Belletristik


19
Jul 10

[Jugend] Jefra heißt Palästina – Margret Greiner

“Ich hoffe, daß wir eines Tages sagen können: Wir haben nur kleine Schritte getan, hin zu mehr Verständigung und Aussöhnung, aber wir haben diese Schritte gewagt. Und alle kleinen Schritte, die heute überall vollbracht werden, von Juden und Christen und Muslimen, von Israelis und Palästinensern, werden den Weg zum Frieden verkürzen.”[1]

Der Frieden ist in diesem Roman.
Sehnsucht nach Frieden und Erwachsenwerden im Krieg. Die authentische Geschichte einer jungen Palästinenserin, hin- und hergerissen zwischen den Traditionen einer arabischen Familie und dem Traum von Freiheit.

Jefra ist eine 16-jährige Palästinenserin, die mit mit ihren fünf Geschwistern in einer recht liberal funktionierenden Familie in Ost-Jerusalem aufwächst. Ihre älteste Schwester Maryam arbeitet als Volontärin bei einer arabischen Tageszeitung. Laut Jefras Mutter ist Jefra “für ihre sechzehn Jahre ungewöhnlich erwachsen” und von allen Kindern “am ehesten in die Verantwortung zu nehmen”. Trotz allem ist Jefra ein normales Mädchen mit Schulalltag und Pflichten im Haus. Einzig ihre Umgebung unterscheidet sie von anderen “normalen” Mädchen dieser Welt: sie erlebt tagtäglich den brutalen und erbarmungslosen Kampf der Bevölkerungsgruppen zur Zeit der zweiten Intifada [2] in Israel und Palästina.

Jefras Vater war als palästinensischer Widerstandskämpfer jahrelang in israelischer Haft. Ihre beiden Zwillingsbrüder wachsen im Hass gegen ihre Nachbarn auf. Arabische Medien sparen nicht an Bildern über getötete, verletzte, verwaiste Kinder und Eltern. Mediale Aufklärung erfolgt meist sehr einseitig.

Jefra selbst entwickelt sich trotz dessen zur Widerstandskämpferin in der eigenen Familie. Sie nimmt Kontakt zu einem jüdischen Mädchen auf, der jedoch zu einem jähen Ende kommt als die beste Freundin dieses Mädchens durch ein Selbstmordattentat in einem israelischen Café getötet wird. Während Onkeln, Tanten, Eltern und Geschwister den Tod israelischer Kinder nach einem Attentat “feiern”, flüchtet sie angewidert angesichts des Anlasses nach Hause. Trotz der erniedrigenden Dinge, die sie täglich durch israelische Besatzung erfahren muss und die sie miterlebt, ist sie nicht bereit den Hass gegen die Juden in sich herauf zu beschwören.

“Aber die Tatsache, daß Hunderte unschuldiger Zivilisten getötet worden waren, daß Häuser willkürlich von israelischen Soldaten demoliert wurden, daß palästinensische Bauern von jüdischen Siedlern daran gehindert wurden, ihre Olivenfelder abzuernten, daß schwangere Frauen an den Grenzübergängen ihre Kinder zu Welt brachten, weil man sie nicht ins Krankenhaus fahren ließ, das alles war doch keine Greulpropaganda, das war Alltag in Palästina.
Jefra stiegen Zornestränen in die Augen, wenn sie solche Geschichten hörte. Aber dann wischte sie die Tränen ab und sagte: »Ich möchte wissen, warum diese Menschen so etwas tun.«” [3]

Jefra nimmt in Folge an einem sogenannten Friedensprojekt teil. Dafür muss sie für zwei Wochen nach New York und dort mit isrealischen, gleichaltrigen Mädchen im Zimmer verbleiben. In dieser Zeit verändert sich ihre Sicht auf die Zustände zwischen Palästinensern und Juden immens. Jefra – und auch die anderen Teilnehmerinnen – begreifen, dass sie alle Opfer sind. Sie alle sind Opfer von Verfolgung und Hass.

