Posts Tagged: Frankreich


29
Jan 10

[Belletristik - Hörbuch]: Die Eleganz des Igels – Muriel Barbery * * *

“Ich heiße Renée. Ich bin 54 Jahre alt. Seit 27 Jahren bin ich Concierge in der Rue de Grenelle 7, einem schönen, herrschaftlichen Stadthaus mit Innenhof und Innengarten, aufgeteilt in acht exquisite Luxuswohnungen, alle bewohnt, alle gigantisch. Ich bin Witwe. Klein, hässlich, mollig, ich habe Hühneraugen und, gewissen Morgenstunden zufolge, in denen er mich selbst stört, einen Mundgeruch wie ein Mammut.”

Die Eleganz des Igels Muriel Barberys Roman über eine kleine, hässliche, aber ungemein gebildete Concierge in Paris und eine altkluge Tochter reicher Eltern. Hinreißend komisch und zuweilen bitterböse erzählen die beiden sehr sympathischen Figuren von ihrem Leben, ihren Nachbarn im Stadtpalais, von Musik und Mangas, von Gott und der Welt. Eine großartige Gesellschaftssatire, ein sehr intelligenter Führer durch Kunst und Philosophie, die höchst unterhaltsame und anrührende Geschichte zweier Außenseiter.Renée ist nun schon seit fast dreißig Jahren Concierge in einem Pariser Stadtpalais. Und seit eben dieser Zeit setzt sie alles daran vor den reichen Hausbewohnern das Klischee der einfältigen Witwe zu erfüllen. Doch hinter der spröden Kulisse blitzt immer wieder ihre Leidenschaft für die schönen Künste auf. Damit zieht sie die Aufmerksamkeit der zwölfjährigen Paloma auf sich. Das altkluge Mädchen seziert haargenau die Gepflogenheiten der Hausbewohner, um die gewonnenen philosophischen Erkenntnisse dann ihrem Tagebuch anzuvertrauen.

Wunderbar komisch, bitterböse und überaus originell erzählen die beiden sympathischen Außenseiter von ihrem Leben, den Bewohnern des Stadtpalais, von Musik und Mangas, Gott und der Welt… doch diese Welt gerät ins Wanken, als Monsieur Ozu, ein japanischer Geschäftsmann, ins Haus einzieht und alle Konventionen über Bord wirft.

Bezaubernde Lesung – zweifelhafter Plot…
Das Hörbuch ist ein Genuß. Allerdings nicht der Handlung wegen, sondern aufgrund der Stimmen, die sie vermitteln. Anna und Katharina Thalbach meistern ihre Aufgabe hier mit Bravour. Sicherlich ist das ein nicht unwesentlicher Grund an der Geschichte dran zu bleiben. Die Entscheidung das Hörbuch mitzunehmen, kam bei der Entdeckung in der Bücherei. Ich wusste, das Buch würde mich langweilen (ich habe die Stimmen dazu verfolgt), aber mit dem Hörbuch für die Autofahrt wollte ich es probieren.
Und tatsächlich, es hat mir gefallen, weil die Sprecherinnen mir gefallen haben.

Ansonsten hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Madame Michel als “heimlich” intelligente Concierge, die sich versucht vor den elitären Hausbewohnern zu verstecken, ist mir ein Rätsel. Natürlich stellt sich eine geraume Zeit die Frage, warum sie dies überhaupt macht. Die Auflösung folgt gegen Ende, jedoch, na ja, einer solch intelligenten Dame hätte ich in diesem Fall mehr Verstand zugetraut.

Daneben gibt es noch Paloma. Paloma, das zwölfjährige hochintelligente Mädchen, das ebenfalls in dem Haus wohnt, das von Madame Michel als Concierge betrieben wird, die ihre “tiegründigen Gedanken” in Form hochphilosophischer Ansätze mit sich selbst diskutiert und sich nur unwesentlich von der Figur der Madame Michel unterscheidet (ein übrigens häufig genannter Kritikpunkt vieler Rezensenten, dem ich mich anschließe). Aus den Figuren spricht die gleiche Stimme. Das ist einfallslos. Vielmehr hätte mich eine gegensätzliche Haltung eingenommen. Darüber hinaus verfügt Paloma über eine Weitsicht, die ihrer Lebenserfahrung schlichtweg nicht entspricht, womit sie als Figur unglaubwürdig wirkt.

