Zeitgenössisch


26
Feb 10

[Zeitgenössisch] Einfache Gewitter – William Boyd

Kurzbeschreibung
Ein Mann. Eine Zufallsbekanntschaft. Ein Aktenordner. Ein Toter.

Von einer Sekunde auf die andere muss Adam Kindred, angesehener Klimatologe, auf Durchreise in London, untertauchen. Jeder Weg zu seinem früheren Leben ist versperrt. Kontakt zur Familie nicht möglich, Kreditkarte und Mobiltelefon nicht zu benutzen, das Hotelzimmer außer Reichweite.

Nur Stunden zuvor hatte er in einem kleinen italienischen Restaurant in Chelsea Philip Wang kennengelernt, Chef-Entwickler des Pharmakonzerns Calenture-Deutz. Als er ihn wenig später in seinem Appartment aufsucht, um einen vergessenen Ordner vorbeizubringen, findet er einen sterbenden Mann vor. In Panik flieht Adam, alle Indizien weisen auf ihn. Er versteckt sich auf Brachland nahe der Themse und muss nun, wie tausend andere in London, im Untergrund, im Verborgenen leben. Schnell hofft er seine Unschuld zu beweisen, doch ahnt er nicht, welchen Mächten er gegenübersteht.

William Boyd erzählt die Geschichte eines Mannes, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Er erzählt, welche Kräfte jemand entwickelt, dem alles genommen ist, und welch unerwartete Wege sich in düsterer Stunde auftun. Ein Roman über die Zerbrechlichkeit unserer Identität, in dem Boyd einmal mehr sein großes Können entfaltet. Und wie bei Ruhelos fasziniert er auch hier durch glänzend recherchierte Hintergründe, Glaubwürdigkeit und ein hohes Maß an Authentizität.

Gute Unterhaltung -mysteriöse Genrezuordnung
Identität und Identitätsverlust scheint dieser Tage ein beliebtes Romanthema zu sein. So auch bei William Boyd und seinem aktuellen Roman „Einfache Gewitter“, mein erstes (Hör)Buch übrigens von diesem Autor.

Das Buch wird momentan in den Spannungsecken der Buchhandlungen bzw. in den Krimi/Thriller-Ecken der Online Buchhandlungen verkauft. Wie es dazu kommt, keine Ahnung. Ich könnte mir vorstellen, dass es ob dieser Zuordnung schon den ein oder anderen unzufriedenen Leser gegeben haben mag. Klar, es wird gemordet, es wird gejagd, aber alles recht vorhersehbar und nervenschonend. Ich darf das behaupten, weil ich prinzipiell aufgrund zu schwacher Nerven das Thriller-Genre meide – nicht nur aus diesem Grund, aber mitunter.

Was bietet dieser Roman? Nun, einen guten Einblick in die Londoner Untergrund- und Bettlerszene sicherlich. Aber auch eine kleine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, heutzutage einfach abzutauchen, seine Identität abzulegen. Von heute auf morgen den Verlust des eigenen Hintergrundes und eine Neuorientierung in eine Richtung, die im Optimalfall nur eine große Verschlechterung der Lebenssituation darstellt, im Normallfall jedoch ein Kampf ums Überleben bedeutet. Daneben wartet Boyd mit interessanten Figuren auf. Leider bleibt aber auch kein Klischee auf der Strecke, insbesondere was die „bösen Buben“ aus den osteuropäischen Ländern, die in den Londoner Untergrund abtauchen, angeht.

Viel Neues wird nicht geboten. Dubiose, politisch weitreichende, Machenschaften in der Pharmaindustrie sind keine Überraschung. Die Auflösung, sofern von Auflösung überhaupt gesprochen werden kann, ist keine Auflösung, da von vornherein ersichtlich. Als Thriller funktioniert die Geschichte nicht. Keine rasanten Actionszenen, keine überraschenden Wendungen – ganz im Gegenteil, die Jagd läuft mehr als gut aus Adam Kindreds Sicht des Gejagden, und keine falschen Fährten.

Was William Boyd zweifellos kann, ist gut erzählen. Seine Figuren sind zwar nicht in der Tiefe ausgearbeitet, aber sie sind wunderbar „Gut“ und „Böse“ und manchmal auch ein bisschen zwischendrin (so z.B. die Prostituierte, in die sich Adam Kindred ein bisschen verliebt). Die Dialoge wirken zwar hin und wieder recht aufgesetzt (besonders die Unterschicht mit den Migranten, oder bei Jonjo, dem Ex-Soldat und Berufskiller), aber wahrscheinlich ist das die notwendige Portion Authenzität aus Boyds Sicht.

Ich habe mich auf die Geschichte eingelassen und wurde auf rein unterhaltender Ebene nicht enttäuscht. Bis zum Schluss habe ich dem Sprecher gebannt zugehört. Rückblickend bin ich zwar über den Schluss enttäuscht, aber das wusste ich zum Zeitpunkt des Hörens ja nicht…

Was die Genrezuordnung angeht ist es weder Fisch noch Fleisch. Für eine Einordnung ins zeitgenössische Genre hat es meines Erachtens nicht genug Substanz, für einen Thriller bietet es zu wenig Rasanz und/oder Spannung. Gewünscht hätte ich mir einen „runderen“ Plot mit einem adäquaten Abschluss oder aber eine differenziertere Gesellschaftsstudie.

Die Lesung selbst war makellos. David Nathan besitzt eine angenehm ausdrucksstarke Stimme, mit der er Persönlichkeiten gekonnt in Szene setzt und eine optimale Atmosphäre erzeugt. Besonders das gesprochene Herantragen des unterkühlten Milieus der Shaft-Bewohner hat mich beeindruckt. Wirklich gut. Es hat großen Spaß gemacht ihm zuzuhören. Langweiligen Autofahren wurde damit das Garaus gemacht.

