Belletristik


1
Mrz 10

[Belletristik] Adressat unbekannt – Kressmann Taylor

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Kurzbeschreibung
Adressat unbekannt, erstmals 1938 veröffentlicht, ist ein literarisches Meisterwerk von beklemmender Aktualität. Gestaltet als Briefwechsel zwischen einem Deutschen und einem amerikanischen Juden in den Monaten um Hitlers Machtergreifung, zeichnet dieser kurze Roman in bewegender Schlichtheit die dramatische Entwicklung einer Freundschaft.

Die Kraft der Worte…
Das Vorwort von Elke Heidenreich scheint länger als der eigentliche Inhalt des Buches. Und trotzdem, diese 1938 veröffentlichte Geschichte um die Freundschaft eines Juden und eines Deutschen, die sich in Amerika kennen lernen, gemeinsam ein Geschäft eröffnen und dann getrennt werden, weil der Deutsche wieder nach Deutschland zieht, ist ein extrem starkes Stück.

Es beginnt sehr liebevoll. Der Deutsche kehrt im Jahr 1932 mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Die beiden Männer trauern um ihre Freundschaft, was sie sich in Briefen auch stets beteuern. Nach und nach jedoch beginnt sich der politische Wandel Deutschlands, die Nazifizierung, auch in den Kopf des Deutschen, Martin Schulse, festzusetzen. Und plötzlich wendet sich das Blatt. Aus wahrer Freundschaft wird wahre Feindschaft. Der Jude in Amerika muss hilflos miterleben wie sein ehemals bester Freund sich als Opportunist dem Mitläufertum hingibt und beginnt Dinge zu schreiben, wie

…aber du weißt, daß ich mit aller Aufrichtigkeit spreche, wenn ich sage, daß ich dir nicht wegen, sondern trotz deiner Rasse gewogen bin.

Es ist unbegreiflich, wie die Menschen diesen Hasstiraden gefolgt sind, nein viel schlimmer noch, sie für gut geheißen haben. Aber genau so, wie Kressmann Taylor es schon 1938 beschrieb, mag es sich vielfach zugetragen haben. Das erschreckende am Fall Martin Schulse ist jedoch, dass der politische Wandel wohl auch zahlreiche Menschen beeindruckte, denen es stets gut ging. Martin Schulse hat die Leiden der Nachwehen des ersten Weltkrieges nicht erlebt. Er war in Amerika, wohlhabend und weit entfernt vom Kriegsgeschehen. Demnach müsste man davon ausgehen, dass er Dinge differenzierter bewerten würde, als diejenigen, die aufgrund ihrer katastrophalen Lage nach jedem Strohhalm griffen, jeden Führer mit einem Strahlen aufgenommen hätten.

Auf nur knapp 60 Seiten bekommen wir ein äußerst pointiertes Bild davon, wie sich der Wahnsinn nicht schleichend, sondern rasend schnell im Kopf eines Mannes festsetzt und sein Werteverhalten komplett verändert. Dass der Jude letztlich seinen Freund Feind mit der eigenen Munition trifft, tröstet im Wissen um die Millionen Gequälten und Toten dieses Grauens leider nur bedingt.

Fazit
Ich neige nicht dazu pauschale Buchempfehlungen auszusprechen. Aber in diesem Fall mache ich eine Ausnahme. “Adressat unbekannt” ist ein sehr kurzes, sehr eindringliches und sehr wichtiges Buch, das an dieser Stelle mit Nachdruck empfohlen sei!

Achtung: Es sollte erwähnt werden, dass das Vorwort die gesamte Geschichte vorweg nimmt. Möchte man noch intensiver an das Geschehen heran kommen, empfiehlt es sich sehr, das Vorwort erst als Nachwort zu lesen!


Adressat unbekannt – Kressmann Taylor
61 Seiten, TB, 1938, 4,95 Euro,
Rowohlt Verlag

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26
Feb 10

[Zeitgenössisch] Einfache Gewitter – William Boyd

Kurzbeschreibung
Ein Mann. Eine Zufallsbekanntschaft. Ein Aktenordner. Ein Toter.

Von einer Sekunde auf die andere muss Adam Kindred, angesehener Klimatologe, auf Durchreise in London, untertauchen. Jeder Weg zu seinem früheren Leben ist versperrt. Kontakt zur Familie nicht möglich, Kreditkarte und Mobiltelefon nicht zu benutzen, das Hotelzimmer außer Reichweite.

Nur Stunden zuvor hatte er in einem kleinen italienischen Restaurant in Chelsea Philip Wang kennengelernt, Chef-Entwickler des Pharmakonzerns Calenture-Deutz. Als er ihn wenig später in seinem Appartment aufsucht, um einen vergessenen Ordner vorbeizubringen, findet er einen sterbenden Mann vor. In Panik flieht Adam, alle Indizien weisen auf ihn. Er versteckt sich auf Brachland nahe der Themse und muss nun, wie tausend andere in London, im Untergrund, im Verborgenen leben. Schnell hofft er seine Unschuld zu beweisen, doch ahnt er nicht, welchen Mächten er gegenübersteht.

William Boyd erzählt die Geschichte eines Mannes, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Er erzählt, welche Kräfte jemand entwickelt, dem alles genommen ist, und welch unerwartete Wege sich in düsterer Stunde auftun. Ein Roman über die Zerbrechlichkeit unserer Identität, in dem Boyd einmal mehr sein großes Können entfaltet. Und wie bei Ruhelos fasziniert er auch hier durch glänzend recherchierte Hintergründe, Glaubwürdigkeit und ein hohes Maß an Authentizität.

Gute Unterhaltung -mysteriöse Genrezuordnung
Identität und Identitätsverlust scheint dieser Tage ein beliebtes Romanthema zu sein. So auch bei William Boyd und seinem aktuellen Roman „Einfache Gewitter“, mein erstes (Hör)Buch übrigens von diesem Autor.

