audible-Abonnent)
audible


Ähnliche Bücher

Image of Neue Vahr Süd. 12 CDs: Autorenlesung

Neue Vahr Süd
Wir befinden uns im Jahre 1980 in der Neuen Vahr Süd, einem ganz und gar nicht pittoresken Neubauviertel im Osten von Bremen. Für Frank Lehmann, der gerade seine Lehre beendet hat, noch immer bei seinen Eltern wohnt und irgendwie vergessen hat, den Wehrdienst zu verweigern, wird es ein hartes halbes Jahr. Zwar gelingt ihm nach einem Streit der Auszug aus dem Elternhaus in eine chaotische Wohngemeinschaft im Bremer Studentenviertel Ostertor, aber ein neues Zuhause hat er damit noch lange nicht gefunden, und die Neue Vahr Süd holt ihn immer wieder ein. Und während Frank – noch immer rätselnd, wie es so weit kommen konnte – in der Kaserne strammstehen, Hemden auf Din-A-4 falten und durchs Gelände robben muss, streiten seine Freunde für ihre Version der proletarischen Weltrevolution, gegen Militär und Aufrüstung und um die energische Sibille, ohne diese allerdings vorher nach ihrer Meinung gefragt zu haben. Hin- und hergerissen zwischen Auflehnung und Resignation kämpft Frank Lehmann hart am Abgrund und mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln für eine eigene, würdige Existenz zwischen zwei widersprüchlichen Welten. Sven Regener ist ein komischer und zugleich beklemmender Roman gelungen, der uns über den Aufbruch seines Helden in eine verwirrende Zukunft die frühen achtziger Jahre von einer Seite nahebringt, die wir erfolgreich verdrängt zu haben glaubten.
(© Roof Music)
34,95 Euro Audible Preis, 9,95 Euro Audible Abo Preis


26
Feb 10

[Zeitgenössisch] Einfache Gewitter – William Boyd

Kurzbeschreibung
Ein Mann. Eine Zufallsbekanntschaft. Ein Aktenordner. Ein Toter.

Von einer Sekunde auf die andere muss Adam Kindred, angesehener Klimatologe, auf Durchreise in London, untertauchen. Jeder Weg zu seinem früheren Leben ist versperrt. Kontakt zur Familie nicht möglich, Kreditkarte und Mobiltelefon nicht zu benutzen, das Hotelzimmer außer Reichweite.

Nur Stunden zuvor hatte er in einem kleinen italienischen Restaurant in Chelsea Philip Wang kennengelernt, Chef-Entwickler des Pharmakonzerns Calenture-Deutz. Als er ihn wenig später in seinem Appartment aufsucht, um einen vergessenen Ordner vorbeizubringen, findet er einen sterbenden Mann vor. In Panik flieht Adam, alle Indizien weisen auf ihn. Er versteckt sich auf Brachland nahe der Themse und muss nun, wie tausend andere in London, im Untergrund, im Verborgenen leben. Schnell hofft er seine Unschuld zu beweisen, doch ahnt er nicht, welchen Mächten er gegenübersteht.

William Boyd erzählt die Geschichte eines Mannes, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Er erzählt, welche Kräfte jemand entwickelt, dem alles genommen ist, und welch unerwartete Wege sich in düsterer Stunde auftun. Ein Roman über die Zerbrechlichkeit unserer Identität, in dem Boyd einmal mehr sein großes Können entfaltet. Und wie bei Ruhelos fasziniert er auch hier durch glänzend recherchierte Hintergründe, Glaubwürdigkeit und ein hohes Maß an Authentizität.

Gute Unterhaltung -mysteriöse Genrezuordnung
Identität und Identitätsverlust scheint dieser Tage ein beliebtes Romanthema zu sein. So auch bei William Boyd und seinem aktuellen Roman „Einfache Gewitter“, mein erstes (Hör)Buch übrigens von diesem Autor.

Das Buch wird momentan in den Spannungsecken der Buchhandlungen bzw. in den Krimi/Thriller-Ecken der Online Buchhandlungen verkauft. Wie es dazu kommt, keine Ahnung. Ich könnte mir vorstellen, dass es ob dieser Zuordnung schon den ein oder anderen unzufriedenen Leser gegeben haben mag. Klar, es wird gemordet, es wird gejagd, aber alles recht vorhersehbar und nervenschonend. Ich darf das behaupten, weil ich prinzipiell aufgrund zu schwacher Nerven das Thriller-Genre meide – nicht nur aus diesem Grund, aber mitunter.

Was bietet dieser Roman? Nun, einen guten Einblick in die Londoner Untergrund- und Bettlerszene sicherlich. Aber auch eine kleine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, heutzutage einfach abzutauchen, seine Identität abzulegen. Von heute auf morgen den Verlust des eigenen Hintergrundes und eine Neuorientierung in eine Richtung, die im Optimalfall nur eine große Verschlechterung der Lebenssituation darstellt, im Normallfall jedoch ein Kampf ums Überleben bedeutet. Daneben wartet Boyd mit interessanten Figuren auf. Leider bleibt aber auch kein Klischee auf der Strecke, insbesondere was die „bösen Buben“ aus den osteuropäischen Ländern, die in den Londoner Untergrund abtauchen, angeht.

Viel Neues wird nicht geboten. Dubiose, politisch weitreichende, Machenschaften in der Pharmaindustrie sind keine Überraschung. Die Auflösung, sofern von Auflösung überhaupt gesprochen werden kann, ist keine Auflösung, da von vornherein ersichtlich. Als Thriller funktioniert die Geschichte nicht. Keine rasanten Actionszenen, keine überraschenden Wendungen – ganz im Gegenteil, die Jagd läuft mehr als gut aus Adam Kindreds Sicht des Gejagden, und keine falschen Fährten.

Was William Boyd zweifellos kann, ist gut erzählen. Seine Figuren sind zwar nicht in der Tiefe ausgearbeitet, aber sie sind wunderbar „Gut“ und „Böse“ und manchmal auch ein bisschen zwischendrin (so z.B. die Prostituierte, in die sich Adam Kindred ein bisschen verliebt). Die Dialoge wirken zwar hin und wieder recht aufgesetzt (besonders die Unterschicht mit den Migranten, oder bei Jonjo, dem Ex-Soldat und Berufskiller), aber wahrscheinlich ist das die notwendige Portion Authenzität aus Boyds Sicht.

