Posts Tagged: Belletristik


7
Mrz 10

[Belletristik] Durch den Wind – Annika Reich

Die ersten Sätze

Alison lehnt ihren Hinterkopf so an Victors Brust, dass sein Kinn auf ihren langen roten Haaren lag. Ihre Haut schimmerte wie vom Mond beschienen, und ihre Augen waren halb geschlossen. Die grüne Seidenbluse hing an einer Seite aus ihrer Hose heraus, und der Kragen war etwas verrutscht. so sah Alison eigentlich fast immer aus, ein bisschen müde oder als wäre sie gerade erst aufgestanden.

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Kurzbeschreibung
Yoko ist Japanerin, Architektin, erfolgreich, selbstsicher. Männer braucht sie nur für eine Nacht. Sie ist auf der Flucht – vor der Familie, vor dem Tod ihres Vaters. Friederike liebt die Natur, die Bücher, aber auch einen Mann, der leider nur seine Freiheit liebt. Dabei wollte sie eigentlich schon mit zwanzig Mutter sein und ihre Doktorarbeit fertig haben. Alison scheint stets ein wenig entrückt. Nichts ist für sie sicher. Vielleicht hat sie eine Doppelgängerin. Vielleicht glaubt sie nur, Victro sei der Mann ihres Lebens. Vielleicht ist der aber auch in Japan auf einer Geschäftsreise verschwunden. Sicher ist: Sie reist ihm hinterher, ins sehr unsichere Gewirr Tokios. Siri ist schön, schillernd und unglücklich. Siehat einen Sohn, einen perfekten Mann, der alles für sie tut und den sie deshalb verachtete. Als ausgerechnet ihre siebzigjährige Großmutter das macht, was sie selbst nicht wagt, und ihren Mann verlässt, bricht Siris wacklige Welt zusammen. Haben die Alten etwa mehr Mut als die jungen Leute?
Annika Reich erzählt in ihrem Roman unterhaltsam und intelligent von Hoffnungen und Enttäuschungen. Am Schluss stellen die vier Frauen fest: Auch wenn sie Verbündete sind, ihre Wünsche sind voll von Gegensätzen. Leben lernen muss jede für sich selbst.

Sind das die Mittdreißigerinnen von heute…

Es fällt mir einigermaßen schwer, für dieses Buch die Worte zu finden, die beschreiben, was ich darüber denke, es aber dabei nicht in einem allzu schlechten Licht belassen. Soviel steht fest: es war nichts für meinen Geschmack. Dabei hatte ich mir sehr viel erhofft, gehöre ich doch am Rande schon zur Zielgruppe der angesprochenen Leserschaft.

So harmlos, wie die Kurzbeschreibung daher kommt, ist die Geschichte der vier Protagonistinnen nicht. Der Klappentext klingt unterhaltsam? Nicht wirklich. Die Story ist eher zermürbend, wenig melancholisch, bisweilen hoch depressiv.

Wenn das die Mittdreißigerinnen von heute sind, dann hat die Psychatrie alle Hände voll zu tun. Da wäre zum einen Alison, die völlig hörig ihrem Victor hinterher rennt, der sie alle paar Tage sitzen lässt, abtaucht, um dann wieder aufzutauchen. Alison wirkt dabei so unerträglich naiv und unreif, dass es mir absurd erscheint, bei einer solchen Frau und ihrer Problematik von alltäglichen Problemen der Frauen Mitte dreißig zu sprechen. Oder nehmen wir Siri. Siri ist bereits verheiratet, hat einen wunderbaren Sohn und einen Mann, der sie offenbar liebt. Und trotzdem, diese Bindung scheint der allergrößte Fehler ihres Lebens gewesen zu sein, weshalb bei Siri nicht mehr die Rede sein kann von “Angst vor dem Scheitern”. Sie ist gescheitert. Zumindest stellt sich die Situation so dar. Stellt sich die Frage nach Fluch oder Segen was zuletzt dann passiert…

Yoko und Friederike sind tatsächlich eher normal. Und trotzdem, auch mit diesen Figuren konnte ich mich zu keiner Zeit identifizieren. Mittlerweile weiß ich auch warum. Annika Reich hat die Figuren nicht genügend voneinander differenziert. Sicher, sie haben alle ihre ganz eigenen Probleme, und dennoch erleben sie ihre Gefühle alle auf die gleiche Art und Weise. Alle heben in ihren Gedanken und mit ihren Problemen völlig ab. Die Problemlösungstrategien sind im Prinzip nicht unterscheidbar und damit wirken die Themen und mit ihnen die Figuren eher belanglos. Ich wurde nicht mitgezogen, ich habe nicht mitgelitten. Spätestens nach der zehnten methaphorischen Beschreibung eines einzelnen Gedankengangs wird es schlichtweg langweilig.