Das Buch wird momentan in den Spannungsecken der Buchhandlungen bzw. in den Krimi/Thriller-Ecken der Online Buchhandlungen verkauft. Wie es dazu kommt, keine Ahnung. Ich könnte mir vorstellen, dass es ob dieser Zuordnung schon den ein oder anderen unzufriedenen Leser gegeben haben mag. Klar, es wird gemordet, es wird gejagd, aber alles recht vorhersehbar und nervenschonend. Ich darf das behaupten, weil ich prinzipiell aufgrund zu schwacher Nerven das Thriller-Genre meide – nicht nur aus diesem Grund, aber mitunter.

Was bietet dieser Roman? Nun, einen guten Einblick in die Londoner Untergrund- und Bettlerszene sicherlich. Aber auch eine kleine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, heutzutage einfach abzutauchen, seine Identität abzulegen. Von heute auf morgen den Verlust des eigenen Hintergrundes und eine Neuorientierung in eine Richtung, die im Optimalfall nur eine große Verschlechterung der Lebenssituation darstellt, im Normallfall jedoch ein Kampf ums Überleben bedeutet. Daneben wartet Boyd mit interessanten Figuren auf. Leider bleibt aber auch kein Klischee auf der Strecke, insbesondere was die „bösen Buben“ aus den osteuropäischen Ländern, die in den Londoner Untergrund abtauchen, angeht.

Viel Neues wird nicht geboten. Dubiose, politisch weitreichende, Machenschaften in der Pharmaindustrie sind keine Überraschung. Die Auflösung, sofern von Auflösung überhaupt gesprochen werden kann, ist keine Auflösung, da von vornherein ersichtlich. Als Thriller funktioniert die Geschichte nicht. Keine rasanten Actionszenen, keine überraschenden Wendungen – ganz im Gegenteil, die Jagd läuft mehr als gut aus Adam Kindreds Sicht des Gejagden, und keine falschen Fährten.

Was William Boyd zweifellos kann, ist gut erzählen. Seine Figuren sind zwar nicht in der Tiefe ausgearbeitet, aber sie sind wunderbar „Gut“ und „Böse“ und manchmal auch ein bisschen zwischendrin (so z.B. die Prostituierte, in die sich Adam Kindred ein bisschen verliebt). Die Dialoge wirken zwar hin und wieder recht aufgesetzt (besonders die Unterschicht mit den Migranten, oder bei Jonjo, dem Ex-Soldat und Berufskiller), aber wahrscheinlich ist das die notwendige Portion Authenzität aus Boyds Sicht.

Ich habe mich auf die Geschichte eingelassen und wurde auf rein unterhaltender Ebene nicht enttäuscht. Bis zum Schluss habe ich dem Sprecher gebannt zugehört. Rückblickend bin ich zwar über den Schluss enttäuscht, aber das wusste ich zum Zeitpunkt des Hörens ja nicht…

Was die Genrezuordnung angeht ist es weder Fisch noch Fleisch. Für eine Einordnung ins zeitgenössische Genre hat es meines Erachtens nicht genug Substanz, für einen Thriller bietet es zu wenig Rasanz und/oder Spannung. Gewünscht hätte ich mir einen „runderen“ Plot mit einem adäquaten Abschluss oder aber eine differenziertere Gesellschaftsstudie.

Die Lesung selbst war makellos. David Nathan besitzt eine angenehm ausdrucksstarke Stimme, mit der er Persönlichkeiten gekonnt in Szene setzt und eine optimale Atmosphäre erzeugt. Besonders das gesprochene Herantragen des unterkühlten Milieus der Shaft-Bewohner hat mich beeindruckt. Wirklich gut. Es hat großen Spaß gemacht ihm zuzuhören. Langweiligen Autofahren wurde damit das Garaus gemacht.

Fazit
Was immer es auch wirklich sein soll, als Hörbuch funktioniert es wunderbar und bietet beste Unterhaltung. Als netten Zeitvertreib kann ich es nur empfehlen! Ganz im Gegensatz zu meiner Erwartung (nach den Kritiken zu Ruhelos) allerdings keineswegs anspruchsvoll.


Einfache Gewitter – William Boyd
7 Std. 39 Min., 2010, Audible Download,
Sprecher: David Nathan

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25
Feb 10

[Belletristik] Der Schneeflockenbaum – Maarten ‘t Hart

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Kurzbeschreibung
Vom ersten Tag an war seine Mutter misstrauisch gewesen gegenüber der »dürren Missgeburt«, wie sie seinen Freund Jouri immer nannte. Als Sohn eines Kollaborateurs hatte Jouri in den Niederlanden der Fünfziger Jahre wahrhaftig nicht viel zu lachen, genauso wenig wie der Erzähler selbst, der mit seinem eigensinnigen Humor und seinen Darmwinden Mitschüler und Lehrer quälte. Als sich dann einmal die kleine Ria Dons tapfer an seine Seite stellt und ihm, gegen Bezahlung von fünf Cent, sogar erlaubt sie zu küssen, ist das der Beginn einer schmerzlichen Erfahrung – denn Jouri zerreißt das zarte Band und spannt ihm ungerührt die Freundin aus. Voller funkelnder Lust am Erzählen ist »Der Schneeflockenbaum« ein Roman um verlorene Liebe, ein lebenslanges Missverständnis und eine unerklärliche Freundschaft.

Seichtes dahinplätschern…
Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, weil ich vor längerer Zeit Das Wüten der Welt von diesem Autor gelesen habe und begeistert war. Demnach hatte ich mir eine genauso spannende und unterhaltsame Lektüre erhofft, bin jedoch zu dem Schluß gekommen, dass Der Schneeflockenbaum qualitativ keineswegs an das oben genannte Buch heran kommt.

Es dreht sich alles um eine lebenslange Freundschaft zwischen einem namenslosen Ich-Erzähler und seinem Sandkastenkumpel Jouri. Beide stehen stets ein wenig im Abseits. Der Ich-Erzähler aufgrund einer üblen desozialisierenden Darmerkrankung, die ihn ständig und in den unmöglichsten Situationen laut furzen und auf die Toilette rennen lässt. Der andere, Jouri, aufgrund der Tatsache Sohn eines Kollaborateurs zu sein. Die Eltern anderer Kinder ermuntern diese natürlich nicht zum Umgang mit Jouri.