Die Handlung ist im Übrigen nebensächlich. Im Prinzip prallt hier über Stunden hinweg ein Schwall philosophischer Ansätze auf den Hörer nieder, deren Sinn sich oftmals nicht erschließen lässt, da sie in hochkomplexe, verschachtelte Satzstrukturen eingebettet sind, die es zu entschlüsseln gilt. Es ist ein konsequentes und wahrscheinlich auch ein der Philiosophie gerecht werdendes Vorgehen. Das jedoch alle Leser und Hörer dieser Welt diesen inflationären Umgang in hohem Maße genossen haben, das will ich nicht so recht glauben. Hier wird zu dick aufgetragen. Anzumerken sei jedoch, dass der zweite Teil – nach dem Einzug von dem japanischen Herrn Kakuro Ozu -, ein bisschen Bewegung annimmt. Vorher gibt es nur philosophische Diskussionen – ohne Rahmenhandlung. Das Ende allerdings ist Mist.

Gesamtheitlich betrachtet jedoch, abgesehen von der schwachen Handlung, hat mir das Hörbuch gut gefallen. Manche Abschnitte sind tatsächlich interessant und regen zum Nachdenken an. Es gibt auch vereinzelt amüsante Momente, die den Unterhaltungswert anheben. Im großen Ganzen ist es – als Hörbuch zumindest – eine durchaus nette Berauschung.

Fazit
Das Hörbuch ist allein aufgrund der Sprecherinnen hörenswert. Es ist einfach bezaubernd diesen beiden zu lauschen. Katharina Thalbach vermittelt gerade Madame Michels sehr langen Sätze überaus pointiert und verständlich, setzt Atempausen richtig ein und betont an den richtigen Stellen. Das gleiche gilt für Anna Thalbach, allerdings ist ihr Part nicht ganz so komplex wie der ihrer Mutter. Die Handlung ist nebensächlich. Wer sich gerne stundenlang über “das Sein” und “das Nichtsein” berieseln lässt und keine meisterhaft orginelle Handlung erwartet, der wird hier sicher belohnt.


Die Eleganz des Igels – Muriel Barbery
gekürzte Lesung (6 Std. 44 Min.), 24,95 Euro
Hörbuch Hamburg
Sprecherinnen: Anna und Katharina Thalbach

Weitere Besprechungen

Weitere Informationen


(Hör-)Bücher von Muriel Barbery im Überblick

Die Eleganz des Igels: Roman
Price: EUR 9,90

131 used & new available from EUR 0,89

Die letzte Delikatesse: Roman
Price: EUR 8,90

111 used & new available from EUR 1,11

Die Eleganz des Igels
Price:

42 used & new available from EUR 5,86


19
Jan 10

[Zeitgenössisch] Die Haarschublade – Emmanuelle Pagano

Die Haarschublade
Mit der Schule war natürlich Schluss, als das erste Kind zur Welt kam. Ihre Chance auf ein normales Leben dahin. Nun arbeitet sie als Aushilfe in einem Friseurgeschäft, um etwas Geld dazu zu verdienen, und auch, um sich dem Alltag mit Titouan und Pierre wenigstens vorübergehend zu entwinden. Außerdem mag sie Haare, nicht nur die ihrer Söhne. Der jüngere ist ein zappliger Kobold, der ältere lebt still in einer eigenen, fremden Welt. Ohne Selbstmitleid und Bitterkeit sorgt und lebt und liebt sie, Tag um Tag. Fraglos haben ihre Eltern und manche andere in dem Provinzort eine Meinung zu all dem – und eine Lösung parat. Doch entscheiden muß sie sich allein. In diesem Buch stellt sich Emmanuelle Pagano erneut einem existenziellen Thema: Minimalistisch, präzise und pur erzählt sie die Geschichte einer Liebe ohne Echo.

Der Stil
Eine namenslose alleinerziehende Mutter, ihre zwei Kinder und der Alltag dieser kleinen Familie bilden den sehr minimalistisch gehaltenen Rahmen dieser Geschichte. Sie ist in einer beeindruckenden und erdrückenden Erzählweise verfasst. Wörtliche Rede sucht man vergebens. Kurze, schnörkellose Sätze erzeugen eine dichte Atmosphäre. Offensichtliche Emotionen aber findet man kaum – man beobachtet und fühlt sich schlecht.

Der Plot
Hier wird das Leben einer sehr jungen Mutter in einzelnen Kapiteln rückblickend von ihr selbst aufgearbeitet. Ihre erste Schwangerschaft, die sie aus der Not heraus zu verbergen versucht hat und der hohe Preis den sie und das Kind dafür zahlen mussten. Ihre zweite Schwangerschaft, die ebenfalls aus schlimmsten Umständen heraus “passierte”, der sie sich jedoch stellte. Ihr Umfeld, ihre Eltern, die gesellschaftlichen Konventionen sind nur schwer mit ihren Umständen in Einklang zu bringen. Und das spürt der Leser.

