Biografien


28
Aug 10

[Biografien] Grandhotel Bulgaria – Angelika Schrobsdorff

“Ja, Angelintsche, sieht dann alles ganz anders aus. Gibt es hier eine gute Spruch, der heißt: Wer überlebt diese Winter, wird es bereuen..” [1]

Inhalt
Das Ende des Kommunismus war für die Völker Osteuropas der Beginn einer Hoffnung und zugleich eine Reise ins gesellschaftliche und ökonomische Elend. Eine Schriftstellerin wie Angelika Schrobsdorff, die dort acht Jahre ihres Lebens verbracht hat, kann das nicht kalt lassen. Sie kennt die Verhältnisse, hat sie doch als Kind mit ihrer Mutter, einer deutschen Jüdin, den Naziterror in Bulgarien überlebt. Jetzt will sie selbst helfen.

Als sie Anfang Dezember 1996 ein Anruf aus Sofia erreichte und ihre Nichte ihr von der Not und der Bedrückung der Menschen erzählte, machte sie sich spontan auf den Weg. Sie setzte sich in ihrer neugefundenen Heimat ins Flugzeug und flog in das Land ihres ehemaligen Exils. Während ihres Aufenthalts führte sie Gespräche mit alten und neuen Freunden und erlebte am Jahreswechsel den Beginn der Demonstrationen gegen die letzten Überreste des autoritären Regimes. Ihr Tagebuch ist ein Bericht aus erster Hand und ein erstaunliches literarisches Dokument.

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Ein tolles Buch! Aus jedem Satz liest man Angelika Schrobsdorffs Liebe zu ihrer Exilheimat heraus.

Angelika Schrobsdorff erhält Ende 1996 einen Anruf ihrer Nichte Evelina aus Bulgarien, der sie in tiefe Besorgnis stürzt. Laut Evelina werden im Winter aufgrund der verheerenden Verhältnisse in Bulgarien tausende von Menschen verhungern und erfrieren. Angelika Schrobsdorff weiß zu dieser Zeit nicht viel über die Zustände, aber sie weiß mit Sicherheit, “…daß es mal über Wochen kein Brot gab, mal kein Heizöl, mal nur stundenweise Elektrizität und daß die Preise für einen Normalverdienenden unerschwinglich geworden waren.[2]

Sie beschließt nach Bulgarien zu reisen um sich ein eigenes Bild über das Land zu machen, das ihr und ihrer Mutter acht Jahre lang als Exil während der Flucht vor den Nazis diente.

Frau Schrobsdorffs Ankunft in Sofia ist grau und traurig. Aufgrund des Wegfalls des sowjetischen Marktes befand sich Bulgarien Ende der Neunziger immernoch in einer schweren Krise. Im Frühjahr ‘96 brach das Bankensystem aufgrund der hohen Staatsverschuldung zusammen, was eine schwere Wirtschaftskrise im Land zur Folge hatte. Das Bild, das Angelika Schrobsdorff bei ihrer Ankunft zeichnet ist entmutigend:

Ich sah mir die Leute auf der Straße an. Sie machten keinen gefährlichen Eindruck, waren ärmlich und farblos gekleidet, hatten müde Gesichter und einen abwesenden Blick, der erkennen ließ, daß sie in keine angenehmen Gedanken verstrickt waren. Kein Mensch lachte, keiner schien einem Ziel entgegenzugehen, auf das er sich freute. An einer Haltestelle wartete ein nasses, frierendes Menschenknäuel auf den Bus. [3]

Sie versucht sich bei ihrem treuen Freund und Begleiter Bogdan zu versichern, dass das Stadtbild ein gänzlich anderes sei, sobald das Wetter sich bessere. Bogdan antwortet mit unverwüstlichem Galgenhumor:

Ja, Angelintsche, sieht dann alles ganz anders aus. Gibt es hier eine gute Spruch, der heißt: Wer überlebt diese Winter, wird es bereuen. [4]

