Posts Tagged: Ehe


31
Aug 10

[Zeitgenössisch] Die Ehe – Natascha Wodin

“Das war er, der deutsche Mann, den ich nie wollte. Aber er war der erste und einzige, der mir ein Leben als Deutsche anbot. [...] Er war das Beste, was ich bekommen konnte, und ich war das Beste, was er bekommen konnte. Er nahm meinen Mangel in Kauf und ich den seinen. Das war unser Handel, das war unsere Bestimmung füreinander.

Inhalt
Der neue Roman von Natascha Wodin führt zurück in eine deutsche Kleinstadt im Jahr 1964.
Die Heldin ist zu Beginn 19 Jahre alt und arbeitet als Sekretärin und Telefonistin. Bald lernt sie Harald kennen, der einen ganz neuen, aufsehenerregenden Beruf hat: Programmierer.
So recht vorzeigbar vor den Kolleginnen ist Harald wegen eines Körperschadens zwar nicht, aber dennoch ist die Heirat für die junge Frau wie ein Sprung auf die andere Seite des Lebens. Hatten sich doch Kindheit und Jugend in Blocks hinter dem Kanal abgespielt, wo nach dem Krieg fast ausschließlich versprengte, russische Familien wohnten und der Blick gutbürgerlichen Lebens jedenfalls hinreicht. Nun aber adelt ein deutscher Name die neue Existenz. Die Segnungen der neuen Umgebung, die Aufnahme in die Famile des Gatten, die der Christlichen Wissenschaft und der NPD huldigt, Urlaubsreisen nach Italien, Operbesuche, Begleitung des Ehemanns zur Jagd gewähren ganz ungeahnte Genüsse. Mit naivem, fast ungläubigem Staunen nimmt die junge Ehefrau die Atmosphäre wachsenden Wohlstandes in den sechziger Jahren wahr, aber bald erweist sich auch dessen Brüchigkeit.

~~~~~~~~~~~~~~~~

Ein beeindruckendes Buch angesichts der Tatsache, dass Natascha Wodin in ihren Werken ihre Vergangenheit aufarbeitet. So auch in diesem Werk. Es geht vor allem um Heimatlosigkeit, sie bezeichnet sich selbst als Fremde zwischen den Kulturen.
Der Lebenslauf der namenslosen Ich-Erzählerin ähnelt in allen Eckdaten Natascha Wodins Lebenslauf.

Die Ehe ist ein Roman vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit in Deutschland und ein detaillierter Blick hinter die Kulissen. Die Atmosphäre dieser Zeit ist beeindruckend aufgefangen (“die 68-er”, Studentenproteste gegen den Vietnam-Krieg, Willy Brandts Kanzlerschaft etc.). In einem distanzierten und äußerst schlichtem Ton berichtet die Ich-Erzählerin von ihren Erlebnissen dieser Zeit, von ihren Gefühlen und von ihrer Unkenntnis über die Kultur eines Landes, in dem sie zwar geboren ist, in dem sie jedoch völlig orientierungslos herumirrt.

Als die Ich-Erzählerin eines Tages beim Fernsehabend der Nachbarin auf den einäugigen Harald Sikora trifft, ekelt sie sich zwar, aber sie weiß, er ist ihre Chance auf eine “deutsche” Zukunft.

Er sah schaurig aus. Ich wollte davonlaufen, wenn mich ein Blick aus diesem Gesicht traf

Das war er, der deutsche Mann, den ich nie wollte. Aber er war der erste und einzige, der mir ein Leben als Deutsche anbot. [...] Er war das Beste, was ich bekommen konnte, und ich war das Beste, was er bekommen konnte. Er nahm meinen Mangel in Kauf und ich den seinen. Das war unser Handel, das war unsere Bestimmung füreinander.