Image of Die Haarschublade

Im Bann des Lesens
Dem Lesesog mag man sich ab der ersten Seite kaum entziehen. Das ist auch nicht notwendig, denn mit den knapp 130 Seiten (in großzügig gehaltener Schriftgröße) und vielen kurzen Kapiteln, ist das Buch rasch ausgelesen. Allerdings, und das mag vielleicht an der knappen Handlung liegen, bleiben manche Ansätze eben auch nur Ansätze. Großartig umgesetzt ist die spät einsetzende aber dafür umso kräftigere Mutterliebe der Ich-Erzählerin zu ihrem behinderten Kind. Es ist ein respektvoller Blick auf das Handeln der Mutter. Sie kämpft in allen Situationen. Das es jedoch auch Situationen gibt (geben muss), in denen ein Mensch an seine Grenzen stößt, in denen die pure Verzweiflung steckt, diese werden in einem Akt der Bewunderung und aus Respekt der Mutter gegenüber nur rudimentär beleuchtet.

Fazit
Dieses Buch setzt den Alltag einer sehr jungen, alleinerziehenden Mutter mit einem behinderten und einem gesunden Kind sehr ergreifend und sehr menschlich in Szene, stets mit einem klärenden Blick auf den Hintergrund der Ich-Erzählerin. Und nicht zuletzt ist es der Epilog, der die Story in ein interessantes Licht rückt.


Die Haarschublade – Emmanuelle Pagano
144 Seiten, Wagenbach Verlag
1. Auflage, August 2009
Hardcover, 16,90 Euro


Weitere Bücher von Emmanuelle Pagano

Die Haarschublade
Price: EUR 16,90

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Der Tag war blau
Price: EUR 17,90

95 used & new available from EUR 1,00


16
Jan 10

Belletristik: Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe – Rainer Moritz

Die ersten Sätze

Der Aufzug kam nicht. Wenn man diese altertümliche Kabine überhaupt Aufzug nennen wollte. Er rüttelte an dem abgewetzten Handgriff, doch die metallene Schiebetür machte keinerlei Anstalten, sich ächzend aufzufalten. Er drückte auf den grünen Knopf, mehrmals. Hoffnung, dass sich das Ungetürm bewegen würde, hatte er keine.

Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe

Der Inhalt
Nach einem langen Tag in der Buchhandlung tritt Nathalie Cottard auf den kleinen Balkon ihres Appartements und atmet einmal kräftig durch. Unweit von Sacré-Coeur wohnt sie, unter sich die Dächer von Paris. Gleich wird Maman anrufen, es ist Mittwoch, und Nathalie wird wie immer nur zuhören, ihre Gedanken schweifen lassen. Zu ihren Freunden, früheren Liebhabern, ihrem Alleinsein. Sie ist nicht unzufrieden, das nicht, und doch ist da diese Sehnsucht, zu etwas Neuem aufzubrechen…
Unerwartet werden die Karten neu gemischt, als ein Wasserschaden ihr Appartement vorübergehend unbewohnbar macht. Ihr Nachbar, der zurückhaltende Deutsche Robert Bernthaler, bietet ihr verblüffend tatkräftig Hilfe an – ehe sich beide versehen, kommen sie sich bei einem Abendessen in seinem Appartement näher. Und bald schlendern sie gemeinsam über Friedhöfe am Montmartre, lassen ihr Leben bei Coq au vin und Rotwein Revue passieren und stellen sich die entscheidende Frage: Wie wäre es, der großen Liebe nicht mehr nur in Filmen, Chansons oder Romanen zu begegnen? Es könnte ja glücken, vielleicht…

Rainer Moritz’ Roman erzählt von den unverhofften Möglichkeiten der Liebe und von unseren Ängsten, sich auf sie einzulassen. Eine Geschichte voller Charme und Pariser Atmosphäre, eine Geschichte zweier Liebender, die man nicht so schnell vergessen wird.

Der Beginn einer kulturell erfrischenden Liebe und das im Herzen von Frankreich
Als ich mit dem Lesen begann, war mir nicht recht bewusst auf was ich mich genau einließ. Mir war klar, es ging um zwei Menschen, die sich kennenlernen in Paris und sich verlieben. Schön, da muss aber noch mehr kommen, damit man gewillt ist, sowas bis zum Schluß durchzuziehen (das Buch natürlich :-) ).

