Posts Tagged: Amerikanische Belletristik


18
Apr 10

[Zeitgenössisch] Eine besondere Vorsehung – Richard Yates

Ersten Sätze…
“Samstags, nach der Inspektion und nachdem in der Schreibstube Urlaubsscheine ausgegeben worden waren, brach in Camp Pickett, Virginia, eine Stampede aus. Man konnte nach Lynchburg oder Richmond oder Washington, D.C., fahren, und so man willens war, neun Stunden Fahrt auf sich zu nehmen – fünf Stunden mit dem Bus und vier mit dem Zug -, schaffte man es bis nach New York.”

Inhalt
Robert Prentice ist das Ein und Alles seiner Mutter Alice. Ihm, dem sie einst mit einer Statue ein Denkmal setzte, hat die Bildhauerin ihren bisher einzigen Kritikererfolg zu verdanken. Und sie hofft mit siner Hilfe irgendwann künstlerische Anerkennung zu erzielen. Doch plätzlich steht sie allein da mit ihren Fantasien von einem glamourösen Künstlerleben, denn Robert meldet sich zum Militär und geht nach Europa, um auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs zu Ruhm und Ehre zu gelangen.

Kein Yates wie gewohnt…
Richard Yates ist kein Neuland mehr. Nach „Easter Parade“ und „Zeiten des Aufruhrs“ war „Eine besondere Vorsehung“ das dritte Buch von einem Autor, den ich sehr zu schätzen gelernt habe. Während „Easter Parade“ das Scheitern zweier Schwestern darstellt und „Zeiten des Aufruhrs“ uns das gnadenlose Scheitern einer Bilderbuchehe vor Auge führt, befasst sich „Eine besondere Vorsehung“ mit einer gestörten Mutter-Sohn-Beziehung, wobei dies in einem weit weniger dramatischen Maße als die vorherigen Romane ihre Themen behandelten.

Der Prolog verspricht viel: Robert Prentice, in Ausbildung zum Gewehrschützen, achtzehn Jahre alt, befindet sich auf dem Weg nach New York um – wahrscheinlich ein letztes Mal vor dem Einzug zum Krieg – seine Mutter Alice zu besuchen. Robert wirkt dabei verloren, fast hilflos und vor allem heimatlos, wie viele Protagonisten Yates’.

„Er war zögerlich wie ein Tourist, als es galt, die richtige Bahn zu nehmen […]. Er hatte die meiste Zeit seines Lebens in New York oder in der Nähe gelebt, aber kein Stadtteil, keine Straße hatte sich jemals wie sein Zuhause angefühlt: Er hatte in keinem Haus länger als ein Jahr gewohnt.“

Beim Zusammentreffen mit seiner Mutter macht er eher einen unglücklichen und wiederum hilflosen Eindruck. Sie erdrückt ihn mit ihrer Zuneigung, „…sie war so zerbrechlich wie ein Spatz, doch die Kraft ihrer Liebe war so groß, dass er sich wie ein Boxer wappnen musste, um ihre Wucht abzufangen.“ Beim Gespräch im Restaurant verfällt die liebende Mutter in einen immer wieder kehrenden Redeschwall, dem sich Robert nur zu entziehen vermag, indem er ihre Worte in seinen Ohren verhallen lässt.

„Wovon sie sprach, war bedeutungslos, er wusste, was sie tatsächlich sagen wollte. Hilflos und vorsichtig, klein und müde und bestrebt zu gefallen, bat sie ihn, ihr zu bestätigen, dass ihr Lebe nicht gescheitert war. Erinnerte er sich an die guten Zeiten? Erinnerte er sich an die vielen netten Leute, die sie gekannt hatten, und an die vielen auf interessante Weise unterschiedlichen Orte, an denen sie gelebt hatten?“

Was diesen Roman wesentlich von den anderen unterscheidet ist seine Unaufgeregtheit – trotz der Kriegsschilderungen. Meisterhaft gelingt Yates wieder einmal die Emotionen und das Ungleichgewicht der Männerseelen im Krieg darzustellen. Sie halten sich mit Alkohol bei Laune, schwingen mehr oder weniger irgendwelche Heldenreden, machen auch ihrer Angst Luft und merken stets auf’s Neue wie wenig sie eigentlich auszurichten haben, wie sehr sie trotzdem dafür kämpfen müssen.