Wie es die Umstände so wollen, werden der Ich-Erzähler und Jouri gute Freunde – Jouri stört der Gestank, den der Ich-Erzähler oftmals ausbreitet und weswegen er gemieden wird, nicht. Selbstverständlich werden sie auch älter. Und auf einmal beginnt die Misere: Jouri spannt seinem Freund sämtliche Freundinnen aus. Kaum hat sich der Ich-Erzähler in eine junge Dame verguckt, ist Jouri schon zur Stelle um sie ihm auszuspannen. Dieses Szenario zieht sich sogar bis zur Ehe der beiden Männer hin. Überraschend dabei ist, wie loyal der Ich-Erzähler stets gegenüber seinem Freund bleibt. Das wirkt gelegentlich schon recht unglaubwürdig.

Maarten ‘t Harts Kernaussage ist kurz und bündig. Wohin es führen kann, wenn destruktiven Neidgefühlen nachgegeben wird und was das mit verpassten Chancen zu tun hat, davon handelt dieses Buch. Wahrscheinlich geht es auch um die Schwierigkeiten des “Erwachsen werden”, aber dies sicher nur am Rande.

Der beliebte niederländische Autor besitzt einen amüsanten und lockeren Stil, den er auch hier einsetzt. Er ist ein sehr guter Erzähler. Letztlich rettet diese Tatsache das Buch, denn schon früh zieht sich die Thematik hin. Augenscheinlich dreht dreht sich alles um die Ausspannerei, aber leider ist weit weniger ersichtlich, wo es letztendlich hinführen soll. Jouri spannt eben am laufenden Band die Freundinnen aus, aber na ja, nach der dritten müssen nicht noch drei weitere folgen. Irdendwann besteht der Wunsch nach Aufklärung.
Die Unklarheiten – auch in Bezug auf den Titel – lösen sich natürlich auf. Allerdings bleiben große Überraschungen bis zum Ende hin aus. Die Figuren als farblos zu bezeichnen wäre unangebracht, aber sie bleiben entfernt, da die Motivation für ihre Handlungsweise nicht klar dargestellt wird. Man liest, man findet seltsam, was das vor sich geht, aber man leidet oder freut sich sicher nicht mit den Figuren. Das hat wohl den Grund, das eine Unklarheit doch bestehen bleibt: warum der Ich-Erzähler und Jouri ein Leben lang befreundet bleiben, erschließt sich beim besten Willen in keiner Weise.

Auch auch in diesem Roman, wie so oft bei Maarten ‘t Hart, spielt die klassische Musik wieder eine bedeutende Rolle. Die große Leidenschaft des Autors zu dieser Musikrichtung muss man zwar nicht teilen, aber es schadet nicht ein wenig Interesse dafür übrig zu haben, um der Langatmigkeit entgegen zu kommen.

Fazit
Eine ruhige und mäßig unterhaltende Geschichte, die ein wenig mehr Plot vertragen hätte. Die Kernbotschaft ist recht dürftig und wird im Laufe der Erzählung schlichtweg überstrapaziert. Es schadet nicht dieses Buch zu lesen, aber es macht auch nichts, wenn man es nicht tut. Als Hörbuch könnte ich es mir besser vorstellen…


Der Schneeflockenbaum – Maarten ‘t Hart
350 Seiten, 2010 HC, 19,95 Euro,
Piper

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23
Feb 10

[Belletristik] Begrabt mich hinter der Fußleiste – Pawel Sanajew

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Kurzbeschreibung
Sascha Saweljew lebt bei seiner Großmutter, die mit ihren wilden Flüchen, ihrer tyrannischen Fürsorge und der unerklärlichen Wut auf Saschas ferne Mutter wie einem bösen Märchen entsprungen zu sein scheint. Seine Welt besteht aus Verboten, Wollstrumpfhosen, merkwürdigen Badeprozeduren und dem Staphylococcus aureus, der angeblich in seinem Körper wütet. Sascha ist überzeugt, dass er mit 16 verfault sein wird und wie die Geschenke seiner Mutter in dem Müllschlucker in der Küche landet. Saschas Glück ist die Mutter, sein Leben ist die Großmutter, und das eine scheint das andere auszuschließen. Kaum je wurde der Horror einer Kindheit mit solch tragikomischer Verve beschrieben wie in dem erzählerischen Debüt des russischen Filmautors Pawel Sanajew.

Tragikkomische und autobiografische Erzählung einer russischen Kindheit
Sascha ist ein ca. fünfähriger Junge, der, weil seine Mutter in laut seiner Großmutter einfach hergegeben hat, bei eben dieser aufwachsen muss. Sie ist tyrannisch, leidet an Depressionen und flucht in einem Maße, was mich zu Beginn das Buch weglegen lassen wollte. Eigentlich “ver”flucht sie vielmehr. Sie verflucht Sascha, den armen Kerl, der dies jedoch stets recht gelassen hinnimmt, dafür, dass er die “Missgeburt” ihrer Tochter ist, sie verflucht ihren Mann dafür, dass er sie geheiratet hat, sie verflucht ihre Tochter dafür ihren Sohn hergegeben zu haben und ihn ihr “aufgehalst” hat … – sie verflucht eben jeden und alles. Was sie aber am allermeisten verflucht, das jedoch, bleibt dem Leser überlassen zu erkennen, ist sich selbst.

Sascha erzählt im Laufe der Geschichte die verschiedensten Anekdoten aus seiner Kindheit. Das fängt bei wüsten Beschimpfungen an und hört bei großmütterlichen Überfürsorge auf. Dazwischen gibt es alles an Befindungen und entsprechenden Situationen, die man sich vorstellen kann.

Die Großmutter hat in mir das tiefste Gefühl an Mitleid geweckt. Mitleid für ihr verlorenes Leben, Mitleid für ihre verlorene Seele, Mitleid dafür, dass sie auf so unbeholfene Art und Weise so innig liebt und selbst nicht geliebt werden kann. Sie selbst spricht zum Schluss von ihrer Liebe als “einer hässlichen Liebe”, ohne die sie aber nicht atmen kann. Ich glaube, besser kann man es nicht ausdrücken.