Ich habe mich auf die Geschichte eingelassen und wurde auf rein unterhaltender Ebene nicht enttäuscht. Bis zum Schluss habe ich dem Sprecher gebannt zugehört. Rückblickend bin ich zwar über den Schluss enttäuscht, aber das wusste ich zum Zeitpunkt des Hörens ja nicht…

Was die Genrezuordnung angeht ist es weder Fisch noch Fleisch. Für eine Einordnung ins zeitgenössische Genre hat es meines Erachtens nicht genug Substanz, für einen Thriller bietet es zu wenig Rasanz und/oder Spannung. Gewünscht hätte ich mir einen „runderen“ Plot mit einem adäquaten Abschluss oder aber eine differenziertere Gesellschaftsstudie.

Die Lesung selbst war makellos. David Nathan besitzt eine angenehm ausdrucksstarke Stimme, mit der er Persönlichkeiten gekonnt in Szene setzt und eine optimale Atmosphäre erzeugt. Besonders das gesprochene Herantragen des unterkühlten Milieus der Shaft-Bewohner hat mich beeindruckt. Wirklich gut. Es hat großen Spaß gemacht ihm zuzuhören. Langweiligen Autofahren wurde damit das Garaus gemacht.

Fazit
Was immer es auch wirklich sein soll, als Hörbuch funktioniert es wunderbar und bietet beste Unterhaltung. Als netten Zeitvertreib kann ich es nur empfehlen! Ganz im Gegensatz zu meiner Erwartung (nach den Kritiken zu Ruhelos) allerdings keineswegs anspruchsvoll.


Einfache Gewitter – William Boyd
7 Std. 39 Min., 2010, Audible Download,
Sprecher: David Nathan

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Weitere (Hör)Bücher von William Boyd
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13
Feb 10

[Zeitgenössisch - Hörbuch] Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland

“Es war im Jahr 1988, da hatte mein Freund Bernd den perfekten Plan: die DDR zu verlassen. Ausgerüstet allein mit seinem grünen Sozialversicherungsausweis, wollte er am Silvestertag sich über die VR Polen und die UDSSR nach Nordkorea durchschlagen und anschließend irgendwie nach Südkorea weiterziehen.”

Kurzbeschreibung
Herr W. hat eines Tages eine ominöse Einladung in der Post: Auf einer Podiumsdiskussion unbekannter Untergrunddichter soll er Auskunft geben über sein Werk, über die Unterdrückung in der DDR und über seine Erlebnisse als Staatsfeind. Zuerst glaubt er an einen schlechten Scherz. Ist er überhaupt gemeint? Mit der DDR hat er doch längst abgeschlossen, nachdem sie 1989 wie ein falsch montiertes Chemieklo zusammenklappte. War er je als Dichter auffällig geworden? Als unterdrückter gar?

Ich schlage vor, dass wir uns küssen W. stellt Nachforschungen an, unterzieht sich bei der Psychologin Tyna Novelli einer Rückführungstherapie in die DDR-Vergangenheit und nimmt schließlich Einsicht in seine Stasi-Akte. Was für ein Fund: Tatsächlich sind hier seine lyrischen Gehversuche unter dem Titel “Mögliche Exekution des Konjunktivs” abgeheftet, dazu sämtliche Liebesbriefe an Liane in München – alles von einem Oberleutnant Schnatz über Jahre akribisch gegengelesen, verwegen gedeutet und als staatszersetzend-konterrevolutionäres Schrifttum eingestuft.
“Ich schlage vor, dass wir uns küssen” ist ein Roman über die Absurditäten der Erinnerung, auch der eigenen, über rätselhafte Wirkungen unbeholfener Gedichte und über eine Liebe, wie sie nur in Zeiten der deutschen Teilung blühen konnte. Ein Buch über die Mauer, die es nie gab. Eine wahre Geschichte, die niemand für möglich gehalten hat. Nicht einmal ihr Verfasser.

Die Geschichte dieses Buches beruht auf einer wahren Begebenheit: die DDR hat es wirklich gegeben.

Herr W. fischt eines Tages eine Einladung vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands aus seinem Briefkasten. Eingeladen wird zum Symposion „Dichter, Dramen, Diktatur – Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR“. Gerade sein Werk bezeuge, welchen Widrigkeiten junge und kritische Literatur im Realsozialismus ausgesetzt war.
Herr W. ist einigermaßen überrascht von dieser Einladung, kann er sich doch nicht daran erinnern, zu DDR-Zeiten schriftstellerisch tätig gewesen zu sein noch als Unterdrückter gegolten zu haben. Laut Aussage der Frau Schneider, seiner Ansprechpartnerin vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands (VUDD) jedoch, habe er Gedichte geschrieben, die er nun öffentlich vortragen soll.

Ich sagte, es gäbe keine Gedichte, könne keine geben und falls es doch welche gäbe, dann seien sie nicht von mir. Sie erklärte, dass sie das nicht glauben könne, dass sie sie schließlich gelesen habe und dass ein Irrtum ausgeschlossen sei, es sei denn, sie irre. Ich wusste nichts. Sie wusste alles.

Ob dieser „Unterstellungen“ neugierig geworden, besorgt sich Herr W. das Bändchen mit Anthologien, herausgegeben von eben jenem Verein und entdeckt doch tatsächlich seinen Namen und, wie er selbst sagt, „interessante biografische Zusatzinformationen“. Sein Werk: „Mögliche Exekution des Konjunktivs“.

Ich habe eine Liebste und diese Liebste ist schön.
Ich wollt‘ ich könnt‘ mit der Liebsten
Mal um ein paar Ecken und hinter die Hecken
Von hier bis nach drübsten gehen.

Doch das ist alles erst der Anfang, erst ein Beispiel der lyrischen Ergüsse Herr W‘s.. Nachdem er seine Stasiakte zugeschickt bekommt, die nicht wenige Unterlagen enthält bzw. so ziemlich all das, was er jemals zu Papier gebracht hat (inklusiver aller Liebesbriefe an seine Liane), beginnt sein Rückblick in allen Einzelheiten. Was er so angestellt hat und wie das, was er so machte, von der Stasi nebenbei „operativ“ bearbeitet wurde.

Es ist wie vielfach beschrieben: eine Geschichte prall gefüllt mit geistreicher Spaß-Lyrik und viel Klamauk ohne verklärende Blicke und frei von Nostalgie über die letzten Stunden der DDR. Gelesen vom Autor selbst bietet dieses Hörbuch einen hohen Genuss, dem sich zu entziehen schwer fällt. Seine Analysen sind haarscharf, seine Vergleiche erfrischend originell, ein Kalauer jagd den nächsten. Und das alles, auf einem sehr intelligenten Niveau!

