“Wenn man über behinderte Kinder spricht, macht man meistens ein betretenes Gesicht. Wenigstens diese eine Mal möchte ich versuchen, mit einem Lächeln über euch zu reden. Ihr habt mich oft zum Lachen gebracht – nicht immer unabsichtlich.”
Wie gerne hätte der Vater seinen Söhnen ‘Tim und Struppi’ geschenkt – aber leider können sie nicht lesen. Wie gerne wäre er mit ihnen auf die Berge gestiegen, hätte mit ihnen Musik gemacht, hätte mit ihnen Volleyball gespielt – aber leider können sie immer nur mit Holzklötzchen spielen. Thomas und Mathieu sind behindert und waren nie das, was sich der Vater gewünscht hätte: normale Kinder.
Pointiert und mutig schildert Fournier das Leben mit seinen zwei Söhnen, die zu lieben nicht leicht war. Für die beiden wäre eine Engelsgeduld nötig gewesen, doch Fournier, bekennt er offen, war kein Engel.
“Keine Literatur kann in puncto Zynismus das wirkliche Leben übertreffen.” (Anton P. Tschechow)
Ich habe bereits viele Meinungen zu diesem Buch gehört und gelesen und kann die teilweise vernichtenden Kritiken zwar nachvollziehen aber nicht für gut heißen. Allein den Aspekt “hier spottet ein Vater über seine schwerstbehinderten Kinder” zu betrachten ist – meiner Meinung nach – zu oberflächlich.
Was Jean-Louis Fournier hier verfasst hat, ist schonungslos ehrlich – vor allem sich selbst gegenüber. Wie schwer er an diesem, seinem Schicksal hadert, ist äußerst niederschmetternd. So schreibt Fournier an einer Stelle:
Wenn Kinder einen Vater brauchen, auf den sie stolz sein können, dann brauchen Väter umgekehrt die Bewunderung ihrer Kinder, um selbstsicherer zu sein.
(Seite 126)
Ja, das ist wohl wahr und gilt sicherlich nicht nur für Väter. Jeder, der Kinder hat, wird wissen, dass es wenig schönere Momente im Leben gibt, als die, in denen wir die ehrliche Zuneigung unserer Kinder bekommen und wie sehr uns dies für unsere Mühe, Sorgen und Ängste entlohnt, die wir mit ihnen auch haben.
Das Buch selbst ist eine Aneinanderreihung von Wünschen, Verwünschungen, Hoffnungen, Hoffnungslosigkeiten, Äußerungen der Selbstverachtung, Äußerungen zum Selbstschutz und nicht zuletzt auch die Suche nach dem “Warum”. Und dabei gilt: je schwärzer der Humor, desto tiefer die Verzweiflung.
Die anderen sagen: “Ein behindertes Kind ist ein Geschenk des Himmels.” Sie sagen es aber nicht etwa aus Spaß. Und es sind selten Leute, die selbst behinderte Kinder haben.
Wenn man so ein Geschenk bekommt, will man am liebsten zurufen: “Ach! Das wäre doch nicht nötig gewesen…”
(Seite 34)
Mathieu hat nicht viel Ablenkung. Er sieht nie fern, ist auch nicht nötig, er hat´s auch so zum geistig Behinderten gebracht.
Die Konzentration auf die Söhne ist so stark,dass seine Frau und seine gesunde Tochter (mit der ebenfalls etwas nicht stimmt, was wir aber nicht erfahren) kaum eine Erwähnung finden. Es scheint, als wäre die Trennung von seiner Frau und der Verlust(?) seiner Tochter nur die konsequente Fortführung seines Bilderbuch-Schicksals. Er ist letztlich “nur” noch Vater von zwei schwerbehinderten Kindern. Sicher liest sich aus der ein oder anderen Zeile auch eine Spur Selbstmitleid heraus. Aber das ist doch völlig legitim, oder nicht? Darf ein Mensch mit einem solchen Schicksal nicht damit hadern? Zu keiner Zeit macht Fournier seinen Kindern einen Vorwurf. Lediglich sich selbst sieht er als Objekt für Mobbingattacken von “ganz oben”.
Ich betrachte dieses Buch als bewussten Tabubruch. Natürlich könnte man die Beweggründe zur Verfassung hinterfragen. Allerdings haben das schon andere getan und selbstverständlich ist die Antwort darauf “die Verarbeitung des Schicksals”. Sicher hat Fournier mit diesen wenigen Sätzen nicht die “ganze Wahrheit” dargestellt – das würde den Unterhaltungswert sicher schmälern. Aber es gibt durchaus auch Momente in diesem dünnen Büchlein, die mich glauben lassen, Fournier habe seine Kinder geliebt. Er hat sich nur nicht von dem Bild bzw. seinem Traum der “perfekten Familie” trennen können, die er meint, hätte haben zu können, wenn die Kinder nicht behindert gewesen wären. Ich weigere mich jedenfalls, davon auszugehen, Fournier hätte dieses Buch nur geschrieben um Aufmerksamkeit zu erlangen. Natürlich war das ein netter und nicht zu unterschätzender Nebeneffekt. Und es sei ihm gegönnt.
Fazit
Es liegt nicht an mir eine Meinung im engsten Sinne abzugeben. Jean-Louis Fournier hat mit diesem Buch sicher eine Lanze gebrochen hat. Die Behinderung seiner Söhne wird von ihm bis auf’s Letzte ins Lächerliche gezogen. Ich sehe dies als eine Art, der Auswegslosigkeit der Situation die Stirn zu bieten, der Autor selbst hält sich für einen schlechten Vater. Ein gewagtes aber mutiges Buch!
Weitere Besprechungen
Wo fahren wir hin, Papa? – Jean-Louis Fournier
160 Seiten, Softcover, dtv,
2009, ISBN 3423247452, 12,90 Euro