Fazit
Was immer es auch wirklich sein soll, als Hörbuch funktioniert es wunderbar und bietet beste Unterhaltung. Als netten Zeitvertreib kann ich es nur empfehlen! Ganz im Gegensatz zu meiner Erwartung (nach den Kritiken zu Ruhelos) allerdings keineswegs anspruchsvoll.


Einfache Gewitter – William Boyd
7 Std. 39 Min., 2010, Audible Download,
Sprecher: David Nathan

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21
Feb 10

[Zeitgenössisch] Die entscheidende Nacht – Tobias Wolff

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Tobias Wolff erzählt in seinen Storys von den ganz großen Momenten. Ein Bahnangestellter muss sich entscheiden: Sein Sohn ist in die Hubmechanik der hochgeklappten Zugbrücke geklettert und ein vollbesetzter Personenzug naht heran.Wessen Leben soll er retten?

Kurzweilige, manchmal anstrengende Kurzgeschichtensammlung
Tobias Wolff, Dozent an der Stanford University, ist ein Name unter den etablierten amerikanischen zeitgenössischen Autoren, wie auch Richard Ford und Jonathan Franzen. Da ich selbst eine begeisterte Leserin dieses Genres im Allgemeinen und der amerikanischen Ausprägung im Speziellen bin, griff ich in freudiger Erwartung zu dieser Kurzgeschichtensammlung um Tobias Wolffs Schreibe kennen zu lernen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es an den Kurzgeschichten liegt, aber insgesamt machten mir die Texte eher einen müden Eindruck. Es gibt ein paar wenige, die mich angesprochen haben, wie z.B. die Vater-Sohn-Geschichte, in der der Vater seinem Sohn beweisen möchte, was für ein toller, selbstbewusster Kerl er ist und beide in Lebensgefahr bringt, indem er bei stärksten Schneeverwehungen eine Absperrung durchfährt.
Viele andere Geschichten waren mir zu verworren, von der Aussage her nicht präzise genug.

Nichtsedestotrotz sind die Texte im gewohnt amerikanischen Stil allesamt schnörkellos, durchaus tiefgründig und scharf beobachtet. Wie immer geht es um gescheiterte Figuren, um hoffnungslose Situationen und um die alltäglichen Leiden der Liebe. Die ein oder andere Story war jedoch zu trocken, zu erzählt. Der unterhaltende Aspekt bleibt oft auf der Strecke.

Fazit
Nett, aber nichts, was dauerhaft hängen bleibt. Als Einstieg in Tobias Wolffs Werke scheint es mir eher ungeeignet. Ich kann nicht sagen, die Geschichten hätten mir nicht gefallen, aber insgesamt blieb die Begeisterung aus.


Die entscheidende Nacht – Tobias Wolff
240 Seiten, 2008,
Berliner Taschenbuch Verlag

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15
Feb 10

[Zeitgenössisch] Das war ich nicht – Kristof Magnusson

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Drei Personen, eine Stadt: Chicago. Jasper, Meike und Henry treffen dort, rein zufällig, aufeinander. Jasper ist Trader. Er handelt mit virtuellem Geld. Dass das mal schief gehen kann haben wir in letzten zwei Jahr im Rahmen der Finanzkrise selbst erfahren. Warum das aber schief gehen kann, was dahinter steckt und was „virtuelles Geld“ eigentlich im engeren Sinne bedeutet, das haben vielleicht nicht alle verstanden. Jasper begeht eine kleine überhebliche Dummheit, nein, eigentlich macht er alles richtig, aber es läuft eben alles aus dem Ruder. An dieser Stelle setzt Magnusson an. Der Part rund um Jasper und seine Geschäfte ist eine gute Möglichkeit die Hintergründe der Finanzwelt nachzuvollziehen. Keine Angst, dabei prasseln nicht seitenweise Fachbegriffe der Finanzwelt nieder, nein, vielmehr bekommen wir unvergleich einleuchtende Erläuterungen, die auf unterhaltsame Weise für einen Mehrwert an Allgemeinbildung sorgen.

“Es könnte so kommen wie in dem Disney-Comic, den jemand an die Wand hinter dem Wasserspender gehängt hatte: Tick, Trick und Track bieten auf einem Flohmarkt Limonade an. Tick hat einen Taler, kauft ein Glas, trinkt es. Zahlt den Taler an Trick. Der kauft damit ein Glas, trinkt es. Zahlt an Track. Auch der kauft ein Glas und zahlt mit dem Taler. So verkaufen die Drei sich reihum mit demselben Taler immer wieder neue Limonade. Als alle Flaschen leer sind, glauben Tick, Trick und Track, dass sie viel Geld verdient haben – schließlich haben sie ja jedes Glas Limonade verkauft. Als sie festestellen, dass in ihrer Kasse nur ein Taler ist, fallen sie aus allen Wolken.”

Klasse, absolut laientauglich diese Erklärung, oder?! Ja, so oder so ähnlich muss es den Finanzexperten wohl auch gegangen sein.

