18
Apr 10

[Zeitgenössisch] Eine besondere Vorsehung – Richard Yates

Ersten Sätze…
“Samstags, nach der Inspektion und nachdem in der Schreibstube Urlaubsscheine ausgegeben worden waren, brach in Camp Pickett, Virginia, eine Stampede aus. Man konnte nach Lynchburg oder Richmond oder Washington, D.C., fahren, und so man willens war, neun Stunden Fahrt auf sich zu nehmen – fünf Stunden mit dem Bus und vier mit dem Zug -, schaffte man es bis nach New York.”

Inhalt
Robert Prentice ist das Ein und Alles seiner Mutter Alice. Ihm, dem sie einst mit einer Statue ein Denkmal setzte, hat die Bildhauerin ihren bisher einzigen Kritikererfolg zu verdanken. Und sie hofft mit siner Hilfe irgendwann künstlerische Anerkennung zu erzielen. Doch plätzlich steht sie allein da mit ihren Fantasien von einem glamourösen Künstlerleben, denn Robert meldet sich zum Militär und geht nach Europa, um auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs zu Ruhm und Ehre zu gelangen.

Kein Yates wie gewohnt…
Richard Yates ist kein Neuland mehr. Nach „Easter Parade“ und „Zeiten des Aufruhrs“ war „Eine besondere Vorsehung“ das dritte Buch von einem Autor, den ich sehr zu schätzen gelernt habe. Während „Easter Parade“ das Scheitern zweier Schwestern darstellt und „Zeiten des Aufruhrs“ uns das gnadenlose Scheitern einer Bilderbuchehe vor Auge führt, befasst sich „Eine besondere Vorsehung“ mit einer gestörten Mutter-Sohn-Beziehung, wobei dies in einem weit weniger dramatischen Maße als die vorherigen Romane ihre Themen behandelten.

Der Prolog verspricht viel: Robert Prentice, in Ausbildung zum Gewehrschützen, achtzehn Jahre alt, befindet sich auf dem Weg nach New York um – wahrscheinlich ein letztes Mal vor dem Einzug zum Krieg – seine Mutter Alice zu besuchen. Robert wirkt dabei verloren, fast hilflos und vor allem heimatlos, wie viele Protagonisten Yates’.

„Er war zögerlich wie ein Tourist, als es galt, die richtige Bahn zu nehmen […]. Er hatte die meiste Zeit seines Lebens in New York oder in der Nähe gelebt, aber kein Stadtteil, keine Straße hatte sich jemals wie sein Zuhause angefühlt: Er hatte in keinem Haus länger als ein Jahr gewohnt.“

Beim Zusammentreffen mit seiner Mutter macht er eher einen unglücklichen und wiederum hilflosen Eindruck. Sie erdrückt ihn mit ihrer Zuneigung, „…sie war so zerbrechlich wie ein Spatz, doch die Kraft ihrer Liebe war so groß, dass er sich wie ein Boxer wappnen musste, um ihre Wucht abzufangen.“ Beim Gespräch im Restaurant verfällt die liebende Mutter in einen immer wieder kehrenden Redeschwall, dem sich Robert nur zu entziehen vermag, indem er ihre Worte in seinen Ohren verhallen lässt.

„Wovon sie sprach, war bedeutungslos, er wusste, was sie tatsächlich sagen wollte. Hilflos und vorsichtig, klein und müde und bestrebt zu gefallen, bat sie ihn, ihr zu bestätigen, dass ihr Lebe nicht gescheitert war. Erinnerte er sich an die guten Zeiten? Erinnerte er sich an die vielen netten Leute, die sie gekannt hatten, und an die vielen auf interessante Weise unterschiedlichen Orte, an denen sie gelebt hatten?“

Was diesen Roman wesentlich von den anderen unterscheidet ist seine Unaufgeregtheit – trotz der Kriegsschilderungen. Meisterhaft gelingt Yates wieder einmal die Emotionen und das Ungleichgewicht der Männerseelen im Krieg darzustellen. Sie halten sich mit Alkohol bei Laune, schwingen mehr oder weniger irgendwelche Heldenreden, machen auch ihrer Angst Luft und merken stets auf’s Neue wie wenig sie eigentlich auszurichten haben, wie sehr sie trotzdem dafür kämpfen müssen.

Roberts Abhängigkeit zu seiner Mutter verfolgt ihn auch ins Kriegsgebiet. Erst durch die Erlebnisse des Krieges schafft er es langsam und unbewusst sich von der seelischen Fesselung an Alice zu befreien. Er kämpft um seinen Platz in der Truppe, immer und immer wieder. Er erleidet stets Rückschläge, die ihn nie aber gänzlich zerstören. Er ist ein Kämpfer, der sich befreien will und um Respekt und Ansehen kämpft.

Auch Alice, Roberts Mutter, ist eine Kämpferin. Eine hoffnungslose. Sie lebt ausschließlich für ihren Traum als berühmte Künstlerin. Sie weigert sich einen Anstellung für einen geregelten Verdienst zu suchen. Alice ist eine sprunghafte, naive und selbstsüchtige Persönlichkeit. Ihre selbsterbauten Luftschlösser zerplatzen ein ums andere Mal, und sowohl Robert als auch sein Vater, der die finanziellen Notlagen ausgleichen muss, leiden darunter. Alice aber ist sich sicher: schon sehr bald wird alles besser und damit rückt die Einzelausstellung immer näher. Jahr für Jahr.

