[Zeitgenössisch] Die Teilacher – Michel Bergmann

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“Das jiddische Substantiv »Teilacher« ist der Cousin des jiddischen Berliner Verbs »teilachen«, und das heißt im vulgären Sprachgebrauch so viel wie »abhauen«. seinen Ursprung hat dies wiederum in dem Wort für Hausierer und müsste eigentlich »Teillaacher« geschrieben werden. Es ist ein Pleonasmus und setzt sich zusammen aus dem Begriff »Teil« und dem Wort »Laachod«, Einzelhandel. Der Teilacher, als Vertreter des Einzelhandels, ist das kleinste spaltbare Teilchen, das Atom der Kaufmannswelt. Was den Teilacher vom herkömmlichen Handlungsreisenden unterscheidet: Der Teilacher ist Jude. Oder er gibt sich als solcher aus. Denn es gab eine Zeit, da konnte das, unglaublich, aber wahr, Vorteile haben.
Aber auch Nachteile.”[1]

Inhalt
1972, David Bermann, der »Einstein unter den Teilachern«, ist tot. Nach der Beerdigung finden sich Verständig, Fajnbrot, und Szoros in ihrem Stammcafé ein. Man redet natürlich über alte Zeiten…

1946, Frankfurt am Main. Ausgerechnet nach Deutschland, ins Land der Täter, sind sie zurückgekommen. David Bermann, Emil Verständig, Max Holzmann und die anderen, sie sind zurück. Wie ist es ihnen ergangen? Fast alle waren aus den Lagern gekommen, oft als einzig Überlebende in ihrer Familie. Und doch ist jetzt Aufbruch angesagt: Tag für Tag sind sie unterwegs, um allerlei Dinge zu verkaufen. Wie viel Kraft hat es gekostet, wieder an Liebe, Nestbau und Zukunft zu glauben? [2]

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Die Geschichte um David Bermann beginnt 1972 als sein Ziehneffe, Alfred, im Altersheimzimmer des Verstorbenen steht und dessen Habseligkeiten zusammen packen soll. Es fällt ihm schwer, er kann sich nicht konzentrieren – zu tief sitzt noch der Schock und die Trauer über den Toten in den Gliedern. Also beginnt er alte Erinnerungen wieder hervorzurufen: wie er mit seinem „Onkel David“ im Boot sitzt und dieser ihm von der Flucht vor den Pogromen in Galizien 1918 berichtet. Seine Geschwister und er fliehen nach Deutschland und eröffnen das Wäschekaufhaus „Gebrüder Bermann“. Das Geschäft läuft gut, aber David Bermann ist das alles zu konventionell. Während seine Brüder jüdische Töchter heirateten und laut David Bermann selbstverständlich hochbegabten Nachwuchs zeugten, entschied er sich gegen das seiner Meinung nach heuchlerisch burgeoise Leben und bezeichnete sich als “Flaneur”.

“Flaneur. Den Begriff kennt man heute ja nicht mehr. [...] Ein Flaneur ist ein Bohemien, nur dass er das Kaffeehaus wechselt. Die frische Luft muss man allerdings in Kauf nehmen, wie Anton Kuh sagt.” [3]

Aber nicht nur das. In Folge entscheidet er sich sogar zum Entsetzen seiner Familie ein Teilacher – ein jüdischer Handlungsreisender – zu werden. Seine Brüder erklären ihn für verrückt einer so brotlosen Kunst zu verfallen und ärgern sich über seinen Eigensinn:

“Du bist doch eine Schande für die Familie, bist du!
Da habe ich gesagt: Und du bist a nudnik! Du weißt, was das ist, a nudnik? Ein nudnik ist einer, den du fragst, na, wie geht’s… und er erzählt es dir!” [4]

Onkel David erzählt Alfred noch von seiner ersten Liebe Maria, die er in einem Anfall jugendlichen Leichtsinns gleich heiraten wollte und sich großspurig brüstete die Sache mit ihren Eltern zu regeln, die als Deutsche sich womöglich wenig glücklich zeigen würden einen jüdischen Schwiegersohn aufzunehmen. Das Ende vom Lied war ein Veilchen und die Landung im Vorgarten der Eltern.

David Bermann wird durchweg als lebensfroher Mensch voller „chuzpe“ gezeichnet, der seine Freiheit und sein Junggesellendasein in vollen Zügen genießt. Bermanns Erzählungen sind stets erfrischend, übertrieben und zeugen von großer Fabulierkunst. Abschweifend, spannend und mit einer gehörigen Portion typisch jüdischem Humor erzählt er die Geschichten seines Lebens.

Später, nach der Beerdigung, geht es weiter mit den Erzählungen. Alfred sitzt mit den verbleibenden Teilachern und Freunden David Bermanns im Café Unterleitner, dem Stammcafé der Teilachermannschaft, und lässt sich dort die Geschichten der Nachkriegszeit erzählen.

Michel Bergmann hat ein Buch geschrieben, dass beim Lesen ein wohlig warmes Gefühl vermittelt. Es scheint, als wäre man mitten in der Runde, bei einem Kaffee in einem Frankfurter Kaffeehaus 1978. Und so erfährt man aus vielen einzelnen Anekdoten Stück für Stück die gesamte Geschichte der Teilacher. Natürlich sind auch hier die Schreckmomente des Krieges und die Demütigungen nicht ausgelassen. Aber Bergmann verzichtet darauf diese in den Mittelpunkt zu stellen. Seine Figuren sind gezeichnet durch ihre Erfahrungen aber nicht bereit aufzugeben, sondern sich auf zu neuen Ufern machen. Sie raufen sich zusammen, bauen sich ihre Leben neu auf und schauen sogar nach einiger Zeit hoffnungsvoll in die Zukunft. Viele verbringen die Kriegszeit im Ausland und überleben auf diese Weise. Sie alle kehren aber nach Frankfurt zurück und treffen sich dort. Es wird ein neues Wäschehaus eröffnet und so nehmen die Dinge ihren – guten – Lauf. Es ist ein Vergnügen den Teilachern bei ihren spektakulären und schelmischen „peckl“-Verkäufen über die Schultern zu schauen. Und immer wenn’s den Anschein macht, es könnte traurig werden, kommt von irgendwo ein Teilacher her und erhellt die Runde mit einem Witz.

„Sagt eine Frau zur anderen: „Mein Mann ist gestorben.“ „Woran denn?“, fragt die andere zurück. „An einer Erkältung.“ „Gott sei Dank nichts Ernstes!“

Fazit
Ein tolles, warmes Buch mit viel Humor, das ein stimmungsvolles Bild sowohl der Vorkriegszeit in Deutschland als auch über das Zusammenleben der Juden und Deutschen zur Nachkriegszeit vermittelt. Michel Bergmann ist ein toller Erzähler, der ein wundervolles Buch geschrieben hat. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule
Deutschlandradio
Bücher Hagalil

[1] Seite 105/106
[2] Seite 42
[3] Seite 43


Image of Die Teilacher

Die Teilacher – Michel Bergmann
288 Seiten, Gebunden, 2010
19,90 Euro,
Arche Verlag


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