Tja, im Prinzip kommt aber eigentlich nicht mehr. Wir lernen Robert kennen, mit seinen Gedanken und seiner Liebe zur Kunst, und wir lernen Nathalie kennen, mit ihren Gedanken und ihrer Liebe zur Literatur. Und trotzdem hat es durchweg Spaß gemacht dieser Geschichte zu folgen. Rainer Moritz hat einen sehr feinen und klugen Humor und, so muss es sein, eine sehr große Liebe zu Paris. So etwas spürt man. Wir kennen das alle: sind wir leidenschaftlich von etwas überzeugt, lieben wir etwas oder jemanden, so bemerken wir meist gar nicht, mit wieviel Wärme und Engagement wir davon berichten. So ist es auch mit Moritz’, seinen Figuren und seiner Liebe zur französischen Kultur im Allgemeinen und zu Paris im Speziellen.

Image of Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe

Der Plot zeichnet sich nicht durch ungewöhnlich originelle Ideen aus. Es sind vielmehr die Details, die das Absinken möglich machen. Wenige werden mit diesem Unterhaltungswert über Paris so schreiben können wie Rainer Moritz. Nebenbei findet eine kulturelle Führung auf höchstem Unterhaltungsniveau statt. Wer im “Vorbeilesen” etwas über die Kunst des Stillebens erfahren möchte, ist bei Moritz wohl an der richtigen Stelle. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Gerade ausreichend, um die eigene Neugier zu erwecken (nach der dritten Erwähnung Georg Flegels und seiner Kunst, möchte man einfach wissen, wie denn so ein Kunstwerk von ihm aussieht).

Georg Flegel … ob sie von dem gehört habe? Sein Lieblingsmaler, zweifelsohne. Anfang des siebzehnten Jahrhunderts habe er in Frankfurt gelebt und die allerschönsten Stillleben gemalt. [...] Raffinierte Arrangements, die strahlten.

Die Unbeschwertheit der Verliebtheit und die Beschwertheit der Realität, die daneben weiter besteht. Das beschreibt Rainer Moritz. Die Freude der Verliebten über die gemeinsamen Gefühle beim Zusammentreffen und die Angst der Verliebten in ihren Gefühlen nicht ernsthaft erwidert zu werden – nach dem Zusammentreffen. Das kommt freilich nicht bleischwer daher. Es ist moderne und leichte Literatur, ein paar Klischees hier und da, aber ansonsten schlicht und unterhaltsam.

Ob er schon einmal Galette gegessen habe, mit Apfelschnitzen und angebratener Boudin blanc gefüllt? Sie schnalzte mit der Zunge. Sie erwähne das nur, damit er nicht denke, es mit einer verweichlichten Esserin zu tun zu haben, die salzlosen gedünsteten Heilbutt und durchs Wasser gezogenes Gemüse bevorzuge. Ihre Mutter habe deftig gekocht, und er wisse ja, wie prägend frühe Kindheitserlebnisse seien. Wenn sie über die Stränge schläge, faste sie eben zwei Tage lang. Oder habe er den Eindruck, sie müsse stärker auf ihre Figur achten? Als Frau Ende dreißig komme man ja in einen grenzwertigen Bereich. Da dem Teufel Zucker zu geben – und der Kampf ist für immer verloren, und man endet als fette Pariserin, die sich von ihrem Schoßhündchen in den Rundungen kaum unterscheidet und in Häusern mit defektem Aufzug zum Tode verurteilt ist. Stellen Sie sich vor, Monsieur Bernthaler, welches Bild das abgäbe, die verendeten Körper massiger Frauen, in unserem Haus verteilt über die Stockwerke, wie nach einer desastsrös verlaufenen Himalyaexpedition. Generationen nach uns würden die Überreste von den Treppenstufen kratzen und sofort erkennen, dass in diesem Haus mit der Aufzugsnalage etwas nicht in Ordnung gewesen sei.

Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass der Konjunktiv ein Stimmungsbild vermittelt, welches mit wörtlicher Rede eher in Kitsch abgesunken wäre.

Fazit
Ein ruhiges, kulturvermittelndes Buch mit charmantem Humor und überzeugend menschlichen Charakteren. Leicht und überaus unterhaltsam. Empfehlenswert!


Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe
Rainer Moritz
240 Seiten, Gebunden, 2009
Piper Verlag


Der Autor
Rainer Moritz, 1958 in Heilbronn geboren, ist seit vielen Jahren Mieter eines Appartements in Paris und lebt in Hamburg. Nach Büchern über die Musik, Sport und Literatur, zuletzt im Piper Verlag “Die Überlebensbibliothek” und “Ich Wirtschaftswunderkind”, ist “Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe” sein erster Roman.


Weitere Bücher von Rainer Moritz

Vorne fallen die Tore. Fußball-Geschichte(n) von Sokrates bis Rudi Völler
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Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs
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