Neben Jasper gibt es noch Meike. Meike übersetzt überwiegend „Hausfrauenpornos“. Einmal aber darf sie ein ganz großes Werk übersetzen: „Unterm Ahorn“, vom gefeierten amerikanischen Schriftsteller Henry La Marck. Das ist ihr Durchbruch. Denkt sie.
Wir lernen Meike kennen, als sie gerade dabei ist, aus ihrem vermeintlichen Bilderbuchleben zu verschwinden. Im Prinzip hat sie in Hamburg alles, was man sich so wünschen kann: einen zuverlässigen, netten Freund (das ist jetzt mal so angenommen, wir kommen ihm nicht sehr nahe und Meike verrät auch nicht allzu viel über ihre Beziehung), weitere nette und sorgende Bekannte, alle gerade auf dem Weg Familie zu gründen und sesshaft zu werden. Meike sieht sich in die Enge getrieben, fühlt sich unwohl, vielleicht auch dem Druck der Bilderbuchgesellschaft nicht mehr gewachsen, packt ihre sieben Sachen, nimmt Abschied von Hamburg und zieht ans Ende der deutschen Welt. Dort angekommen, wartet sie nun auf das neueste Werk von Henry La Marck, das sie wieder übersetzen soll. Zuvor muss sie jedoch lernen ihr Holz zu hacken für den Ofen.

Tja, und dann gibt es noch Henry. Henry, der Schriftsteller, der mit seinem Buch „Unterm Ahorn“ den Bestseller schlechthin geschrieben hat. Henry ist gefeiert, darf in Talkshows, gemeinsam mit Elton John, auftreten und erhält Preisnominierungen. Besser könnte es nicht laufen. Schwer im Magen liegt ihm nur, dass die Menschheit gerade auf seinen Jahrhundertroman wartet, den er selbst versprochen hat zu schreiben. Noch schwerer im Magen liegt jedoch die Tatsache, dass er nicht nur nicht fertig ist mit diesem Roman, sondern, dass er noch nicht einmal ein Wort dazu niedergeschrieben hat. Er steckt ein bisschen in der Klemme. Um unangenehmen Fragen nach dem Manuskript auszuweichen haut er auf einer Party einfach ab und versteckt sich.

Jasper, Meike, Henry. So ist auch das Buch aufgebaut. Aus immer wechselnder Erzählperspektive und immer aus Sicht der jeweiligen Person berichtet, nimmt die Story eine rasante Entwicklung an. Jasper ist bereits in Chicago, Meike fliegt im Laufe dorthin und Henry ist ohnehin aus dieser Gegend. Alle drei treffen sie per Zufall aufeinander und ihr Schicksal wird auf originelle Art und Weise miteinander verwoben. Jasper ist Henrys „Business-Boy“, Meike findet Henry toll und Jasper findet Meike toll.

Kristof Magnusson hat ein tolles Händchen für’s Schreiben – das steht fest. Keine Zeile Langatmigkeit, kein Wort zu viel. Der Plot ist originell, der Spaßfaktor ganz hoch. Klasse Unterhaltung. Kurze Kapitel, rasante Handlung machen „Das war ich nicht“ zu einem rasanten Roman über aktuelles Zeitgeschehen. Hinterher passt alles, alles ist schön, es bleibt kein Türchen offen. „Das war ich nicht“ als Titel war eine gute Wahl.

Fazit
Nichts Tiefgründiges, nichts Schweres, aber flott und sehr unterhaltsam. Eine sichere Empfehlung für ein paar gelungene Lesestunden. Gute Unterhaltung!


Das war ich nicht – Kristof Magnusson
283 Seiten, 1. Auflage 2010,
Kunstmann Verlag

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Zuhause
Auf Weihnachten in Reykjavik hat Larus Ludvigsson sich so richtig gefreut. Aber dann kommt alles anders. Kurz vor der Abreise macht sein Freund mit ihm Schluss, das isländische Einwohnermeldeamt erklärt ihn für tot, und Dagur, der sich in Larus verliebt hat, begeht Selbstmord. Dagur, der aus der einflussreichsten Familie Islands stammt, war einer mysteriösen Enthüllung über seine Vorfahren auf der Spur. Larus gelingt es, hinter das Geheimnis um Dagurs Familie zu kommen. Doch dabei wird er selbst mit seiner isländischen Herkunft auf eine Weise konfrontiert, die er sich nie hätte träumen lassen …


13
Feb 10

[Zeitgenössisch - Hörbuch] Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland

“Es war im Jahr 1988, da hatte mein Freund Bernd den perfekten Plan: die DDR zu verlassen. Ausgerüstet allein mit seinem grünen Sozialversicherungsausweis, wollte er am Silvestertag sich über die VR Polen und die UDSSR nach Nordkorea durchschlagen und anschließend irgendwie nach Südkorea weiterziehen.”

Kurzbeschreibung
Herr W. hat eines Tages eine ominöse Einladung in der Post: Auf einer Podiumsdiskussion unbekannter Untergrunddichter soll er Auskunft geben über sein Werk, über die Unterdrückung in der DDR und über seine Erlebnisse als Staatsfeind. Zuerst glaubt er an einen schlechten Scherz. Ist er überhaupt gemeint? Mit der DDR hat er doch längst abgeschlossen, nachdem sie 1989 wie ein falsch montiertes Chemieklo zusammenklappte. War er je als Dichter auffällig geworden? Als unterdrückter gar?

Ich schlage vor, dass wir uns küssen W. stellt Nachforschungen an, unterzieht sich bei der Psychologin Tyna Novelli einer Rückführungstherapie in die DDR-Vergangenheit und nimmt schließlich Einsicht in seine Stasi-Akte. Was für ein Fund: Tatsächlich sind hier seine lyrischen Gehversuche unter dem Titel “Mögliche Exekution des Konjunktivs” abgeheftet, dazu sämtliche Liebesbriefe an Liane in München – alles von einem Oberleutnant Schnatz über Jahre akribisch gegengelesen, verwegen gedeutet und als staatszersetzend-konterrevolutionäres Schrifttum eingestuft.
“Ich schlage vor, dass wir uns küssen” ist ein Roman über die Absurditäten der Erinnerung, auch der eigenen, über rätselhafte Wirkungen unbeholfener Gedichte und über eine Liebe, wie sie nur in Zeiten der deutschen Teilung blühen konnte. Ein Buch über die Mauer, die es nie gab. Eine wahre Geschichte, die niemand für möglich gehalten hat. Nicht einmal ihr Verfasser.