Annika Reich hat sicher Talent zum Schreiben, das steht außer Frage. Allerdings hat sie meiner Meinung nach für dieses Buch viel zu sehr ausgeholt. Es häufen sich pseudointellektuelle Abschnitte, die oftmals völlig kontextfrei in den Raum geworfen werden. In unberechenbarem Tempo gibt es dramatische Szenenwechsel zwischen irreal/real. Ich mag solche metaphorischen Ausschweifungen nur bedingt. Sie müssen stimmig sein. Das ist der Autorin hier nicht gut gelungen. Es wirkt aufgesetzt und gezwungen abstrakt. Direkt wäre mir lieber gewesen. Die eigentliche Problembewältigung rückt damit weit in den Hintergrund.

Als Beispiel sei Yokos Umgang mit dem Tod ihres Vaters aufgeführt. Yoko ist offensichtlich überzeugt davon, die Schuld am Krebstod ihres Vaters zu tragen. Nach dessen Tod packt sie ihre Sachen und zieht nach Deutschland, da ihr Vater über Literatur eine große Bindung zu Deutschland hatte.

Yoko ruft eines Tages in Japan an, um an vertraute Stimmen zu kommen. Sie sagt nichts, bis auf: Er ist tot. Die Schwägerin, die den Hörer abnimmt am anderen Ende, beginnt zu Schreien, da sie denkt es dreht sich um ihren Mann. Die Mutter, die im selben Haushalt lebt, nimmt den Hörer in die Hand und sagt: Er lebt, meine Tochter ist tot.

Daraufhin durchlebt Yoko folgendes:

Ihre Fersen hoben vom Boden ab. Die weißen Holzbohlen unter sich. Sie verfolgte die weiße Linie bis zur Wand, glitt die weiße Wand hinauf, das Mauerwerk löste sich auf, wälzte sich als weiße Lawine auf sie zu. Sie rang nicht nach Luft. Sie verlor den Boden unter den Füßen, breitete die Arme aus und wurde von der weißen Welle davongetragen. Die Telefonschnur riss, sie sah die getrennte Leitung als unterbrochene Linie im weißen Raum. Schon wieder so eine filigrane Zeichnung, in die sie geraten war. In einer Art Zeitlupe schaute sie sich dabei zu, wie sie sich auf der weißen Welle aus dem Raum bewegte. Die Lawine entzog ihr das weiße Hemd und umschloss sie nun ganz und gar. Kalt war es nicht, eher lauwarm, nichttemperiert. Die Linie der gerissenen Leitung verblasste, und das Weiß wurde allgegenwärtig. Wieder mischten sich Worte und Bilder in ihr Schweben. Auf einmal fühlte sich das Weiß so an, als sei es aus hauchdünnem Papier und ihr Körper eine gezeichnete Linie, nur Umrisse. Sie rieb eine Haarsträhne zwischen den Fingern. Sie fühlte sich wie eine Perücke an.

Was man dem Buch gut entnehmen kann ist Annika Reichs Liebe zu Japan. Was ich in diesem Zusammenhang sehr interessant fand, war die Erwähnung des japanischen Dichters und Schriftstellers Mishima Yukio, auf dessen Werke und Person ich jetzt recht neugierig geworden bin.

Fazit
Leider hat Annika Reichs Stil nicht meinen Geschmack getroffen. Zuviel Bilder, zuviel poetische Ansätze, die eigentlich hätten keine sein müssen und zu wenig realistische. Stil und Thema wollen sich hier nicht so recht zu einem Ganzen vereinen.