Insgesamt wirkt der Roman ein wenig zerstückelt und an manchen Stellen auch zu sehr gewollt. Meinem persönlichen Empfinden nach hätte die ein oder andere Kriegstaktikschilderung ausbleiben dürfen. Diese wirkten bisweilen langatmig und unbedeutend. Im Vergleich zu „Zeiten des Aufruhrs“ schneidet dieses Buch wesentlich schlechter ab. Der Spannungsbogen, der sich „Zeiten des Aufruhrs“ Seite für Seite langsam aufbaut, wird nicht nahezu in der gleichen Qualität erreicht. Sicher, auch hier versteht es Yates das Scheitern der Figuren detailliert herauszuarbeiten – Robert im Krieg und Alice in ihrem vermeintlichen Künstlerdasein -, aber dennoch fehlte mir das „gewisse Etwas“. Wahrscheinlich ist es die fehlende Eskalation. Es findet keine Begegnung dieser Figuren miteinander statt.

„Eine besondere Vorsehung“ reicht qualitativ sicher nicht an den Vorgänger „Zeiten des Aufruhrs“ heran. Es ist weit weniger dramatisch, viel ruhiger und vom Grundaufbau her weniger zusammen hängend. Im Prinzip sind es zwei Geschichten: die der Möchtegern-Künstlerin Alice, getrennt lebend mit einem Kind, und die von Robert, einem Verlierer-Typ, der um Respekt kämpft und seinen Platz in der Gesellschaft sucht. Beide zusammen haben im Prinzip wenig miteinander zu tun.

Es ist sehr ruhiger Roman. Er ist nicht so, wie man es von Yates kennt. Es baut sich kein grausamer Spannungsbogen im Hintergrund auf, auf den man zusteuert, den man sich aber nicht zu erklären weiß. Hier wird einfach die Geschichte von Robert und Alice erzählt. Wenig aufregend, aber dennoch lesenswert.

Fazit
„Eine besondere Vorsehung“ ist zweifelsohne ein Buch, das sich von der Masse deutlich hervorhebt und immer noch die typischen Yates-Elemente enthält: eine Atmosphäre des Scheiterns und Figuren, die ihrer hilflosen Einsamkeit nicht oder nur schwer entkommen können. Die Erwartungshaltung an eine Story über eine gescheiterte „Mutter-Sohn-Beziehung“ sehe ich jedoch nicht erfüllt.

Weitere Besprechungen
Büchereule
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Die Leselust
Berliner Literaturkritik


Image of Eine besondere Vorsehung: Roman

Eine besondere Vorsehung – Richard Yates
390 Seiten, TB, 2008, Originaltitel »A special Providence« (1969)
10,00 Euro,
btb Verlag


Weitere Bücher von Richard Yates
Zeiten des Aufruhrs
Easter Parade
Ruhestörung
Elf Arten der Einsamkeit (Short Stories)
Verliebte Lügner (Short Stories)

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11
Apr 10

[Film] Szenen einer Ehe – Ingmar Bergman

Das Ehepaar Marianne und Johan hat eine scheinbar glückliche und harmonische Beziehung. Aber seit langer Zeit werden Konflikte nicht mehr offen ausgetragen und belasten unterschwellig die Ehe. Als der Streit eines befreundeten Paars in der Scheidung gipfelt und Johan zudem die 23-jährige Studentin Paula kennen lernt, zerbricht auch die Ehe von Marianne und Johan. Sie bekämpfen sich bis hin zur Selbstaufgabe und am Ende entsteht doch eine neue Liebe…

Image of Szenen einer Ehe (Kinofassung)

Minimalistisch aber intensiv
Dieser Film ist tatsächlich “anders”. Die gesamte Handlung spielt sich – mit einigen ganz wenigen Ausnahmen – nur zwischen dem Ehepaar ab. Es gibt keine Musikuntermalung, die Szenen werden wie im Theater mit Titel eingeblendet und können unabhängig voneinander betrachtet werden.

Der Film beginnt mit einem Interview des Ehepaars Johan, Medizinprofessor, und Marianne, Anwältin. Inhalt: eine “Vorzeigeehe”. Sie sind seit zehn Jahren verheiratet und lieben sich noch immer. Man merkt Marianne an, dass ihr das überhebliche Gerede ihres Mannes nicht behagt, aber dennoch stimmt sie ihm zu, lächelt brav und schaut scheu in die Kamera. Die Kinder werden nur zu Beginn kurz eingeblendet – für ein gemeinsames Foto. Für das Interview müssen sie den Raum wieder verlassen. Dies ist der erste und einzige Auftritt der zwei Töchter.

Kurz nach Veröffentlichung des Interviews laden Johan und Marianne ein befreundetes Ehepaar ein, um ihnen daraus vorzulesen. Es wird viel getrunken und sehr langsam beginnt die Stimmung zu kippen, das befreundete Paar fängt an sich zu streiten. Der Streit eskaliert, es wird von Scheidung gesprochen und jede Menge schmutzige Wäsche gewaschen. Johan und Marianne versuchen jeweils die einzelnen Beteiligten zu beruhigen, was jedoch nicht gelingen will. Im Nachgang unterhalten sich die beiden über die Geschehnisse und darüber, was dazu geführt hat, dass die Gefühle dieses Paares von Liebe in Hass übergegangen sind. Johan und Marianne sind erstmalig nicht einer Meinung. Marianne meint, es läge alles nur an der gemeinsamen Sprache. Ihnen könne so etwas nicht passieren, da sie eine gemeinsame Sprache sprächen. Hilfesuchend, fast schon ängstlich, wendet sie sich mit dieser Frage an ihren Mann, der ihr jedoch nicht zustimmt, im Gegenteil, sondern ihr entgegen hält, dass sehr wohl jedes Paar Gefahr laufe in einer solchen Beziehungs-Katastrophe zu enden. Johans Ärger über die Naivität seiner Frau ist spürbar.

In den folgenden Szenen spitzt sich die gemeinsame Sprachlosigkeit der beiden Figuren zu. Es wird zunehmend kälter, Johan entfernt sich von Marianne, sie versucht ihn in zermürbende Gespräche über ihre Beziehung und ihre sexuelle Beziehung zueinander zu verwickeln. Johan wirkt zusehends genervter über seine Frau und ihr blauäugiges Denken (sie meint gegen etwaige Eheprobleme gewappnet zu sein, da sie berufsbedingt sich tagtäglich mit den Motiven gescheiterter Ehen befasst). Es fallen immer mehr harte Worte, Marianne wird völlig vor den Kopf geschlagen, kann nicht verstehen, was vorgeht.