Die Geschichte dieses Buches beruht auf einer wahren Begebenheit: die DDR hat es wirklich gegeben.

Herr W. fischt eines Tages eine Einladung vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands aus seinem Briefkasten. Eingeladen wird zum Symposion „Dichter, Dramen, Diktatur – Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR“. Gerade sein Werk bezeuge, welchen Widrigkeiten junge und kritische Literatur im Realsozialismus ausgesetzt war.
Herr W. ist einigermaßen überrascht von dieser Einladung, kann er sich doch nicht daran erinnern, zu DDR-Zeiten schriftstellerisch tätig gewesen zu sein noch als Unterdrückter gegolten zu haben. Laut Aussage der Frau Schneider, seiner Ansprechpartnerin vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands (VUDD) jedoch, habe er Gedichte geschrieben, die er nun öffentlich vortragen soll.

Ich sagte, es gäbe keine Gedichte, könne keine geben und falls es doch welche gäbe, dann seien sie nicht von mir. Sie erklärte, dass sie das nicht glauben könne, dass sie sie schließlich gelesen habe und dass ein Irrtum ausgeschlossen sei, es sei denn, sie irre. Ich wusste nichts. Sie wusste alles.

Ob dieser „Unterstellungen“ neugierig geworden, besorgt sich Herr W. das Bändchen mit Anthologien, herausgegeben von eben jenem Verein und entdeckt doch tatsächlich seinen Namen und, wie er selbst sagt, „interessante biografische Zusatzinformationen“. Sein Werk: „Mögliche Exekution des Konjunktivs“.

Ich habe eine Liebste und diese Liebste ist schön.
Ich wollt‘ ich könnt‘ mit der Liebsten
Mal um ein paar Ecken und hinter die Hecken
Von hier bis nach drübsten gehen.

Doch das ist alles erst der Anfang, erst ein Beispiel der lyrischen Ergüsse Herr W‘s.. Nachdem er seine Stasiakte zugeschickt bekommt, die nicht wenige Unterlagen enthält bzw. so ziemlich all das, was er jemals zu Papier gebracht hat (inklusiver aller Liebesbriefe an seine Liane), beginnt sein Rückblick in allen Einzelheiten. Was er so angestellt hat und wie das, was er so machte, von der Stasi nebenbei „operativ“ bearbeitet wurde.

Es ist wie vielfach beschrieben: eine Geschichte prall gefüllt mit geistreicher Spaß-Lyrik und viel Klamauk ohne verklärende Blicke und frei von Nostalgie über die letzten Stunden der DDR. Gelesen vom Autor selbst bietet dieses Hörbuch einen hohen Genuss, dem sich zu entziehen schwer fällt. Seine Analysen sind haarscharf, seine Vergleiche erfrischend originell, ein Kalauer jagd den nächsten. Und das alles, auf einem sehr intelligenten Niveau!

“OPK – Operative Personenkontrolle. Keine Ahnung, was das ist. In der DDR wurde ja gern und ausdauernd kontrolliert. Wenn Länder Neurosen haben könnten, dann hätte die DDR chronischen Kontrollzwang. Zum Krankheitsbild gehört, wie man weiß, sorgfältige Verheimlichungstendenzen, da Zwänge auf Mitmenschen oft absurd und lächerlich wirken können. Zwangsneurotiker wissen auch um die Sinnlosigkeit ihrer Kontrollrituale und doch müssen sie, wie ferngesteuert, immer weiter machen.“

Rayk Wieland liest äußerst gelungen sein eigenes Buch. Wie sollte es auch anders sein? Besonders die Gedichte erhalten durch ihn die richtige Tonlage. Die Stimme ist angenehm „rauh“ und enthält stets einen amüsierten – irgendwie naiven – und leichten Unterton. Die Autofahrten wurden zu den vergnüglichsten Zeiten meines Tages. Vielen Dank dafür, Herr Wieland! Und um alle Zweifel bezüglich der Hörbuchversion auszuräumen: Es ist ungekürzt!

Fazit
Ein hoch vergnügliches Gute-Laune-(Hör)Buch zum Thema „Erinnerungen an die DDR“. Es tut einfach gut, die sinnlose Absurdität der Aktivitäten und Spitzeleien, die dort betrieben wurde, auf die Spitze getrieben serviert zu bekommen. Herr W. und sein Konjunktiv als Staatsfeind Nr. 1. Ganz großes Kino!


Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland
5 Std. 4 Min., ungekürzte Lesung, Audible Download,
Hörprobe auf der Audible Seite erhältlich

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1
Feb 10

[Zeitgenössisch - Hörbuch]: Einsamkeit und Sex und Mitleid – Helmut Krausser

Krausser Einsamkeit und...

Vincent ist Callboy, aber an Weihnachten sitzt er alleine in der Kneipe. Als die dichtmacht, lässt er sich zu Hause ein Bad ein. Beim Einsteigen wird er von einer Einbrecherin überrascht. Die beiden freunden sich an. Helmut Kraussers neuer Roman bringt zusammen, was nicht zusammengehört: Ein Kind wird entführt, eine mitternächtliche Hochzeit improvisiert, ein Gotchaschuss erkauft, der Prophet Jesaja predigt auf dem Kreuzberg – und alles ist auf ungeahnte Weise miteinander verknüpft. “Einsamkeit und Sex und Mitleid” spielt auf der Klaviatur des scheinbaren Zufalls, mischt Melodram, Ironie, Suspense und Lakonik zu einem bizarren Panorama zu einem überwältigenden Kaleidoskop des Lebens.