Durch den Wind – Annika Reich
336 Seiten, Gebunden, 2010, 19,90 Euro,
Hanser Verlag

Weitere Besprechungen

Weitere Informationen
Yoko spricht im Zusammenhang mit ihrem Vater vom japanischen Schrifststeller Mishima Yukio. Mishima Yukio war ein japanischer Dichter und Schriftsteller, der laut Wikipedia “sowohl für seine nihilistische Nachkriegsliteratur als auch für die außergewöhnlichen Umstände seines Suizids” bekannt ist. Sein Selbstmord bestand aus dem Ritual des Seppuku, bei dem der sitzende Mann sich ausgehend von der linken Seite den Bauch waagrecht aufschlitzt und somit die Aorta anschneidet oder zertrennt.

Mishimas Bücher
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Über Mishima
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25
Feb 10

[Belletristik] Der Schneeflockenbaum – Maarten ‘t Hart

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Kurzbeschreibung
Vom ersten Tag an war seine Mutter misstrauisch gewesen gegenüber der »dürren Missgeburt«, wie sie seinen Freund Jouri immer nannte. Als Sohn eines Kollaborateurs hatte Jouri in den Niederlanden der Fünfziger Jahre wahrhaftig nicht viel zu lachen, genauso wenig wie der Erzähler selbst, der mit seinem eigensinnigen Humor und seinen Darmwinden Mitschüler und Lehrer quälte. Als sich dann einmal die kleine Ria Dons tapfer an seine Seite stellt und ihm, gegen Bezahlung von fünf Cent, sogar erlaubt sie zu küssen, ist das der Beginn einer schmerzlichen Erfahrung – denn Jouri zerreißt das zarte Band und spannt ihm ungerührt die Freundin aus. Voller funkelnder Lust am Erzählen ist »Der Schneeflockenbaum« ein Roman um verlorene Liebe, ein lebenslanges Missverständnis und eine unerklärliche Freundschaft.

Seichtes dahinplätschern…
Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, weil ich vor längerer Zeit Das Wüten der Welt von diesem Autor gelesen habe und begeistert war. Demnach hatte ich mir eine genauso spannende und unterhaltsame Lektüre erhofft, bin jedoch zu dem Schluß gekommen, dass Der Schneeflockenbaum qualitativ keineswegs an das oben genannte Buch heran kommt.

Es dreht sich alles um eine lebenslange Freundschaft zwischen einem namenslosen Ich-Erzähler und seinem Sandkastenkumpel Jouri. Beide stehen stets ein wenig im Abseits. Der Ich-Erzähler aufgrund einer üblen desozialisierenden Darmerkrankung, die ihn ständig und in den unmöglichsten Situationen laut furzen und auf die Toilette rennen lässt. Der andere, Jouri, aufgrund der Tatsache Sohn eines Kollaborateurs zu sein. Die Eltern anderer Kinder ermuntern diese natürlich nicht zum Umgang mit Jouri.

Wie es die Umstände so wollen, werden der Ich-Erzähler und Jouri gute Freunde – Jouri stört der Gestank, den der Ich-Erzähler oftmals ausbreitet und weswegen er gemieden wird, nicht. Selbstverständlich werden sie auch älter. Und auf einmal beginnt die Misere: Jouri spannt seinem Freund sämtliche Freundinnen aus. Kaum hat sich der Ich-Erzähler in eine junge Dame verguckt, ist Jouri schon zur Stelle um sie ihm auszuspannen. Dieses Szenario zieht sich sogar bis zur Ehe der beiden Männer hin. Überraschend dabei ist, wie loyal der Ich-Erzähler stets gegenüber seinem Freund bleibt. Das wirkt gelegentlich schon recht unglaubwürdig.

Maarten ‘t Harts Kernaussage ist kurz und bündig. Wohin es führen kann, wenn destruktiven Neidgefühlen nachgegeben wird und was das mit verpassten Chancen zu tun hat, davon handelt dieses Buch. Wahrscheinlich geht es auch um die Schwierigkeiten des “Erwachsen werden”, aber dies sicher nur am Rande.