“OPK – Operative Personenkontrolle. Keine Ahnung, was das ist. In der DDR wurde ja gern und ausdauernd kontrolliert. Wenn Länder Neurosen haben könnten, dann hätte die DDR chronischen Kontrollzwang. Zum Krankheitsbild gehört, wie man weiß, sorgfältige Verheimlichungstendenzen, da Zwänge auf Mitmenschen oft absurd und lächerlich wirken können. Zwangsneurotiker wissen auch um die Sinnlosigkeit ihrer Kontrollrituale und doch müssen sie, wie ferngesteuert, immer weiter machen.“

Rayk Wieland liest äußerst gelungen sein eigenes Buch. Wie sollte es auch anders sein? Besonders die Gedichte erhalten durch ihn die richtige Tonlage. Die Stimme ist angenehm „rauh“ und enthält stets einen amüsierten – irgendwie naiven – und leichten Unterton. Die Autofahrten wurden zu den vergnüglichsten Zeiten meines Tages. Vielen Dank dafür, Herr Wieland! Und um alle Zweifel bezüglich der Hörbuchversion auszuräumen: Es ist ungekürzt!

Fazit
Ein hoch vergnügliches Gute-Laune-(Hör)Buch zum Thema „Erinnerungen an die DDR“. Es tut einfach gut, die sinnlose Absurdität der Aktivitäten und Spitzeleien, die dort betrieben wurde, auf die Spitze getrieben serviert zu bekommen. Herr W. und sein Konjunktiv als Staatsfeind Nr. 1. Ganz großes Kino!


Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland
5 Std. 4 Min., ungekürzte Lesung, Audible Download,
Hörprobe auf der Audible Seite erhältlich

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1
Feb 10

[Zeitgenössisch - Hörbuch]: Einsamkeit und Sex und Mitleid – Helmut Krausser

Krausser Einsamkeit und...

Vincent ist Callboy, aber an Weihnachten sitzt er alleine in der Kneipe. Als die dichtmacht, lässt er sich zu Hause ein Bad ein. Beim Einsteigen wird er von einer Einbrecherin überrascht. Die beiden freunden sich an. Helmut Kraussers neuer Roman bringt zusammen, was nicht zusammengehört: Ein Kind wird entführt, eine mitternächtliche Hochzeit improvisiert, ein Gotchaschuss erkauft, der Prophet Jesaja predigt auf dem Kreuzberg – und alles ist auf ungeahnte Weise miteinander verknüpft. “Einsamkeit und Sex und Mitleid” spielt auf der Klaviatur des scheinbaren Zufalls, mischt Melodram, Ironie, Suspense und Lakonik zu einem bizarren Panorama zu einem überwältigenden Kaleidoskop des Lebens.

Über die Autorin
Helmut Krausser, geboren 1964 in Esslingen war u. a. Spieler, Nachtwächter, Zeitungswerber, Opernstatist, Sänger in einer Rock`n`Roll-Band und Journalist. (Halb-)freiwillig verbrachte er ein Jahr als Berber. Nebenbei studierte er provinzialrömische Archäologie. er schrieb Erzählungen, Theaterstücke und ein Opernlibretto.

Eine scharfzüngige, schnörkellose und skurrile Zeichnung unserer Gesellschaft auf hohem Unterhaltungsniveau!
Zugegeben, der Start ist ein wenig unruhig. Der Roman entwickelt erst nach einer geraumen Zeit Züge einer zusammenhängenden Handlung. Es treten von Beginn an sehr viele Personen auf, die scheinbar unabhängig voneinander ihr Leben führen, zwar in derselben Gegend wohnen, sich in denselben Kneipen begegnen, sich aber nicht kennen. Erst nach und nach fügen sich diese lose Fäden zu einer großen Geschichte zusammen und alle Figuren haben auf mehr oder minder seltsame Art und Weise miteinander zu tun. Es beginnt mit Vincent, einem Gigolo, der seine Wohnung nicht abschließt, was Konsequenzen hat, setzt fort mit dem Lateinlehrer Ekki, der aus fragwürdigen Gründen frühpensioniert wurde und seinen mit Leidenschaft ausgeübten Beruf als Lateinlehrer damit aufgeben musste. Weiter treten auf Dr. Thomas Stein mit seiner kampfsportlustigen Geliebten Carla, und auch dessen Frau Sarah, die erst spät aber dafür sehr pointiert in Szene gebracht wird; es gibt Sventja, eine rebellierende Vierzehnjährige, der zwei Jungs hinterher rennen, die gegensätzlicher nicht sein könnten, Janine, die abgehobene, besserwissende aber verlorene Tänzerin, die ihre Einsamkeit in einer sexuellen Affäre ertränken möchte, Uwe, Marktleiter der Lebensmittelabteilung bei Karstadt und so weiter…

Es mag auf den ersten Blick so erscheinen, als ob der Autor ein paar Personen zuviel das Wort überträgt um daraus eine gute Story zu machen. Aber weit gefehlt – er hat sie im Griff! Treffpunkt für alle ist eine Kneipe, in der die kräftige Minnie bedient, die, wie könnte es anders sein, ebenfalls mit hinein gezogen wird.

Letztlich dreht sich in diesem Buch alles um Sex. Der Titel ist also nicht nur Mittel zum Zweck sondern Programm. Auch Einsamkeit und Mitleid spielen eine große Rolle – irgendwie passt ja doch alles zusammen. Es ist Berlin, der Ton ist ruppig und schonungslos. Sexualität ist ein Geschäft – Liebe ist Luxus. Krausser tischt alles auf, was schon nur beim Zuhören manch einem einen roten Kopf bescheren dürfte. Hier geht es um verluderte Frauen, die tagsüber große Geschäfte managen, religiöse Eltern, die ihre Kinder sektenartig erziehen und zum Gespött der Gesellschaft machen, um einsame Männer mit dubiosen Beweggründen und – wieder – um Sex. Aber: es geht auch um Liebe, wenngleich diese ein bisschen anders als gewöhnlich dargestellt wird.

Elke Heidenreich sagte zu diesem Buch in ihrer Sendung auf litCOLOGNY.de:

“Das ist kein Buch für Zimperfritzen, meine Damen und Herren! Das böse Wort
mit “F” kommt auf jeder Seite darin vor!”