Über die Autorin
Helmut Krausser, geboren 1964 in Esslingen war u. a. Spieler, Nachtwächter, Zeitungswerber, Opernstatist, Sänger in einer Rock`n`Roll-Band und Journalist. (Halb-)freiwillig verbrachte er ein Jahr als Berber. Nebenbei studierte er provinzialrömische Archäologie. er schrieb Erzählungen, Theaterstücke und ein Opernlibretto.

Eine scharfzüngige, schnörkellose und skurrile Zeichnung unserer Gesellschaft auf hohem Unterhaltungsniveau!
Zugegeben, der Start ist ein wenig unruhig. Der Roman entwickelt erst nach einer geraumen Zeit Züge einer zusammenhängenden Handlung. Es treten von Beginn an sehr viele Personen auf, die scheinbar unabhängig voneinander ihr Leben führen, zwar in derselben Gegend wohnen, sich in denselben Kneipen begegnen, sich aber nicht kennen. Erst nach und nach fügen sich diese lose Fäden zu einer großen Geschichte zusammen und alle Figuren haben auf mehr oder minder seltsame Art und Weise miteinander zu tun. Es beginnt mit Vincent, einem Gigolo, der seine Wohnung nicht abschließt, was Konsequenzen hat, setzt fort mit dem Lateinlehrer Ekki, der aus fragwürdigen Gründen frühpensioniert wurde und seinen mit Leidenschaft ausgeübten Beruf als Lateinlehrer damit aufgeben musste. Weiter treten auf Dr. Thomas Stein mit seiner kampfsportlustigen Geliebten Carla, und auch dessen Frau Sarah, die erst spät aber dafür sehr pointiert in Szene gebracht wird; es gibt Sventja, eine rebellierende Vierzehnjährige, der zwei Jungs hinterher rennen, die gegensätzlicher nicht sein könnten, Janine, die abgehobene, besserwissende aber verlorene Tänzerin, die ihre Einsamkeit in einer sexuellen Affäre ertränken möchte, Uwe, Marktleiter der Lebensmittelabteilung bei Karstadt und so weiter…

Es mag auf den ersten Blick so erscheinen, als ob der Autor ein paar Personen zuviel das Wort überträgt um daraus eine gute Story zu machen. Aber weit gefehlt – er hat sie im Griff! Treffpunkt für alle ist eine Kneipe, in der die kräftige Minnie bedient, die, wie könnte es anders sein, ebenfalls mit hinein gezogen wird.

Letztlich dreht sich in diesem Buch alles um Sex. Der Titel ist also nicht nur Mittel zum Zweck sondern Programm. Auch Einsamkeit und Mitleid spielen eine große Rolle – irgendwie passt ja doch alles zusammen. Es ist Berlin, der Ton ist ruppig und schonungslos. Sexualität ist ein Geschäft – Liebe ist Luxus. Krausser tischt alles auf, was schon nur beim Zuhören manch einem einen roten Kopf bescheren dürfte. Hier geht es um verluderte Frauen, die tagsüber große Geschäfte managen, religiöse Eltern, die ihre Kinder sektenartig erziehen und zum Gespött der Gesellschaft machen, um einsame Männer mit dubiosen Beweggründen und – wieder – um Sex. Aber: es geht auch um Liebe, wenngleich diese ein bisschen anders als gewöhnlich dargestellt wird.

Elke Heidenreich sagte zu diesem Buch in ihrer Sendung auf litCOLOGNY.de:

“Das ist kein Buch für Zimperfritzen, meine Damen und Herren! Das böse Wort
mit “F” kommt auf jeder Seite darin vor!”

Ja, so ist es. Wer die Töne darunter nicht hört, der wird keine Freude an diesem (Hör-)buch haben. Denn, bei genauerer Betrachtung dreht es sich um eine Sammlung an Figuren, die einsam und orientierungslos sind und nicht so recht einen Platz im Leben finden. Manche, weil sie ihren Platz verloren haben, wie Janine, die Tänzerin, andere, weil die Gesellschaft in der sie aufwachsen sie zum Scheitern verurteilt, wie in Johnnys Fall und wieder andere, weil sie durch andere „bösartige“ Menschen von ihrem Platz verscheucht wurden. Helmut Krausser erzählt, was viele hinter verschlossenen Türen treiben, was hinter verschlossenen Türen besprochen wird und was in den Köpfen derer vorgeht, die sich hinter diesen verschlossenen Türen befinden. Jede Schicht ist dabei, jeder kriegt sein Fett weg.

Image of Einsamkeit und Sex und Mitleid

Auf skurillste Weise, über scharfsinnige Beobachtungen und mit einem satirischen Ton führt er sie nach und nach zueinander. Es löst sich nichts in Wohlgefallen auf. Manche Dinge bleiben schleierhaft (auch unnötig), andere lösen sich auf. Es ist eben so wie es ist und nicht immer ist Recht von Unrecht deutlich zu unterscheiden.

Herr Krausser scheint hierzulande, ich nehme mal stark an, dass das mit seinem deftigen “erotischen” Ton zu tun hat, eher wenig gelesen zu werden. Ich finde das schade, denn über diesen Stil hinaus, vermittelt er – zumindest in dieser Geschichte – wesentliche Denkansätze in Bezug auf unsere Gesellschaft. Ich werde diesen Autor jedenfalls auf meine Must-Read-Liste setzen, denn dieses rasante, bitterböse und kluge Buch über unsere “Möchtegern- Gesellschaft” hat mir ausnehmend gut gefallen!