Der beliebte niederländische Autor besitzt einen amüsanten und lockeren Stil, den er auch hier einsetzt. Er ist ein sehr guter Erzähler. Letztlich rettet diese Tatsache das Buch, denn schon früh zieht sich die Thematik hin. Augenscheinlich dreht dreht sich alles um die Ausspannerei, aber leider ist weit weniger ersichtlich, wo es letztendlich hinführen soll. Jouri spannt eben am laufenden Band die Freundinnen aus, aber na ja, nach der dritten müssen nicht noch drei weitere folgen. Irdendwann besteht der Wunsch nach Aufklärung.
Die Unklarheiten – auch in Bezug auf den Titel – lösen sich natürlich auf. Allerdings bleiben große Überraschungen bis zum Ende hin aus. Die Figuren als farblos zu bezeichnen wäre unangebracht, aber sie bleiben entfernt, da die Motivation für ihre Handlungsweise nicht klar dargestellt wird. Man liest, man findet seltsam, was das vor sich geht, aber man leidet oder freut sich sicher nicht mit den Figuren. Das hat wohl den Grund, das eine Unklarheit doch bestehen bleibt: warum der Ich-Erzähler und Jouri ein Leben lang befreundet bleiben, erschließt sich beim besten Willen in keiner Weise.

Auch auch in diesem Roman, wie so oft bei Maarten ‘t Hart, spielt die klassische Musik wieder eine bedeutende Rolle. Die große Leidenschaft des Autors zu dieser Musikrichtung muss man zwar nicht teilen, aber es schadet nicht ein wenig Interesse dafür übrig zu haben, um der Langatmigkeit entgegen zu kommen.

Fazit
Eine ruhige und mäßig unterhaltende Geschichte, die ein wenig mehr Plot vertragen hätte. Die Kernbotschaft ist recht dürftig und wird im Laufe der Erzählung schlichtweg überstrapaziert. Es schadet nicht dieses Buch zu lesen, aber es macht auch nichts, wenn man es nicht tut. Als Hörbuch könnte ich es mir besser vorstellen…


Der Schneeflockenbaum – Maarten ‘t Hart
350 Seiten, 2010 HC, 19,95 Euro,
Piper

Weitere Besprechungen

Weitere Bücher von Maarten ‘t Hart
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16
Jan 10

Belletristik: Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe – Rainer Moritz

Die ersten Sätze

Der Aufzug kam nicht. Wenn man diese altertümliche Kabine überhaupt Aufzug nennen wollte. Er rüttelte an dem abgewetzten Handgriff, doch die metallene Schiebetür machte keinerlei Anstalten, sich ächzend aufzufalten. Er drückte auf den grünen Knopf, mehrmals. Hoffnung, dass sich das Ungetürm bewegen würde, hatte er keine.

Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe

Der Inhalt
Nach einem langen Tag in der Buchhandlung tritt Nathalie Cottard auf den kleinen Balkon ihres Appartements und atmet einmal kräftig durch. Unweit von Sacré-Coeur wohnt sie, unter sich die Dächer von Paris. Gleich wird Maman anrufen, es ist Mittwoch, und Nathalie wird wie immer nur zuhören, ihre Gedanken schweifen lassen. Zu ihren Freunden, früheren Liebhabern, ihrem Alleinsein. Sie ist nicht unzufrieden, das nicht, und doch ist da diese Sehnsucht, zu etwas Neuem aufzubrechen…
Unerwartet werden die Karten neu gemischt, als ein Wasserschaden ihr Appartement vorübergehend unbewohnbar macht. Ihr Nachbar, der zurückhaltende Deutsche Robert Bernthaler, bietet ihr verblüffend tatkräftig Hilfe an – ehe sich beide versehen, kommen sie sich bei einem Abendessen in seinem Appartement näher. Und bald schlendern sie gemeinsam über Friedhöfe am Montmartre, lassen ihr Leben bei Coq au vin und Rotwein Revue passieren und stellen sich die entscheidende Frage: Wie wäre es, der großen Liebe nicht mehr nur in Filmen, Chansons oder Romanen zu begegnen? Es könnte ja glücken, vielleicht…

Rainer Moritz’ Roman erzählt von den unverhofften Möglichkeiten der Liebe und von unseren Ängsten, sich auf sie einzulassen. Eine Geschichte voller Charme und Pariser Atmosphäre, eine Geschichte zweier Liebender, die man nicht so schnell vergessen wird.