Roberts Abhängigkeit zu seiner Mutter verfolgt ihn auch ins Kriegsgebiet. Erst durch die Erlebnisse des Krieges schafft er es langsam und unbewusst sich von der seelischen Fesselung an Alice zu befreien. Er kämpft um seinen Platz in der Truppe, immer und immer wieder. Er erleidet stets Rückschläge, die ihn nie aber gänzlich zerstören. Er ist ein Kämpfer, der sich befreien will und um Respekt und Ansehen kämpft.

Auch Alice, Roberts Mutter, ist eine Kämpferin. Eine hoffnungslose. Sie lebt ausschließlich für ihren Traum als berühmte Künstlerin. Sie weigert sich einen Anstellung für einen geregelten Verdienst zu suchen. Alice ist eine sprunghafte, naive und selbstsüchtige Persönlichkeit. Ihre selbsterbauten Luftschlösser zerplatzen ein ums andere Mal, und sowohl Robert als auch sein Vater, der die finanziellen Notlagen ausgleichen muss, leiden darunter. Alice aber ist sich sicher: schon sehr bald wird alles besser und damit rückt die Einzelausstellung immer näher. Jahr für Jahr.

Insgesamt wirkt der Roman ein wenig zerstückelt und an manchen Stellen auch zu sehr gewollt. Meinem persönlichen Empfinden nach hätte die ein oder andere Kriegstaktikschilderung ausbleiben dürfen. Diese wirkten bisweilen langatmig und unbedeutend. Im Vergleich zu „Zeiten des Aufruhrs“ schneidet dieses Buch wesentlich schlechter ab. Der Spannungsbogen, der sich „Zeiten des Aufruhrs“ Seite für Seite langsam aufbaut, wird nicht nahezu in der gleichen Qualität erreicht. Sicher, auch hier versteht es Yates das Scheitern der Figuren detailliert herauszuarbeiten – Robert im Krieg und Alice in ihrem vermeintlichen Künstlerdasein -, aber dennoch fehlte mir das „gewisse Etwas“. Wahrscheinlich ist es die fehlende Eskalation. Es findet keine Begegnung dieser Figuren miteinander statt.

„Eine besondere Vorsehung“ reicht qualitativ sicher nicht an den Vorgänger „Zeiten des Aufruhrs“ heran. Es ist weit weniger dramatisch, viel ruhiger und vom Grundaufbau her weniger zusammen hängend. Im Prinzip sind es zwei Geschichten: die der Möchtegern-Künstlerin Alice, getrennt lebend mit einem Kind, und die von Robert, einem Verlierer-Typ, der um Respekt kämpft und seinen Platz in der Gesellschaft sucht. Beide zusammen haben im Prinzip wenig miteinander zu tun.

Es ist sehr ruhiger Roman. Er ist nicht so, wie man es von Yates kennt. Es baut sich kein grausamer Spannungsbogen im Hintergrund auf, auf den man zusteuert, den man sich aber nicht zu erklären weiß. Hier wird einfach die Geschichte von Robert und Alice erzählt. Wenig aufregend, aber dennoch lesenswert.

Fazit
„Eine besondere Vorsehung“ ist zweifelsohne ein Buch, das sich von der Masse deutlich hervorhebt und immer noch die typischen Yates-Elemente enthält: eine Atmosphäre des Scheiterns und Figuren, die ihrer hilflosen Einsamkeit nicht oder nur schwer entkommen können. Die Erwartungshaltung an eine Story über eine gescheiterte „Mutter-Sohn-Beziehung“ sehe ich jedoch nicht erfüllt.