Die Ehe steht von Beginn an unter schlechten Sternen. Haralds Eltern und auch er selbst sind Mitglieder einer Sekte, die sich “Christliche Wissenschaft” nennt und nebenbei engagiert sich ihr neuer Mann in einer neugegründeten Partei, die NPD heißt. Ihre Schwiegermutter hasst das Mädchen von Anfang an und versäumt es nicht ihr gegenüber dies zum Ausdruck zu bringen. Was zu Beginn noch Faszination auf die junge Frau ausübt – die Ehe, die Aufnahme in eine echte “deutsche” und bürgerliche Familie, die in Wohlstand lebt – entwickelt sich schon nach kurzer Zeit zu einem konventionellen Gefängnis. Das Mädchen kämpft sich im Laufe ihrer Ehejahre an ihrem Mann vorbei durch die Konventionen und schafft es zuletzt tatsächlich als Frau ihre Unabhängigkeit zu erringen.

Fazit
Ein kühles und beeindruckendes Buch. Es wirkt oft recht befremdlich, dadurch aber auch faszinierend. Ich bin schon sehr auf “Nachtgeschwister” gespannt. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule


Image of Die Ehe

Die Ehe – Natascha Wodin
200 Seiten, Gebunden, 1997
vergriffen



11
Apr 10

[Film] Szenen einer Ehe – Ingmar Bergman

Das Ehepaar Marianne und Johan hat eine scheinbar glückliche und harmonische Beziehung. Aber seit langer Zeit werden Konflikte nicht mehr offen ausgetragen und belasten unterschwellig die Ehe. Als der Streit eines befreundeten Paars in der Scheidung gipfelt und Johan zudem die 23-jährige Studentin Paula kennen lernt, zerbricht auch die Ehe von Marianne und Johan. Sie bekämpfen sich bis hin zur Selbstaufgabe und am Ende entsteht doch eine neue Liebe…

Image of Szenen einer Ehe (Kinofassung)

Minimalistisch aber intensiv
Dieser Film ist tatsächlich “anders”. Die gesamte Handlung spielt sich – mit einigen ganz wenigen Ausnahmen – nur zwischen dem Ehepaar ab. Es gibt keine Musikuntermalung, die Szenen werden wie im Theater mit Titel eingeblendet und können unabhängig voneinander betrachtet werden.

Der Film beginnt mit einem Interview des Ehepaars Johan, Medizinprofessor, und Marianne, Anwältin. Inhalt: eine “Vorzeigeehe”. Sie sind seit zehn Jahren verheiratet und lieben sich noch immer. Man merkt Marianne an, dass ihr das überhebliche Gerede ihres Mannes nicht behagt, aber dennoch stimmt sie ihm zu, lächelt brav und schaut scheu in die Kamera. Die Kinder werden nur zu Beginn kurz eingeblendet – für ein gemeinsames Foto. Für das Interview müssen sie den Raum wieder verlassen. Dies ist der erste und einzige Auftritt der zwei Töchter.

Kurz nach Veröffentlichung des Interviews laden Johan und Marianne ein befreundetes Ehepaar ein, um ihnen daraus vorzulesen. Es wird viel getrunken und sehr langsam beginnt die Stimmung zu kippen, das befreundete Paar fängt an sich zu streiten. Der Streit eskaliert, es wird von Scheidung gesprochen und jede Menge schmutzige Wäsche gewaschen. Johan und Marianne versuchen jeweils die einzelnen Beteiligten zu beruhigen, was jedoch nicht gelingen will. Im Nachgang unterhalten sich die beiden über die Geschehnisse und darüber, was dazu geführt hat, dass die Gefühle dieses Paares von Liebe in Hass übergegangen sind. Johan und Marianne sind erstmalig nicht einer Meinung. Marianne meint, es läge alles nur an der gemeinsamen Sprache. Ihnen könne so etwas nicht passieren, da sie eine gemeinsame Sprache sprächen. Hilfesuchend, fast schon ängstlich, wendet sie sich mit dieser Frage an ihren Mann, der ihr jedoch nicht zustimmt, im Gegenteil, sondern ihr entgegen hält, dass sehr wohl jedes Paar Gefahr laufe in einer solchen Beziehungs-Katastrophe zu enden. Johans Ärger über die Naivität seiner Frau ist spürbar.