“Heute haben wir Palästinenserinnen erfahren, was den Juden vor fünzig Jahren in Europa angetan wurde. Wir wußten das nicht. Oder wir wollten das nicht wissen. Wir konnten uns nicht vorstellen, daß Juden so gelitten haben. Wir haben nicht gelernt, in Juden Opfer zu sehen. Für uns sind Juden Menschen, die uns leiden machen. Man hat uns nicht erzählt, was eure Großeltern und Urgroßeltern durchgemacht haben. Vielleicht können wir euch jetzt besser verstehen. Aber gleichzeitig fragen wir uns: Warum müssen wir für die Verbrechen bezahlen, die andere verübt haben?” [4]

Die Mädchen lernen im Camp, dass sie ihre Werte und Vorstellungen von Leben und Freiheit nicht ändern oder aufgeben müssen um mit anderen in Frieden zu leben.
Neben den Aspekten des Konflikts behandelt das Buch jedoch auch das Leben und Aufwachsen der arabischen Frauen in kritischer Weise. Es scheint keine einfache Aufgabe zu sein, sich zu selbstverantwortlichen jungen Frauen zu entwickeln, wenn es die Kultur eigentlich verbietet. Jefras Tante Nibal ist dafür ein gutes Beispiel:

“In einem Umfeld, in dem Frauen nicht nur Steine, sondern ganze Geröllhalden in den Weg gelegt wurden, hatte sie sich durchgesetzt.[...] Sie hatte den Preis für ihre Karriere bezahlt, und der Preis war hoch gewesen, Eine gescheiterte Ehe mit einem amerikanischen Kollegen, der ihr immerhin die Vergünstigungen eines amerikanischen Passes hinterlassen hatte, Verzicht auf Kinder, Leben in einem arabischen Land, in dem bei einer klar patriarchalischen Gesellschaftsordnung wenig Platz war für eine intellektuelle Frau in einer Spitzenposition. Vielleicht noch nicht in dieser Generation.” [5]

Jefra kehrt nach dem Camp “Bridges for Peace” nach Hause zurück und löst dort erst einmal Unbehagen aus. Sie hat sich verändert. Sie muss lernen ihre Einstellung diplomatisch zu äußern – ohne die einen zu verletzen aber auch ohne den Respekt der anderen zu verlieren. Wie sie diesen Weg geht sollte man selbst nachlesen.

Margret Greiner hat einen wundervollen, hoffnungsvollen und großartigen Roman geschaffen. Dabei lässt sie ihre Erfahrungen aus ihrer eigenen Zeit als Lehrerin an einer palästinensischen Mädchenschule einfließen. Sie schafft eine realistische und unverklärte Sichtweise auf die Konfliktproblematik. Wie schwer es ist, Demütigungen und Leid ertragen zu müssen und dabei nicht zu pauschalisieren. Wie schwer es ist, als Jugendliche(r) in Palästina/Isreal aufzuwachsen und dabei den Frieden im Blick zu behalten. Sie lässt keine Schuldzuweisung unkommentiert stehen, sondern deutet in eine andere (Denk)Richtung. “Denken”, “Reflektieren” und “Differenzieren” sind Schlagwörter, die die Autorin unermüdlich herausarbeitet. Polarisierung, Polemisierung – davor warnt sie stets.

Jefra heißt Palästina habe ich in unserer örtlichen Bibliothek im Bereich “Maxi – Junge Erwachsene” vorgefunden. Auch wenn es sprachlich sicher genau dort anzusiedeln ist, verlangt die Thematik ein Mindestmaß an Kenntnissen um die Konfliktsituation im Nahen Osten. Leider fehlt es dem Buch an einem entsprechenden Glossar.

Fazit
Der Klappentext lobhudelt: “Der Frieden ist in diesem Roman”. Als ich diesen Satz das erste Mal gelesen habe, dachte ich, das wäre wohl ein bisschen hoch gegriffen. Nach dem Lesen allerdings bin ich mir sicher, dass Magret Greiners Ansatz den Frieden hochzuhalten sehr gut gelungen ist und dass das Buch an Aktualität nichts eingebüßt hat. Hier sind sicher jede Menge Zutaten für das Rezept Frieden zu finden. Sehr empfehlenswert – nicht nur für junge Erwachsene!