Erzählt wird das ganze aus Saschas Sicht, in einem kindlich naiven Stil, der jedoch die Ernsthaftigkeit der Situationen stets durchblicken lässt. Es dreht sich alles um den Hass der Großmutter gegen die ihr nahe stehenden – ihrer Tochter, ihrem Mann – und vor allem um ihre Schuldgefühle, denen sie hoffnungslos ausgeliefert ist. Wüste Beschimpfungen sind Gang und Gebe, Gewalt steht an der Tagesordnung und auch der Tod spielt eine alltägliche und wesentliche Rolle. Trotzdem, es gibt auch einige wenige Abschnitte, die erkennen lassen, dass die Großmutter nicht nur das Böse verkörperte. Aber, herrje, was Familie an Zerstörungskraft besitzt, das will man manchmal gar nicht so sehr wissen… Sascha ist diesen schlimmen Verhältnissen völlig ausgeliefert und versucht sie auf seine Art für sich zu erklären. Das schmerzt richtig.

Fazit
Eine aussergewöhnliche, schonungslose, erschreckende aber immer auch mit der einer gehörigen Portion Galgenhumor erzählte Geschichte eines russichen Jungen mit einem hoffnungsvollen Ende. Stellenweise lähmend traurig. Ich wünsche diesem Buch eine große Leserschaft. Empfehlenswerte Leseerfahrung!


Begrabt mich hinter der Fußleiste – Pawel Sanajew
240 Seiten, 2009 TB, 8,95 Euro,
Heyne,
Übersetzung von Natascha Wodin

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5
Feb 10

[All-Time-Favourites] Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4 – Sue Townsend

Das Intimleben des Adrian Mole... Inhalt
Adrian Mole ist ein ganz normaler Jugendlicher und so hat er auch die ganz normalen, altersbedingten Träume und die ganz normalen, altersbedingten Probleme: Pickel, Schule und Mädchen. Mal altklug, mal Herz erfrischend naiv kommentiert er aus der Sicht des Heranwachsenden die – für seine Begriffe – reichlich verworrene und undurchschaubare Erwachsenenwelt. Nicht nur die Beziehung seiner Eltern ist ihm manchmal ein unerklärliches Rätsel, unbegreiflich ist ihm auch, wie der Rundfunk seine Gedichte ablehnen kann. So sind Adrians Gefühle wie ein Jojo in einem ständigen Auf und Ab begriffen. Da sind ihm weder sein 39 Jahre alter, Kette rauchender Kumpel Bert, seine vierzehn Jahre alte Freundin, noch sein bester Freund Nigel eine große Hilfe. Nein, Adrian sieht sich als missverstandener Intellektueller und allein gelassen im Kampf gegen eine uneinsichtige, unsensible Umwelt …

“1. Januar Donnerstag Neujahr

Im neuen Jahr werde ich:
1. den Blinden über die Straße helfen,
2. meine Hosen über den Bügel hängen,
3. meine Platten wieder in die Hülle stecken,
4. nicht mit dem Rauchen anfangen,
5. nicht an meinen Pickeln herumdrücken,
6. den Hund gut behandeln,
7. den Armen und Unwissenden helfen,
8. niemals einen Tropfen Alkohol anrühren. Das habe ich mir geschworen, nachdem ich gestern nacht meine Eltern beduselt erlebt habe – wie entwürdigend!

Bei der gestrigen Party hat der Vater den Hund mit Weinbrand vollaufen lassen. Wenn das der Tierschutzverein wüßte, könnte er was erleben! Seit Weihnachten sind acht Tage vergangen, doch Mutter aht die grüne Lurex-Schürze, die ich ihr geschenkt habe, immer noch nicht umgehabt. Nächstes Jahr bekommt sie Badesalz.
Natürlich muss ich ausgerechnet am ersten Tag des neuen Jahres einen Pickel am Kinn bekommen.”

[Erster Tagebucheintrag]

Sympathischster Verlierer-Typ des Universums!
Ein Buch, das man mit fünfzehn das erste Mal mit großer Begeisterung gelesen hat, mit dreißig das zehnte Mal und mit mindestens genauso großer Begeisterung liest – das kann nur eines der besten Bücher überhaupt sein!
In Tagebuchform, aus Sicht des Adrian Mole natürlich, wird hier die Thatcher-Ära der 80-er Jahre ohne Unterlass auf’s Korn genommen. Und zwar derart, dass auch Jugendliche bzw. Menschen ohne Kenntnisse der politischen Vorgänge dieser Zeit verstehen dürften was “Gut” und “Böse” ist.

Im Kern selbst ist die Story nicht lustig. Aber wie so oft erzeugt dies die Lacher. Adrian ist ein völlig orientierungsloser Pubertierender, der in einem eher asozialen unkonventionellen Umfeld aufwächst. Ihm geht es eigentlich nicht sehr gut. Er macht sich Sorgen über sein Aussehen (Pickel), über die Größe seines Penises (Lineal muss her…) und über seine soziale Herkunft und die ihm versperrten Möglichkeiten. Seine Eltern versaufen das Geld lieber als das sie ihm ordentliche Sportkleidung für den Unterricht besorgen und er muss sich einigen Mobbing-Attacken von Schulkollegen stellen. Wie er dies macht bzw. wie er dies beschreibt ist selbstverständlich nicht entsetzend, sondern zum Lachen, denn Adrian bemitleidet sich nicht selbst. Also, doch, eigentlich schon, aber auf eine sehr neutrale Art und Weise. Bis Adrian versteht was ihm widerfährt ist es schon vorbei. Und im Nachhinein betrachtet man die Dinge ja immer etwas nüchterner – er ist schließlich auch hochintellektuell und betrachtet sämtliche Umstände aus einer weisen Distanz… Was soll er auch sonst machen als intellektueller Geist zwischen einem arbeitslosen Versager-Vater und einer trinksüchtigen Mutter, die die Hilfe des lieben Nachbarn für seinen Geschmack manchmal “zu häufig und zu intensiv” in Anspruch nimmt?