In den folgenden Szenen spitzt sich die gemeinsame Sprachlosigkeit der beiden Figuren zu. Es wird zunehmend kälter, Johan entfernt sich von Marianne, sie versucht ihn in zermürbende Gespräche über ihre Beziehung und ihre sexuelle Beziehung zueinander zu verwickeln. Johan wirkt zusehends genervter über seine Frau und ihr blauäugiges Denken (sie meint gegen etwaige Eheprobleme gewappnet zu sein, da sie berufsbedingt sich tagtäglich mit den Motiven gescheiterter Ehen befasst). Es fallen immer mehr harte Worte, Marianne wird völlig vor den Kopf geschlagen, kann nicht verstehen, was vorgeht.

Letztlich kommt es, wie es kommen muss, Johan nimmt sich eine Jüngere und trennt sich von seiner Familie. Marianne ist am Boden zerstört, versucht ihn krampfhaft zu halten, gibt jedoch auf und lässt ihn ziehen. Gegen meine Erwartungen jedoch, hasst sie ihn nicht für sein Verhalten. Im Gegenteil, sie scheint ihm auf unnatürlich Weise hörig zu sein. Sie lässt sich von ihm besuchen und erzählen, wie es mit seiner neuen Freundin Paula läuft.

Es folgen Jahre der Distanzierung, Anfeindung und Neufindung. Insgesamt sind es drei sehr intensive Filmstunden, die hier gefüllt werden.

Mich hat der Film stark befremdet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die “Szenen einer Ehe” heute in der gleichen Form inszeniert werden würden, wir Bergman es seinerzeit getan hat. Ich konnte mich nur sehr wenig insbesondere mit der Figur der Marianne identifizieren. Nichtsdestotrotz war ich von Anfang an von der Atmosphäre und der Umsetzung der Szenen völlig fasziniert. Die Dialoge sind sehr tiegründig und anstrengend, ja, manchmal auch langatmig und vielleicht nicht immer ganz nachvollziehbar bzw. verständlich. Sicher ist dies keine Sache zum Entspannen. Doch es gibt auch sehr schöne und wichtige (Denk)Ansätze über die Ehe und über das Zusammenleben. Es lohnt sich, die 70-er Brille abzulegen und entsprechende Ansätze auf die heutige Zeit zu übertragen. Denn insgesamt ist das Thema, das Bergman hier aufgegriffen und grandios umgesetzt hat, hochaktuell. Keine leichte, aber auf jeden Fall eine lohnenswerte Kost!

Fazit
Szenen einer Ehe ist ein intensiver Blick auf die Existenz einer Ehe, die zum Scheitern verurteilt ist. Sicher entspricht besonders das Verhalten der Ehefrau nicht dem, was wir von heutigen Verhältnissen erwarten würden. Aber dennoch ist es ein faszinierendes Drama, das durch äußerst intelligente Dialoge seine Darbietung erhält.

Weitere Besprechungen
Dieter Wunderlich


Szenen einer Ehe (Kinofassung) – Ingmar Bergman
1973, Hauptdarsteller: Liv Ullmann / Erland Josephson
11,99 Euro (bei Amazon)


11
Apr 10

[Belletristik] Sommerwogen – Mark Twain

“Meine verehrte Schwester,
ich verspüre das starke Verlangen, Dir zu sagen, wie dankbar ich Dir und Euch allen für die Geduld, Rücksicht & unermüdliche Freundlichkeit bin, die mir erwiesen wurden, seitdem Ihr mir Unterschlupf gewährt habt, und die aus den letzten vierzehn Tagen die einzige Zeitspanne meines Lebens machten, an die ich ohne Bedauern zurückblicke. [...]“

Image of Sommerwogen: Eine Liebe in Briefen

Kurzbeschreibung
“Ich bin jung & sehr gutaussehend & sie ist wahrhaftig das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe.” Mark Twain war zweiunddreißig Jahre alt, als er sich zum ersten und einzigen Mal verliebte.
Die Briefe an Livy Langdon, seine “Seelenschwester”, später Verlobte, Ehefrau und Mutter seiner Kinder, werden über die Jahre immer mehr zu amüsanten, anrührenden Lebenszeugnissen des berühmten Autors, der offen von seinen Erfolgen und Niederlagen, Hoffnungen und Ängsten schreibt und so manche Anekdote zum Besten gibt. Man findet darin eine lange Verteidigung des Rauchens, Spekulationen über die Unsterblichkeit der Seele, detektivische Nachforschungen über den geheimnisvollen Verehrer eines Dienstmädchens, Erinnerungen an Reisen, aber auch Verzweiflung über wirtschaftliche Fehlschläge und unheilbaren Schmerz über den Tod der Lieblingstochter Susy.