Letztlich kommt es, wie es kommen muss, Johan nimmt sich eine Jüngere und trennt sich von seiner Familie. Marianne ist am Boden zerstört, versucht ihn krampfhaft zu halten, gibt jedoch auf und lässt ihn ziehen. Gegen meine Erwartungen jedoch, hasst sie ihn nicht für sein Verhalten. Im Gegenteil, sie scheint ihm auf unnatürlich Weise hörig zu sein. Sie lässt sich von ihm besuchen und erzählen, wie es mit seiner neuen Freundin Paula läuft.

Es folgen Jahre der Distanzierung, Anfeindung und Neufindung. Insgesamt sind es drei sehr intensive Filmstunden, die hier gefüllt werden.

Mich hat der Film stark befremdet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die “Szenen einer Ehe” heute in der gleichen Form inszeniert werden würden, wir Bergman es seinerzeit getan hat. Ich konnte mich nur sehr wenig insbesondere mit der Figur der Marianne identifizieren. Nichtsdestotrotz war ich von Anfang an von der Atmosphäre und der Umsetzung der Szenen völlig fasziniert. Die Dialoge sind sehr tiegründig und anstrengend, ja, manchmal auch langatmig und vielleicht nicht immer ganz nachvollziehbar bzw. verständlich. Sicher ist dies keine Sache zum Entspannen. Doch es gibt auch sehr schöne und wichtige (Denk)Ansätze über die Ehe und über das Zusammenleben. Es lohnt sich, die 70-er Brille abzulegen und entsprechende Ansätze auf die heutige Zeit zu übertragen. Denn insgesamt ist das Thema, das Bergman hier aufgegriffen und grandios umgesetzt hat, hochaktuell. Keine leichte, aber auf jeden Fall eine lohnenswerte Kost!

Fazit
Szenen einer Ehe ist ein intensiver Blick auf die Existenz einer Ehe, die zum Scheitern verurteilt ist. Sicher entspricht besonders das Verhalten der Ehefrau nicht dem, was wir von heutigen Verhältnissen erwarten würden. Aber dennoch ist es ein faszinierendes Drama, das durch äußerst intelligente Dialoge seine Darbietung erhält.

Weitere Besprechungen
Dieter Wunderlich


Szenen einer Ehe (Kinofassung) – Ingmar Bergman
1973, Hauptdarsteller: Liv Ullmann / Erland Josephson
11,99 Euro (bei Amazon)

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11
Apr 10

[Belletristik] Sommerwogen – Mark Twain

“Meine verehrte Schwester,
ich verspüre das starke Verlangen, Dir zu sagen, wie dankbar ich Dir und Euch allen für die Geduld, Rücksicht & unermüdliche Freundlichkeit bin, die mir erwiesen wurden, seitdem Ihr mir Unterschlupf gewährt habt, und die aus den letzten vierzehn Tagen die einzige Zeitspanne meines Lebens machten, an die ich ohne Bedauern zurückblicke. [...]“

Image of Sommerwogen: Eine Liebe in Briefen

Kurzbeschreibung
“Ich bin jung & sehr gutaussehend & sie ist wahrhaftig das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe.” Mark Twain war zweiunddreißig Jahre alt, als er sich zum ersten und einzigen Mal verliebte.
Die Briefe an Livy Langdon, seine “Seelenschwester”, später Verlobte, Ehefrau und Mutter seiner Kinder, werden über die Jahre immer mehr zu amüsanten, anrührenden Lebenszeugnissen des berühmten Autors, der offen von seinen Erfolgen und Niederlagen, Hoffnungen und Ängsten schreibt und so manche Anekdote zum Besten gibt. Man findet darin eine lange Verteidigung des Rauchens, Spekulationen über die Unsterblichkeit der Seele, detektivische Nachforschungen über den geheimnisvollen Verehrer eines Dienstmädchens, Erinnerungen an Reisen, aber auch Verzweiflung über wirtschaftliche Fehlschläge und unheilbaren Schmerz über den Tod der Lieblingstochter Susy.

Ein Leben in Briefen
Der Klappentext verspricht “Die liebsten & lustigsten Liebesbriefe, die jemals geschrieben wurden“. Die liebsten sind es vielleicht, die lustigsten ganz sicher nicht. Das war sehr bestimmt nicht Sinn und Zweck der Briefe.

In diesem Büchlein befindet sich fast die gesamte Lebensgeschichte Mark Twains. Es sind wahrlich altmodische Briefe und gerade zu Anfang fast schon unerträglich verliebte Worte:

Leb wohl, Livy. Du bist so rein, so groß, so gut, so schön. Wie könnte ich Dich nicht lieben? Sag mir doch, wie ich Dich nicht anbeten könnte, meine liebe kleine Abgöttin?

Ich liebe, liebe, liebe Dich, Livy! Mein ganzes Wesen ist von dieser Liebe durchdrungen, erneuert und beseelt, & mit jedem Atemzug macht sie mich zu einem besseren Menschen. Ich werde mich Deiner unschätzbaren Liebe würdig erweisen, Livy.

Die Liebesbekundungen werden selbstverständlich mit der Zeit weniger, aber nie endet ein Brief von Twain an seine Frau oder seine Kinder ohne zärtliche Worte.

Den Briefen nach scheint Twains Liebe zu Livy absolut bedingungslos und von unschätzbar hohem Respekt gewesen zu sein. Ob es den Tatsachen entspricht, vermag man nicht zu beurteilen. Ein paar anderen Berichten zufolge, die ich über Mark Twain gesehen habe, war er seiner Frau mit seinem sturen Kopf nicht immer nur ein liebender und hilfreicher Mann. Sie war oft alleine und musste sich seinen Launen ergeben, die wir anhand der Schriftstücke nur erahnen können. Nichtsdestotrotz hat sie ihn stets geachtet und ebenfalls innig geliebt.