Adrian stapft tapfer von einem Fettnäpfchen ins nächste und es ist ein Genuss ihm dabei zuzuschauen. Darüber hinaus aber nimmt er aber auch auf seine herrlich naive Art an der politischen Entwicklung seines Landes teil. Er hat zwar überhaupt keine Vorstellung davon, was die Aktivitäten der Eltern seiner Freundin “Pandora”, die mächtig einen Sprung in der Schüssel hat, bewirken, aber er schreibt sehr unterhaltsam darüber und deutet sie zumindest im Ansatz positiv.

Die Autorin überspitzt natürlich maßlos und fühlt dabei den Schwächen des politischen Systems mächtig auf den Zahn. Sie ist in England weit bekannt für ihre Kritik an der Klassengesellschaft und der Monarchie. Margaret Thatchers Wirtschaftspolitik hatte schlimme Auswirkungen im Land: Massenarbeitslosigkeit, Armut, Zerfall der Gesellschaft in eine “Zweiklassengesellschaft” mit politisch gewollter Hinnahme der Ungleichheit, mangelnde Toleranz, Ignoranz dagegen im Überfluss…
Alles, was kritisch zu beäugen ist, beäugt die Autorin kritisch, immer mit Fokus auf Absurditäten der Gesellschaft. Und Durch Adrian Moles Augen. Sicher, das ein oder andere Malheur darf da nicht fehlen und der Humor schon gar nicht, aber nichtsdestotrotz sind die Botschaften, die hinter diesen Einträgen stecken sehr deutlich und furchtlos. Ihrer maßlosen Verachtung gegenüber dem politischen System lässt Sue Townsend freien Lauf. Einige Thatcher-Szenen dürften zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches sicherlich nicht bei allen Lesern Freude hervorgerufen haben…
Alle bedeutenden politische Ereignisse dieser Zeit finden übrigens auch einen Platz in Moles Tagebüchern.

Sue Townsend trifft folgende Aussage zu ihrer Motivation die Bücher zu schreiben, die sie schreibt:

Ich denke, wenn die Menschen lachen, und sie lachen gerne, achten sie auch auf das, was hinter dem Lachen steckt. Das Kunststück besteht also darin, auch ernste Themen mit Humor zu behandeln, Komik nicht außer Acht zu lassen, wenn es ernst wird – das soll die Leser herausfordern und sie sensibilisieren. Ich nenne diese Art der Schreibe “serious comedy”. Darum geht es mir, dieses Genre liegt mir am Herzen.
[Quelle: sueddeutsche.de: Interview mit Sue Townsend ]

Fazit
Was soll ich sagen? Dieser erste Teil gehört meiner Meinung nach zu den besten Jugendbüchern, die es zum Thema “politische Kritizität” gibt. Das Adrian die gleichen Höhen und Tiefen durchlebt wie fast jeder Pubertierende in seinem Alter, dürfte auch seinen großen Erfolg in Deutschland erklären. Der Wiedererkennungseffekt ist recht hoch und herrlich belustigend. Ein Buch, dass tief verwurzelte Fehlzustände aufzeigt und gesellschaftskritische Grundsätze vermittelt. Und das sicher nicht nur für Jugendliche – unbedingt lesen!


Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4 – Sue Townsend
410 Seiten, Goldmann,
ISBN 3442101638, 8,50 Euro


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Weitere Informationen


Die Reihe um Adrian Mole

  • Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4. Die geheimen Tagebücher erstmals komplett und unzensiert vollständig in einem Band
  • Die Cappucino-Jahre
  • Adrian Mole und die Achse des Bösen
  • Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole

Die Reihe um Adrian Mole (Englisch)

  1. The Secret Diary of Adrian Mole Aged 13 ¾
  2. The Growing Pains of Adrian Mole
  3. True Confessions of Adrian Albert Mole
  4. Adrian Mole – The Wilderness Years
  5. Adrian Mole – The Cappuccino Years
  6. The Weapons of Mass Destruction
  7. The Lost Diaries Of Adrian Mole 1999 – 2001
  8. Adrian Mole – The Prostrate Years

Weiter Bücher von Sue Townsend

Krieg der Schnecken
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25 used & new available from EUR 0,10

Queen Camilla
Price: EUR 8,95

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Downing Street Number 10: Roman
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29
Jan 10

[Belletristik - Hörbuch]: Die Eleganz des Igels – Muriel Barbery * * *

“Ich heiße Renée. Ich bin 54 Jahre alt. Seit 27 Jahren bin ich Concierge in der Rue de Grenelle 7, einem schönen, herrschaftlichen Stadthaus mit Innenhof und Innengarten, aufgeteilt in acht exquisite Luxuswohnungen, alle bewohnt, alle gigantisch. Ich bin Witwe. Klein, hässlich, mollig, ich habe Hühneraugen und, gewissen Morgenstunden zufolge, in denen er mich selbst stört, einen Mundgeruch wie ein Mammut.”

Die Eleganz des Igels Muriel Barberys Roman über eine kleine, hässliche, aber ungemein gebildete Concierge in Paris und eine altkluge Tochter reicher Eltern. Hinreißend komisch und zuweilen bitterböse erzählen die beiden sehr sympathischen Figuren von ihrem Leben, ihren Nachbarn im Stadtpalais, von Musik und Mangas, von Gott und der Welt. Eine großartige Gesellschaftssatire, ein sehr intelligenter Führer durch Kunst und Philosophie, die höchst unterhaltsame und anrührende Geschichte zweier Außenseiter.Renée ist nun schon seit fast dreißig Jahren Concierge in einem Pariser Stadtpalais. Und seit eben dieser Zeit setzt sie alles daran vor den reichen Hausbewohnern das Klischee der einfältigen Witwe zu erfüllen. Doch hinter der spröden Kulisse blitzt immer wieder ihre Leidenschaft für die schönen Künste auf. Damit zieht sie die Aufmerksamkeit der zwölfjährigen Paloma auf sich. Das altkluge Mädchen seziert haargenau die Gepflogenheiten der Hausbewohner, um die gewonnenen philosophischen Erkenntnisse dann ihrem Tagebuch anzuvertrauen.