Der Beginn einer kulturell erfrischenden Liebe und das im Herzen von Frankreich
Als ich mit dem Lesen begann, war mir nicht recht bewusst auf was ich mich genau einließ. Mir war klar, es ging um zwei Menschen, die sich kennenlernen in Paris und sich verlieben. Schön, da muss aber noch mehr kommen, damit man gewillt ist, sowas bis zum Schluß durchzuziehen (das Buch natürlich :-) ).

Tja, im Prinzip kommt aber eigentlich nicht mehr. Wir lernen Robert kennen, mit seinen Gedanken und seiner Liebe zur Kunst, und wir lernen Nathalie kennen, mit ihren Gedanken und ihrer Liebe zur Literatur. Und trotzdem hat es durchweg Spaß gemacht dieser Geschichte zu folgen. Rainer Moritz hat einen sehr feinen und klugen Humor und, so muss es sein, eine sehr große Liebe zu Paris. So etwas spürt man. Wir kennen das alle: sind wir leidenschaftlich von etwas überzeugt, lieben wir etwas oder jemanden, so bemerken wir meist gar nicht, mit wieviel Wärme und Engagement wir davon berichten. So ist es auch mit Moritz’, seinen Figuren und seiner Liebe zur französischen Kultur im Allgemeinen und zu Paris im Speziellen.

Image of Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe

Der Plot zeichnet sich nicht durch ungewöhnlich originelle Ideen aus. Es sind vielmehr die Details, die das Absinken möglich machen. Wenige werden mit diesem Unterhaltungswert über Paris so schreiben können wie Rainer Moritz. Nebenbei findet eine kulturelle Führung auf höchstem Unterhaltungsniveau statt. Wer im “Vorbeilesen” etwas über die Kunst des Stillebens erfahren möchte, ist bei Moritz wohl an der richtigen Stelle. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Gerade ausreichend, um die eigene Neugier zu erwecken (nach der dritten Erwähnung Georg Flegels und seiner Kunst, möchte man einfach wissen, wie denn so ein Kunstwerk von ihm aussieht).

Georg Flegel … ob sie von dem gehört habe? Sein Lieblingsmaler, zweifelsohne. Anfang des siebzehnten Jahrhunderts habe er in Frankfurt gelebt und die allerschönsten Stillleben gemalt. [...] Raffinierte Arrangements, die strahlten.

Die Unbeschwertheit der Verliebtheit und die Beschwertheit der Realität, die daneben weiter besteht. Das beschreibt Rainer Moritz. Die Freude der Verliebten über die gemeinsamen Gefühle beim Zusammentreffen und die Angst der Verliebten in ihren Gefühlen nicht ernsthaft erwidert zu werden – nach dem Zusammentreffen. Das kommt freilich nicht bleischwer daher. Es ist moderne und leichte Literatur, ein paar Klischees hier und da, aber ansonsten schlicht und unterhaltsam.

Ob er schon einmal Galette gegessen habe, mit Apfelschnitzen und angebratener Boudin blanc gefüllt? Sie schnalzte mit der Zunge. Sie erwähne das nur, damit er nicht denke, es mit einer verweichlichten Esserin zu tun zu haben, die salzlosen gedünsteten Heilbutt und durchs Wasser gezogenes Gemüse bevorzuge. Ihre Mutter habe deftig gekocht, und er wisse ja, wie prägend frühe Kindheitserlebnisse seien. Wenn sie über die Stränge schläge, faste sie eben zwei Tage lang. Oder habe er den Eindruck, sie müsse stärker auf ihre Figur achten? Als Frau Ende dreißig komme man ja in einen grenzwertigen Bereich. Da dem Teufel Zucker zu geben – und der Kampf ist für immer verloren, und man endet als fette Pariserin, die sich von ihrem Schoßhündchen in den Rundungen kaum unterscheidet und in Häusern mit defektem Aufzug zum Tode verurteilt ist. Stellen Sie sich vor, Monsieur Bernthaler, welches Bild das abgäbe, die verendeten Körper massiger Frauen, in unserem Haus verteilt über die Stockwerke, wie nach einer desastsrös verlaufenen Himalyaexpedition. Generationen nach uns würden die Überreste von den Treppenstufen kratzen und sofort erkennen, dass in diesem Haus mit der Aufzugsnalage etwas nicht in Ordnung gewesen sei.

Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass der Konjunktiv ein Stimmungsbild vermittelt, welches mit wörtlicher Rede eher in Kitsch abgesunken wäre.

Fazit
Ein ruhiges, kulturvermittelndes Buch mit charmantem Humor und überzeugend menschlichen Charakteren. Leicht und überaus unterhaltsam. Empfehlenswert!


Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe
Rainer Moritz
240 Seiten, Gebunden, 2009
Piper Verlag


Der Autor
Rainer Moritz, 1958 in Heilbronn geboren, ist seit vielen Jahren Mieter eines Appartements in Paris und lebt in Hamburg. Nach Büchern über die Musik, Sport und Literatur, zuletzt im Piper Verlag “Die Überlebensbibliothek” und “Ich Wirtschaftswunderkind”, ist “Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe” sein erster Roman.


Weitere Bücher von Rainer Moritz

Vorne fallen die Tore. Fußball-Geschichte(n) von Sokrates bis Rudi Völler
Price:

11 used & new available from EUR 1,19

Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs
Price: EUR 4,99

19 used & new available from EUR 1,49

Die Überlebensbibliothek: Bücher für alle Lebenslagen
Price:

5 used & new available from EUR 4,65


9
Jan 10

Aktuell: Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe – nett und vorhersehbar

Rainer Moritz

Madame Cottard...

Er: Mittleres Alter, Single, in Paris wohnend, Korkenverkäufer; Sie: Mittleres Alter, Single, in Paris wohnend, Buchhändlerin. Nett zu lesen, anspruchslos, aber leider auch nichts berauschendes. Beide sind tief mit den Gedanken ihrer Gefühlswelt beschäftigt. Beide haben Beziehungen hinter sich, die nicht allzu schlecht waren, aber auch nicht dauerhaft gut gegangen wären. Kleine Risse, die nicht ganz verheilen, aber immer schwächer werden.
Wir lernen abwechselnd Robert Bernthaler und Nathalie Cottard kennen. Bis Kapitel 10 (S. 73) passiert auch nichts weiter. Dann aber! Ein Wasserrohrbruch, eine nasse, unbewohnbare Wohnung und eine junge Dame, die nicht weiß wohin nun. Natürlich bietet ihr netter Nachbar – den sie bis dato nicht kannte – ihr ein Plätzchen in seiner Wohnung an. Und natürlich nimmt man ein solches Angebot normalerweise nicht an, aber IN DIESEM FALL

Ja, zur Not, also wenn Sie keine Bleibe auf die Schnelle finden für heute Nacht, notfalls können Sie, das ist kein Problem, auf meinem Gästesofa schlafen…

… schaute sie ihn strahlend an: Wie nett von Ihnen, Monsieur! Obwohl sich das natürlich nicht im Geringsten gehört, gehe ich darauf sofort ein. So lerne ich wenigstens mal wieder einen Nachbarn kennen, Einander nur alle Jubeljahre vor dem Aufzug oder vor der Mülltonne zu sehen und ein paar Worte über das Wetter zu wechseln, das ist doch beschämend, Sie wissen schon, Moloch Großstadt und so.

Ja, so lernt man nette Nachbarn kennen… In Paris, bei einem Wasserrohrbruch.
Jetzt macht sich Robert erst einmal auf den Weg ein paar Flaschen Wein zu besorgen und was zu essen. Schließlich soll es Madame bequem haben im Hause Bernthaler…

Sehr nett ist jedenfalls die beschriebene Atmosphäre, mitten in Paris. Robert hat – wenn er seinen Kopf zur Schräge neigt – einen Blick auf die Kuppel der Basilique du Sacré Coeur. Das Gebäude, in dem er und Nathalie wohnen ist brüchig, aber dafür umso romantischer natürlich. Der kleine Supermarkt um die Ecke fehlt ebenfalls nicht, so dass das Besorgen einer Flasche Wein überhaupt kein Problem darstellt. Schön.