Trotz der schlimmen Umstände lässt sich Angelika Schrobsdorff die Liebe zu Bulgarien nicht zermürben und berichtet stets in einem angenehm humorigen Ton. Sie erzählt von den Menschen, die trotz der katastrophalen Umstände, in denen sie Leben müssen, nichts von ihrer Warmherzigkeit eingebüßt haben. Einige sind ein bisschen kauzig, klar, viele andere halten sich mit Galgenhumor über Wasser, aber alle haben sie stets Freude an Geselligkeit und Gespräche über ihr Land und ihre Leute. Die Bulgaren sind zäh und harren der Dinge aus die da kommen – viel schlimmer kann’s ja nicht mehr werden…

Bemerkenswert ist, wie Frau Schrobsdorff es schafft, die Stimmung der Gespräche, die sie mit ihren bulgarischen Freunden führt, so detailliert – mit Sticheleien, politischen Streitigkeiten etc. – wiederzugeben.

Fazit
Angelika Schrobsdorff hat ein Buch über Bulgarien geschrieben, dass nur jemand schreiben kann, der die Menschen und das Land kennt und liebt. Bei allem Übel behält sie das Auge für die schönen Seiten und lässt es nicht aus, die Leserschaft von der Besonderheit Bulgariens zu überzeugen aber auch die Umstände aufzuzeigen, unter denen diese Menschen ihr Leben meistern müssen. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule

[1] Seite 31
[2] Seite 10
[3] Seite 30
[4] Seite 31


Image of Grandhotel Bulgaria: Heimkehr in die Vergangenheit Roman

Grandhotel Bulgaria – Angelika Schrobsdorff
288 Seiten, Taschenbuch, 1997
9,50 Euro,
dtv



11
Apr 10

[Belletristik] Sommerwogen – Mark Twain

“Meine verehrte Schwester,
ich verspüre das starke Verlangen, Dir zu sagen, wie dankbar ich Dir und Euch allen für die Geduld, Rücksicht & unermüdliche Freundlichkeit bin, die mir erwiesen wurden, seitdem Ihr mir Unterschlupf gewährt habt, und die aus den letzten vierzehn Tagen die einzige Zeitspanne meines Lebens machten, an die ich ohne Bedauern zurückblicke. [...]“

Image of Sommerwogen: Eine Liebe in Briefen

Kurzbeschreibung
“Ich bin jung & sehr gutaussehend & sie ist wahrhaftig das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe.” Mark Twain war zweiunddreißig Jahre alt, als er sich zum ersten und einzigen Mal verliebte.
Die Briefe an Livy Langdon, seine “Seelenschwester”, später Verlobte, Ehefrau und Mutter seiner Kinder, werden über die Jahre immer mehr zu amüsanten, anrührenden Lebenszeugnissen des berühmten Autors, der offen von seinen Erfolgen und Niederlagen, Hoffnungen und Ängsten schreibt und so manche Anekdote zum Besten gibt. Man findet darin eine lange Verteidigung des Rauchens, Spekulationen über die Unsterblichkeit der Seele, detektivische Nachforschungen über den geheimnisvollen Verehrer eines Dienstmädchens, Erinnerungen an Reisen, aber auch Verzweiflung über wirtschaftliche Fehlschläge und unheilbaren Schmerz über den Tod der Lieblingstochter Susy.

Ein Leben in Briefen
Der Klappentext verspricht “Die liebsten & lustigsten Liebesbriefe, die jemals geschrieben wurden“. Die liebsten sind es vielleicht, die lustigsten ganz sicher nicht. Das war sehr bestimmt nicht Sinn und Zweck der Briefe.

In diesem Büchlein befindet sich fast die gesamte Lebensgeschichte Mark Twains. Es sind wahrlich altmodische Briefe und gerade zu Anfang fast schon unerträglich verliebte Worte:

Leb wohl, Livy. Du bist so rein, so groß, so gut, so schön. Wie könnte ich Dich nicht lieben? Sag mir doch, wie ich Dich nicht anbeten könnte, meine liebe kleine Abgöttin?

Ich liebe, liebe, liebe Dich, Livy! Mein ganzes Wesen ist von dieser Liebe durchdrungen, erneuert und beseelt, & mit jedem Atemzug macht sie mich zu einem besseren Menschen. Ich werde mich Deiner unschätzbaren Liebe würdig erweisen, Livy.