Nach der Hochzeit von Livy und Samuel trifft eine Reihe Schicksalsschläge die Familie hart. Es sind viele traurige Momente, aber auch viele hoffnungsvolle und glückliche Momente, die wir anhand der Schriftstücke nacherleben dürfen. Besonders der frühe Tod seiner Tochter und der Tod seiner Frau haben ihn auf untröstliche Weise sehr mitgenommen. Aber auch von seinen Erfolgen berichtet er stolz und fröhlich. Es gibt viele amüsante Gedanken und Sätze, Twain lässt seinen sarkastischen Launen oft freien Lauf, was das Lesen wirklich zu einem Vergnügen macht.

Fazit
Es sind wirklich schöne, unterhaltsame, humorvolle und traurige Briefe, die hier zusammen getragen wurden um uns ein Bild darüber zu verschaffen, wie Twain gelebt, geliebt und gefühlt hat. Es ist ein Büchlein für Liebhaber. Wer etwas über Mark Twain erfahren möchte, für den ist diese Sammlung ein Muss.

Weitere Besprechungen
Büchereule
kulturradio


Sommerwogen – Mark Twain
304 Seiten, Softcover, Januar 2010,
16,95 Euro,
Aufbau Verlag


Weitere Bücher von Mark Twain
Tom Sawyer & Huckleberry Finn
Die Abenteuer des Huckleberry Finn
Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof
Knallkopf Wilson
Bummel durch Deutschland
Bummel durch Europa
Post aus Hawai
Die Tagebücher von Adam und Eva

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03
Apr 10

[Belletristik] Cliffhanger – Tim Binding

Es klang ganz einfach.
»Audrey«, sagte ich. »Audrey, wie wär’s, wenn wir ein bisschen rausgehen, einen Spaziergang machen?«
»Bei dem Wetter?«
»Uns ein bisschen den Kopf durchpusten lassen«, sagte ich, während ich mir die Schuhe anzog, und sie zuckte die Achseln und sagte: »Wieso nicht?«
Weil ich dich von der Scheißklippe stoßen werden, Audrey, deshalb nicht.

Image of Cliffhanger: Roman

Schräg und böse – very british
Al Greenwood will seine Frau umbringen. Gute Gründe dafür nennt er reichlich: „keine Streitereien mehr über dies und das, kein Töpfescheppern mehr, keine kalte Schulter mehr nach einer Sauftour, wenn ein Mann horizontale Gedanken kriegt.“ Scheidung zwecklos – Mord muss her.

Al und seine Frau Audrey wohnen in einer Bungalow-Siedlung nahe Wareham, wo es einen Bäcker gibt, einen Taxifahrer (nämlich Al) und einen Ein-Mann-Polizeiwache von Police Constable Hühneraugenpflaster. Es gibt zwei rivalisierende Familien, die Stokies und die Travers „die über den Ärmelkanal rudern würden, um sich gegenseitig ertrinken zu sehen.“ Und darüber hinaus gibt es eine Klippe, die sich förmlich aufdrängt, verhasste Ehefrauen ins Jenseits zu befördern. Nur ein Problem hat Al bei seinem Vorhaben, seine Frau muss mitziehen. Wie schafft er das? Klar, in dem er sie auf britisch ordinäre Art provoziert. Audrey rennt wütend aus dem Haus und Al folgt ihr. Er weiß, dass sie zum Kliff geht. Und so erstaunt es ihn nicht so oben anzutreffen und seinen Plan umzusetzen. Umso erstaunter ist er jedoch, als er nach Hause kommt und sie lasziv räkelnd vor dem Kamin antrifft. Voll in Fahrt und bereit für ein nettes kleines Schäferstündchen. Tja, und dann beginnt das Chaos: wen hat er über die Klippen gestoßen, wenn nicht seine Frau? Wo war seine Frau, wenn nicht auf dem Kliff? Und was ist mit seiner unehelichen Tochter Miranda geschehen, die just zum Zeitpunkt des vermeintlichen Mordes an seiner Frau verschwindet? Al ist völlig überfordert…

Al ersäuft in seinem hausgemachten Mord-Schlammassel. Wir treffen auf eine Schar durchgeknallter Nebenfiguren mit verrückten Motiven und insgesamt ist alles recht bizarr. Besonders die Nachbarin, Alice Blackstone – alias Mrs. Schnüffelnase -, eine begnadete Kifferin, ist unschlagbar.

Steckt man die erheblichen Obszönitäten Al seiner Frau gegenüber am Anfang weg, geht es fast schon harmlos weiter zur Sache. Spannend daran ist, dass ausnahmsweise hierbei nicht der Täter, sondern das Opfer gesucht wird. Al versucht natürlich erbittert herauszufinden, wen er da von den Klippen in den Tod gestoßen hat, wenn nicht seine Frau. Der Protagonist kommt dabei gar nicht mal so schlecht weg. Man könnte annehmen, er wäre ein mieser Sack. Aber nein, so einfach macht es uns Tim Binding nicht. Ganz im Gegenteil, es entwickeln sich sogar reizende Züge an Al, denen man zugunsten der Sympathie erliegt. Es ist auch nicht alles nur blödsinniger Klamauk. Man kann schon ganz gut erahnen, dass Binding die Spezies Mensch beobachtet und gekonnt auf die Schippe nimmt…

Es sind mitunter aberwitzige und skurrile Momente, die der Unterhaltung dienen. Die Ideen gehen dem Autor dabei tatsächlich nicht aus. Jede Menge Unsinn und jede Menge Spaß dabei. Aber äußerst gut ausgearbeitet und mitunter auch informativ – vor allem was die Karpfenzucht angeht. Miträtseln kann man auch noch.

