Alte Liebe – Elke Heidenreich/Bernd Schroeder

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Inhalt
Alte Liebe rostet nicht. Aber die Zeit ist an Lore und Harry nach 40 Jahren Ehe nicht spurlos vorbeigegangen. Die leidenschaftliche Lore hat Angst, bald mit dem frisch pensionierten Harry untätig im Garten zu sitzen. Nur in einem sind sich die Alt-Achtundsechziger einig: Ihre Tochter Gloria hat alles nur Mögliche im Leben falsch gemacht! Nun will Gloria in dritter Ehe einen steinreichen Industriellen heiraten, der auch noch ihr Vater sein könnte. Wie konnte es so weit kommen? Elke Heidenreich und Bernd Schroeder erzählen in umwerfenden Dialogen die Geschichte eines Ehepaars, in der sich eine ganze Generation wiedererkennen kann. Komischer sind die Szenen einer Ehe noch nicht erzählt worden.

Und das soll’s gewesen sein?
Ein typischer Satz von Lore bzw. Frau Heidenreich. Man sieht sie förmlich vor sich, auf das Leben und dessen im Kern verankerte Belanglosigkeit schimpfen. Lore kämpft mit dem alt werden. Sie möchte nicht glauben, dass das Leben nicht mehr zu bieten hat, als einen Job als Bibliothekarin, der sie trotz ihrer Leidenschaft zur Literatur nicht mehr erfüllen kann, eine Tochter, der sie völlig fremd ist und einen Mann, der sich nur noch für seine Hobbygärtnerei interessiert und sie zu häufig mit lästigem Testamtentsgeschwafel belästigt.

Es ist alles nicht ganz einfach. Altwerden ist nicht einfach, all die Verluste sind nicht einfach – Verlust von Kraft, Haaren, Zähnen, Schönheit, Libido, Verluste von Freunden, Leidenschaft, ich sehe überall nur Verluste… [Lores Gedanken, S. 34]

Vom grauen Alltag hin zur Wiederbelebung der Liebe
Harry, zu Beginn noch recht eigenbrötlerisch und oftmals verwundert über seine ruhelose Frau, bemerkt die Sinnkrise seiner Frau. Hatte er sich selbst doch, ein paar Jahre zuvor, schon mit ähnlichen Gedanken herumschlagen müssen. Trotzdem, es nervt ihn, dass er zu dieser – dritten und – schlimmsten Hochzeit seiner Tochter nach Leipzig muss, und das Lore damit nicht locker lässt.

Was ist das bei Lore? Gönnt sie mir nicht das Gefühl, an dem Abend nichts versäumt zu haben, diesen kleinen Triumph? Irgendwie ist Lore daneben, unzufrieden, leicht gereizt. Manchmal denke ich, dass ihr die Arbeit in der Bibliothek zuviel wird, dass sie sich dort nicht mehr wohl fühlt, dass sie gerne aufhören würde, aber Angst davor hat, Rentnerin neben dem Rentner zu sein. Sie wird ahnen, dass ein Lebensabend auf Kulturreisen mit mir nicht zu machen ist… [Harrys Gedanken, S. 50]

>In between, there are doors<
Irgendwann wacht Harry auf. Er wacht auf, aus einer Lethargie, die ihm der Alltag auf die Schultern geworfen hat und die ihn lahm gelegt hat. Er merkt, dass kann es nicht gewesen sein. Er will mit seiner Lore noch ein paar schöne Momente auf die alten Tage genießen. Und das ist das schöne an solchen Geschichten: der Protagonist kriegt die Kurve im richtigen Moment und führt uns vor, wie man es machen könnte, wenn man wollte.

Lore, Harry, Lore, Harry…
So läuft der Plot ab. Die Story gleicht eher einer Aufeinanderreihung einzelner zu Protokoll gegebener Mono- und Dialoge als einer gewöhnlichen Handlung. Erzählt wird abwechselnd aus Sicht der beiden Protagonisten im Stil Monolog -> Dialog. Mehr gibt es nicht. Mehr muss es auch nicht geben. Völlig unkompliziert, keine überflüssigen Verwirrungen, schlicht und einfach Lore und Harry, die ihr Leben Revue passieren lassen und Fazit ziehen.