Ja, so ist es. Wer die Töne darunter nicht hört, der wird keine Freude an diesem (Hör-)buch haben. Denn, bei genauerer Betrachtung dreht es sich um eine Sammlung an Figuren, die einsam und orientierungslos sind und nicht so recht einen Platz im Leben finden. Manche, weil sie ihren Platz verloren haben, wie Janine, die Tänzerin, andere, weil die Gesellschaft in der sie aufwachsen sie zum Scheitern verurteilt, wie in Johnnys Fall und wieder andere, weil sie durch andere „bösartige“ Menschen von ihrem Platz verscheucht wurden. Helmut Krausser erzählt, was viele hinter verschlossenen Türen treiben, was hinter verschlossenen Türen besprochen wird und was in den Köpfen derer vorgeht, die sich hinter diesen verschlossenen Türen befinden. Jede Schicht ist dabei, jeder kriegt sein Fett weg.

Image of Einsamkeit und Sex und Mitleid

Auf skurillste Weise, über scharfsinnige Beobachtungen und mit einem satirischen Ton führt er sie nach und nach zueinander. Es löst sich nichts in Wohlgefallen auf. Manche Dinge bleiben schleierhaft (auch unnötig), andere lösen sich auf. Es ist eben so wie es ist und nicht immer ist Recht von Unrecht deutlich zu unterscheiden.

Herr Krausser scheint hierzulande, ich nehme mal stark an, dass das mit seinem deftigen “erotischen” Ton zu tun hat, eher wenig gelesen zu werden. Ich finde das schade, denn über diesen Stil hinaus, vermittelt er – zumindest in dieser Geschichte – wesentliche Denkansätze in Bezug auf unsere Gesellschaft. Ich werde diesen Autor jedenfalls auf meine Must-Read-Liste setzen, denn dieses rasante, bitterböse und kluge Buch über unsere “Möchtegern- Gesellschaft” hat mir ausnehmend gut gefallen!

Ich habe das bei Audible als Download erhältliche Hörbuch gehört, welches von Andreas Petri gesprochen wird. Andreas Petri trifft den Ton und vor allem den Unterton dieser Geschichte hervorragend. Er inszeniert glänzend und setzt die Charaktere einzeln und gekonnt um. Man könnte meinen, das Buch wäre von ihm bzw. für ihn geschrieben worden. Ich kann diese Lesung nur wärmstens emfpfehlen! Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: „Besser als selbst lesen!“

Fazit
Sehr empfehlenswert diese Gesellschaftsstudie der bösen Art! Als Hörbuch ein Hochgenuss!


Einsamkeit und Sex und Mitleid – Helmut Krausser
4 Std. 37 Min. (gekürzt), Audible Download


Audible Seite mit Hörprobe


Weitere Besprechungen


Weitere Bücher von Helmut Krausser

  • Eros
  • Schweine und Elefanten (1. Teil der Hagen-Trinker-Trilogie)
  • Fette Welt (2. Teil der Hagen-Trinker-Trilogie)
  • Könige über dem Ozean (3. Teil der Hagen-Trinker-Trilogie)
  • Kartongeschichten
  • Schmerznovelle
  • Die kleinen Gärten des Maestro Puccini
  • Ultrachronos
  • Substanz: Das beste aus den Tagebüchern

Ein Lesetipp zu diesem Buch

Aufzeichnungen eines Außenseiters
Price: EUR 7,95

82 used & new available from EUR 3,99


29
Jan 10

Finalisten des Deutschen Hörbuchpreises

Am 10. März 2010 findet die Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises statt.

Hier die Nominierungen:

Kategorie “Beste Interpretin”

Maria Schrader für “Geschichte einer Ehe” von Andrew Sean Gear

Geschichte einer Ehe
Price: EUR 24,95

91 used & new available from EUR 9,95

Inhalt
»Wir glauben, die zu kennen, die wir lieben.«

San Francisco: Draußen am Strand glaubt sich Holland sicher – hier in seinem kleinen Haus mit seiner Frau Pearlie und dem Sohn. Doch die Vergangenheit klopft an die Tür, und Pearlie begreift, dass sie nur ein Teil in einem Dreieck ist. Drei Außenseiter, die mit ihren Leidenschaften ringen, und ein Gebot von 100.000 Dollar, um dem Leben eine neue Richtung zu geben – die Geschichte einer Ehe.

Stimmen der Jury

Subtil strukturiert, sprachlich ausgewogen, macht sich Maria Schrader den Text zu Eigen, gibt ihm figürliche Kontur. Die Verhaltenheit der stimmlichen Mittel erzeugt Spannung, die den Hörer an diese Geschichte bindet. Was nicht geschrieben werden kann, wird hörbar, die unter der Oberfläche brodelnden Emotionen werden erlebbar.
Quelle: http://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/nominierungen.html


Nicolette Krebitz für “Northline” von Willy Vlautin

Northline: Leicht gekürzte Lesung
Price: EUR 26,95

31 used & new available from EUR 12,86

Inhalt
Die Nacht bricht herein über Las Vegas, Stadt der Glücksspieler und einsamen Trinker, der Nutten und Hochzeitstouristen in der Wüste Nevadas. Allison Johnson, Anfang zwanzig, ein Mädchen mit schwarzem Haar und blauen Augen, sitzt vor einem Videospiel im Kasino. Sie ist betrunken. Ihr Freund Jimmy schleppt sie aufs Klo, zwingt sie, mit ihm Sex zu haben, prügelt sie blutig, weil sie bewusstlos wird. Allison lebt mit ihrer Mutter im Norden der Stadt. Vor und hinter dem Haus zwei verdorrte Rasenflächen, in der Auffahrt unter einem Plastikdach ein 1987er Chevrolet Lumina. Die Mutter trinkt und raucht ununterbrochen, hat eine Affäre mit irgendeinem Tom und trägt billige chinesische Seidenkleidchen. Abends schauen sie Filme mit Paul Newman, Haie der Großstadt und Butch Cassidy und Sundance Kid. Als Allison erfährt, dass sie im dritten Monat schwanger ist, packt sie ein paar Kleider in einen Koffer und haut ab. In Reno, der Spielerstadt an der kalifornischen Grenze, findet sie einen Job als Kellnerin in einem Diner. Ihr Baby muss sie zur Adoption freigeben. Es bleiben ihr der Alkohol und die Gespräche mit Paul Newman: Immer wenn die Hoffnungslosigkeit am größten ist, denkt sie an den schönen Schauspieler und an seine Rollen, und er kommt zu ihr und tröstet sie. Und dann ist da noch Dan, der Stammkunde im Diner.