Fazit
Ein Geschichte Marke „very british“. Skurril, böse, ja, auch vulgär, aber durchweg unterhaltend und gut gelaunt. Man sollte ein bisschen für den seltsam abgedrehten schwarzen Humor der Inselbewohner übrig haben. Nach den ersten drei Kapiteln ist eine Unterbrechung jedoch ärgerlich.

Weitere Besprechungen
Büchereule
wdr.de/Rezension von Christine Westermann
dradio
rezensionen.ch


Cliffhanger – Tim Binding
350 Seiten, TB, April 2010,
8,95 Euro,
Heyne


Weitere Bücher von Tim Binding
Henry Seefahrer
Im Königreich der Luft
Inselwahn
Sylvie und die verlorenen Stimmen

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01
Apr 10

[Hörbuch] Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch

Lust auf einen überaus netten, humorigen und modernen Liebesroman? Hier ist einer…

Robert und Monika – er 27, sie 42
Robert, siebenundzwanzig und Angestellter eines PC-Game Unternehmens, trifft unerwartet auf seine große Liebe Monika. In einer Reinigung. Robert beschreibt sich selbst als selbstbewusst und gutaussehend. Ja, sogar als Frauenschwarm. Dennoch macht er einen liebenswürdigen Eindruck. Er wirkt ein wenig naiv bei seinen Schilderungen, neigt dazu das ein oder andere Fettnäpfchen mitzunehmen und ist mit einem warmen Herzen ausgestattet. Zum Gernhaben halt.

Mit eher mäßiger Begeisterung habe ich mich dieser Geschichte angenähert. Dafür gab es allerdings keinen Grund. Gernot Gricksch beschreibt realistisch und dabei stets mit Humor die Entwicklung dieser eher ungewöhnlichen Liebe. Ungewöhnlich ist vielleicht nicht das richtige Wort, vielleicht wäre seltene Konstellation besser ausgedrückt. Monika ist fünfzehn Jahre älter als Robert. Das stört ihn jedoch überhaupt nicht. Im Gegensatz zu Monika, die nicht nur um die Beziehung zu ihrem pubertierenden Sohn fürchtet, sondern auch um ihr Ansehen bei Freunden und Verwandten. Und so entwickelt sich nach und nach eine tiefe Zuneigung, die ihre Momente der Leidenschaft erlebt, aber auch die der kräftezerrenden Routine.

Hier ist alles vereint, was unterhält – vor allem Komik. Obwohl die Story eher unspektakulär ist, ja sich fast schon eines 08/15-Plots bedient, unterliegt man umgehend dem Sogeffekt. Keine langweiligen Szenen, keine überflüssigen Beschreibungen – einfach Unterhaltung pur. Es ist sicher nichts spektakulär Neues und auch nicht sonderlich tiefgründig. Aber es ist durchaus nett.

Das Hörbuch bietet zwei große Vorteile: gute Unterhaltung für Erkältungstage im Bett, an denen es nicht zum Lesen reicht, aber der Schlaf nicht kommen will und es ist ungekürzt. Ich habe mich an den Sprecher gewöhnt, bin aber davon überzeugt, dass mir das Buch selbst gelesen besser gefallen hätte. Die Aussprache ist teilweise holprig und die Betonung der Aussagen mit sarkastischem Inhalt bisweilen ermüdend. Ich hätte mich über ein wenig mehr Pointierung gefreut.

Fazit
Die Geschichte macht Spaß! Das Hörbuch ist empfehlenswert, wenn auch nicht ganz nach meinem Geschmack gesprochen. Ich habe mir den Film auf meine Leihliste gesetzt und bin schon sehr gespannt darauf.

Weitere Besprechungen
Büchereule


Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch
9 Std. 54 Min. (ungekürzt),
Gesprochen von Max Trüffel,
17,95 Euro (regulär), 9,95 Euro (als Audible-Abonnent)
audible


Ähnliche Bücher

Image of Neue Vahr Süd. 12 CDs: Autorenlesung

Neue Vahr Süd
Wir befinden uns im Jahre 1980 in der Neuen Vahr Süd, einem ganz und gar nicht pittoresken Neubauviertel im Osten von Bremen. Für Frank Lehmann, der gerade seine Lehre beendet hat, noch immer bei seinen Eltern wohnt und irgendwie vergessen hat, den Wehrdienst zu verweigern, wird es ein hartes halbes Jahr. Zwar gelingt ihm nach einem Streit der Auszug aus dem Elternhaus in eine chaotische Wohngemeinschaft im Bremer Studentenviertel Ostertor, aber ein neues Zuhause hat er damit noch lange nicht gefunden, und die Neue Vahr Süd holt ihn immer wieder ein. Und während Frank – noch immer rätselnd, wie es so weit kommen konnte – in der Kaserne strammstehen, Hemden auf Din-A-4 falten und durchs Gelände robben muss, streiten seine Freunde für ihre Version der proletarischen Weltrevolution, gegen Militär und Aufrüstung und um die energische Sibille, ohne diese allerdings vorher nach ihrer Meinung gefragt zu haben. Hin- und hergerissen zwischen Auflehnung und Resignation kämpft Frank Lehmann hart am Abgrund und mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln für eine eigene, würdige Existenz zwischen zwei widersprüchlichen Welten. Sven Regener ist ein komischer und zugleich beklemmender Roman gelungen, der uns über den Aufbruch seines Helden in eine verwirrende Zukunft die frühen achtziger Jahre von einer Seite nahebringt, die wir erfolgreich verdrängt zu haben glaubten.
(© Roof Music)
34,95 Euro Audible Preis, 9,95 Euro Audible Abo Preis

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29
Mrz 10

[Belletristik] Schöner wohnen mit Mann – Ursula Schröder

Lust auf “heile Welt”, “Happy End” und seichtes “Familien-Geplänkel”? Dann ab auf’s Sofa mit diesem Buch!