[1] Seite 212/213
[2] Zweite Intifada – Wikipedia
[3] Seite 16
[4] Seite 136
[5] Seite 114


Image of Jefra heißt Palästina: Ein Mädchen in Jerusalem

Jefra heißt Palästina – Margret Greiner
240 Seiten, TB, 2005
8,95 Euro,
Piper



24
Mai 10

[Belletristik] Die Cappuccino Jahre – Sue Townsend

Ersten Sätze…
Mittwoch, 30. April 1997
So greife ich dann wieder zur Feder, um das Treiben meiner Zeitgenossen aufzuzeichnen (den Schmus »und -genossinen« kann ich mir bei der strengen Nichtöffentlichkeit dieses Tagebuchs gottlob sparen).
Ich wage vorherzusagen, dass mit Anbruch des übermorgigen zweiten Mai die Labour Party mit hauchdünner Mehrheit obsiegt haben und folglich die neue Regierung bilden wird. Das Gerede von einem erdrutschartigen Wahlsieg ist hysterischer Medienschwachsinn.”

Inhalt
Adrian Mole ist wieder da – diesmal im Alter von 30 3/4 Jahren. Der beliebteste Tagebuchautor Englands bekommt langsam eine Glatze, fühlt sich selbst ganz als Intellektueller, trifft Bridget Jones und arbeitet als Koch in dem noblen Szenelokal Hoi Polloi in Soho. Sehr zu seinem Leidwesen ist noch immer nichts aus der erträumten Schriftstellerkarriere geworden. Auch ansonsten verläuft in Adrians Leben bei weitem nicht alles nach Plan: seine Ehe liegt in Scherben, sein junger Sohn wird von der Mutter in Ashby-de-la-Zouch aufgezogen, seine 16-jährige Schwester zieht mit ihrem mehrfach gepiercten Freund zusammen, und sein Vater ist manisch-depressiv ans Bett gefesselt. Adrian führt immer noch Listen mit jugendlichen Neurosen und befasst sich ausgiebig mit der lebenswichtigen Frage, ob Viagra tatsächlich hält, was es verspricht. Von einem Kabefernsehproduzenten entdeckt, wird Adrian schließlich zum Star einer Kochsendung, die sich auf Innereien spezialisiert hat. Selbstverständlich träumt Adrian imm noch von seiner großen Liebe Pandora Braithwaite, die mittlerweile für Tony Blairs Labour-Partei kandidiert. Es versteht sich von selbst, dass er sogleich ins heimatliche Leicester aufbricht, um seine Stimme für die atemberaubende Politikerin abzugeben…

Nicht ganz das alte, aber trotzdem nicht schlecht…
Adrian ist wieder da! Nicht in Höchstform, aber in guter. Wie immer macht er sich viele Gedanken um Nichtigkeiten, fährt übervorsichtig Auto, ist mittlerweile süchtig nach Gummibärchen usw.

Adrian wird dieses Mal Koch in einer Fernsehsendung spezialisiert auf die ekelhaftesten Gerichte (Innereien) – nur, er kann nicht kochen. Macht nichts, wie immer schlingelt er sich durch. Ach ja, ein entsprechendes Buch muss er auch schreiben (»Alle schreien nach Innereien – das Buch!«). Die Show seiner Sendung wird ihm, wie sollte es anders sein, komplett von seinem Assistenten Dev Singh gestohlen. Er wird der eigentliche Star, aber Adrian hat eine tiefe Begabung dafür, die Dinge nicht so zu sehen, wie sie wirklich sind. Er findet die ein oder andere Aktion, die ihn aussen vor lässt, zwar empörend, aber dennoch hält er an seinem intellektuellen Starstatus bis zuletzt fest.

Vielleicht hat die Autorin in diesem Band etwas über das Ziel hinaus geschossen und damit die Story überladen. Es geht u.a. um Pandoras Wahlkampf, Adrian als Koch im Szenelokal Hoi Polloi und sein Rausschmiss, Adrian als Pseudo-Koch einer niveaulosen Fernsehsendung, die Affären seiner Eltern (Adrians Mutter und Pandoras Vater ziehen zusammen, im Anschluss natürlich auch Adrians Vater mit Pandoras Mutter…), das Auftauchen seines Sohnes Glenn, der Umzug ins neue Haus usw.