Stimmen der Jury

Nicolette Krebitz macht es dem Hörer so leicht, in die Welt der jungen, verzweifelten Trinkerin zu versinken, dass man sich gewünscht hätte, nicht nur einer gekürzten Fassung des großartigen Romans lauschen zu können. Der Klang ihrer Stimme transportiert mit jeder Silbe, und das gesamte Hörbuch hindurch, die Atmosphäre der Geschichte.
Quelle: http://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/nominierungen.html


Suzanne von Borsody für “Bei Einbruch der Nacht” von Fred Vargas

Bei Einbruch der Nacht
Price: EUR 19,99

81 used & new available from EUR 12,80

Inhalt
Camille, Komponistin, sehr zart, sehr jung, ein Gesicht wie eine ägyptische Königin, Jeans und Stiefel selbst bei großer Hitze, lebt mit dem kanadischen Grizzly-Forscher Lawrence einen Sommer lang in den französischen Alpen. Während Lawrence im Mercantour, nahe der italienischen Grenze, Wölfe beobachtet, sitzt Camille an ihrem Keyboard, sucht musikalische Inspiration für eine Seifenoper, klempnert ein bißchen bei den Leuten und entspannt sich bei der Lektüre von Werkzeugkatalogen. Da passiert etwas Ungeheuerliches, das uralten Aberglauben wieder lebendig werden läßt: Ein riesiger Wolf, nein, ein Wolfsmensch, so sagen die Leute, zieht nach Einbruch der Dunkelheit mordend durch die Dörfer, reißt Schafe und hat in der letzten Nacht die Bäuerin Suzanne getötet. Verzweifelt über die Gleichgültigkeit der Polizei, machen sich Suzannes halbwüchsiger Sohn und ihr wortkarger alter Schäfer in einem klapprigen Viehtransporter allein an die Verfolgung des Mörders. Und sie überreden Camille, den stinkenden Wagen zu fahren. Ein Roadmovie über gefährliche Bergstraßen Richtung Norden beginnt, aber immer ist ihnen der Mörder einen Schritt voraus. Erschöpft geben die drei auf, und Camille entschließt sich schweren Herzens, einen Profi hinzuzuziehen: Kommissar Adamsberg aus Paris, den Mann, den sie so sehr geliebt hat und mit dem sie doch nicht leben konnte …

Stimmen der Jury

Sorgfältig aber nicht pedantisch, sparsam in den Mitteln und frei von Anstrengung interpretiert Suzanne von Borsody den Text. Sie stellt sich ohne Eitelkeit in dessen Dienst. Ihre Interpretation lässt keine weiteren akustischen Mittel vermissen.
Quelle: http://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/nominierungen.html

Sorgfältig aber nicht pedantisch, sparsam in den Mitteln und frei von Anstrengung interpretiert Suzanne von Borsody den Text. Sie stellt sich ohne Eitelkeit in dessen Dienst. Ihre Interpretation lässt keine weiteren akustischen Mittel vermissen.


Kategorie “Bester Interpret”

Andreas Fröhlich für “Doppler” von Erlend Loe

Doppler
Price: EUR 19,99

58 used & new available from EUR 12,36

Inhalt
»So lange es Magermilch gibt, gibt es Hoffnung.«

Andreas Doppler, 40 Jahre alt, Familienvater und erfolgreicher Geschäftsmann, kommt nach einem Sturz vom Fahrrad zu der Erkenntnis, dass er sein wohl geordnetes, tüchtiges Leben satt hat, und so zieht er in den Wald. Als der Winter kommt, erlegt er eine Elchkuh und nimmt ihr nun verwaistes Kalb auf, das schon bald sein bester Freund wird. Seine Familie – er hat bereits zwei Kinder und ein drittes ist unterwegs – akzeptiert zunächst Dopplers Rückzug, doch stellt seine Frau eine Bedingung: Wenn das Kind geboren wird, ist mit dem Waldleben Schluss. Nach und nach suchen immer mehr Menschen im Wald eine neue Erfüllung und stören Dopplers Einsiedlertum, und als der Geburtstermin naht, muss er sich entscheiden… Ein schräger, temporeicher und witziger Roman über einen Mann in der Midlife Crisis und seinen Kampf gegen die Tugend der Tüchtigkeit.

Stimmen der Jury

Erstaunlich, mit wie wenig Aufwand und in wie kurzer Zeit Andreas Fröhlich einen in seinen Bann zieht – und in den des guten Textes. Fröhlich weiß einfach, welcher Text zu ihm passt.
Quelle: http://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/nominierungen.html


Matthias Koeberlin für “Der Himmel ist kein Ort” von Dieter Wellershoff

Der Himmel ist kein Ort
Price: EUR 10,99

83 used & new available from EUR 4,05

Inhalt
Der junge evangelische Pastor Ralf Hendrichsen wird zu einem Unfall gerufen. Ein Auto ist von der Straße abgekommen und in einen See gestürzt. Der Fahrer und Familienvater konnte noch aus dem Auto springen, seine Frau und sein Kind hingegen sterben. Der Unfall an der Stelle ist unwahrscheinlich, und der Familienvater wird verdächtig, alles geplant zu haben. Nach und nach erfährt Ralf Hendrichsen Abgründiges über die Familie. Auf einer theologischen Tagung werden ihm seine Zweifel an dem Fall und seinem Leben deutlicher.

Stimmen der Jury

Ein junger Interpret im Dienste eines reifen Textes. Ein Kalkül, das bestens aufgeht: Ruhige Kraft und völlige Klarheit vom ersten Moment an. Eine tolle und unprätentiöse Leistung von Matthias Koeberlin.
Quelle: http://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/nominierungen.html


Christian Brückner für “Der Schacht” von Juan Carlos Unetti

Der Schacht
Price: EUR 17,95

74 used & new available from EUR 3,89

Inhalt
Ein Mann, allein mit sich in einem stickigen, verwahrlosten Raum, steigt in der Nacht vor seinem 40. Geburtstag hinab in den Schacht seiner selbst und beschließt, seine “Erinnerungen” aufzuschreiben, die “Geschichte seiner Seele”: Abenteuerphantasien von einem anderen Leben – und die Erinnerung an die Gewalt, die er als Halbwüchsiger einem Mädchen angetan hat.