Schoener wohnen mit Mann

Kurzbeschreibung
Was, wenn der Mann deines Lebens der eigene Schwager ist? Jahrelang hat Dani niemandem davon erzählt, doch nun kommt Michael plötzlich nicht nur als Kunde in ihre Werbeagentur … Wie wird Rosi mit der neuen Situation umgehen? Und was will die Jüngste im Bunde bitte mit Jan anfangen, der sich gerade in den Kopf gesetzt hat, schwul zu sein? Es wird Zeit, dass sich die Schwestern über ihre innersten Wünsche und Gefühle klar werden.

Entspannung pur
Mit einem wehmütigen Seufzen habe ich diesen wunderbaren “Heile-Welt-Roman” zu Ende gelesen und mich daran erfreut, dass alles so gekommen ist, wie es sein sollte: Rosarot und auf sehr einfache Weise, wie ich es mir für alle handelnde Personen erwünschte.

Der Stoff, aus dem die Geschichte stammt, ist bekannt und nicht weiter kompliziert: Dani, die schönste und handwerklich begabte der drei Schwestern, trifft völlig unvermittelt auf ihren heimlichen Jugendschwarm, der zufälligerweise auch der Ex-Mann ihrer Schwester ist. Aufgrund dieser doch eher brisanten Thematik, die bei anderen Romanen schon mal zu Mord und Totschlag führen kann zumindest aber immer den Totalzusammenbruch einer Familie bedeutet, befürchtete ich eine hochdramatische Entwicklung, altbekannte Entwicklungsmuster und somit auch eine 08/15-Story um Geschwisterrivalität. Zu meinem großen Erstaunen jedoch stellte ich fest, dass diese Geschichte voller herzensguter Menschen steckt, die zwar alle ein bisschen Neid und Eifersucht durchscheinen lassen, aber niemals bösartig oder unsympathisch sind oder gar werden. Nicht einmal die fiese Chefin von Dani wird den Anforderungen an diesem Wort gerecht, allerhöchstens kann sie als ungemütlich bezeichnet werden. Keiner kommt auf üble Gedanken, und selbst wenn, werden diese im nächsten Moment absolut zivilisiert und menschlich aus der Welt geschaffen. Jeder hat jeden »lieb« (was mehr oder weniger häufig auch zum Ausdruck gebracht wird – sehr dezent, versteht sich) und bringt die notwendige Toleranz, nein, sogar das Verständnis, für etwaige negative Eigenheiten des anderen auf. Meines Erachtens hat die Autorin hier eine beachtliche Leistung abgegeben, denn Vor- und Nachteile der Figuren so zu zeichnen, dass sie 1:1 verteilt werden, stellt gewiss keine einfache Aufgabe dar. Somit ist jegliches Sympathiegedränge für die ein oder andere Person von vornherein ausgeschlossen und die Stimmung durchweg positiv. Schön, wirklich schön!

In dieser kleinen Stadt in Deutschland ist die Welt noch in Ordnung, ist alles nicht so schlimm, wie es erst einmal scheint. Und so kann man ein paar Stunden lang in den Alltag der drei Geschwister mit eintauchen, beobachten, wie sie sich einander nähern, die humorigen Dialoge genießen und sich schlichtweg an diesen herrlich friedliebenden Personen erfreuen – auch wenn an dieser Stelle erwähnt sei, dass eine hemmungslose Grundnaivität und Gutglaube an die Menschheit die Mindestbedingungen für einen Genuß oder Lesespaß darstellen.
(Für alle die Manneskraft per Postversand {1} gelesen haben sei an dieser Stelle erwähnt, dass die beiden Geschichten sich vom Stil her sehr ähneln).

Ich resümiere: »Schöner wohnen mit Mann« ist eine Art Rosamunde Pilcher für Softies. Klingt furchtbar? Mir hat es ein paar herrlich entspannte und humorige Lesestunden bereitet.

Fazit
Eine angenehm nervenschonende und seichte Geschichte ohne Anspruch und zur völligen Entspannung, frei nach dem Motto: “Piep, piep, piep, wir ham’ uns alle lieb”. Perfekte Lektüre für trübe Regentage oder trübsinnige Momente – zurücklehnen und genießen. Sollte es eine Fortsetzung geben, ich bin auf jeden Fall dabei!

Weitere Besprechungen
Büchereule
buchinformationen.de
webcritics
roterdorn

Fortsetzungen
2. Teil: Wochenlang kein Schönheitsschlaf
3. Teil: Träum schön weiter


Schöner wohnen mit Mann – Ursula Schröder
384 Seiten, TB,
8,95 Euro,
dtv


Ähnliche Bücher

{1} Manneskraft per Postversand
Die liebenswerten Schwestern Tilda und Elida Svensson führen seit Jahren ein ruhiges Leben im Haus ihrer verstorbenen Eltern. Doch dann zieht der attraktive Alvar ins Nachbarhaus, und das Leben der beiden Damen ändert sich über Nacht. Sie leisten sich den Luxus neuer Sommerkleider und lernen bei Alvar den Komfort eines Badezimmers kennen. Für die Modernisierung des eigenen Hauses fehlt leider das Geld. Als Tilda und Elida eines Tages beobachten, wie der Nachbarkater nach dem Genuß von Blumenerde aus Alvars Petunientopf ungeahnte Potenz entwickelt, kommt ihnen eine glänzende, wenn auch gewagte Geschäftsidee …

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26
Mrz 10

[Humor] Radio Heimat – Frank Goosen

“An lauen Sommerabenden stehe ich gern auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die Fiege-Brauerei, das neue Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus 2001), die Türme von Propstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbau-Museums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!”