Ich habe das bei Audible als Download erhältliche Hörbuch gehört, welches von Andreas Petri gesprochen wird. Andreas Petri trifft den Ton und vor allem den Unterton dieser Geschichte hervorragend. Er inszeniert glänzend und setzt die Charaktere einzeln und gekonnt um. Man könnte meinen, das Buch wäre von ihm bzw. für ihn geschrieben worden. Ich kann diese Lesung nur wärmstens emfpfehlen! Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: „Besser als selbst lesen!“

Fazit
Sehr empfehlenswert diese Gesellschaftsstudie der bösen Art! Als Hörbuch ein Hochgenuss!


Einsamkeit und Sex und Mitleid – Helmut Krausser
4 Std. 37 Min. (gekürzt), Audible Download


Audible Seite mit Hörprobe


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Weitere Bücher von Helmut Krausser

  • Eros
  • Schweine und Elefanten (1. Teil der Hagen-Trinker-Trilogie)
  • Fette Welt (2. Teil der Hagen-Trinker-Trilogie)
  • Könige über dem Ozean (3. Teil der Hagen-Trinker-Trilogie)
  • Kartongeschichten
  • Schmerznovelle
  • Die kleinen Gärten des Maestro Puccini
  • Ultrachronos
  • Substanz: Das beste aus den Tagebüchern

Ein Lesetipp zu diesem Buch

Aufzeichnungen eines Außenseiters
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88 used & new available from EUR 7,94


19
Jan 10

[Zeitgenössisch] Die Haarschublade – Emmanuelle Pagano

Die Haarschublade
Mit der Schule war natürlich Schluss, als das erste Kind zur Welt kam. Ihre Chance auf ein normales Leben dahin. Nun arbeitet sie als Aushilfe in einem Friseurgeschäft, um etwas Geld dazu zu verdienen, und auch, um sich dem Alltag mit Titouan und Pierre wenigstens vorübergehend zu entwinden. Außerdem mag sie Haare, nicht nur die ihrer Söhne. Der jüngere ist ein zappliger Kobold, der ältere lebt still in einer eigenen, fremden Welt. Ohne Selbstmitleid und Bitterkeit sorgt und lebt und liebt sie, Tag um Tag. Fraglos haben ihre Eltern und manche andere in dem Provinzort eine Meinung zu all dem – und eine Lösung parat. Doch entscheiden muß sie sich allein. In diesem Buch stellt sich Emmanuelle Pagano erneut einem existenziellen Thema: Minimalistisch, präzise und pur erzählt sie die Geschichte einer Liebe ohne Echo.

Der Stil
Eine namenslose alleinerziehende Mutter, ihre zwei Kinder und der Alltag dieser kleinen Familie bilden den sehr minimalistisch gehaltenen Rahmen dieser Geschichte. Sie ist in einer beeindruckenden und erdrückenden Erzählweise verfasst. Wörtliche Rede sucht man vergebens. Kurze, schnörkellose Sätze erzeugen eine dichte Atmosphäre. Offensichtliche Emotionen aber findet man kaum – man beobachtet und fühlt sich schlecht.

Der Plot
Hier wird das Leben einer sehr jungen Mutter in einzelnen Kapiteln rückblickend von ihr selbst aufgearbeitet. Ihre erste Schwangerschaft, die sie aus der Not heraus zu verbergen versucht hat und der hohe Preis den sie und das Kind dafür zahlen mussten. Ihre zweite Schwangerschaft, die ebenfalls aus schlimmsten Umständen heraus “passierte”, der sie sich jedoch stellte. Ihr Umfeld, ihre Eltern, die gesellschaftlichen Konventionen sind nur schwer mit ihren Umständen in Einklang zu bringen. Und das spürt der Leser.

Image of Die Haarschublade

Im Bann des Lesens
Dem Lesesog mag man sich ab der ersten Seite kaum entziehen. Das ist auch nicht notwendig, denn mit den knapp 130 Seiten (in großzügig gehaltener Schriftgröße) und vielen kurzen Kapiteln, ist das Buch rasch ausgelesen. Allerdings, und das mag vielleicht an der knappen Handlung liegen, bleiben manche Ansätze eben auch nur Ansätze. Großartig umgesetzt ist die spät einsetzende aber dafür umso kräftigere Mutterliebe der Ich-Erzählerin zu ihrem behinderten Kind. Es ist ein respektvoller Blick auf das Handeln der Mutter. Sie kämpft in allen Situationen. Das es jedoch auch Situationen gibt (geben muss), in denen ein Mensch an seine Grenzen stößt, in denen die pure Verzweiflung steckt, diese werden in einem Akt der Bewunderung und aus Respekt der Mutter gegenüber nur rudimentär beleuchtet.

Fazit
Dieses Buch setzt den Alltag einer sehr jungen, alleinerziehenden Mutter mit einem behinderten und einem gesunden Kind sehr ergreifend und sehr menschlich in Szene, stets mit einem klärenden Blick auf den Hintergrund der Ich-Erzählerin. Und nicht zuletzt ist es der Epilog, der die Story in ein interessantes Licht rückt.


Die Haarschublade – Emmanuelle Pagano
144 Seiten, Wagenbach Verlag
1. Auflage, August 2009
Hardcover, 16,90 Euro


Weitere Bücher von Emmanuelle Pagano

Die Haarschublade
Price: EUR 16,90

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Der Tag war blau
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18
Jan 10

[Zeitgenössisch] Schöne Verhältnisse – Edward St Aubyn

1. Teil der Patrick Melrose Reihe

Schöne Verhältnisse
Über die Hölle, die Familie heißt

Ein strahlender Septembermorgen in einer Villa in Südfrankreich: Der Hausherr ertränkt mit Hilfe des Gartenschlauchs ganze Ameisenvölker, seine alkoholsüchtige Frau versucht unbemerkt an ihren ersten Brandy zu gelangen, während der fünfjährige Sohn auf dem Brunnenrand mit seinem Leben spielt – so sieht der ganz normale Alltag der Familie Melrose aus. Und das ist längst nicht alles, was sich hinter der sorgfältig aufgebauten Fassade der Upper-Class-Familie abspielt …Eine ungeheuerliche Geschichte, ebenso komisch wie erbarmungslos.