Ein Leben in Briefen
Der Klappentext verspricht “Die liebsten & lustigsten Liebesbriefe, die jemals geschrieben wurden“. Die liebsten sind es vielleicht, die lustigsten ganz sicher nicht. Das war sehr bestimmt nicht Sinn und Zweck der Briefe.

In diesem Büchlein befindet sich fast die gesamte Lebensgeschichte Mark Twains. Es sind wahrlich altmodische Briefe und gerade zu Anfang fast schon unerträglich verliebte Worte:

Leb wohl, Livy. Du bist so rein, so groß, so gut, so schön. Wie könnte ich Dich nicht lieben? Sag mir doch, wie ich Dich nicht anbeten könnte, meine liebe kleine Abgöttin?

Ich liebe, liebe, liebe Dich, Livy! Mein ganzes Wesen ist von dieser Liebe durchdrungen, erneuert und beseelt, & mit jedem Atemzug macht sie mich zu einem besseren Menschen. Ich werde mich Deiner unschätzbaren Liebe würdig erweisen, Livy.

Die Liebesbekundungen werden selbstverständlich mit der Zeit weniger, aber nie endet ein Brief von Twain an seine Frau oder seine Kinder ohne zärtliche Worte.

Den Briefen nach scheint Twains Liebe zu Livy absolut bedingungslos und von unschätzbar hohem Respekt gewesen zu sein. Ob es den Tatsachen entspricht, vermag man nicht zu beurteilen. Ein paar anderen Berichten zufolge, die ich über Mark Twain gesehen habe, war er seiner Frau mit seinem sturen Kopf nicht immer nur ein liebender und hilfreicher Mann. Sie war oft alleine und musste sich seinen Launen ergeben, die wir anhand der Schriftstücke nur erahnen können. Nichtsdestotrotz hat sie ihn stets geachtet und ebenfalls innig geliebt.

Nach der Hochzeit von Livy und Samuel trifft eine Reihe Schicksalsschläge die Familie hart. Es sind viele traurige Momente, aber auch viele hoffnungsvolle und glückliche Momente, die wir anhand der Schriftstücke nacherleben dürfen. Besonders der frühe Tod seiner Tochter und der Tod seiner Frau haben ihn auf untröstliche Weise sehr mitgenommen. Aber auch von seinen Erfolgen berichtet er stolz und fröhlich. Es gibt viele amüsante Gedanken und Sätze, Twain lässt seinen sarkastischen Launen oft freien Lauf, was das Lesen wirklich zu einem Vergnügen macht.

Fazit
Es sind wirklich schöne, unterhaltsame, humorvolle und traurige Briefe, die hier zusammen getragen wurden um uns ein Bild darüber zu verschaffen, wie Twain gelebt, geliebt und gefühlt hat. Es ist ein Büchlein für Liebhaber. Wer etwas über Mark Twain erfahren möchte, für den ist diese Sammlung ein Muss.

Weitere Besprechungen
Büchereule
kulturradio


Sommerwogen – Mark Twain
304 Seiten, Softcover, Januar 2010,
16,95 Euro,
Aufbau Verlag


Weitere Bücher von Mark Twain
Tom Sawyer & Huckleberry Finn
Die Abenteuer des Huckleberry Finn
Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof
Knallkopf Wilson
Bummel durch Deutschland
Bummel durch Europa
Post aus Hawai
Die Tagebücher von Adam und Eva


3
Apr 10

[Belletristik] Cliffhanger – Tim Binding

Es klang ganz einfach.
»Audrey«, sagte ich. »Audrey, wie wär’s, wenn wir ein bisschen rausgehen, einen Spaziergang machen?«
»Bei dem Wetter?«
»Uns ein bisschen den Kopf durchpusten lassen«, sagte ich, während ich mir die Schuhe anzog, und sie zuckte die Achseln und sagte: »Wieso nicht?«
Weil ich dich von der Scheißklippe stoßen werden, Audrey, deshalb nicht.