Die Liebesbekundungen werden selbstverständlich mit der Zeit weniger, aber nie endet ein Brief von Twain an seine Frau oder seine Kinder ohne zärtliche Worte.

Den Briefen nach scheint Twains Liebe zu Livy absolut bedingungslos und von unschätzbar hohem Respekt gewesen zu sein. Ob es den Tatsachen entspricht, vermag man nicht zu beurteilen. Ein paar anderen Berichten zufolge, die ich über Mark Twain gesehen habe, war er seiner Frau mit seinem sturen Kopf nicht immer nur ein liebender und hilfreicher Mann. Sie war oft alleine und musste sich seinen Launen ergeben, die wir anhand der Schriftstücke nur erahnen können. Nichtsdestotrotz hat sie ihn stets geachtet und ebenfalls innig geliebt.

Nach der Hochzeit von Livy und Samuel trifft eine Reihe Schicksalsschläge die Familie hart. Es sind viele traurige Momente, aber auch viele hoffnungsvolle und glückliche Momente, die wir anhand der Schriftstücke nacherleben dürfen. Besonders der frühe Tod seiner Tochter und der Tod seiner Frau haben ihn auf untröstliche Weise sehr mitgenommen. Aber auch von seinen Erfolgen berichtet er stolz und fröhlich. Es gibt viele amüsante Gedanken und Sätze, Twain lässt seinen sarkastischen Launen oft freien Lauf, was das Lesen wirklich zu einem Vergnügen macht.

Fazit
Es sind wirklich schöne, unterhaltsame, humorvolle und traurige Briefe, die hier zusammen getragen wurden um uns ein Bild darüber zu verschaffen, wie Twain gelebt, geliebt und gefühlt hat. Es ist ein Büchlein für Liebhaber. Wer etwas über Mark Twain erfahren möchte, für den ist diese Sammlung ein Muss.

Weitere Besprechungen
Büchereule
kulturradio


Sommerwogen – Mark Twain
304 Seiten, Softcover, Januar 2010,
16,95 Euro,
Aufbau Verlag


Weitere Bücher von Mark Twain
Tom Sawyer & Huckleberry Finn
Die Abenteuer des Huckleberry Finn
Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof
Knallkopf Wilson
Bummel durch Deutschland
Bummel durch Europa
Post aus Hawai
Die Tagebücher von Adam und Eva


3
Feb 10

[Biografie] Wo fahren wir hin, Papa? – Jean-Louis Fournier

“Wenn man über behinderte Kinder spricht, macht man meistens ein betretenes Gesicht. Wenigstens diese eine Mal möchte ich versuchen, mit einem Lächeln über euch zu reden. Ihr habt mich oft zum Lachen gebracht – nicht immer unabsichtlich.”

Wo fahren wir hin PapaWie gerne hätte der Vater seinen Söhnen ‘Tim und Struppi’ geschenkt – aber leider können sie nicht lesen. Wie gerne wäre er mit ihnen auf die Berge gestiegen, hätte mit ihnen Musik gemacht, hätte mit ihnen Volleyball gespielt – aber leider können sie immer nur mit Holzklötzchen spielen. Thomas und Mathieu sind behindert und waren nie das, was sich der Vater gewünscht hätte: normale Kinder.
Pointiert und mutig schildert Fournier das Leben mit seinen zwei Söhnen, die zu lieben nicht leicht war. Für die beiden wäre eine Engelsgeduld nötig gewesen, doch Fournier, bekennt er offen, war kein Engel.

“Keine Literatur kann in puncto Zynismus das wirkliche Leben übertreffen.” (Anton P. Tschechow)

Ich habe bereits viele Meinungen zu diesem Buch gehört und gelesen und kann die teilweise vernichtenden Kritiken zwar nachvollziehen aber nicht für gut heißen. Allein den Aspekt “hier spottet ein Vater über seine schwerstbehinderten Kinder” zu betrachten ist – meiner Meinung nach – zu oberflächlich.
Was Jean-Louis Fournier hier verfasst hat, ist schonungslos ehrlich – vor allem sich selbst gegenüber. Wie schwer er an diesem, seinem Schicksal hadert, ist äußerst niederschmetternd. So schreibt Fournier an einer Stelle:

Wenn Kinder einen Vater brauchen, auf den sie stolz sein können, dann brauchen Väter umgekehrt die Bewunderung ihrer Kinder, um selbstsicherer zu sein.
(Seite 126)

Ja, das ist wohl wahr und gilt sicherlich nicht nur für Väter. Jeder, der Kinder hat, wird wissen, dass es wenig schönere Momente im Leben gibt, als die, in denen wir die ehrliche Zuneigung unserer Kinder bekommen und wie sehr uns dies für unsere Mühe, Sorgen und Ängste entlohnt, die wir mit ihnen auch haben.