Kurzbeschreibung
Wie heißt es im Pott so treffend: Woanders ist auch scheiße, oder?
In Radio Heimat erzählt Frank Goosen Geschichten von zuhause, von Helden und Laberfürsten, von Pomeesbuden und Kneipen. Zhause, das ist das Land der Autobahnen, der frechen Blagen und der alten Frauen, die nicht auf den Mund gefallen sind. Goosens Omma taucht hier ebenso wieder auf wie die Kumpels Mücke und Scotty, wenn der Autor und Kabarettist unterwegs ist in Stadien und Partykellern, in Parks und Brachen. Drängende Fragen werden beantwortet: Wieso sagte Vattern früher: Mach die Augen zu und iss? Was meinter der Wirt, als er sprach: Wat der Mensch braucht, dat muss er haben? Und wer kann hier von sich behaupten: Kär, wat ham wir früher malocht?

Ganz großes Kino!

Höflichkeit ist was für Leute, die nicht richtig arbeiten können!

Genial – ehrlich! Wir Goosen seine Heimat beschreibt, Land und Leute, Landschaften und Gebräuche, ist genial, erfrischend und hemmunglos ehrlich.
Schon der erste Satz ist grandios!

“An lauen Sommerabenden stehe ich gern auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die Fiege-Brauerei, das neue Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus 2001), die Türme von Propstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbau-Museums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!”

Mit einer großen Portion Ruhrpott-Patriotismus erzählt Frank Goosen in stetig humorvollen Ton von seiner Heimat, seinen Erfahrungen, seinem Aufwachsen und seinen “Lieben”. Er erzählt von einem Menschenschlag, der “nicht besonders höflich, dafür aber sehr direkt” ist. Die Folge davon? “Man kommt mit ihnen ins Gespräch, ob man will oder nicht”.

Egal, ob es um den besagten Menschenschlag geht, der sich im Ruhrpott so herumtreibt oder um den ruhrpotteigenen Budenzauber, Frank Goosen erzählt ohne zu spotten. Einfach so, wie es ist. Für Auswärtige sehr informativ, für Einheimische völlig normal und für alle ausgesprochen amüsant.

“Das größte Plus für die Lebensqualität zwischen Recklinghausen und Hattingen, Duisburg und Unna ist jedoch die “Trinkhalle” oder “Selterbude”, kurz: die Bude, ein nicht wegzudenkender Versorgungsstützpunkt, der elementare Grundnahrungsmittel wie Flaschenbier, Kartoffelchips und Klümpchen auch jenseits der üblichen Ladenöffnungszeiten bereithält.”

Woran man gute Buden erkennt, das sollte man besser selbst nachlesen.

Um das obige Zitat besser einordnen zu können, muss man natürlich wissen, dass für Goosen “Südlich von Hattingen Tirol ist und nördlich von Recklinghausen Dänemark, östlich von Unna beginnt für ihn Sibirien und westlich von Duisburg ist die Welt zu Ende und da fallen alle ins Urmeer!”

Umgehauen hat mich auch die Beschreibung der Haushaltskittel der Ruhrfrauen – das wohl meistgetragenste Kleidungsstück dieser Gegend.

“Man fragte sich spontan: Wie kam die Tante da überhaupt rein? Vermutlich wie der Christbaum ins Netz kommt: Im Altersheim stand auf dem Gang eine durchgeschnittene Tonne, da kam vorne der Pullover drauf, und hinten schoben zwei Zivis.”

Ich habe gelernt, Schrebbagahten und Currywurstpommesamayo gehören zum Pott wie Stoibers “äh” und Hofbräuhaus zu Bayern. Das ist Kultur! Von wegen Klischees! Und eines ist sicher: “Woanders is auch scheiße!”

Fazit
Egal ob Ruhrpottler oder Auswärtiger, der bei einem Ruhrbesuch den Begriff der Schönheit erweitert bekommt, dieses Buch ist eine Meisterleistung und eine großartige Hommage an Land, Leute und Kultur. Umwerfend komisch, aber von Herzen kommend. Bitte Herr Goosen, mehr davon!

Weitere Besprechungen
Büchereule
aus.gelesen
Bernd Weber
Buch Avisio


Radio Heimat – Frank Goosen
163 Seiten, Gebunden, 14,95 Euro,
Eichborn Verlag

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15
Mrz 10

[Allgemein] Reiselektüre…

Es stehen zwei länge Zugfahrten an und ein paar Nächte in Hotelzimmern. Da es sich bekanntlich in Hotelbetten nicht so gut schlafen lässt wie in den eigenen Federn zu Hause, muss entsprechend für Unterhaltung gesorgt werden. Nominierungen gab es genug, geschafft haben es nur ein paar wenige…

Gewonnen und mit auf die Reise dürfen folgende (Hör-)Bücher:

Das aktuelle Buch
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Der menschliche Makel – Philip Roth
Die Thematik strengt ein bisschen an. Ich befürchte, dass Buch wird die Tage über sehr wenig gelesen werden. Trotzdem, es ist die aktuelle Lektüre und darf von daher nicht ausgeschlossen werden.

Es ist der Sommer 1998, der Sommer, in dem der amerikanische Präsident wegen einer sexuellen Affäre zum Gegenstand einer Hexenjagd wird. Ähnlich verfolgt von Heuchlern und Parisäern fühlt sich Coleman Silk, Professor für Altphilologie an einer noblen Ostküsten-Universität. Erst bezichtigt man ihn des Rassismus – zwei Wörter genügen, um seine lange, brillante Karriere zuschanden zu machen. Dann setzt es sich eine junge Kollegin in den Kopf, ihn als sexistischen alten Lüstling zu entlarven. Und schließlich wird er bedroht vom Exmann seiner Geliebten – Faunia, halb so alt wie er, arbeitet als Melkerin und Putzfrau und kann zudem weder schreiben noch lesen. Colemans Frau, so glaubt er, haben seine Kollegen auf dem Gewissen, diese rechtschaffenden Saubermänner. Seine Kinder wenden sich empört von ihm ab, weil sie sein Verhältnis zu Faunia nicht billigen können. Der wahre Skandal ist aber ein ganz anderer: Fünfzig Jahre lang hat Coleman das große Geheimnis seines Lebens selbst vor seiner Frau gehütet, und nun, da es aufgedeckt wird, stehen alle Dinge in einem völlig neuen Licht da.