Image of Cliffhanger: Roman

Schräg und böse – very british
Al Greenwood will seine Frau umbringen. Gute Gründe dafür nennt er reichlich: „keine Streitereien mehr über dies und das, kein Töpfescheppern mehr, keine kalte Schulter mehr nach einer Sauftour, wenn ein Mann horizontale Gedanken kriegt.“ Scheidung zwecklos – Mord muss her.

Al und seine Frau Audrey wohnen in einer Bungalow-Siedlung nahe Wareham, wo es einen Bäcker gibt, einen Taxifahrer (nämlich Al) und einen Ein-Mann-Polizeiwache von Police Constable Hühneraugenpflaster. Es gibt zwei rivalisierende Familien, die Stokies und die Travers „die über den Ärmelkanal rudern würden, um sich gegenseitig ertrinken zu sehen.“ Und darüber hinaus gibt es eine Klippe, die sich förmlich aufdrängt, verhasste Ehefrauen ins Jenseits zu befördern. Nur ein Problem hat Al bei seinem Vorhaben, seine Frau muss mitziehen. Wie schafft er das? Klar, in dem er sie auf britisch ordinäre Art provoziert. Audrey rennt wütend aus dem Haus und Al folgt ihr. Er weiß, dass sie zum Kliff geht. Und so erstaunt es ihn nicht so oben anzutreffen und seinen Plan umzusetzen. Umso erstaunter ist er jedoch, als er nach Hause kommt und sie lasziv räkelnd vor dem Kamin antrifft. Voll in Fahrt und bereit für ein nettes kleines Schäferstündchen. Tja, und dann beginnt das Chaos: wen hat er über die Klippen gestoßen, wenn nicht seine Frau? Wo war seine Frau, wenn nicht auf dem Kliff? Und was ist mit seiner unehelichen Tochter Miranda geschehen, die just zum Zeitpunkt des vermeintlichen Mordes an seiner Frau verschwindet? Al ist völlig überfordert…

Al ersäuft in seinem hausgemachten Mord-Schlammassel. Wir treffen auf eine Schar durchgeknallter Nebenfiguren mit verrückten Motiven und insgesamt ist alles recht bizarr. Besonders die Nachbarin, Alice Blackstone – alias Mrs. Schnüffelnase -, eine begnadete Kifferin, ist unschlagbar.

Steckt man die erheblichen Obszönitäten Al seiner Frau gegenüber am Anfang weg, geht es fast schon harmlos weiter zur Sache. Spannend daran ist, dass ausnahmsweise hierbei nicht der Täter, sondern das Opfer gesucht wird. Al versucht natürlich erbittert herauszufinden, wen er da von den Klippen in den Tod gestoßen hat, wenn nicht seine Frau. Der Protagonist kommt dabei gar nicht mal so schlecht weg. Man könnte annehmen, er wäre ein mieser Sack. Aber nein, so einfach macht es uns Tim Binding nicht. Ganz im Gegenteil, es entwickeln sich sogar reizende Züge an Al, denen man zugunsten der Sympathie erliegt. Es ist auch nicht alles nur blödsinniger Klamauk. Man kann schon ganz gut erahnen, dass Binding die Spezies Mensch beobachtet und gekonnt auf die Schippe nimmt…

Es sind mitunter aberwitzige und skurrile Momente, die der Unterhaltung dienen. Die Ideen gehen dem Autor dabei tatsächlich nicht aus. Jede Menge Unsinn und jede Menge Spaß dabei. Aber äußerst gut ausgearbeitet und mitunter auch informativ – vor allem was die Karpfenzucht angeht. Miträtseln kann man auch noch.

Fazit
Ein Geschichte Marke „very british“. Skurril, böse, ja, auch vulgär, aber durchweg unterhaltend und gut gelaunt. Man sollte ein bisschen für den seltsam abgedrehten schwarzen Humor der Inselbewohner übrig haben. Nach den ersten drei Kapiteln ist eine Unterbrechung jedoch ärgerlich.

