Belletristik: Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe – Rainer Moritz

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Die ersten Sätze

Der Aufzug kam nicht. Wenn man diese altertümliche Kabine überhaupt Aufzug nennen wollte. Er rüttelte an dem abgewetzten Handgriff, doch die metallene Schiebetür machte keinerlei Anstalten, sich ächzend aufzufalten. Er drückte auf den grünen Knopf, mehrmals. Hoffnung, dass sich das Ungetürm bewegen würde, hatte er keine.

Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe

Der Inhalt
Nach einem langen Tag in der Buchhandlung tritt Nathalie Cottard auf den kleinen Balkon ihres Appartements und atmet einmal kräftig durch. Unweit von Sacré-Coeur wohnt sie, unter sich die Dächer von Paris. Gleich wird Maman anrufen, es ist Mittwoch, und Nathalie wird wie immer nur zuhören, ihre Gedanken schweifen lassen. Zu ihren Freunden, früheren Liebhabern, ihrem Alleinsein. Sie ist nicht unzufrieden, das nicht, und doch ist da diese Sehnsucht, zu etwas Neuem aufzubrechen…
Unerwartet werden die Karten neu gemischt, als ein Wasserschaden ihr Appartement vorübergehend unbewohnbar macht. Ihr Nachbar, der zurückhaltende Deutsche Robert Bernthaler, bietet ihr verblüffend tatkräftig Hilfe an – ehe sich beide versehen, kommen sie sich bei einem Abendessen in seinem Appartement näher. Und bald schlendern sie gemeinsam über Friedhöfe am Montmartre, lassen ihr Leben bei Coq au vin und Rotwein Revue passieren und stellen sich die entscheidende Frage: Wie wäre es, der großen Liebe nicht mehr nur in Filmen, Chansons oder Romanen zu begegnen? Es könnte ja glücken, vielleicht…

Rainer Moritz’ Roman erzählt von den unverhofften Möglichkeiten der Liebe und von unseren Ängsten, sich auf sie einzulassen. Eine Geschichte voller Charme und Pariser Atmosphäre, eine Geschichte zweier Liebender, die man nicht so schnell vergessen wird.

Der Beginn einer kulturell erfrischenden Liebe und das im Herzen von Frankreich
Als ich mit dem Lesen begann, war mir nicht recht bewusst auf was ich mich genau einließ. Mir war klar, es ging um zwei Menschen, die sich kennenlernen in Paris und sich verlieben. Schön, da muss aber noch mehr kommen, damit man gewillt ist, sowas bis zum Schluß durchzuziehen (das Buch natürlich :-) ).

Tja, im Prinzip kommt aber eigentlich nicht mehr. Wir lernen Robert kennen, mit seinen Gedanken und seiner Liebe zur Kunst, und wir lernen Nathalie kennen, mit ihren Gedanken und ihrer Liebe zur Literatur. Und trotzdem hat es durchweg Spaß gemacht dieser Geschichte zu folgen. Rainer Moritz hat einen sehr feinen und klugen Humor und, so muss es sein, eine sehr große Liebe zu Paris. So etwas spürt man. Wir kennen das alle: sind wir leidenschaftlich von etwas überzeugt, lieben wir etwas oder jemanden, so bemerken wir meist gar nicht, mit wieviel Wärme und Engagement wir davon berichten. So ist es auch mit Moritz’, seinen Figuren und seiner Liebe zur französischen Kultur im Allgemeinen und zu Paris im Speziellen.

Image of Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe

Der Plot zeichnet sich nicht durch ungewöhnlich originelle Ideen aus. Es sind vielmehr die Details, die das Absinken möglich machen. Wenige werden mit diesem Unterhaltungswert über Paris so schreiben können wie Rainer Moritz. Nebenbei findet eine kulturelle Führung auf höchstem Unterhaltungsniveau statt. Wer im “Vorbeilesen” etwas über die Kunst des Stillebens erfahren möchte, ist bei Moritz wohl an der richtigen Stelle. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Gerade ausreichend, um die eigene Neugier zu erwecken (nach der dritten Erwähnung Georg Flegels und seiner Kunst, möchte man einfach wissen, wie denn so ein Kunstwerk von ihm aussieht).

Georg Flegel … ob sie von dem gehört habe? Sein Lieblingsmaler, zweifelsohne. Anfang des siebzehnten Jahrhunderts habe er in Frankfurt gelebt und die allerschönsten Stillleben gemalt. [...] Raffinierte Arrangements, die strahlten.

Die Unbeschwertheit der Verliebtheit und die Beschwertheit der Realität, die daneben weiter besteht. Das beschreibt Rainer Moritz. Die Freude der Verliebten über die gemeinsamen Gefühle beim Zusammentreffen und die Angst der Verliebten in ihren Gefühlen nicht ernsthaft erwidert zu werden – nach dem Zusammentreffen. Das kommt freilich nicht bleischwer daher. Es ist moderne und leichte Literatur, ein paar Klischees hier und da, aber ansonsten schlicht und unterhaltsam.

Ob er schon einmal Galette gegessen habe, mit Apfelschnitzen und angebratener Boudin blanc gefüllt? Sie schnalzte mit der Zunge. Sie erwähne das nur, damit er nicht denke, es mit einer verweichlichten Esserin zu tun zu haben, die salzlosen gedünsteten Heilbutt und durchs Wasser gezogenes Gemüse bevorzuge. Ihre Mutter habe deftig gekocht, und er wisse ja, wie prägend frühe Kindheitserlebnisse seien. Wenn sie über die Stränge schläge, faste sie eben zwei Tage lang. Oder habe er den Eindruck, sie müsse stärker auf ihre Figur achten? Als Frau Ende dreißig komme man ja in einen grenzwertigen Bereich. Da dem Teufel Zucker zu geben – und der Kampf ist für immer verloren, und man endet als fette Pariserin, die sich von ihrem Schoßhündchen in den Rundungen kaum unterscheidet und in Häusern mit defektem Aufzug zum Tode verurteilt ist. Stellen Sie sich vor, Monsieur Bernthaler, welches Bild das abgäbe, die verendeten Körper massiger Frauen, in unserem Haus verteilt über die Stockwerke, wie nach einer desastsrös verlaufenen Himalyaexpedition. Generationen nach uns würden die Überreste von den Treppenstufen kratzen und sofort erkennen, dass in diesem Haus mit der Aufzugsnalage etwas nicht in Ordnung gewesen sei.

Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass der Konjunktiv ein Stimmungsbild vermittelt, welches mit wörtlicher Rede eher in Kitsch abgesunken wäre.

Fazit
Ein ruhiges, kulturvermittelndes Buch mit charmantem Humor und überzeugend menschlichen Charakteren. Leicht und überaus unterhaltsam. Empfehlenswert!


Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe
Rainer Moritz
240 Seiten, Gebunden, 2009
Piper Verlag


Der Autor
Rainer Moritz, 1958 in Heilbronn geboren, ist seit vielen Jahren Mieter eines Appartements in Paris und lebt in Hamburg. Nach Büchern über die Musik, Sport und Literatur, zuletzt im Piper Verlag “Die Überlebensbibliothek” und “Ich Wirtschaftswunderkind”, ist “Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe” sein erster Roman.


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