Nun schauen wir mal, wie Nathalie und Robert zueinander finden…


8
Jan 10

Alte Liebe – Elke Heidenreich/Bernd Schroeder


Alte Liebe 200x200

Inhalt
Alte Liebe rostet nicht. Aber die Zeit ist an Lore und Harry nach 40 Jahren Ehe nicht spurlos vorbeigegangen. Die leidenschaftliche Lore hat Angst, bald mit dem frisch pensionierten Harry untätig im Garten zu sitzen. Nur in einem sind sich die Alt-Achtundsechziger einig: Ihre Tochter Gloria hat alles nur Mögliche im Leben falsch gemacht! Nun will Gloria in dritter Ehe einen steinreichen Industriellen heiraten, der auch noch ihr Vater sein könnte. Wie konnte es so weit kommen? Elke Heidenreich und Bernd Schroeder erzählen in umwerfenden Dialogen die Geschichte eines Ehepaars, in der sich eine ganze Generation wiedererkennen kann. Komischer sind die Szenen einer Ehe noch nicht erzählt worden.

Und das soll’s gewesen sein?
Ein typischer Satz von Lore bzw. Frau Heidenreich. Man sieht sie förmlich vor sich, auf das Leben und dessen im Kern verankerte Belanglosigkeit schimpfen. Lore kämpft mit dem alt werden. Sie möchte nicht glauben, dass das Leben nicht mehr zu bieten hat, als einen Job als Bibliothekarin, der sie trotz ihrer Leidenschaft zur Literatur nicht mehr erfüllen kann, eine Tochter, der sie völlig fremd ist und einen Mann, der sich nur noch für seine Hobbygärtnerei interessiert und sie zu häufig mit lästigem Testamtentsgeschwafel belästigt.

Es ist alles nicht ganz einfach. Altwerden ist nicht einfach, all die Verluste sind nicht einfach – Verlust von Kraft, Haaren, Zähnen, Schönheit, Libido, Verluste von Freunden, Leidenschaft, ich sehe überall nur Verluste… [Lores Gedanken, S. 34]

Vom grauen Alltag hin zur Wiederbelebung der Liebe
Harry, zu Beginn noch recht eigenbrötlerisch und oftmals verwundert über seine ruhelose Frau, bemerkt die Sinnkrise seiner Frau. Hatte er sich selbst doch, ein paar Jahre zuvor, schon mit ähnlichen Gedanken herumschlagen müssen. Trotzdem, es nervt ihn, dass er zu dieser – dritten und – schlimmsten Hochzeit seiner Tochter nach Leipzig muss, und das Lore damit nicht locker lässt.

Was ist das bei Lore? Gönnt sie mir nicht das Gefühl, an dem Abend nichts versäumt zu haben, diesen kleinen Triumph? Irgendwie ist Lore daneben, unzufrieden, leicht gereizt. Manchmal denke ich, dass ihr die Arbeit in der Bibliothek zuviel wird, dass sie sich dort nicht mehr wohl fühlt, dass sie gerne aufhören würde, aber Angst davor hat, Rentnerin neben dem Rentner zu sein. Sie wird ahnen, dass ein Lebensabend auf Kulturreisen mit mir nicht zu machen ist… [Harrys Gedanken, S. 50]

>In between, there are doors<
Irgendwann wacht Harry auf. Er wacht auf, aus einer Lethargie, die ihm der Alltag auf die Schultern geworfen hat und die ihn lahm gelegt hat. Er merkt, dass kann es nicht gewesen sein. Er will mit seiner Lore noch ein paar schöne Momente auf die alten Tage genießen. Und das ist das schöne an solchen Geschichten: der Protagonist kriegt die Kurve im richtigen Moment und führt uns vor, wie man es machen könnte, wenn man wollte.

Lore, Harry, Lore, Harry…
So läuft der Plot ab. Die Story gleicht eher einer Aufeinanderreihung einzelner zu Protokoll gegebener Mono- und Dialoge als einer gewöhnlichen Handlung. Erzählt wird abwechselnd aus Sicht der beiden Protagonisten im Stil Monolog -> Dialog. Mehr gibt es nicht. Mehr muss es auch nicht geben. Völlig unkompliziert, keine überflüssigen Verwirrungen, schlicht und einfach Lore und Harry, die ihr Leben Revue passieren lassen und Fazit ziehen.

