Ersten Sätze…
“Mittwoch, 30. April 1997
So greife ich dann wieder zur Feder, um das Treiben meiner Zeitgenossen aufzuzeichnen (den Schmus »und -genossinen« kann ich mir bei der strengen Nichtöffentlichkeit dieses Tagebuchs gottlob sparen).
Ich wage vorherzusagen, dass mit Anbruch des übermorgigen zweiten Mai die Labour Party mit hauchdünner Mehrheit obsiegt haben und folglich die neue Regierung bilden wird. Das Gerede von einem erdrutschartigen Wahlsieg ist hysterischer Medienschwachsinn.”

Inhalt
Adrian Mole ist wieder da – diesmal im Alter von 30 3/4 Jahren. Der beliebteste Tagebuchautor Englands bekommt langsam eine Glatze, fühlt sich selbst ganz als Intellektueller, trifft Bridget Jones und arbeitet als Koch in dem noblen Szenelokal Hoi Polloi in Soho. Sehr zu seinem Leidwesen ist noch immer nichts aus der erträumten Schriftstellerkarriere geworden. Auch ansonsten verläuft in Adrians Leben bei weitem nicht alles nach Plan: seine Ehe liegt in Scherben, sein junger Sohn wird von der Mutter in Ashby-de-la-Zouch aufgezogen, seine 16-jährige Schwester zieht mit ihrem mehrfach gepiercten Freund zusammen, und sein Vater ist manisch-depressiv ans Bett gefesselt. Adrian führt immer noch Listen mit jugendlichen Neurosen und befasst sich ausgiebig mit der lebenswichtigen Frage, ob Viagra tatsächlich hält, was es verspricht. Von einem Kabefernsehproduzenten entdeckt, wird Adrian schließlich zum Star einer Kochsendung, die sich auf Innereien spezialisiert hat. Selbstverständlich träumt Adrian imm noch von seiner großen Liebe Pandora Braithwaite, die mittlerweile für Tony Blairs Labour-Partei kandidiert. Es versteht sich von selbst, dass er sogleich ins heimatliche Leicester aufbricht, um seine Stimme für die atemberaubende Politikerin abzugeben…
Nicht ganz das alte, aber trotzdem nicht schlecht…
Adrian ist wieder da! Nicht in Höchstform, aber in guter. Wie immer macht er sich viele Gedanken um Nichtigkeiten, fährt übervorsichtig Auto, ist mittlerweile süchtig nach Gummibärchen usw.
Adrian wird dieses Mal Koch in einer Fernsehsendung spezialisiert auf die ekelhaftesten Gerichte (Innereien) – nur, er kann nicht kochen. Macht nichts, wie immer schlingelt er sich durch. Ach ja, ein entsprechendes Buch muss er auch schreiben (»Alle schreien nach Innereien – das Buch!«). Die Show seiner Sendung wird ihm, wie sollte es anders sein, komplett von seinem Assistenten Dev Singh gestohlen. Er wird der eigentliche Star, aber Adrian hat eine tiefe Begabung dafür, die Dinge nicht so zu sehen, wie sie wirklich sind. Er findet die ein oder andere Aktion, die ihn aussen vor lässt, zwar empörend, aber dennoch hält er an seinem intellektuellen Starstatus bis zuletzt fest.
Vielleicht hat die Autorin in diesem Band etwas über das Ziel hinaus geschossen und damit die Story überladen. Es geht u.a. um Pandoras Wahlkampf, Adrian als Koch im Szenelokal Hoi Polloi und sein Rausschmiss, Adrian als Pseudo-Koch einer niveaulosen Fernsehsendung, die Affären seiner Eltern (Adrians Mutter und Pandoras Vater ziehen zusammen, im Anschluss natürlich auch Adrians Vater mit Pandoras Mutter…), das Auftauchen seines Sohnes Glenn, der Umzug ins neue Haus usw.
Es gibt einen Abschnitt, der mir wieder besonders gut gefallen hat und den ich hier wiedergeben möchte:
Sonntag, 15. Februar
Les Banks, der Dachdecker, den ich mit den Arbeiten an Archies Haus beauftragt habe, rief an, um zu sagen, er könne heute leider nicht wie verabredet anfangen. Seine Schwiegermutter sei vergangene Nacht unerwartet gestorben.Montag, 16. Februar
Ein Mensch namens Nobby kam vorbei und fragte, ob er die »Leitern mal hinten abstellen» könne. Er behauptete, ein Betriebsangehöriger von Les Banks zu sein. Ich bat ihn, sich in irgendeiner Form entsprechend auszuweisen. Er sagte:»Rufen Sie doch Les über das Handy an.«
Ich tat’s. Les bestätigte, dass Nobby einer seiner Arbeiter sei und dass die Arbeiten in Rampart Terrace am Mittwoch aufgenommen werden würden, »sobald wir die Beerdigung hinter uns gebracht haben«. Er hörte sich nicht besonders gramgebeugt an. Im Hintergrund dudelte Radio One, und es klang fast, als befände er sich auf einem Dach.