Stimmen der Jury

Durch subtilen Einsatz seiner Mittel nimmt Christian Brückner den Hörer mit auf eine retrospektive Psycho-Reise. Durchgängig nimmt er sich des Textes stellvertretend an, macht, den Text gekonnt strukturierend, die individuelle Haltung zur Erzählfigur deutlich und gibt ihr Eigenart.
Quelle: http://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/nominierungen.html


Kategorie “Bestes Kinderbuch”

“Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt” von Hannes Hüttner

Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt (1 CD)
Price: EUR 9,95

75 used & new available from EUR 6,45

Inhalt
Das Martinshorn ruft, und überall wird Platz gemacht für die rasende Feuerwehr. Sie eilt zu Hilfe und ist immer zur Stelle. An ein gemütliches Frühstück ist da nicht zu denken. Spannend erzählt dieses Buch über die Arbeit der Feuerwehr.

Stimmen der Jury

Liebevolle und kindgerechte Inszenierung, die mit einem unglaublich virtuosen Sprecher genau das erfüllt, was gute Hörbücher erreichen sollen: Sie lässt Bilder und Welten in den Köpfen der Zuhörer entstehen, bunt, lebendig, voller Tiefe. Die umwerfend skurrilen Geräuschimitationen katapultieren den Hörer auf einen akustischen Abenteuer-Spielplatz.
Quelle: http://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/nominierungen.html


“Charly zieht aus” von Hilary McKay

Inhalt
Wie es dazu kommt, dass ein kleiner Junge von zu Hause auszieht? Das kann sehr leicht passieren, wenn man eine grässliche Familie hat, die einen überhaupt nicht leiden kann. Charlie beschließt, sich das nicht länger gefallen zu lassen, packt seine Spardose, seine Steinsammlung und zwei Tütchen Juckpulver und geht. Aber mit dem Weglaufen ist es so eine Sache … Das Beste daran ist eigentlich, wenn man wieder nach Hause kommt!

Stimmen der Jury

Ein freches Kinderhörbuch mit wunderbarer Auslotung kindlicher und elterlicher Gefühlswelten, die einen lächeln, verstohlen grinsen und manchmal auch nachdenklich werden lässt. Der Interpret schlüpft in die verschiedenen Kinderrollen wie in eine zweite Haut. Der Titelsong ist bemerkenswert!
Quelle: http://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/nominierungen.html


“Wie man unsterblich wird” von Sally Nicholls

Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt. 1 CD
Price: EUR 12,95

86 used & new available from EUR 8,43

Inhalt
Mein Name ist Sam.
Ich bin elf Jahre alt.
Ich sammle Geschichten und interessante Tatsachen.
Wenn du das hier liest, bin ich vermutlich schon tot.

Sam ist krank und weiß, wie es um ihn steht. Aber er verzweifelt nicht, sondern beschließt, die Zeit zu nutzen: Er stellt Fragen, die er früher nicht gestellt hat. Wieso Gott Kinder krank werden lässt zum Beispiel. Oder ob die Welt noch da sein wird, wenn es ihn vielleicht nicht mehr gibt. Die erstaunlichen Antworten, die Sam findet, seine Erkenntnisse über sich und die Welt, schreibt er in sein Tagebuch. Darin hält er auch die Wünsche fest, die er noch hat: ein Mädchen küssen, ein berühmter Forscher werden, einen Weltrekord aufstellen oder in einem Luftschiff fahren. Wie er es schafft, sich seine Wünsche auf höchst originelle Art und Weise zu erfüllen, davon erzählt dieses ebenso erschütternde wie ermutigende Hörspiel.

Stimmen der Jury

Das Hörspiel schildert grandios die Themen Sterben und Tod aus der Sicht eines Kindes. Es stellt ungeschönt und ungeschminkt die Realität dar. Es ist humorvoll, ohne die Tragik zu verharmlosen, anrührend, ohne rührselig zu sein, furchtbar und großartig zugleich.
Quelle: http://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/nominierungen.html


Weitere Kategorien der Preisverleihung sind nachfolgend aufgelistet und können auf der Seite des Deutschen Hörbuchpreises unter Nominierungen nachgelesen werden.

  • Kategorie “Beste Information”
  • Kategorie “Beste Fiktion”
  • Kategorie “Das besondere Hörbuch/Bester Krimi”
  • Kategorie “Beste verlegerische Leistung

29
Jan 10

[Belletristik - Hörbuch]: Die Eleganz des Igels – Muriel Barbery * * *

“Ich heiße Renée. Ich bin 54 Jahre alt. Seit 27 Jahren bin ich Concierge in der Rue de Grenelle 7, einem schönen, herrschaftlichen Stadthaus mit Innenhof und Innengarten, aufgeteilt in acht exquisite Luxuswohnungen, alle bewohnt, alle gigantisch. Ich bin Witwe. Klein, hässlich, mollig, ich habe Hühneraugen und, gewissen Morgenstunden zufolge, in denen er mich selbst stört, einen Mundgeruch wie ein Mammut.”

Die Eleganz des Igels Muriel Barberys Roman über eine kleine, hässliche, aber ungemein gebildete Concierge in Paris und eine altkluge Tochter reicher Eltern. Hinreißend komisch und zuweilen bitterböse erzählen die beiden sehr sympathischen Figuren von ihrem Leben, ihren Nachbarn im Stadtpalais, von Musik und Mangas, von Gott und der Welt. Eine großartige Gesellschaftssatire, ein sehr intelligenter Führer durch Kunst und Philosophie, die höchst unterhaltsame und anrührende Geschichte zweier Außenseiter.Renée ist nun schon seit fast dreißig Jahren Concierge in einem Pariser Stadtpalais. Und seit eben dieser Zeit setzt sie alles daran vor den reichen Hausbewohnern das Klischee der einfältigen Witwe zu erfüllen. Doch hinter der spröden Kulisse blitzt immer wieder ihre Leidenschaft für die schönen Künste auf. Damit zieht sie die Aufmerksamkeit der zwölfjährigen Paloma auf sich. Das altkluge Mädchen seziert haargenau die Gepflogenheiten der Hausbewohner, um die gewonnenen philosophischen Erkenntnisse dann ihrem Tagebuch anzuvertrauen.

Wunderbar komisch, bitterböse und überaus originell erzählen die beiden sympathischen Außenseiter von ihrem Leben, den Bewohnern des Stadtpalais, von Musik und Mangas, Gott und der Welt… doch diese Welt gerät ins Wanken, als Monsieur Ozu, ein japanischer Geschäftsmann, ins Haus einzieht und alle Konventionen über Bord wirft.