Es beruhigt zu wissen, dass es Patrick Melrose heute gut geht…
Dies ist die tragische Geschichte von Patrick Melrose, Edward St Aubyns Alter Ego.
Angesichts der autobiografischen Züge der Geschichte um die Familie Melrose ist der Roman eine einzige Katastrophe. Und zwar dahingegend, dass es unmöglich zu verstehen erscheint, was dort, in dieser reichen, kalten und niederträchtigen Gesellschaft, vor sich geht. Der Autor verarbeitet mit seiner, auf eine Trilogie ausgelegten, Familiengeschichte die Hölle, die er als Kind durchlaufen hat und die zum völligen Heroinabsturz führte. Er selbst sagt aus, dass das Schreiben dieses Buches seine letzte Chance war, sein Leben in den Griff zu bekommen und damit auch zu retten.

1 Tag, 188 Seiten lang, dürfen wir in diesem feudalen und wenig erfreulichen Umkreis verbringen. Hauptfigur und das größte Ekel, das mir in letzter Zeit unter die Seiten gekommen ist, ist David Melrose, das 60-jährige alles in einen rabenschwarzen Schatten stellendene Familienoberhaupt, Vater des 5-jährigen Sohnes Patrick und Ehemann der wohlhabendenden, aus königlichem Hause kommenden und trinksüchtigen Elanore. Daneben erscheinen die Besucher der Familie als graue Mäuschen, was sie bei weitem aber nicht sind. Doch deren Versuche es ihm in irgendeiner Weise gleich zu tun, andere zu erniedrigen, scheitern kläglich in seinem Beisein. Sie sind lediglich Mitläufer.

Auf jeder einzelnen Seite des Romans springt uns die völlig hemmunglose Entlarvung der Figuren ins Gesicht. Brodelnder Zynismus, beißender Spott, schlimmste Erniedrigungen und Perversionen… ich finde es schwer auch nur annähernd zu beschreiben, mit welchem Gefühl der Ungeheuerlichkeit ich dieses Buch gelesen und beendet habe. Hinzu kommen ausdauernde psychologische Tiefgänge, denen ich nicht selten nicht mehr folgen konnte und wollte. Es reichte mir zu verstehen, was hinter diesen dicken Wänden der Aristokratie vor sich geht. Sicherlich werden jedoch psychologisch versiertere Menschen als ich noch voller auf ihre Kosten kommen bei dieser Lektüre.

Das sich hinter dieser makaber schwarzen Potraitierung der Gesellschaft auch noch eine Tragödie abspielen wird, konnte ich zu Beginn nur erahnen. Was dann jedoch folgt, was Patrick, der Sohn von Eleanore und David, in dieser Familie und nur an diesem Tag alleine erleiden muss, ist schier unvorstellbar. Umso erstaunlicher, dass der Autor seinen Weg aus der Drogenabhängigkeit gefunden hat und heute ein nahezu normales Leben führt.

Hoch anspruchsvoll zeichnet Edward St Aubyn seine Figuren und deren Leben. Wüsste ich es nicht besser, würde ich ihnen allen jedoch – ausser zwei Personen – ob der unglaublich menschenverachtenden Verhaltens- und Denkweisen jegliche Authenzität absprechen. Auf gerade mal 188 Seiten schafft es der Autor mithilfe diverser und auch rasanter Perspektivenwechsel extrem tiefe Einsichten in das Gedankengut der Familie und Besucher zu vermitteln. Dies ist zum Teil sehr anstrengend und forderte zumindest mir eine Menge Konzentration ab. Nicht weniger anspruchsvoll ist der gesamte Stil. Fast im “Vorbeilesen” und zwischen den Zeilen der makaberen Dialoge werden existenzielle Motive und Geisteszustände mit auf den Weg gegeben. Manches Mal musste ich zurückblättern und nochmals lesen um überhaupt zu verstehen, was genau der Autor vermitteln wollte. Wahrscheinlich habe ich viele andere Male die Pointe verpasst und weiß nichts von meinem Pech… Nichtsdestotrotz, hat man die Geschichte einmal begonnen, ist es fast krankhaft umöglich sich der Faszination und dem Sog der Wörter zu entziehen.

Übrigens ist der deutsche Titel, meiner Meinung nach, wesentlich passender als der der Originalausgabe. In diesen zwei Wörtern versteckt sich die gesamte bittere Ironie des Buches.

Als Fazit bleibt, dass es mir durchaus nachvollziehbar erscheint, warum dieser autobiografische Roman als “ganz große Literatur” bezeichnet wird. Und trotzdem wird der bittere Nachgeschmack noch lange anhalten, was mich höchstwahrscheinlich auch davon abhalten wird, die Fortsetzungen in die Hand zu nehmen. Zuviel von solchen Geschichten und ich würde selbst Gefahr laufen in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen zu werden…
Sicherlich eine große Leseerfahrung, die ich nicht missen möchte, aber von der ich vorerst keine zweite benötige.


