[Belletristik] Zwei an einem Tag – David Nicholls * * *

Tags: ,

“Ich glaube, das Wichtigste ist, irgendetwas zu verändern”, sagte sie. “Du weißt schon, wirklich zu verbessern.”
“Wie meinst du etwa ‘die Welt verbessern’?”
“Nicht gleich die ganze Welt. Nur das kleine Stück um dich rum.”

Zwei an einem Tag Der neue Roman von David Nicholls stellt einen Tag, den 15. Juli, und zwei eigentlich füreinander bestimmte Menschen, die es nur noch nicht wissen, in den Mittelpunkt. Er besticht nicht nur durch Situationskomik, sondern auch durch die genaue Darstellung des Allzumenschlichen »Gerade stelle ich mir dich mit 40 vor!« doch in dieser Nacht, am 15. Juli 1998, sind Emma und Dexter noch zwanzig, haben sich bei der Abschlussfeier kennengelernt, die Nacht zusammen durchgemacht, am nächsten Morgen gehen beide ihrer Wege. Wo werden sie an genau diesem Tag ein Jahr später stehen? Und wo in all den darauffolgenden Jahren? Und werden sich die beiden, die einander niemals vergessen können und deren Wege sich immer wieder kreuzen, weiterhin immer gerade knapp verpassen oder können sie sich selbst und dem anderen irgendwann eingestehen, dass sie trotz aller markanten Unterschiede füreinander bestimmt sind? Während zwanzig Jahren nimmt David Nicholls jeweils den 15. Juli ins Visier, zeigt, wie Emma und Dexter ihren Weg suchen, reisen, lieben, ausprobieren, sich aber nie aus den Augen verlieren.

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen…
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Emma, eine äußerst intelligente junge Frau, und Dexter, ein sehr gutaussehender junger Mann und Womanizer. Em und Dex verbringen den letzten Tag ihres Collegedaseins miteinander und schwelgen in Erwartungshaltungen der Zukunft gegenüber. “Wie wirst du wohl mit 40 sein?”, ist eine der Fragen, die sie sich gegenseitig stellen.

Dexter ist ein Aufreißer-Typ, der nach “Höherem” strebt. Er möchte berühmt werden oder zumindest bekannt und in aller Munde sein. Er wird erst einmal durch die Welt reisen, seine Hörner abstossen und erforschen, was die Welt denn so kostet. Emma dagegen ist eine besonnenere Figur. Vernünftig, weniger abenteuerlustig, möchte sie ihre Zukunft langsam angehen. Letztendlich landet sie – mit einem Doppel-Einser-Abschluss – erst einmal in einem mexikanischen Restaurant als Servicekraft.

Die erste Frage, die sich mir stellte, war der Sinn dieser Beziehung. Beide Charaktere sind im Grundsatz schon so verschieden von ihren Einstellungen her, dass es mir nicht verständlich erscheint, wie Emma auf Dex und Dex auf Emma “stehen” könnte. Dexter war und blieb mir lange völlig fremd. Abgehoben, das Klischee vom verwöhnten Söhnchen vermittelnd, hatte ich keinen Grund mich weiter für ihn zu interessieren. Und tatsächlich geht es in seinen Gedankengängen zu 90% um Frauen, Sex, Alkohol und Drogen. Trifft er mit Emma zusammen, geht es oftmals nur darum. Wie kann er nur, warum macht er das, warum ist er so oberfläch usw. Die Thematik hat mich stellenweise extrem gelangweilt.

Image of Zwei an einem Tag

Emmas Entwicklung hingegen ist spannender. Ihre Figur reift mit der Zeit und bekommt deutliche Züge, so dass es spannend in jeder Hinsicht bleibt, wie sie sich weiterentwickelt. Ich persönlich finde, hier breitet sich Nicholls Talent zu Erzählen vollständig aus. Hier fühlte ich mich der Figur nah; ich litt, freute und ärgerte mich mit ihr.

Ich habe diese Geschichte weniger als Liebesgeschichte empfunden. Es wird weit mehr thematisiert, zumal es bis über die Hälfte hinaus gar nicht so erscheint, als ob Emma und Dexter unbedingt ein Paar sein müssten. Sie machten als Freunde auf mich einen wesentlich besseren Eindruck.

Nicholls verschont uns erfreulicherweise in Sachen Herzschmerz und Drama. Er besitzt die Gabe eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und das Leben mit Humor und Realistik zu zeichnen (nicht immer realistisch, aber überwiegend…). Keine Aktivierung der Tränendrüsen und keine überflüssigen Floskeleien.

Aber, es ist immernoch eine Geschichte mit Schwächen. Warum muss Dexter so extrem in das Klischee des “Möchtegerns” fallen? Warum muss Emma stets um alles ein bisschen mehr kämpfen? Warum sind die zwei eigentlich nicht zusammen? Warum muss der Leser seitenweise Dexters Alkohol- und Drogenexzesse ertragen? Warum muss Emma sich stets so viel ärgern? Und warum… na ja, Schwamm drüber.

Wenn man von den Standard-Drehbuch-Figuren, der teilweise schlecht nachvollziehbaren Motivation der handelnden Figuren und den doppelt und dreifach Schilderungen der Dexter-Exzesse absieht, bietet die Geschichte alles in allem gute Unterhaltung.

Fazit
Insgesamt sticht dieses Buch aus der Menge der Unterhaltungsromane rund um Beziehung und Freundschaft heraus. Es ist feinfühlig, auf eine unsentimentale Weise, besticht durch unterhaltsame Schlagabtäusche und vor allem frei von Kitsch. Von ein paar Schwachstellen abgesehen, die oben nachzulesen sind, ein gutes Buch in meinem Sinne.


Zwei an einem Tag – David Nicholls
560 Seiten, Kein & Aber Verlag
2009, Gebunden, 22,90 Euro

Weitere Besprechungen

Weitere Informationen


Bücher von David Nicholls im Überblick

Zwei an einem Tag
Price: EUR 22,90

69 used & new available from EUR 11,49

Keine weiteren Fragen: Roman
Price: EUR 8,95

28 used & new available from EUR 3,30

Ewig Zweiter
Price: EUR 19,90

67 used & new available from EUR 6,54

Keine ähnlichen Beiträge.

4 comments

  1. Ich schleich schon eine ganze Weile um das Buch herum und will es definitiv noch lesen, bin aber froh, unter all den Begeisterungsstürmen mal eine nicht restlos begeisterte Kritik zu lesen. Da fällt mir das Warten auf die Taschenbuchausgabe doch gleich erheblich leichter - zumal deine Argumente sehr schlüssig sind.

  2. Hallo irina! Schön, dass du hier her gefunden hast! Ich wünsche dir schon mal viel Spaß beim Lesen und würde mich darüber freuen, wenn du im Nachgang deine Meinung auch hier äußerst. Ich bin gespannt, ob du zu den restlos begeisterten Stimmen gehören wirst oder zu den etwas kritischeren…

  3. Ich bin auch nicht sooo begeistert, obwohl du sicher Recht damit hast, dass das Buch aus den üblichen Liebesromanen heraussticht.
    Der formale Aufbau ist interessant, aber leider verwendet Nicholls viel zu viele Klischees.

  4. Es freut mich, eine gleiche Stimme zu hören. Die meisten sind der Meinung, dass Emma und Dexter die “perfekten” Figuren sind. Mir ist’s viel lieber, ich kann eine Figur eben nicht einer Schublade zuordnen und muss mir meine Gedanken machen. Kein schwarz-weiß, lieber etwas dazwischen.

Kommentar schreiben

Comment Spam Protection by WP-SpamFree