Eine Perle
Für mich war dieses Buch eine kleine Perle. Selbst für Paare, die noch keine zwanzig, dreißig, vierzig Jahre zusammen leben, beinhaltet es eine Botschaft. Wer kennt es nicht? Der Alltag zieht überall rasch ein, und es erfordert mindestens, eher noch mehr, Arbeit eine Beziehung am Leben zu erhalten und vor der “Verwahrlosung” zu schützen, wie einen Garten anzulegen und zu pflegen. Seinen Garten möchte Harry nicht mehr hergeben, seine Frau manchmal schon, weil er sie, auch nach vierzig Jahren Ehe, oft nicht versteht.

Es ist einfach bezaubernd mit zu erleben, wie Harry aus seiner Lethargie aufwacht, sich einen Ruck gibt und den Weg zurück zu seiner Frau und zur Gemeinsamkeit findet.

Ich habe im Moment das Gefühl, dass wir an einem Scheideweg sind. Entweder wir werden wie so viele andere ein abegestumpftes Paar, das aus Gewohnheit noch zusammenlebt, oder wir haben noch ein paar schöne, intensive Jahre miteinander, so was wie einen zweiten Frühling. Wir haben eine Chance. Wir sind gesund, wir haben keine finanziellen Sorgen, müssen nicht mehr arbeiten, haben, wenn wir uns wieder darauf besinnen, gemeinsame Interessen… Ich bin so bequem und faul geworden… Das ist doch grotesk. Nein, das darf so nicht weitergehen. Es muss sich ändern. ICH muss es ändern… Meine Lore, die sich nicht gewünscht hat, mit einem Gartenspinner alt zu werden. Wann hab ich ihr eigentlich zuletzt gesagt, dass ich sie liebe? Ich weiß es nicht. Ich fürchte, es ist lange her. Und ich liebe sie doch noch. [Harrys Gedanken, S. 141/142]

Es ist ein Buch zum Abtauchen, zum Nachdenken und zum Schmunzeln. Das Unterhaltsame an den Dialogen sind nicht die Dialoge selbst bzw. deren Inhalte, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass wir alle, die in längeren Partnerschaften leben, genau diese Art (und die Weise, wie sie ausgetragen werden) von Gesprächen kennen. Es wird uns ein Beziehungsspiegel vorgehalten und der Verlauf einer Beziehung zu Ende gespinnt. Es ist ein kleiner Aufruf an die Leserschaft, sich schöne Erinnerungen zu verschaffen. Denn davon zehren wir in schlechten Zeiten. Wir erinnern uns und halten uns an den Dingen fest, die wir gerne erlebt haben.

Harry sagt dazu:

Ich will mit dir reisen und was erleben, damit wir wieder sagen können >siehst du auch, was ich sehe< und nicht nur >weißt du noch, damals.< … [Harry und Lore im Gespräch, S. 143]

Es spricht: Frau Heidenreich
Aus Lore spricht Frau Heidenreich. Lore liebt Literatur, Dichtung und Musik. Lore ist ruhelos und Lore hat ein loses Mundwerk. Kehlmanns Bücher sind nicht ihr Ding, Brückners Stimme hingegen schon. Wer also Frau Heidenreich eher meidet, wird von Lore ebenfalls genervt sein. Ich mag die Heidenreich. Ich könnte ihr stundenlang lauschen, wenn sie über Bücher erzählt, ich mag auch ihre Art und Weise, die Dinge auszusprechen, die sie denkt. Sie versucht nicht zu gefallen. Und durch Lore erfahren wir, dass auch Frau Heidenreich denkt, fühlt und handelt wie wir alle. Auf ihre Art eben. Den Menschen zugestehen so zu sein wie sie sind, das ist auch eine Botschaft.

Fazit
Jeder, der in einer Beziehung steckt, in der schon längst der Alltag eingekehrt ist, wird sich an dieser Geschichte erfreuen und vielleicht auch ein bisschen über den Umgang mit der eigenen Beziehung nachdenken. Mir hat es sehr, sehr gut gefallen. Vielen Dank, Frau Heidenreich/Herr Schroeder!

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