Es gibt einen Abschnitt, der mir wieder besonders gut gefallen hat und den ich hier wiedergeben möchte:

Sonntag, 15. Februar
Les Banks, der Dachdecker, den ich mit den Arbeiten an Archies Haus beauftragt habe, rief an, um zu sagen, er könne heute leider nicht wie verabredet anfangen. Seine Schwiegermutter sei vergangene Nacht unerwartet gestorben.

Montag, 16. Februar
Ein Mensch namens Nobby kam vorbei und fragte, ob er die »Leitern mal hinten abstellen» könne. Er behauptete, ein Betriebsangehöriger von Les Banks zu sein. Ich bat ihn, sich in irgendeiner Form entsprechend auszuweisen. Er sagte:»Rufen Sie doch Les über das Handy an.«
Ich tat’s. Les bestätigte, dass Nobby einer seiner Arbeiter sei und dass die Arbeiten in Rampart Terrace am Mittwoch aufgenommen werden würden, »sobald wir die Beerdigung hinter uns gebracht haben«. Er hörte sich nicht besonders gramgebeugt an. Im Hintergrund dudelte Radio One, und es klang fast, als befände er sich auf einem Dach.
15 Uhr
Ich finde, die Familie Banks bringt die Verstorbene in unziemlicher Hast unter die Erde!

Mittwoch, 18. Februar
Keine Spur von Les Banks. Nobby kam nachmittags um fünf vorbei und nahm die Leiter wieder mit. Ich rief Les an, bekam aber nur seine automatische Ansage zu hören. [...]

Donnerstag, 19. Februar
Les Banks rief an, um mir mitzuteilen, er könne heute leider die Arbeiten nicht aufnehmen. Er sei »mit der Frau in der Unfallstation vom Krankenhaus. Sie ist mit den Fingern in ihr elektrisches Tranchiermesser geraten.«
Nobby brachte die Leitern wieder.

Freitag, 20. Februar
Die Finger von Mrs Banks haben sich entzündet, was einen neuerlichen Krankenhausbesuch erforderlich machte. Les ist seiner Frau offensichtlich sehr zugetan. Er hat hoch und heilig versprochen, am Montag anzufangen. »Da gibt es kein Vertun, Mr Mole.«

Montag, 23. Februar
An Mrs Banks verletzten Fingern hat sich eine Blutvergiftung entwickelt. »Die ganze Hand steht jetzt auf dem Spiel.« Im Haus ist es indessen eiskalt, und das Dach ist undicht. Wird der von häuslichem Pech verfolgte Mr Banks jemals in der Lage sein, die Arbeiten an meinem Haus aufzunehmen?

Dienstag, 3. März
Habe Les Banks getroffen, als er im BP-Shop Zigaretten kaufte. Ich erkundigte mich nach seiner Frau. Er sah mir mit geweiteter Pupille tief in die Augen und sagte: »Es geht ihr gar nicht gut. Ihr Vater ist letzte Nacht tot umgefallen.« Ich gab ein zynisch-bitteres Lachen von mir und empfahl mich.
Ich hörte Banks »Gefühlloses Arschloch!« hinter mir herrufen.

Donnerstag, 5. März
Bin sehr erschrocken, als ich heute Abend im »Leicester Mercury» ein Foto von Les Banks und Familie sah. Die Schlagzeile lautete:»vom Pech verfolgt: Tapfere Familie zittert vor weiteren Schicksalsschlägen.«
Ich brachte es nicht fertig, den zugehörigen Artikel zu lesen, und wünschte, mein Blick wäre nicht zufällig auf das Fettgedruckte unter dem Foto gefallen, wo die Rede ar von der »trotz Handamputation ungebrochenen Hausfrau Lydia Banks (41)«.
[...]
Ich habe Les Banks angerufen und mich entschuldigt. Er sagte, er würde morgen kommen, »wenn das Wetter mitspielt«. Ich fragte ihn, wann das Wetter für ihn nicht mehr mitspielt. Er sagte:»Wenn’s mich vom Dach weht.«

Freitag, 6. März
Den ganzen Tag Wind mit Sturmböen.[...]

Sonntag, 8. März
Les Banks rief gestern an. Er sagte, ein Sattelschlepper habe beim Zurücksetzen seinen Hund angefahren. Ich achtete darauf, gebührend Mitgefühl zu äußern. [...]
Ich wünschte ihm gute Besserung für seinen Hund.