15 Uhr
Ich finde, die Familie Banks bringt die Verstorbene in unziemlicher Hast unter die Erde!Mittwoch, 18. Februar
Keine Spur von Les Banks. Nobby kam nachmittags um fünf vorbei und nahm die Leiter wieder mit. Ich rief Les an, bekam aber nur seine automatische Ansage zu hören. [...]Donnerstag, 19. Februar
Les Banks rief an, um mir mitzuteilen, er könne heute leider die Arbeiten nicht aufnehmen. Er sei »mit der Frau in der Unfallstation vom Krankenhaus. Sie ist mit den Fingern in ihr elektrisches Tranchiermesser geraten.«
Nobby brachte die Leitern wieder.Freitag, 20. Februar
Die Finger von Mrs Banks haben sich entzündet, was einen neuerlichen Krankenhausbesuch erforderlich machte. Les ist seiner Frau offensichtlich sehr zugetan. Er hat hoch und heilig versprochen, am Montag anzufangen. »Da gibt es kein Vertun, Mr Mole.«Montag, 23. Februar
An Mrs Banks verletzten Fingern hat sich eine Blutvergiftung entwickelt. »Die ganze Hand steht jetzt auf dem Spiel.« Im Haus ist es indessen eiskalt, und das Dach ist undicht. Wird der von häuslichem Pech verfolgte Mr Banks jemals in der Lage sein, die Arbeiten an meinem Haus aufzunehmen?Dienstag, 3. März
Habe Les Banks getroffen, als er im BP-Shop Zigaretten kaufte. Ich erkundigte mich nach seiner Frau. Er sah mir mit geweiteter Pupille tief in die Augen und sagte: »Es geht ihr gar nicht gut. Ihr Vater ist letzte Nacht tot umgefallen.« Ich gab ein zynisch-bitteres Lachen von mir und empfahl mich.
Ich hörte Banks »Gefühlloses Arschloch!« hinter mir herrufen.Donnerstag, 5. März
Bin sehr erschrocken, als ich heute Abend im »Leicester Mercury» ein Foto von Les Banks und Familie sah. Die Schlagzeile lautete:»vom Pech verfolgt: Tapfere Familie zittert vor weiteren Schicksalsschlägen.«
Ich brachte es nicht fertig, den zugehörigen Artikel zu lesen, und wünschte, mein Blick wäre nicht zufällig auf das Fettgedruckte unter dem Foto gefallen, wo die Rede ar von der »trotz Handamputation ungebrochenen Hausfrau Lydia Banks (41)«.
[...]
Ich habe Les Banks angerufen und mich entschuldigt. Er sagte, er würde morgen kommen, »wenn das Wetter mitspielt«. Ich fragte ihn, wann das Wetter für ihn nicht mehr mitspielt. Er sagte:»Wenn’s mich vom Dach weht.«Freitag, 6. März
Den ganzen Tag Wind mit Sturmböen.[...]Sonntag, 8. März
Les Banks rief gestern an. Er sagte, ein Sattelschlepper habe beim Zurücksetzen seinen Hund angefahren. Ich achtete darauf, gebührend Mitgefühl zu äußern. [...]
Ich wünschte ihm gute Besserung für seinen Hund.
Fazit
Insgesamt ist dieser Teil der Reihe wahrscheinlich einer der schwächeren. Einige Abschnitte ziehen sich hin, was man nun von Sue Townsend wirklich nicht gewöhnt ist, andere aber gleichen das wieder aus. Trotz allem, die Adrian Mole-Tagebücher gehören für mich zu den besten Büchern. Gerade in schlechten Zeiten sind sie für mich unersetzlich.
Die Adrian Mole Reihe im Überblick
1. Das Intimleben des Adrian Mole, 13 3/4 Jahre
(fasst die beiden ersten englischen Bände »The Secret Diary of Adrian Mole, Aged 13¾« und »The Growing Pains of Adrian Mole« zusammen)
2. The True Confessions of Adrian Albert Mole (nicht in deutscher Sprache erschienen?)
3. Adrian Moles wilde Träume. Geheime Tagebücher, vierter Teil
4. Die Cappuccino-Jahre. Ein Adrian-Mole-Roman
5. Adrian Mole und die Achse des Bösen
6. Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole
7. The Prostrate Years (2009, noch nicht auf Deutsch erschienen)
Weitere Besprechungen
Die Leselust
Hansblog
Die Cappuccino Jahre – Sue Townsend
432 Seiten, TB, 2007, Originaltitel »The Cappuccion Years«
8,95 Euro,
Heyne Verlag
Weitere Bücher von Sue Townsend
Queen Camilla
Downing Street No. 10






Wie gerne hätte der Vater seinen Söhnen ‘Tim und Struppi’ geschenkt – aber leider können sie nicht lesen. Wie gerne wäre er mit ihnen auf die Berge gestiegen, hätte mit ihnen Musik gemacht, hätte mit ihnen Volleyball gespielt – aber leider können sie immer nur mit Holzklötzchen spielen. Thomas und Mathieu sind behindert und waren nie das, was sich der Vater gewünscht hätte: normale Kinder.