Weitere Besprechungen
Büchereule
perlentaucher
hr-online
Die Leselust
Berliner Literaturkritik


Image of Eine besondere Vorsehung: Roman

Eine besondere Vorsehung – Richard Yates
390 Seiten, TB, 2008, Originaltitel »A special Providence« (1969)
10,00 Euro,
btb Verlag


Weitere Bücher von Richard Yates
Zeiten des Aufruhrs
Easter Parade
Ruhestörung
Elf Arten der Einsamkeit (Short Stories)
Verliebte Lügner (Short Stories)


11
Apr 10

[Belletristik] Sommerwogen – Mark Twain

“Meine verehrte Schwester,
ich verspüre das starke Verlangen, Dir zu sagen, wie dankbar ich Dir und Euch allen für die Geduld, Rücksicht & unermüdliche Freundlichkeit bin, die mir erwiesen wurden, seitdem Ihr mir Unterschlupf gewährt habt, und die aus den letzten vierzehn Tagen die einzige Zeitspanne meines Lebens machten, an die ich ohne Bedauern zurückblicke. [...]“

Image of Sommerwogen: Eine Liebe in Briefen

Kurzbeschreibung
“Ich bin jung & sehr gutaussehend & sie ist wahrhaftig das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe.” Mark Twain war zweiunddreißig Jahre alt, als er sich zum ersten und einzigen Mal verliebte.
Die Briefe an Livy Langdon, seine “Seelenschwester”, später Verlobte, Ehefrau und Mutter seiner Kinder, werden über die Jahre immer mehr zu amüsanten, anrührenden Lebenszeugnissen des berühmten Autors, der offen von seinen Erfolgen und Niederlagen, Hoffnungen und Ängsten schreibt und so manche Anekdote zum Besten gibt. Man findet darin eine lange Verteidigung des Rauchens, Spekulationen über die Unsterblichkeit der Seele, detektivische Nachforschungen über den geheimnisvollen Verehrer eines Dienstmädchens, Erinnerungen an Reisen, aber auch Verzweiflung über wirtschaftliche Fehlschläge und unheilbaren Schmerz über den Tod der Lieblingstochter Susy.

Ein Leben in Briefen
Der Klappentext verspricht “Die liebsten & lustigsten Liebesbriefe, die jemals geschrieben wurden“. Die liebsten sind es vielleicht, die lustigsten ganz sicher nicht. Das war sehr bestimmt nicht Sinn und Zweck der Briefe.

In diesem Büchlein befindet sich fast die gesamte Lebensgeschichte Mark Twains. Es sind wahrlich altmodische Briefe und gerade zu Anfang fast schon unerträglich verliebte Worte:

Leb wohl, Livy. Du bist so rein, so groß, so gut, so schön. Wie könnte ich Dich nicht lieben? Sag mir doch, wie ich Dich nicht anbeten könnte, meine liebe kleine Abgöttin?

Ich liebe, liebe, liebe Dich, Livy! Mein ganzes Wesen ist von dieser Liebe durchdrungen, erneuert und beseelt, & mit jedem Atemzug macht sie mich zu einem besseren Menschen. Ich werde mich Deiner unschätzbaren Liebe würdig erweisen, Livy.

Die Liebesbekundungen werden selbstverständlich mit der Zeit weniger, aber nie endet ein Brief von Twain an seine Frau oder seine Kinder ohne zärtliche Worte.

Den Briefen nach scheint Twains Liebe zu Livy absolut bedingungslos und von unschätzbar hohem Respekt gewesen zu sein. Ob es den Tatsachen entspricht, vermag man nicht zu beurteilen. Ein paar anderen Berichten zufolge, die ich über Mark Twain gesehen habe, war er seiner Frau mit seinem sturen Kopf nicht immer nur ein liebender und hilfreicher Mann. Sie war oft alleine und musste sich seinen Launen ergeben, die wir anhand der Schriftstücke nur erahnen können. Nichtsdestotrotz hat sie ihn stets geachtet und ebenfalls innig geliebt.

Nach der Hochzeit von Livy und Samuel trifft eine Reihe Schicksalsschläge die Familie hart. Es sind viele traurige Momente, aber auch viele hoffnungsvolle und glückliche Momente, die wir anhand der Schriftstücke nacherleben dürfen. Besonders der frühe Tod seiner Tochter und der Tod seiner Frau haben ihn auf untröstliche Weise sehr mitgenommen. Aber auch von seinen Erfolgen berichtet er stolz und fröhlich. Es gibt viele amüsante Gedanken und Sätze, Twain lässt seinen sarkastischen Launen oft freien Lauf, was das Lesen wirklich zu einem Vergnügen macht.