Weitere Besprechungen
Büchereule
wdr.de/Rezension von Christine Westermann
dradio
rezensionen.ch


Cliffhanger – Tim Binding
350 Seiten, TB, April 2010,
8,95 Euro,
Heyne


Weitere Bücher von Tim Binding
Henry Seefahrer
Im Königreich der Luft
Inselwahn
Sylvie und die verlorenen Stimmen


17
Jan 10

[Buchvorstellung] Unterwegs in einem kleinen Land – Philip K. Dick

Unterwegs in einem kleinen LandErstmals in deutscher Übersetzung: Philip K. Dicks großer Roman über den Niedergang einer Ehe zu einer Zeit, als Amerika seine Unschuld verlor. Der Kultautor der Science-Fiction einmal nicht als Visionär ferner Welten, sondern als unnachgiebiger, hellsichtiger Chronist seiner Zeit.
Los Angeles, 1952. Virginia Lindahl will ihren zehnjährigen Sohn Gregg auf ein Internat schicken, das in den Bergen außerhalb der Stadt liegt. Sie hofft, die ländliche Umgebung werde Greggs Asthma lindern, aber in Wahrheit soll der Junge nichts von den fortwährenden Eheproblemen seiner Eltern mitbekommen. Ihr Mann Roger Lindahl ist zunächst dagegen, ändert seine Meinung aber, als er bei einer Besichtigung des Internats Chic und Liz Bonner kennenlernt, deren Söhne dort Schüler sind. Die Lindahls verabreden eine Fahrgemeinschaft mit den Bonners, um die Kinder am Wochenende in die Stadt zu holen was eine Reihe von Verwicklungen auslöst, die das Leben beider Familien für immer verändern wird …

»Unterwegs in einem kleinen Land« ist eine packende, atmosphärisch dichte Milieustudie der amerikanischen Mittelschicht zu Beginn der fünfziger Jahre. Philip K. Dick versteht es meisterhaft, anhand des Psychogramms einer Ehe die Antriebsweisen einer Gesellschaft aufzudecken, deren Träume auf Illusionen gründen und zwangsläufig im Nichts verlaufen.

Anmerkung

Philip K. Dick war ein amerikanischer und bedeutender Science-Fiction Autor, der sich mit diesem Roman einen Ausflug in die moderne zeitgenössische Literatur erlaubte.
Wer gefallen an diesem Roman findet, sollte unbedingt auch einen Blick auf die Bücher von Richard Yates werfen, der das amerikanische Kleinbürgertum der 50-er Jahre im Feinsten sezierte.

Meinungen zu diesem Buch im Net

Weitere Bücher des Autors

Warte auf das letzte Jahr: Roman
Price:

44 used & new available from EUR 5,31

Das Orakel vom Berge: Roman
Price: EUR 9,95

76 used & new available from EUR 4,59

Die Lincoln-Maschine: Roman
Price: EUR 9,95

75 used & new available from EUR 5,99

Eine andere Welt
Price: EUR 9,95

85 used & new available from EUR 5,55

Der unmögliche Planet: Stories
Price: EUR 12,95

78 used & new available from EUR 6,20

Nach der Bombe: Roman
Price: EUR 9,95

84 used & new available from EUR 5,45

Der dunkle Schirm
Price: EUR 9,95

86 used & new available from EUR 4,09

Zeit aus den Fugen
Price: EUR 9,95

79 used & new available from EUR 3,48

Ubik
Price: EUR 9,95

94 used & new available from EUR 3,65


17
Jan 10

[Buchvorstellung] Geschichte einer Ehe – Andrew Sean Gear

Geschichten einer Ehe»Wir glauben, die zu kennen, die wir lieben.«

San Francisco: Draußen am Strand glaubt sich Holland sicher – hier in seinem kleinen Haus mit seiner Frau Pearlie und dem Sohn. Doch die Vergangenheit klopft an die Tür, und Pearlie begreift, dass sie nur ein Teil in einem Dreieck ist. Drei Außenseiter, die mit ihren Leidenschaften ringen, und ein Gebot von 100.000 Dollar, um dem Leben eine neue Richtung zu geben – die Geschichte einer Ehe.