Wunderbar komisch, bitterböse und überaus originell erzählen die beiden sympathischen Außenseiter von ihrem Leben, den Bewohnern des Stadtpalais, von Musik und Mangas, Gott und der Welt… doch diese Welt gerät ins Wanken, als Monsieur Ozu, ein japanischer Geschäftsmann, ins Haus einzieht und alle Konventionen über Bord wirft.

Bezaubernde Lesung – zweifelhafter Plot…
Das Hörbuch ist ein Genuß. Allerdings nicht der Handlung wegen, sondern aufgrund der Stimmen, die sie vermitteln. Anna und Katharina Thalbach meistern ihre Aufgabe hier mit Bravour. Sicherlich ist das ein nicht unwesentlicher Grund an der Geschichte dran zu bleiben. Die Entscheidung das Hörbuch mitzunehmen, kam bei der Entdeckung in der Bücherei. Ich wusste, das Buch würde mich langweilen (ich habe die Stimmen dazu verfolgt), aber mit dem Hörbuch für die Autofahrt wollte ich es probieren.
Und tatsächlich, es hat mir gefallen, weil die Sprecherinnen mir gefallen haben.

Ansonsten hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Madame Michel als “heimlich” intelligente Concierge, die sich versucht vor den elitären Hausbewohnern zu verstecken, ist mir ein Rätsel. Natürlich stellt sich eine geraume Zeit die Frage, warum sie dies überhaupt macht. Die Auflösung folgt gegen Ende, jedoch, na ja, einer solch intelligenten Dame hätte ich in diesem Fall mehr Verstand zugetraut.

Daneben gibt es noch Paloma. Paloma, das zwölfjährige hochintelligente Mädchen, das ebenfalls in dem Haus wohnt, das von Madame Michel als Concierge betrieben wird, die ihre “tiegründigen Gedanken” in Form hochphilosophischer Ansätze mit sich selbst diskutiert und sich nur unwesentlich von der Figur der Madame Michel unterscheidet (ein übrigens häufig genannter Kritikpunkt vieler Rezensenten, dem ich mich anschließe). Aus den Figuren spricht die gleiche Stimme. Das ist einfallslos. Vielmehr hätte mich eine gegensätzliche Haltung eingenommen. Darüber hinaus verfügt Paloma über eine Weitsicht, die ihrer Lebenserfahrung schlichtweg nicht entspricht, womit sie als Figur unglaubwürdig wirkt.

Die Handlung ist im Übrigen nebensächlich. Im Prinzip prallt hier über Stunden hinweg ein Schwall philosophischer Ansätze auf den Hörer nieder, deren Sinn sich oftmals nicht erschließen lässt, da sie in hochkomplexe, verschachtelte Satzstrukturen eingebettet sind, die es zu entschlüsseln gilt. Es ist ein konsequentes und wahrscheinlich auch ein der Philiosophie gerecht werdendes Vorgehen. Das jedoch alle Leser und Hörer dieser Welt diesen inflationären Umgang in hohem Maße genossen haben, das will ich nicht so recht glauben. Hier wird zu dick aufgetragen. Anzumerken sei jedoch, dass der zweite Teil – nach dem Einzug von dem japanischen Herrn Kakuro Ozu -, ein bisschen Bewegung annimmt. Vorher gibt es nur philosophische Diskussionen – ohne Rahmenhandlung. Das Ende allerdings ist Mist.

Gesamtheitlich betrachtet jedoch, abgesehen von der schwachen Handlung, hat mir das Hörbuch gut gefallen. Manche Abschnitte sind tatsächlich interessant und regen zum Nachdenken an. Es gibt auch vereinzelt amüsante Momente, die den Unterhaltungswert anheben. Im großen Ganzen ist es – als Hörbuch zumindest – eine durchaus nette Berauschung.

Fazit
Das Hörbuch ist allein aufgrund der Sprecherinnen hörenswert. Es ist einfach bezaubernd diesen beiden zu lauschen. Katharina Thalbach vermittelt gerade Madame Michels sehr langen Sätze überaus pointiert und verständlich, setzt Atempausen richtig ein und betont an den richtigen Stellen. Das gleiche gilt für Anna Thalbach, allerdings ist ihr Part nicht ganz so komplex wie der ihrer Mutter. Die Handlung ist nebensächlich. Wer sich gerne stundenlang über “das Sein” und “das Nichtsein” berieseln lässt und keine meisterhaft orginelle Handlung erwartet, der wird hier sicher belohnt.


Die Eleganz des Igels – Muriel Barbery
gekürzte Lesung (6 Std. 44 Min.), 24,95 Euro
Hörbuch Hamburg
Sprecherinnen: Anna und Katharina Thalbach

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(Hör-)Bücher von Muriel Barbery im Überblick

Die Eleganz des Igels: Roman
Price: EUR 9,90

160 used & new available from EUR 0,85

Die letzte Delikatesse: Roman
Price: EUR 8,90

132 used & new available from EUR 0,75

Die Eleganz des Igels
Price:

15 used & new available from EUR 2,98


27
Jan 10

[Belletristik] Zwei an einem Tag – David Nicholls * * *

“Ich glaube, das Wichtigste ist, irgendetwas zu verändern”, sagte sie. “Du weißt schon, wirklich zu verbessern.”
“Wie meinst du etwa ‘die Welt verbessern’?”
“Nicht gleich die ganze Welt. Nur das kleine Stück um dich rum.”

