
Mit der Schule war natürlich Schluss, als das erste Kind zur Welt kam. Ihre Chance auf ein normales Leben dahin. Nun arbeitet sie als Aushilfe in einem Friseurgeschäft, um etwas Geld dazu zu verdienen, und auch, um sich dem Alltag mit Titouan und Pierre wenigstens vorübergehend zu entwinden. Außerdem mag sie Haare, nicht nur die ihrer Söhne. Der jüngere ist ein zappliger Kobold, der ältere lebt still in einer eigenen, fremden Welt. Ohne Selbstmitleid und Bitterkeit sorgt und lebt und liebt sie, Tag um Tag. Fraglos haben ihre Eltern und manche andere in dem Provinzort eine Meinung zu all dem – und eine Lösung parat. Doch entscheiden muß sie sich allein. In diesem Buch stellt sich Emmanuelle Pagano erneut einem existenziellen Thema: Minimalistisch, präzise und pur erzählt sie die Geschichte einer Liebe ohne Echo.
Der Stil
Eine namenslose alleinerziehende Mutter, ihre zwei Kinder und der Alltag dieser kleinen Familie bilden den sehr minimalistisch gehaltenen Rahmen dieser Geschichte. Sie ist in einer beeindruckenden und erdrückenden Erzählweise verfasst. Wörtliche Rede sucht man vergebens. Kurze, schnörkellose Sätze erzeugen eine dichte Atmosphäre. Offensichtliche Emotionen aber findet man kaum – man beobachtet und fühlt sich schlecht.
Der Plot
Hier wird das Leben einer sehr jungen Mutter in einzelnen Kapiteln rückblickend von ihr selbst aufgearbeitet. Ihre erste Schwangerschaft, die sie aus der Not heraus zu verbergen versucht hat und der hohe Preis den sie und das Kind dafür zahlen mussten. Ihre zweite Schwangerschaft, die ebenfalls aus schlimmsten Umständen heraus “passierte”, der sie sich jedoch stellte. Ihr Umfeld, ihre Eltern, die gesellschaftlichen Konventionen sind nur schwer mit ihren Umständen in Einklang zu bringen. Und das spürt der Leser.
Im Bann des Lesens
Dem Lesesog mag man sich ab der ersten Seite kaum entziehen. Das ist auch nicht notwendig, denn mit den knapp 130 Seiten (in großzügig gehaltener Schriftgröße) und vielen kurzen Kapiteln, ist das Buch rasch ausgelesen. Allerdings, und das mag vielleicht an der knappen Handlung liegen, bleiben manche Ansätze eben auch nur Ansätze. Großartig umgesetzt ist die spät einsetzende aber dafür umso kräftigere Mutterliebe der Ich-Erzählerin zu ihrem behinderten Kind. Es ist ein respektvoller Blick auf das Handeln der Mutter. Sie kämpft in allen Situationen. Das es jedoch auch Situationen gibt (geben muss), in denen ein Mensch an seine Grenzen stößt, in denen die pure Verzweiflung steckt, diese werden in einem Akt der Bewunderung und aus Respekt der Mutter gegenüber nur rudimentär beleuchtet.
Fazit
Dieses Buch setzt den Alltag einer sehr jungen, alleinerziehenden Mutter mit einem behinderten und einem gesunden Kind sehr ergreifend und sehr menschlich in Szene, stets mit einem klärenden Blick auf den Hintergrund der Ich-Erzählerin. Und nicht zuletzt ist es der Epilog, der die Story in ein interessantes Licht rückt.
Die Haarschublade – Emmanuelle Pagano
144 Seiten, Wagenbach Verlag
1. Auflage, August 2009
Hardcover, 16,90 Euro
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