Bezaubernde Lesung – zweifelhafter Plot…
Das Hörbuch ist ein Genuß. Allerdings nicht der Handlung wegen, sondern aufgrund der Stimmen, die sie vermitteln. Anna und Katharina Thalbach meistern ihre Aufgabe hier mit Bravour. Sicherlich ist das ein nicht unwesentlicher Grund an der Geschichte dran zu bleiben. Die Entscheidung das Hörbuch mitzunehmen, kam bei der Entdeckung in der Bücherei. Ich wusste, das Buch würde mich langweilen (ich habe die Stimmen dazu verfolgt), aber mit dem Hörbuch für die Autofahrt wollte ich es probieren.
Und tatsächlich, es hat mir gefallen, weil die Sprecherinnen mir gefallen haben.

Ansonsten hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Madame Michel als “heimlich” intelligente Concierge, die sich versucht vor den elitären Hausbewohnern zu verstecken, ist mir ein Rätsel. Natürlich stellt sich eine geraume Zeit die Frage, warum sie dies überhaupt macht. Die Auflösung folgt gegen Ende, jedoch, na ja, einer solch intelligenten Dame hätte ich in diesem Fall mehr Verstand zugetraut.

Daneben gibt es noch Paloma. Paloma, das zwölfjährige hochintelligente Mädchen, das ebenfalls in dem Haus wohnt, das von Madame Michel als Concierge betrieben wird, die ihre “tiegründigen Gedanken” in Form hochphilosophischer Ansätze mit sich selbst diskutiert und sich nur unwesentlich von der Figur der Madame Michel unterscheidet (ein übrigens häufig genannter Kritikpunkt vieler Rezensenten, dem ich mich anschließe). Aus den Figuren spricht die gleiche Stimme. Das ist einfallslos. Vielmehr hätte mich eine gegensätzliche Haltung eingenommen. Darüber hinaus verfügt Paloma über eine Weitsicht, die ihrer Lebenserfahrung schlichtweg nicht entspricht, womit sie als Figur unglaubwürdig wirkt.

Die Handlung ist im Übrigen nebensächlich. Im Prinzip prallt hier über Stunden hinweg ein Schwall philosophischer Ansätze auf den Hörer nieder, deren Sinn sich oftmals nicht erschließen lässt, da sie in hochkomplexe, verschachtelte Satzstrukturen eingebettet sind, die es zu entschlüsseln gilt. Es ist ein konsequentes und wahrscheinlich auch ein der Philiosophie gerecht werdendes Vorgehen. Das jedoch alle Leser und Hörer dieser Welt diesen inflationären Umgang in hohem Maße genossen haben, das will ich nicht so recht glauben. Hier wird zu dick aufgetragen. Anzumerken sei jedoch, dass der zweite Teil – nach dem Einzug von dem japanischen Herrn Kakuro Ozu -, ein bisschen Bewegung annimmt. Vorher gibt es nur philosophische Diskussionen – ohne Rahmenhandlung. Das Ende allerdings ist Mist.

Gesamtheitlich betrachtet jedoch, abgesehen von der schwachen Handlung, hat mir das Hörbuch gut gefallen. Manche Abschnitte sind tatsächlich interessant und regen zum Nachdenken an. Es gibt auch vereinzelt amüsante Momente, die den Unterhaltungswert anheben. Im großen Ganzen ist es – als Hörbuch zumindest – eine durchaus nette Berauschung.

Fazit
Das Hörbuch ist allein aufgrund der Sprecherinnen hörenswert. Es ist einfach bezaubernd diesen beiden zu lauschen. Katharina Thalbach vermittelt gerade Madame Michels sehr langen Sätze überaus pointiert und verständlich, setzt Atempausen richtig ein und betont an den richtigen Stellen. Das gleiche gilt für Anna Thalbach, allerdings ist ihr Part nicht ganz so komplex wie der ihrer Mutter. Die Handlung ist nebensächlich. Wer sich gerne stundenlang über “das Sein” und “das Nichtsein” berieseln lässt und keine meisterhaft orginelle Handlung erwartet, der wird hier sicher belohnt.


Die Eleganz des Igels – Muriel Barbery
gekürzte Lesung (6 Std. 44 Min.), 24,95 Euro
Hörbuch Hamburg
Sprecherinnen: Anna und Katharina Thalbach

Weitere Besprechungen

Weitere Informationen


(Hör-)Bücher von Muriel Barbery im Überblick

Die Eleganz des Igels: Roman
Price: EUR 9,90

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Die letzte Delikatesse: Roman
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Die Eleganz des Igels
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15
Jan 10

Hörbuch: Das Muschelessen – Birgit Vanderbeke

“Das es an diesem Abend zum Essen Muscheln geben sollte, war weder ein Zeichen noch ein Zufall. Ein wenig ungewöhnlich war es, aber es ist natürlich kein Zeichen gewesen, wie wir hinterher manchmal gesagt haben. Es ist ein ungutes Omen gewesen, haben wir hinterher manchmal gesagt, aber das ist es sicherlich nicht gewesen und auch kein Zufall. Gerade an diesem Tag wollten wir Muscheln essen, ausgerechnet an diesem Abend, haben wir gesagt, aber so ist es wiederum auch nicht gewesen, keinesfalls kann man von Zufall sprechen. “

Vanderbeke Muschelessen

Die wenigen Stunden, die der Familienvater sich verspätet, und während derer die Frau und die beiden jugendlichen Kinder wartend am Abendessenstisch sitzen, genügen, um aus der sorgfältig ausbalancierten Kleinfamilie einen Haufen zersprengter Einzelteile zu machen.
Die drei sitzen vor einem Berg Muscheln, die sich eklig schmatzend öffnen und die eigentlich niemand außer dem Vater gerne ißt, und sie beginnen in dieser unerwarteten Auszeit miteinander zu sprechen. Es entsteht so plötzlich wie überraschend ein Riß in der familiären Scheinidylle. Der Vater wird besichtigt und es bleibt nicht besonders viel übrig von diesem Mann und seiner fragwürdigen väterlichen Autorität.
Birgit Vanderbeke läßt das Labor Familie in die Luft fliegen, sie zieht den Stöpsel, und durch eine kleine Veränderung in der Versuchsanordnung kommen der repressive Mief und der kleinbürgerliche Ehrgeiz, aber auch die versteckte Liebe zutage.