Wo fahren wir hin, Papa?
Price: EUR 12,90

64 used & new available from EUR 7,20

Das Buch selbst ist eine Aneinanderreihung von Wünschen, Verwünschungen, Hoffnungen, Hoffnungslosigkeiten, Äußerungen der Selbstverachtung, Äußerungen zum Selbstschutz und nicht zuletzt auch die Suche nach dem “Warum”. Und dabei gilt: je schwärzer der Humor, desto tiefer die Verzweiflung.

Die anderen sagen: “Ein behindertes Kind ist ein Geschenk des Himmels.” Sie sagen es aber nicht etwa aus Spaß. Und es sind selten Leute, die selbst behinderte Kinder haben.
Wenn man so ein Geschenk bekommt, will man am liebsten zurufen: “Ach! Das wäre doch nicht nötig gewesen…”
(Seite 34)

Mathieu hat nicht viel Ablenkung. Er sieht nie fern, ist auch nicht nötig, er hat´s auch so zum geistig Behinderten gebracht.

Die Konzentration auf die Söhne ist so stark,dass seine Frau und seine gesunde Tochter (mit der ebenfalls etwas nicht stimmt, was wir aber nicht erfahren) kaum eine Erwähnung finden. Es scheint, als wäre die Trennung von seiner Frau und der Verlust(?) seiner Tochter nur die konsequente Fortführung seines Bilderbuch-Schicksals. Er ist letztlich “nur” noch Vater von zwei schwerbehinderten Kindern. Sicher liest sich aus der ein oder anderen Zeile auch eine Spur Selbstmitleid heraus. Aber das ist doch völlig legitim, oder nicht? Darf ein Mensch mit einem solchen Schicksal nicht damit hadern? Zu keiner Zeit macht Fournier seinen Kindern einen Vorwurf. Lediglich sich selbst sieht er als Objekt für Mobbingattacken von “ganz oben”.

Ich betrachte dieses Buch als bewussten Tabubruch. Natürlich könnte man die Beweggründe zur Verfassung hinterfragen. Allerdings haben das schon andere getan und selbstverständlich ist die Antwort darauf “die Verarbeitung des Schicksals”. Sicher hat Fournier mit diesen wenigen Sätzen nicht die “ganze Wahrheit” dargestellt – das würde den Unterhaltungswert sicher schmälern. Aber es gibt durchaus auch Momente in diesem dünnen Büchlein, die mich glauben lassen, Fournier habe seine Kinder geliebt. Er hat sich nur nicht von dem Bild bzw. seinem Traum der “perfekten Familie” trennen können, die er meint, hätte haben zu können, wenn die Kinder nicht behindert gewesen wären. Ich weigere mich jedenfalls, davon auszugehen, Fournier hätte dieses Buch nur geschrieben um Aufmerksamkeit zu erlangen. Natürlich war das ein netter und nicht zu unterschätzender Nebeneffekt. Und es sei ihm gegönnt.

Fazit
Es liegt nicht an mir eine Meinung im engsten Sinne abzugeben. Jean-Louis Fournier hat mit diesem Buch sicher eine Lanze gebrochen hat. Die Behinderung seiner Söhne wird von ihm bis auf’s Letzte ins Lächerliche gezogen. Ich sehe dies als eine Art, der Auswegslosigkeit der Situation die Stirn zu bieten, der Autor selbst hält sich für einen schlechten Vater. Ein gewagtes aber mutiges Buch!

Weitere Besprechungen


Wo fahren wir hin, Papa? – Jean-Louis Fournier
160 Seiten, Softcover, dtv,
2009, ISBN 3423247452, 12,90 Euro