Zwei an einem Tag Der neue Roman von David Nicholls stellt einen Tag, den 15. Juli, und zwei eigentlich füreinander bestimmte Menschen, die es nur noch nicht wissen, in den Mittelpunkt. Er besticht nicht nur durch Situationskomik, sondern auch durch die genaue Darstellung des Allzumenschlichen »Gerade stelle ich mir dich mit 40 vor!« doch in dieser Nacht, am 15. Juli 1998, sind Emma und Dexter noch zwanzig, haben sich bei der Abschlussfeier kennengelernt, die Nacht zusammen durchgemacht, am nächsten Morgen gehen beide ihrer Wege. Wo werden sie an genau diesem Tag ein Jahr später stehen? Und wo in all den darauffolgenden Jahren? Und werden sich die beiden, die einander niemals vergessen können und deren Wege sich immer wieder kreuzen, weiterhin immer gerade knapp verpassen oder können sie sich selbst und dem anderen irgendwann eingestehen, dass sie trotz aller markanten Unterschiede füreinander bestimmt sind? Während zwanzig Jahren nimmt David Nicholls jeweils den 15. Juli ins Visier, zeigt, wie Emma und Dexter ihren Weg suchen, reisen, lieben, ausprobieren, sich aber nie aus den Augen verlieren.

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen…
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Emma, eine äußerst intelligente junge Frau, und Dexter, ein sehr gutaussehender junger Mann und Womanizer. Em und Dex verbringen den letzten Tag ihres Collegedaseins miteinander und schwelgen in Erwartungshaltungen der Zukunft gegenüber. “Wie wirst du wohl mit 40 sein?”, ist eine der Fragen, die sie sich gegenseitig stellen.

Dexter ist ein Aufreißer-Typ, der nach “Höherem” strebt. Er möchte berühmt werden oder zumindest bekannt und in aller Munde sein. Er wird erst einmal durch die Welt reisen, seine Hörner abstossen und erforschen, was die Welt denn so kostet. Emma dagegen ist eine besonnenere Figur. Vernünftig, weniger abenteuerlustig, möchte sie ihre Zukunft langsam angehen. Letztendlich landet sie – mit einem Doppel-Einser-Abschluss – erst einmal in einem mexikanischen Restaurant als Servicekraft.

Die erste Frage, die sich mir stellte, war der Sinn dieser Beziehung. Beide Charaktere sind im Grundsatz schon so verschieden von ihren Einstellungen her, dass es mir nicht verständlich erscheint, wie Emma auf Dex und Dex auf Emma “stehen” könnte. Dexter war und blieb mir lange völlig fremd. Abgehoben, das Klischee vom verwöhnten Söhnchen vermittelnd, hatte ich keinen Grund mich weiter für ihn zu interessieren. Und tatsächlich geht es in seinen Gedankengängen zu 90% um Frauen, Sex, Alkohol und Drogen. Trifft er mit Emma zusammen, geht es oftmals nur darum. Wie kann er nur, warum macht er das, warum ist er so oberfläch usw. Die Thematik hat mich stellenweise extrem gelangweilt.

Image of Zwei an einem Tag

Emmas Entwicklung hingegen ist spannender. Ihre Figur reift mit der Zeit und bekommt deutliche Züge, so dass es spannend in jeder Hinsicht bleibt, wie sie sich weiterentwickelt. Ich persönlich finde, hier breitet sich Nicholls Talent zu Erzählen vollständig aus. Hier fühlte ich mich der Figur nah; ich litt, freute und ärgerte mich mit ihr.

Ich habe diese Geschichte weniger als Liebesgeschichte empfunden. Es wird weit mehr thematisiert, zumal es bis über die Hälfte hinaus gar nicht so erscheint, als ob Emma und Dexter unbedingt ein Paar sein müssten. Sie machten als Freunde auf mich einen wesentlich besseren Eindruck.

Nicholls verschont uns erfreulicherweise in Sachen Herzschmerz und Drama. Er besitzt die Gabe eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und das Leben mit Humor und Realistik zu zeichnen (nicht immer realistisch, aber überwiegend…). Keine Aktivierung der Tränendrüsen und keine überflüssigen Floskeleien.

Aber, es ist immernoch eine Geschichte mit Schwächen. Warum muss Dexter so extrem in das Klischee des “Möchtegerns” fallen? Warum muss Emma stets um alles ein bisschen mehr kämpfen? Warum sind die zwei eigentlich nicht zusammen? Warum muss der Leser seitenweise Dexters Alkohol- und Drogenexzesse ertragen? Warum muss Emma sich stets so viel ärgern? Und warum… na ja, Schwamm drüber.

Wenn man von den Standard-Drehbuch-Figuren, der teilweise schlecht nachvollziehbaren Motivation der handelnden Figuren und den doppelt und dreifach Schilderungen der Dexter-Exzesse absieht, bietet die Geschichte alles in allem gute Unterhaltung.

Fazit
Insgesamt sticht dieses Buch aus der Menge der Unterhaltungsromane rund um Beziehung und Freundschaft heraus. Es ist feinfühlig, auf eine unsentimentale Weise, besticht durch unterhaltsame Schlagabtäusche und vor allem frei von Kitsch. Von ein paar Schwachstellen abgesehen, die oben nachzulesen sind, ein gutes Buch in meinem Sinne.


Zwei an einem Tag – David Nicholls
560 Seiten, Kein & Aber Verlag
2009, Gebunden, 22,90 Euro

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16
Jan 10

Belletristik: Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe – Rainer Moritz

Die ersten Sätze

Der Aufzug kam nicht. Wenn man diese altertümliche Kabine überhaupt Aufzug nennen wollte. Er rüttelte an dem abgewetzten Handgriff, doch die metallene Schiebetür machte keinerlei Anstalten, sich ächzend aufzufalten. Er drückte auf den grünen Knopf, mehrmals. Hoffnung, dass sich das Ungetürm bewegen würde, hatte er keine.

Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe

Der Inhalt
Nach einem langen Tag in der Buchhandlung tritt Nathalie Cottard auf den kleinen Balkon ihres Appartements und atmet einmal kräftig durch. Unweit von Sacré-Coeur wohnt sie, unter sich die Dächer von Paris. Gleich wird Maman anrufen, es ist Mittwoch, und Nathalie wird wie immer nur zuhören, ihre Gedanken schweifen lassen. Zu ihren Freunden, früheren Liebhabern, ihrem Alleinsein. Sie ist nicht unzufrieden, das nicht, und doch ist da diese Sehnsucht, zu etwas Neuem aufzubrechen…
Unerwartet werden die Karten neu gemischt, als ein Wasserschaden ihr Appartement vorübergehend unbewohnbar macht. Ihr Nachbar, der zurückhaltende Deutsche Robert Bernthaler, bietet ihr verblüffend tatkräftig Hilfe an – ehe sich beide versehen, kommen sie sich bei einem Abendessen in seinem Appartement näher. Und bald schlendern sie gemeinsam über Friedhöfe am Montmartre, lassen ihr Leben bei Coq au vin und Rotwein Revue passieren und stellen sich die entscheidende Frage: Wie wäre es, der großen Liebe nicht mehr nur in Filmen, Chansons oder Romanen zu begegnen? Es könnte ja glücken, vielleicht…

Rainer Moritz’ Roman erzählt von den unverhofften Möglichkeiten der Liebe und von unseren Ängsten, sich auf sie einzulassen. Eine Geschichte voller Charme und Pariser Atmosphäre, eine Geschichte zweier Liebender, die man nicht so schnell vergessen wird.

Der Beginn einer kulturell erfrischenden Liebe und das im Herzen von Frankreich
Als ich mit dem Lesen begann, war mir nicht recht bewusst auf was ich mich genau einließ. Mir war klar, es ging um zwei Menschen, die sich kennenlernen in Paris und sich verlieben. Schön, da muss aber noch mehr kommen, damit man gewillt ist, sowas bis zum Schluß durchzuziehen (das Buch natürlich :-) ).

Tja, im Prinzip kommt aber eigentlich nicht mehr. Wir lernen Robert kennen, mit seinen Gedanken und seiner Liebe zur Kunst, und wir lernen Nathalie kennen, mit ihren Gedanken und ihrer Liebe zur Literatur. Und trotzdem hat es durchweg Spaß gemacht dieser Geschichte zu folgen. Rainer Moritz hat einen sehr feinen und klugen Humor und, so muss es sein, eine sehr große Liebe zu Paris. So etwas spürt man. Wir kennen das alle: sind wir leidenschaftlich von etwas überzeugt, lieben wir etwas oder jemanden, so bemerken wir meist gar nicht, mit wieviel Wärme und Engagement wir davon berichten. So ist es auch mit Moritz’, seinen Figuren und seiner Liebe zur französischen Kultur im Allgemeinen und zu Paris im Speziellen.

Image of Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe

Der Plot zeichnet sich nicht durch ungewöhnlich originelle Ideen aus. Es sind vielmehr die Details, die das Absinken möglich machen. Wenige werden mit diesem Unterhaltungswert über Paris so schreiben können wie Rainer Moritz. Nebenbei findet eine kulturelle Führung auf höchstem Unterhaltungsniveau statt. Wer im “Vorbeilesen” etwas über die Kunst des Stillebens erfahren möchte, ist bei Moritz wohl an der richtigen Stelle. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Gerade ausreichend, um die eigene Neugier zu erwecken (nach der dritten Erwähnung Georg Flegels und seiner Kunst, möchte man einfach wissen, wie denn so ein Kunstwerk von ihm aussieht).

Georg Flegel … ob sie von dem gehört habe? Sein Lieblingsmaler, zweifelsohne. Anfang des siebzehnten Jahrhunderts habe er in Frankfurt gelebt und die allerschönsten Stillleben gemalt. [...] Raffinierte Arrangements, die strahlten.

Die Unbeschwertheit der Verliebtheit und die Beschwertheit der Realität, die daneben weiter besteht. Das beschreibt Rainer Moritz. Die Freude der Verliebten über die gemeinsamen Gefühle beim Zusammentreffen und die Angst der Verliebten in ihren Gefühlen nicht ernsthaft erwidert zu werden – nach dem Zusammentreffen. Das kommt freilich nicht bleischwer daher. Es ist moderne und leichte Literatur, ein paar Klischees hier und da, aber ansonsten schlicht und unterhaltsam.

Ob er schon einmal Galette gegessen habe, mit Apfelschnitzen und angebratener Boudin blanc gefüllt? Sie schnalzte mit der Zunge. Sie erwähne das nur, damit er nicht denke, es mit einer verweichlichten Esserin zu tun zu haben, die salzlosen gedünsteten Heilbutt und durchs Wasser gezogenes Gemüse bevorzuge. Ihre Mutter habe deftig gekocht, und er wisse ja, wie prägend frühe Kindheitserlebnisse seien. Wenn sie über die Stränge schläge, faste sie eben zwei Tage lang. Oder habe er den Eindruck, sie müsse stärker auf ihre Figur achten? Als Frau Ende dreißig komme man ja in einen grenzwertigen Bereich. Da dem Teufel Zucker zu geben – und der Kampf ist für immer verloren, und man endet als fette Pariserin, die sich von ihrem Schoßhündchen in den Rundungen kaum unterscheidet und in Häusern mit defektem Aufzug zum Tode verurteilt ist. Stellen Sie sich vor, Monsieur Bernthaler, welches Bild das abgäbe, die verendeten Körper massiger Frauen, in unserem Haus verteilt über die Stockwerke, wie nach einer desastsrös verlaufenen Himalyaexpedition. Generationen nach uns würden die Überreste von den Treppenstufen kratzen und sofort erkennen, dass in diesem Haus mit der Aufzugsnalage etwas nicht in Ordnung gewesen sei.

Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass der Konjunktiv ein Stimmungsbild vermittelt, welches mit wörtlicher Rede eher in Kitsch abgesunken wäre.

Fazit
Ein ruhiges, kulturvermittelndes Buch mit charmantem Humor und überzeugend menschlichen Charakteren. Leicht und überaus unterhaltsam. Empfehlenswert!


Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe
Rainer Moritz
240 Seiten, Gebunden, 2009
Piper Verlag


Der Autor
Rainer Moritz, 1958 in Heilbronn geboren, ist seit vielen Jahren Mieter eines Appartements in Paris und lebt in Hamburg. Nach Büchern über die Musik, Sport und Literatur, zuletzt im Piper Verlag “Die Überlebensbibliothek” und “Ich Wirtschaftswunderkind”, ist “Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe” sein erster Roman.


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