Meinungen zu diesem Buch im Net

Weitere Bücher des Autors

Geschichte einer Ehe
Price: EUR 19,95

106 used & new available from EUR 3,24

Die Nacht des Lichts
Price: EUR 9,95

88 used & new available from EUR 0,10

Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli
Price: EUR 9,95

118 used & new available from EUR 0,65


8
Jan 10

Alte Liebe – Elke Heidenreich/Bernd Schroeder


Alte Liebe 200x200

Inhalt
Alte Liebe rostet nicht. Aber die Zeit ist an Lore und Harry nach 40 Jahren Ehe nicht spurlos vorbeigegangen. Die leidenschaftliche Lore hat Angst, bald mit dem frisch pensionierten Harry untätig im Garten zu sitzen. Nur in einem sind sich die Alt-Achtundsechziger einig: Ihre Tochter Gloria hat alles nur Mögliche im Leben falsch gemacht! Nun will Gloria in dritter Ehe einen steinreichen Industriellen heiraten, der auch noch ihr Vater sein könnte. Wie konnte es so weit kommen? Elke Heidenreich und Bernd Schroeder erzählen in umwerfenden Dialogen die Geschichte eines Ehepaars, in der sich eine ganze Generation wiedererkennen kann. Komischer sind die Szenen einer Ehe noch nicht erzählt worden.

Und das soll’s gewesen sein?
Ein typischer Satz von Lore bzw. Frau Heidenreich. Man sieht sie förmlich vor sich, auf das Leben und dessen im Kern verankerte Belanglosigkeit schimpfen. Lore kämpft mit dem alt werden. Sie möchte nicht glauben, dass das Leben nicht mehr zu bieten hat, als einen Job als Bibliothekarin, der sie trotz ihrer Leidenschaft zur Literatur nicht mehr erfüllen kann, eine Tochter, der sie völlig fremd ist und einen Mann, der sich nur noch für seine Hobbygärtnerei interessiert und sie zu häufig mit lästigem Testamtentsgeschwafel belästigt.

Es ist alles nicht ganz einfach. Altwerden ist nicht einfach, all die Verluste sind nicht einfach – Verlust von Kraft, Haaren, Zähnen, Schönheit, Libido, Verluste von Freunden, Leidenschaft, ich sehe überall nur Verluste… [Lores Gedanken, S. 34]

Vom grauen Alltag hin zur Wiederbelebung der Liebe
Harry, zu Beginn noch recht eigenbrötlerisch und oftmals verwundert über seine ruhelose Frau, bemerkt die Sinnkrise seiner Frau. Hatte er sich selbst doch, ein paar Jahre zuvor, schon mit ähnlichen Gedanken herumschlagen müssen. Trotzdem, es nervt ihn, dass er zu dieser – dritten und – schlimmsten Hochzeit seiner Tochter nach Leipzig muss, und das Lore damit nicht locker lässt.

Was ist das bei Lore? Gönnt sie mir nicht das Gefühl, an dem Abend nichts versäumt zu haben, diesen kleinen Triumph? Irgendwie ist Lore daneben, unzufrieden, leicht gereizt. Manchmal denke ich, dass ihr die Arbeit in der Bibliothek zuviel wird, dass sie sich dort nicht mehr wohl fühlt, dass sie gerne aufhören würde, aber Angst davor hat, Rentnerin neben dem Rentner zu sein. Sie wird ahnen, dass ein Lebensabend auf Kulturreisen mit mir nicht zu machen ist… [Harrys Gedanken, S. 50]

>In between, there are doors<
Irgendwann wacht Harry auf. Er wacht auf, aus einer Lethargie, die ihm der Alltag auf die Schultern geworfen hat und die ihn lahm gelegt hat. Er merkt, dass kann es nicht gewesen sein. Er will mit seiner Lore noch ein paar schöne Momente auf die alten Tage genießen. Und das ist das schöne an solchen Geschichten: der Protagonist kriegt die Kurve im richtigen Moment und führt uns vor, wie man es machen könnte, wenn man wollte.

Lore, Harry, Lore, Harry…
So läuft der Plot ab. Die Story gleicht eher einer Aufeinanderreihung einzelner zu Protokoll gegebener Mono- und Dialoge als einer gewöhnlichen Handlung. Erzählt wird abwechselnd aus Sicht der beiden Protagonisten im Stil Monolog -> Dialog. Mehr gibt es nicht. Mehr muss es auch nicht geben. Völlig unkompliziert, keine überflüssigen Verwirrungen, schlicht und einfach Lore und Harry, die ihr Leben Revue passieren lassen und Fazit ziehen.