Fazit
Es sind wirklich schöne, unterhaltsame, humorvolle und traurige Briefe, die hier zusammen getragen wurden um uns ein Bild darüber zu verschaffen, wie Twain gelebt, geliebt und gefühlt hat. Es ist ein Büchlein für Liebhaber. Wer etwas über Mark Twain erfahren möchte, für den ist diese Sammlung ein Muss.

Weitere Besprechungen
Büchereule
kulturradio


Sommerwogen – Mark Twain
304 Seiten, Softcover, Januar 2010,
16,95 Euro,
Aufbau Verlag


Weitere Bücher von Mark Twain
Tom Sawyer & Huckleberry Finn
Die Abenteuer des Huckleberry Finn
Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof
Knallkopf Wilson
Bummel durch Deutschland
Bummel durch Europa
Post aus Hawai
Die Tagebücher von Adam und Eva


21
Feb 10

[Zeitgenössisch] Die entscheidende Nacht – Tobias Wolff

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Tobias Wolff erzählt in seinen Storys von den ganz großen Momenten. Ein Bahnangestellter muss sich entscheiden: Sein Sohn ist in die Hubmechanik der hochgeklappten Zugbrücke geklettert und ein vollbesetzter Personenzug naht heran.Wessen Leben soll er retten?

Kurzweilige, manchmal anstrengende Kurzgeschichtensammlung
Tobias Wolff, Dozent an der Stanford University, ist ein Name unter den etablierten amerikanischen zeitgenössischen Autoren, wie auch Richard Ford und Jonathan Franzen. Da ich selbst eine begeisterte Leserin dieses Genres im Allgemeinen und der amerikanischen Ausprägung im Speziellen bin, griff ich in freudiger Erwartung zu dieser Kurzgeschichtensammlung um Tobias Wolffs Schreibe kennen zu lernen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es an den Kurzgeschichten liegt, aber insgesamt machten mir die Texte eher einen müden Eindruck. Es gibt ein paar wenige, die mich angesprochen haben, wie z.B. die Vater-Sohn-Geschichte, in der der Vater seinem Sohn beweisen möchte, was für ein toller, selbstbewusster Kerl er ist und beide in Lebensgefahr bringt, indem er bei stärksten Schneeverwehungen eine Absperrung durchfährt.
Viele andere Geschichten waren mir zu verworren, von der Aussage her nicht präzise genug.

Nichtsedestotrotz sind die Texte im gewohnt amerikanischen Stil allesamt schnörkellos, durchaus tiefgründig und scharf beobachtet. Wie immer geht es um gescheiterte Figuren, um hoffnungslose Situationen und um die alltäglichen Leiden der Liebe. Die ein oder andere Story war jedoch zu trocken, zu erzählt. Der unterhaltende Aspekt bleibt oft auf der Strecke.

Fazit
Nett, aber nichts, was dauerhaft hängen bleibt. Als Einstieg in Tobias Wolffs Werke scheint es mir eher ungeeignet. Ich kann nicht sagen, die Geschichten hätten mir nicht gefallen, aber insgesamt blieb die Begeisterung aus.


Die entscheidende Nacht – Tobias Wolff
240 Seiten, 2008,
Berliner Taschenbuch Verlag

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Weitere Informationen

Weitere Bücher von Tobias Wolff
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24
Jan 10

[Buchvorstellung] Liebeswut – Fernanda Eberstadt

Liebeswut Die 31jährige Gwen, blond, gebildet und erfolgreich, bewohnt ein schickes Apartment in Manhattan. Gideon schlägt sich als Puppenspieler durchs Leben. Obwohl die beiden unterschiedlicher nicht sein könnten, fühlen sie sich unwiderstehlich voneinander angezogen. Sie schlagen alle Warnungen in den Wind, heiraten, bekommen ein Baby. Und da bricht auf einmal der Alltag über die Liebe herein.

Weitere Informationen

Liebeswut
Price: EUR 9,95

102 used & new available from EUR 0,10