Eine Perle
Für mich war dieses Buch eine kleine Perle. Selbst für Paare, die noch keine zwanzig, dreißig, vierzig Jahre zusammen leben, beinhaltet es eine Botschaft. Wer kennt es nicht? Der Alltag zieht überall rasch ein, und es erfordert mindestens, eher noch mehr, Arbeit eine Beziehung am Leben zu erhalten und vor der “Verwahrlosung” zu schützen, wie einen Garten anzulegen und zu pflegen. Seinen Garten möchte Harry nicht mehr hergeben, seine Frau manchmal schon, weil er sie, auch nach vierzig Jahren Ehe, oft nicht versteht.

Es ist einfach bezaubernd mit zu erleben, wie Harry aus seiner Lethargie aufwacht, sich einen Ruck gibt und den Weg zurück zu seiner Frau und zur Gemeinsamkeit findet.

Ich habe im Moment das Gefühl, dass wir an einem Scheideweg sind. Entweder wir werden wie so viele andere ein abegestumpftes Paar, das aus Gewohnheit noch zusammenlebt, oder wir haben noch ein paar schöne, intensive Jahre miteinander, so was wie einen zweiten Frühling. Wir haben eine Chance. Wir sind gesund, wir haben keine finanziellen Sorgen, müssen nicht mehr arbeiten, haben, wenn wir uns wieder darauf besinnen, gemeinsame Interessen… Ich bin so bequem und faul geworden… Das ist doch grotesk. Nein, das darf so nicht weitergehen. Es muss sich ändern. ICH muss es ändern… Meine Lore, die sich nicht gewünscht hat, mit einem Gartenspinner alt zu werden. Wann hab ich ihr eigentlich zuletzt gesagt, dass ich sie liebe? Ich weiß es nicht. Ich fürchte, es ist lange her. Und ich liebe sie doch noch. [Harrys Gedanken, S. 141/142]

Es ist ein Buch zum Abtauchen, zum Nachdenken und zum Schmunzeln. Das Unterhaltsame an den Dialogen sind nicht die Dialoge selbst bzw. deren Inhalte, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass wir alle, die in längeren Partnerschaften leben, genau diese Art (und die Weise, wie sie ausgetragen werden) von Gesprächen kennen. Es wird uns ein Beziehungsspiegel vorgehalten und der Verlauf einer Beziehung zu Ende gespinnt. Es ist ein kleiner Aufruf an die Leserschaft, sich schöne Erinnerungen zu verschaffen. Denn davon zehren wir in schlechten Zeiten. Wir erinnern uns und halten uns an den Dingen fest, die wir gerne erlebt haben.

Harry sagt dazu:

Ich will mit dir reisen und was erleben, damit wir wieder sagen können >siehst du auch, was ich sehe< und nicht nur >weißt du noch, damals.< … [Harry und Lore im Gespräch, S. 143]

Es spricht: Frau Heidenreich
Aus Lore spricht Frau Heidenreich. Lore liebt Literatur, Dichtung und Musik. Lore ist ruhelos und Lore hat ein loses Mundwerk. Kehlmanns Bücher sind nicht ihr Ding, Brückners Stimme hingegen schon. Wer also Frau Heidenreich eher meidet, wird von Lore ebenfalls genervt sein. Ich mag die Heidenreich. Ich könnte ihr stundenlang lauschen, wenn sie über Bücher erzählt, ich mag auch ihre Art und Weise, die Dinge auszusprechen, die sie denkt. Sie versucht nicht zu gefallen. Und durch Lore erfahren wir, dass auch Frau Heidenreich denkt, fühlt und handelt wie wir alle. Auf ihre Art eben. Den Menschen zugestehen so zu sein wie sie sind, das ist auch eine Botschaft.

Fazit
Jeder, der in einer Beziehung steckt, in der schon längst der Alltag eingekehrt ist, wird sich an dieser Geschichte erfreuen und vielleicht auch ein bisschen über den Umgang mit der eigenen Beziehung nachdenken. Mir hat es sehr, sehr gut gefallen. Vielen Dank, Frau Heidenreich/Herr Schroeder!