Fazit
Insgesamt ist dieser Teil der Reihe wahrscheinlich einer der schwächeren. Einige Abschnitte ziehen sich hin, was man nun von Sue Townsend wirklich nicht gewöhnt ist, andere aber gleichen das wieder aus. Trotz allem, die Adrian Mole-Tagebücher gehören für mich zu den besten Büchern. Gerade in schlechten Zeiten sind sie für mich unersetzlich.

Die Adrian Mole Reihe im Überblick
1. Das Intimleben des Adrian Mole, 13 3/4 Jahre
(fasst die beiden ersten englischen Bände »The Secret Diary of Adrian Mole, Aged 13¾« und »The Growing Pains of Adrian Mole« zusammen)
2. The True Confessions of Adrian Albert Mole (nicht in deutscher Sprache erschienen?)
3. Adrian Moles wilde Träume. Geheime Tagebücher, vierter Teil
4. Die Cappuccino-Jahre. Ein Adrian-Mole-Roman
5. Adrian Mole und die Achse des Bösen
6. Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole
7. The Prostrate Years (2009, noch nicht auf Deutsch erschienen)

Weitere Besprechungen
Die Leselust
Hansblog


Image of Die Cappuccino-Jahre: Ein Adrian-Mole-Roman

Die Cappuccino Jahre – Sue Townsend
432 Seiten, TB, 2007, Originaltitel »The Cappuccion Years«
8,95 Euro,
Heyne Verlag


Weitere Bücher von Sue Townsend
Queen Camilla
Downing Street No. 10


11
Apr 10

[Belletristik] Sommerwogen – Mark Twain

“Meine verehrte Schwester,
ich verspüre das starke Verlangen, Dir zu sagen, wie dankbar ich Dir und Euch allen für die Geduld, Rücksicht & unermüdliche Freundlichkeit bin, die mir erwiesen wurden, seitdem Ihr mir Unterschlupf gewährt habt, und die aus den letzten vierzehn Tagen die einzige Zeitspanne meines Lebens machten, an die ich ohne Bedauern zurückblicke. [...]“

Image of Sommerwogen: Eine Liebe in Briefen

Kurzbeschreibung
“Ich bin jung & sehr gutaussehend & sie ist wahrhaftig das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe.” Mark Twain war zweiunddreißig Jahre alt, als er sich zum ersten und einzigen Mal verliebte.
Die Briefe an Livy Langdon, seine “Seelenschwester”, später Verlobte, Ehefrau und Mutter seiner Kinder, werden über die Jahre immer mehr zu amüsanten, anrührenden Lebenszeugnissen des berühmten Autors, der offen von seinen Erfolgen und Niederlagen, Hoffnungen und Ängsten schreibt und so manche Anekdote zum Besten gibt. Man findet darin eine lange Verteidigung des Rauchens, Spekulationen über die Unsterblichkeit der Seele, detektivische Nachforschungen über den geheimnisvollen Verehrer eines Dienstmädchens, Erinnerungen an Reisen, aber auch Verzweiflung über wirtschaftliche Fehlschläge und unheilbaren Schmerz über den Tod der Lieblingstochter Susy.

Ein Leben in Briefen
Der Klappentext verspricht “Die liebsten & lustigsten Liebesbriefe, die jemals geschrieben wurden“. Die liebsten sind es vielleicht, die lustigsten ganz sicher nicht. Das war sehr bestimmt nicht Sinn und Zweck der Briefe.

In diesem Büchlein befindet sich fast die gesamte Lebensgeschichte Mark Twains. Es sind wahrlich altmodische Briefe und gerade zu Anfang fast schon unerträglich verliebte Worte:

Leb wohl, Livy. Du bist so rein, so groß, so gut, so schön. Wie könnte ich Dich nicht lieben? Sag mir doch, wie ich Dich nicht anbeten könnte, meine liebe kleine Abgöttin?

Ich liebe, liebe, liebe Dich, Livy! Mein ganzes Wesen ist von dieser Liebe durchdrungen, erneuert und beseelt, & mit jedem Atemzug macht sie mich zu einem besseren Menschen. Ich werde mich Deiner unschätzbaren Liebe würdig erweisen, Livy.