Das aktuelle Zweitbuch
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Radio Heimat – Frank Goosen
Die perfekte Wegfahr-Lektüre. Ein paar Seiten bereits angelesen und herzlich gelacht. Die Zugfahrt verspricht unterhaltsam zu werden, wenn’s so weitergeht…

»Woanders is auch scheiße!«

Erfrischend ehrlich, wahrhaft komisch, entwaffnend sentimental – Frank Goosens geschichtensattes Hohelied auf das, was ihm und auch uns allen Heimat ist: die liebenswerte Haut, aus wir nicht mehr können.

Wo sonst auf der Welt wird die fröhliche Begrüßung »Ey, Jupp, du altes Arschloch!« als freundschaftliche und ehrerbietig empfunden? Nirgends, nur entlang der A 40, im Herzen der schönsten deutschen Provinz, die zwar nicht wirklich viel Gegend hat, dafür aber jede Menge skurrile, herzliche, raue, gnadenlos ehrliche Ureinwohner. Denn »es geht um die Menschen«, und von diesen Menschen erzählt Frank Goosen in seinem ganz besonderen, sehr persönlichen Ton. Er fördert Kindheitserinnerungen von Omma und Oppa (die im Bochumer Rathaus wohnten und stadtbekannt waren) zutage, er durchstreift mit Mücke, Pommes und Spüli die Untiefen einer Jugend, er steht an der Seltersbude auf ein Bierchen, leidet und jubelt mit den Fans im Stadion, durchkämmt Schrebergärten und Zechen, Industriebrachen und Einkaufszentren.

Das aktuelle Hörbuch
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Der Koch – Martin Suter
Die Hälfte ist bereits gehört, allerdings dürstet es micht nicht unbedingt nach mehr… Ich kann mich derzeit nur den allgemeinen Stimmen anschließen: interessante Themen, die einzeln für eigene Bücher ausgereicht hätten. Bisher wirkt es recht überladen und zusammenhanglos.

Maravan, 33, tamilischer Asylbewerber, arbeitet als Hilfskraft in einem Zürcher Sternelokal, tief unter seinem Niveau, denn Maravan ist ein begnadeter, leidenschaftlicher Koch. In Sri Lanka hatte ihn seine Großtante in die Kochkunst eingeweiht, nicht zuletzt in die Geheimnisse der aphrodisischen Küche. Als er gefeuert wird, ermutigt ihn seine Kollegin Andrea, die von seinen Fähigkeiten weiß, zu einem Deal der besonderen Art: einem gemeinsamen Catering für Liebesmenüs. Anfangs kochen sie für Kunden, die ihnen eine Sexualtherapeutin vermittelt. Doch ihr Erfolg spricht sich herum, und eine weitaus zahlungskräftigere Klientel bekundet Interesse: Männer aus Politik und Wirtschaft – und deren Grauzonen. Maravan hat Sorge, das Geschäft könne unanständig werden. Und das wird es. Doch er benötigt das Geld, um seine Familie in Sri Lanka am Leben zu erhalten.

Ein unterhaltsames Hörbuch
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Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch
Es steht schon seit längerem aus, mal etwas von Gernot Gricksch zu lesen oder zu hören. Ich freue mich auf gute Unterhaltung ohne hohen Anspruch beim Hören.

Robert glaubt nicht an die große Liebe – schon gar nicht, dass man ihr in einer chemischen Reinigung begegnet. Doch genau dort steht der verwöhnte Schnösel plötzlich vor Monika, die sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt und fast zwanzig Jahre älter ist als er. Für Robert steht fest: die oder keine. Monika denkt: Nein danke. Doch ganz so einfach ist es nicht …

Was für den Anspruch
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Abendland – Michael Köhlmeier
Ich habe keine Ahnung, was mich hier genau erwartete. Das macht es aber besonders spannend.

Carl Jacob Candoris – Mathematiker, Weltbürger, Dandy und Jazz-Fan – ist fünfundneunzig, als er seine Lebensbeichte ablegt. Aufschreiben soll sie der Schriftsteller Sebastian Lukasser, Sohn des Gitarristen Georg Lukasser, den Candoris in den Jazz-Kellern im Wien der Nachkriegsjahre kennengelernt hat. Candoris erzählt von seinem Großvater, der in Wien einen berühmten Kolonialwarenladen betrieb; von seinen seltsamen Verwandten, bei denen er in Göttingen während seines Studiums lebt und die Größen der Naturwissenschaft kennenlernt; und vom Wien der Nachkriegszeit – wo Sebastians Geschichte beginnt, die Geschichte einer Selbstfindung, die sich über die zweite Hälfte des Jahrhunderts zieht. Im Spiegel zweier ungleicher Familien entsteht so ein kluger, reicher, witziger und lebenssatter Generationenroman über unsere Zeit.

Ebenfalls anspruchsvoll…
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Kinder fordern uns heraus – Rudolf Dreikurs
Man würde nicht glauben, dass dieses Buch schon in den sechziger Jahren geschrieben wurde. Ich bin begeistert!

Kinder fordern uns heraus ist ein kompetenter Ratgeber bei ganz konkreten Alltagsproblemen. Anhand von 34 Erziehungsprinzipien werden genervte Eltern und entnervte Lehrer dazu ermutigt, weniger direkten Einfluss auf Kinder und Jugendliche zu nehmen und ihnen mehr Autonomie zuzubilligen. Dem Buch liegen die Auffassungen von Alfred Adler zugrunde, wonach Kinder die Konsequenzen ihres Handelns selbst spüren müssen – je älter sie werden, desto direkter. Im Grunde ganz einfach – könnte man denken.