Schöne Verhältnisse
Edward St Aubyn
192 Seiten, Taschenbuch, btb Verlag


Die Reihe im Überblick

  1. Schöne Verhältnisse
  2. Schlechte Neuigkeiten
  3. Nette Aussichten
  4. Muttermilch

Die Bücher von Edward St Aubyn im Überblick

Schöne Verhältnisse: Roman
Price: EUR 8,00

107 used & new available from EUR 1,60

Schlechte Neuigkeiten: Roman
Price: EUR 8,00

101 used & new available from EUR 2,60

Nette Aussichten: Roman
Price: EUR 8,00

106 used & new available from EUR 3,23

Muttermilch
Price: EUR 19,95

109 used & new available from EUR 3,99


15
Jan 10

Hörbuch: Das Muschelessen – Birgit Vanderbeke

“Das es an diesem Abend zum Essen Muscheln geben sollte, war weder ein Zeichen noch ein Zufall. Ein wenig ungewöhnlich war es, aber es ist natürlich kein Zeichen gewesen, wie wir hinterher manchmal gesagt haben. Es ist ein ungutes Omen gewesen, haben wir hinterher manchmal gesagt, aber das ist es sicherlich nicht gewesen und auch kein Zufall. Gerade an diesem Tag wollten wir Muscheln essen, ausgerechnet an diesem Abend, haben wir gesagt, aber so ist es wiederum auch nicht gewesen, keinesfalls kann man von Zufall sprechen. “

Vanderbeke Muschelessen

Die wenigen Stunden, die der Familienvater sich verspätet, und während derer die Frau und die beiden jugendlichen Kinder wartend am Abendessenstisch sitzen, genügen, um aus der sorgfältig ausbalancierten Kleinfamilie einen Haufen zersprengter Einzelteile zu machen.
Die drei sitzen vor einem Berg Muscheln, die sich eklig schmatzend öffnen und die eigentlich niemand außer dem Vater gerne ißt, und sie beginnen in dieser unerwarteten Auszeit miteinander zu sprechen. Es entsteht so plötzlich wie überraschend ein Riß in der familiären Scheinidylle. Der Vater wird besichtigt und es bleibt nicht besonders viel übrig von diesem Mann und seiner fragwürdigen väterlichen Autorität.
Birgit Vanderbeke läßt das Labor Familie in die Luft fliegen, sie zieht den Stöpsel, und durch eine kleine Veränderung in der Versuchsanordnung kommen der repressive Mief und der kleinbürgerliche Ehrgeiz, aber auch die versteckte Liebe zutage.

Wow!
Ich bin platt. Und ich bin mir sehr, sehr sicher, dass ich an dieser Geschichte so gar keinen Gefallen gefunden hätte, hätte ich sie in Buchform konsumiert. Das Hörbuch aber, gesprochen selbst von der Autor, vorgelesen, mit der Stimme der Schreibenden und damit auch in ihrem Sinne, hinterlässt einen tiefen und bleibenden Eindruck – bei mir zumindest.

Es gibt zahlreiche gegenläufige Meinungen zu dieser Familiengeschichte. Viele langweilen sich. Das ist sogar verständlich. Die Sätze sind lang, teilweise sehr lang. Und das nicht etwa aufgrund ihres entsprechenden Inhaltes, den sie in sich tragen, nein, sie sind lang, weil der Inhalt sich ständig wiederholt.

Im Grunde ist das, was wir uns vorgestellt hatten, als wir das Muschelessen geplant hatten, im Verhältnis zu dem, was dann daraus geworden ist, von ziemlich geringfügiger Besonderheit, von einer untergeordneten jedenfalls, während das, was dann geworden ist, von erheblicher, ja gewaltiger und außerordentlicher Besonderheit ist, aber keinesfalls kann man sagen, es ist ein Zeichen oder ein Zufall gewesen, dass es an dem Abend Muscheln hat geben sollen, was die Lieblingsspeise von meinem Vater gewesen ist.

Image of Das Muschelessen, 3 Audio-CDs

In Buchform serviert kann das sicherlich recht schnell ermüden. In Hörbuchform aber, mit dem besonderen Etwas der Autorin gelesen, ist es wahrlich ein “Hörknaller”. Die Handlung spitzt sich äußerst schleichend zu. Das Geschehen, aus Sicht der Tochter erzählt, beginnt völlig unspektakulär. Ja, der Vater hat die eine oder andere Macke, aber herrje, welcher Vater hat die nicht. Gerade unsere Familienoberhäupter sind ja für ihre “Diva-Allüren” bekannt. Das sich hinter diesem Vater aber ein verabscheungswürdiger Mensch verbirgt, kommt aus den Rückblenden der Tochter erst langsam ans Tageslicht. Dabei legt sie, vor allem zu Beginn der Geschichte, großen Wert darauf eine Art neutrale Haltung gegenüber dem Familiengeschehen einzunehmen. Diese Haltung relativiert sich natürlich zunehmend im Laufe der Geschichte bis hin zum Ende, wenn davon gesprochen, sich das nicht mehr bieten zu lassen.

Der Spiegel schrieb zu diesem Titel:

“Am Ende wandert mit den ungegessenen Muscheln ein ideologischer Grundpfeiler des Bürgertums auf den Müll: die Idee der Familie.”

Die Aussage wirkt ein wenig pathetisch – Birgit Vanderbeks Story übrigens auch an einigen Stellen. Den Kerngedanken jedoch trifft sie auf den Punkt.

Fazit
Literatur vom Feinsten! Birgit Vanderbeke entwirft ein ausdrucksstarkes Bild, mit Fokus auf die Fassaden eines Familienlebens, über das es sich lohnt nachzudenken. Ein Hörbuch, das ich in sehr guter Erinnerung behalten werden.
Und eines steht fest: Nach der Lektüre dieser Geschichte dürfte jeder den Unterschied zwischen notwendig und hinreichend nicht nur im Ansatz verstanden haben.


Das Muschelessen
Birgit Vanderbeke
ungekürzte Autorenlesung,
170 min., Audiobuch Hamburg


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