Die Liebesbekundungen werden selbstverständlich mit der Zeit weniger, aber nie endet ein Brief von Twain an seine Frau oder seine Kinder ohne zärtliche Worte.

Den Briefen nach scheint Twains Liebe zu Livy absolut bedingungslos und von unschätzbar hohem Respekt gewesen zu sein. Ob es den Tatsachen entspricht, vermag man nicht zu beurteilen. Ein paar anderen Berichten zufolge, die ich über Mark Twain gesehen habe, war er seiner Frau mit seinem sturen Kopf nicht immer nur ein liebender und hilfreicher Mann. Sie war oft alleine und musste sich seinen Launen ergeben, die wir anhand der Schriftstücke nur erahnen können. Nichtsdestotrotz hat sie ihn stets geachtet und ebenfalls innig geliebt.

Nach der Hochzeit von Livy und Samuel trifft eine Reihe Schicksalsschläge die Familie hart. Es sind viele traurige Momente, aber auch viele hoffnungsvolle und glückliche Momente, die wir anhand der Schriftstücke nacherleben dürfen. Besonders der frühe Tod seiner Tochter und der Tod seiner Frau haben ihn auf untröstliche Weise sehr mitgenommen. Aber auch von seinen Erfolgen berichtet er stolz und fröhlich. Es gibt viele amüsante Gedanken und Sätze, Twain lässt seinen sarkastischen Launen oft freien Lauf, was das Lesen wirklich zu einem Vergnügen macht.

Fazit
Es sind wirklich schöne, unterhaltsame, humorvolle und traurige Briefe, die hier zusammen getragen wurden um uns ein Bild darüber zu verschaffen, wie Twain gelebt, geliebt und gefühlt hat. Es ist ein Büchlein für Liebhaber. Wer etwas über Mark Twain erfahren möchte, für den ist diese Sammlung ein Muss.

Weitere Besprechungen
Büchereule
kulturradio


Sommerwogen – Mark Twain
304 Seiten, Softcover, Januar 2010,
16,95 Euro,
Aufbau Verlag


Weitere Bücher von Mark Twain
Tom Sawyer & Huckleberry Finn
Die Abenteuer des Huckleberry Finn
Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof
Knallkopf Wilson
Bummel durch Deutschland
Bummel durch Europa
Post aus Hawai
Die Tagebücher von Adam und Eva


3
Apr 10

[Belletristik] Cliffhanger – Tim Binding

Es klang ganz einfach.
»Audrey«, sagte ich. »Audrey, wie wär’s, wenn wir ein bisschen rausgehen, einen Spaziergang machen?«
»Bei dem Wetter?«
»Uns ein bisschen den Kopf durchpusten lassen«, sagte ich, während ich mir die Schuhe anzog, und sie zuckte die Achseln und sagte: »Wieso nicht?«
Weil ich dich von der Scheißklippe stoßen werden, Audrey, deshalb nicht.

Image of Cliffhanger: Roman

Schräg und böse – very british
Al Greenwood will seine Frau umbringen. Gute Gründe dafür nennt er reichlich: „keine Streitereien mehr über dies und das, kein Töpfescheppern mehr, keine kalte Schulter mehr nach einer Sauftour, wenn ein Mann horizontale Gedanken kriegt.“ Scheidung zwecklos – Mord muss her.

Al und seine Frau Audrey wohnen in einer Bungalow-Siedlung nahe Wareham, wo es einen Bäcker gibt, einen Taxifahrer (nämlich Al) und einen Ein-Mann-Polizeiwache von Police Constable Hühneraugenpflaster. Es gibt zwei rivalisierende Familien, die Stokies und die Travers „die über den Ärmelkanal rudern würden, um sich gegenseitig ertrinken zu sehen.“ Und darüber hinaus gibt es eine Klippe, die sich förmlich aufdrängt, verhasste Ehefrauen ins Jenseits zu befördern. Nur ein Problem hat Al bei seinem Vorhaben, seine Frau muss mitziehen. Wie schafft er das? Klar, in dem er sie auf britisch ordinäre Art provoziert. Audrey rennt wütend aus dem Haus und Al folgt ihr. Er weiß, dass sie zum Kliff geht. Und so erstaunt es ihn nicht so oben anzutreffen und seinen Plan umzusetzen. Umso erstaunter ist er jedoch, als er nach Hause kommt und sie lasziv räkelnd vor dem Kamin antrifft. Voll in Fahrt und bereit für ein nettes kleines Schäferstündchen. Tja, und dann beginnt das Chaos: wen hat er über die Klippen gestoßen, wenn nicht seine Frau? Wo war seine Frau, wenn nicht auf dem Kliff? Und was ist mit seiner unehelichen Tochter Miranda geschehen, die just zum Zeitpunkt des vermeintlichen Mordes an seiner Frau verschwindet? Al ist völlig überfordert…