Wow!
Ich bin platt. Und ich bin mir sehr, sehr sicher, dass ich an dieser Geschichte so gar keinen Gefallen gefunden hätte, hätte ich sie in Buchform konsumiert. Das Hörbuch aber, gesprochen selbst von der Autor, vorgelesen, mit der Stimme der Schreibenden und damit auch in ihrem Sinne, hinterlässt einen tiefen und bleibenden Eindruck – bei mir zumindest.

Es gibt zahlreiche gegenläufige Meinungen zu dieser Familiengeschichte. Viele langweilen sich. Das ist sogar verständlich. Die Sätze sind lang, teilweise sehr lang. Und das nicht etwa aufgrund ihres entsprechenden Inhaltes, den sie in sich tragen, nein, sie sind lang, weil der Inhalt sich ständig wiederholt.

Im Grunde ist das, was wir uns vorgestellt hatten, als wir das Muschelessen geplant hatten, im Verhältnis zu dem, was dann daraus geworden ist, von ziemlich geringfügiger Besonderheit, von einer untergeordneten jedenfalls, während das, was dann geworden ist, von erheblicher, ja gewaltiger und außerordentlicher Besonderheit ist, aber keinesfalls kann man sagen, es ist ein Zeichen oder ein Zufall gewesen, dass es an dem Abend Muscheln hat geben sollen, was die Lieblingsspeise von meinem Vater gewesen ist.

Image of Das Muschelessen, 3 Audio-CDs

In Buchform serviert kann das sicherlich recht schnell ermüden. In Hörbuchform aber, mit dem besonderen Etwas der Autorin gelesen, ist es wahrlich ein “Hörknaller”. Die Handlung spitzt sich äußerst schleichend zu. Das Geschehen, aus Sicht der Tochter erzählt, beginnt völlig unspektakulär. Ja, der Vater hat die eine oder andere Macke, aber herrje, welcher Vater hat die nicht. Gerade unsere Familienoberhäupter sind ja für ihre “Diva-Allüren” bekannt. Das sich hinter diesem Vater aber ein verabscheungswürdiger Mensch verbirgt, kommt aus den Rückblenden der Tochter erst langsam ans Tageslicht. Dabei legt sie, vor allem zu Beginn der Geschichte, großen Wert darauf eine Art neutrale Haltung gegenüber dem Familiengeschehen einzunehmen. Diese Haltung relativiert sich natürlich zunehmend im Laufe der Geschichte bis hin zum Ende, wenn davon gesprochen, sich das nicht mehr bieten zu lassen.

Der Spiegel schrieb zu diesem Titel:

“Am Ende wandert mit den ungegessenen Muscheln ein ideologischer Grundpfeiler des Bürgertums auf den Müll: die Idee der Familie.”

Die Aussage wirkt ein wenig pathetisch – Birgit Vanderbeks Story übrigens auch an einigen Stellen. Den Kerngedanken jedoch trifft sie auf den Punkt.

Fazit
Literatur vom Feinsten! Birgit Vanderbeke entwirft ein ausdrucksstarkes Bild, mit Fokus auf die Fassaden eines Familienlebens, über das es sich lohnt nachzudenken. Ein Hörbuch, das ich in sehr guter Erinnerung behalten werden.
Und eines steht fest: Nach der Lektüre dieser Geschichte dürfte jeder den Unterschied zwischen notwendig und hinreichend nicht nur im Ansatz verstanden haben.


Das Muschelessen
Birgit Vanderbeke
ungekürzte Autorenlesung,
170 min., Audiobuch Hamburg


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9
Jan 10

Hörbuch: Also… – Elke Heidenreich

Die besten Kolumnen aus der Brigitte
Spieldauer 79 min.

Also Heidenreich

17 Jahre lang begeisterte Elke Heidenreich Woche für Woche unzählige Brigitte-Leserinnen mit ihrer legendären Kolumne Also …
Ausgewählt und vorgelesen von Heidenreich selbst, sind 25 ihrer besten Kolumnen nun auch zu hören.

»Also …« – mit diesem Wörtchen fangen alle Brigitte-Kolumnen von Elke Heidenreich an. Schonungslos nimmt sie darin die großen und kleinen Dinge des Alltags unter die Lupe, und weil Heidenreich wie kaum jemand weiß, wo im Alltag der Schuh drückt, trifft sie mit ihren eigenwilligen Analysen ein ums andere Mal ins Schwarze.
Ebenso einfühlsam wie maliziös schreibt sie etwa über feine Damen in feinen Parfümerien, über Frauen zwischen Literatur und Fensterputz, über ihren Ausleih-Mann, über ihr Bettenleben, über die Qualen bei einem Badeanzugkauf im Spätwinter, über Tage, an denen sich alle und alles gegen einen verschwören, über geheimnisvolle Zettel, die man selbst geschrieben hat und nicht mehr versteht, über die Tücken von ausgeliehenen Autos, über die kosmetische Geheimsprache, über Männer beim Einkaufen, über die ewige Baustelle Liebe, über nervige und – nicht zuletzt – über nette Mitmenschen. Natürlich nimmt sie bei alledem kein Blatt vor den Mund, und natürlich könnte niemand diese Texte besser vortragen als – Elke Heidenreich selbst.

Kurzweilig und unterhaltsam
Was gibt es besseres, als beim Bügeln oder Hausputz oder auch im lästigen Stau gut unterhalten zu werden? Zur Zeit dieser Tätigkeiten selbst wohl nicht viel… Also… ist dafür eine gute Wahl. Frau Heidenreichs Kolumnen sind amüsante Alltagsbeobachtungen, sehr unterhaltsam und vor allem sehr treffend zusammen gefasst. Ob’s nun um den “Ausleihmann” geht, der eigene Ehemann, der ständig für sämtliche Arbeiten der Freundinen/Verwandten/Bekannten ausgeliehen werden muss und mit Dank zurückgegeben wird, oder um die Tage, an den denen alles schief läuft.

Frau Heidenreich hat eine selten gute Begabung Trivialitäten des Alltags detailgetreu wiederzugeben, so dass der Wiedererkennungseffekt mit der eigenen Person mitunter recht hoch ist.

Da ich die Kolumnen von Frau Heidenreich nicht aus der Zeitschrift kannte, hatte ich keine konkrete Vorstellung davon, was mich dabei erwartet. Leztendlich muss ich sagen, kamen diese Kolumnen jedoch weit weniger “bissig” daher, als ich vermutet hatte. Schade…

Fazit
Ein (leider) kurzweiliges, unterhaltsames und kluges Hörvergnügen. Gut zum Wiederhören geeignet!