Eine Perle
Für mich war dieses Buch eine kleine Perle. Selbst für Paare, die noch keine zwanzig, dreißig, vierzig Jahre zusammen leben, beinhaltet es eine Botschaft. Wer kennt es nicht? Der Alltag zieht überall rasch ein, und es erfordert mindestens, eher noch mehr, Arbeit eine Beziehung am Leben zu erhalten und vor der “Verwahrlosung” zu schützen, wie einen Garten anzulegen und zu pflegen. Seinen Garten möchte Harry nicht mehr hergeben, seine Frau manchmal schon, weil er sie, auch nach vierzig Jahren Ehe, oft nicht versteht.

Es ist einfach bezaubernd mit zu erleben, wie Harry aus seiner Lethargie aufwacht, sich einen Ruck gibt und den Weg zurück zu seiner Frau und zur Gemeinsamkeit findet.

Ich habe im Moment das Gefühl, dass wir an einem Scheideweg sind. Entweder wir werden wie so viele andere ein abegestumpftes Paar, das aus Gewohnheit noch zusammenlebt, oder wir haben noch ein paar schöne, intensive Jahre miteinander, so was wie einen zweiten Frühling. Wir haben eine Chance. Wir sind gesund, wir haben keine finanziellen Sorgen, müssen nicht mehr arbeiten, haben, wenn wir uns wieder darauf besinnen, gemeinsame Interessen… Ich bin so bequem und faul geworden… Das ist doch grotesk. Nein, das darf so nicht weitergehen. Es muss sich ändern. ICH muss es ändern… Meine Lore, die sich nicht gewünscht hat, mit einem Gartenspinner alt zu werden. Wann hab ich ihr eigentlich zuletzt gesagt, dass ich sie liebe? Ich weiß es nicht. Ich fürchte, es ist lange her. Und ich liebe sie doch noch. [Harrys Gedanken, S. 141/142]

Es ist ein Buch zum Abtauchen, zum Nachdenken und zum Schmunzeln. Das Unterhaltsame an den Dialogen sind nicht die Dialoge selbst bzw. deren Inhalte, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass wir alle, die in längeren Partnerschaften leben, genau diese Art (und die Weise, wie sie ausgetragen werden) von Gesprächen kennen. Es wird uns ein Beziehungsspiegel vorgehalten und der Verlauf einer Beziehung zu Ende gespinnt. Es ist ein kleiner Aufruf an die Leserschaft, sich schöne Erinnerungen zu verschaffen. Denn davon zehren wir in schlechten Zeiten. Wir erinnern uns und halten uns an den Dingen fest, die wir gerne erlebt haben.

Harry sagt dazu:

Ich will mit dir reisen und was erleben, damit wir wieder sagen können >siehst du auch, was ich sehe< und nicht nur >weißt du noch, damals.< … [Harry und Lore im Gespräch, S. 143]

Es spricht: Frau Heidenreich
Aus Lore spricht Frau Heidenreich. Lore liebt Literatur, Dichtung und Musik. Lore ist ruhelos und Lore hat ein loses Mundwerk. Kehlmanns Bücher sind nicht ihr Ding, Brückners Stimme hingegen schon. Wer also Frau Heidenreich eher meidet, wird von Lore ebenfalls genervt sein. Ich mag die Heidenreich. Ich könnte ihr stundenlang lauschen, wenn sie über Bücher erzählt, ich mag auch ihre Art und Weise, die Dinge auszusprechen, die sie denkt. Sie versucht nicht zu gefallen. Und durch Lore erfahren wir, dass auch Frau Heidenreich denkt, fühlt und handelt wie wir alle. Auf ihre Art eben. Den Menschen zugestehen so zu sein wie sie sind, das ist auch eine Botschaft.

Fazit
Jeder, der in einer Beziehung steckt, in der schon längst der Alltag eingekehrt ist, wird sich an dieser Geschichte erfreuen und vielleicht auch ein bisschen über den Umgang mit der eigenen Beziehung nachdenken. Mir hat es sehr, sehr gut gefallen. Vielen Dank, Frau Heidenreich/Herr Schroeder!