Al ersäuft in seinem hausgemachten Mord-Schlammassel. Wir treffen auf eine Schar durchgeknallter Nebenfiguren mit verrückten Motiven und insgesamt ist alles recht bizarr. Besonders die Nachbarin, Alice Blackstone – alias Mrs. Schnüffelnase -, eine begnadete Kifferin, ist unschlagbar.

Steckt man die erheblichen Obszönitäten Al seiner Frau gegenüber am Anfang weg, geht es fast schon harmlos weiter zur Sache. Spannend daran ist, dass ausnahmsweise hierbei nicht der Täter, sondern das Opfer gesucht wird. Al versucht natürlich erbittert herauszufinden, wen er da von den Klippen in den Tod gestoßen hat, wenn nicht seine Frau. Der Protagonist kommt dabei gar nicht mal so schlecht weg. Man könnte annehmen, er wäre ein mieser Sack. Aber nein, so einfach macht es uns Tim Binding nicht. Ganz im Gegenteil, es entwickeln sich sogar reizende Züge an Al, denen man zugunsten der Sympathie erliegt. Es ist auch nicht alles nur blödsinniger Klamauk. Man kann schon ganz gut erahnen, dass Binding die Spezies Mensch beobachtet und gekonnt auf die Schippe nimmt…

Es sind mitunter aberwitzige und skurrile Momente, die der Unterhaltung dienen. Die Ideen gehen dem Autor dabei tatsächlich nicht aus. Jede Menge Unsinn und jede Menge Spaß dabei. Aber äußerst gut ausgearbeitet und mitunter auch informativ – vor allem was die Karpfenzucht angeht. Miträtseln kann man auch noch.

Fazit
Ein Geschichte Marke „very british“. Skurril, böse, ja, auch vulgär, aber durchweg unterhaltend und gut gelaunt. Man sollte ein bisschen für den seltsam abgedrehten schwarzen Humor der Inselbewohner übrig haben. Nach den ersten drei Kapiteln ist eine Unterbrechung jedoch ärgerlich.

Weitere Besprechungen
Büchereule
wdr.de/Rezension von Christine Westermann
dradio
rezensionen.ch


Cliffhanger – Tim Binding
350 Seiten, TB, April 2010,
8,95 Euro,
Heyne


Weitere Bücher von Tim Binding
Henry Seefahrer
Im Königreich der Luft
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Sylvie und die verlorenen Stimmen


1
Apr 10

[Hörbuch] Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch

Lust auf einen überaus netten, humorigen und modernen Liebesroman? Hier ist einer…

Robert und Monika – er 27, sie 42
Robert, siebenundzwanzig und Angestellter eines PC-Game Unternehmens, trifft unerwartet auf seine große Liebe Monika. In einer Reinigung. Robert beschreibt sich selbst als selbstbewusst und gutaussehend. Ja, sogar als Frauenschwarm. Dennoch macht er einen liebenswürdigen Eindruck. Er wirkt ein wenig naiv bei seinen Schilderungen, neigt dazu das ein oder andere Fettnäpfchen mitzunehmen und ist mit einem warmen Herzen ausgestattet. Zum Gernhaben halt.

Mit eher mäßiger Begeisterung habe ich mich dieser Geschichte angenähert. Dafür gab es allerdings keinen Grund. Gernot Gricksch beschreibt realistisch und dabei stets mit Humor die Entwicklung dieser eher ungewöhnlichen Liebe. Ungewöhnlich ist vielleicht nicht das richtige Wort, vielleicht wäre seltene Konstellation besser ausgedrückt. Monika ist fünfzehn Jahre älter als Robert. Das stört ihn jedoch überhaupt nicht. Im Gegensatz zu Monika, die nicht nur um die Beziehung zu ihrem pubertierenden Sohn fürchtet, sondern auch um ihr Ansehen bei Freunden und Verwandten. Und so entwickelt sich nach und nach eine tiefe Zuneigung, die ihre Momente der Leidenschaft erlebt, aber auch die der kräftezerrenden Routine.

Hier ist alles vereint, was unterhält – vor allem Komik. Obwohl die Story eher unspektakulär ist, ja sich fast schon eines 08/15-Plots bedient, unterliegt man umgehend dem Sogeffekt. Keine langweiligen Szenen, keine überflüssigen Beschreibungen – einfach Unterhaltung pur. Es ist sicher nichts spektakulär Neues und auch nicht sonderlich tiefgründig. Aber es ist durchaus nett.

Das Hörbuch bietet zwei große Vorteile: gute Unterhaltung für Erkältungstage im Bett, an denen es nicht zum Lesen reicht, aber der Schlaf nicht kommen will und es ist ungekürzt. Ich habe mich an den Sprecher gewöhnt, bin aber davon überzeugt, dass mir das Buch selbst gelesen besser gefallen hätte. Die Aussprache ist teilweise holprig und die Betonung der Aussagen mit sarkastischem Inhalt bisweilen ermüdend. Ich hätte mich über ein wenig mehr Pointierung gefreut.

Fazit
Die Geschichte macht Spaß! Das Hörbuch ist empfehlenswert, wenn auch nicht ganz nach meinem Geschmack gesprochen. Ich habe mir den Film auf meine Leihliste gesetzt und bin schon sehr gespannt darauf.

Weitere Besprechungen
Büchereule


Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch
9 Std. 54 Min. (ungekürzt),
Gesprochen von Max Trüffel,
17,95 Euro (regulär), 9,95 Euro (als Audible-Abonnent)
audible


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Image of Neue Vahr Süd. 12 CDs: Autorenlesung

Neue Vahr Süd
Wir befinden uns im Jahre 1980 in der Neuen Vahr Süd, einem ganz und gar nicht pittoresken Neubauviertel im Osten von Bremen. Für Frank Lehmann, der gerade seine Lehre beendet hat, noch immer bei seinen Eltern wohnt und irgendwie vergessen hat, den Wehrdienst zu verweigern, wird es ein hartes halbes Jahr. Zwar gelingt ihm nach einem Streit der Auszug aus dem Elternhaus in eine chaotische Wohngemeinschaft im Bremer Studentenviertel Ostertor, aber ein neues Zuhause hat er damit noch lange nicht gefunden, und die Neue Vahr Süd holt ihn immer wieder ein. Und während Frank – noch immer rätselnd, wie es so weit kommen konnte – in der Kaserne strammstehen, Hemden auf Din-A-4 falten und durchs Gelände robben muss, streiten seine Freunde für ihre Version der proletarischen Weltrevolution, gegen Militär und Aufrüstung und um die energische Sibille, ohne diese allerdings vorher nach ihrer Meinung gefragt zu haben. Hin- und hergerissen zwischen Auflehnung und Resignation kämpft Frank Lehmann hart am Abgrund und mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln für eine eigene, würdige Existenz zwischen zwei widersprüchlichen Welten. Sven Regener ist ein komischer und zugleich beklemmender Roman gelungen, der uns über den Aufbruch seines Helden in eine verwirrende Zukunft die frühen achtziger Jahre von einer Seite nahebringt, die wir erfolgreich verdrängt zu haben glaubten.
(© Roof Music)
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29
Mrz 10

[Belletristik] Schöner wohnen mit Mann – Ursula Schröder

Lust auf “heile Welt”, “Happy End” und seichtes “Familien-Geplänkel”? Dann ab auf’s Sofa mit diesem Buch!

Schoener wohnen mit Mann

Kurzbeschreibung
Was, wenn der Mann deines Lebens der eigene Schwager ist? Jahrelang hat Dani niemandem davon erzählt, doch nun kommt Michael plötzlich nicht nur als Kunde in ihre Werbeagentur … Wie wird Rosi mit der neuen Situation umgehen? Und was will die Jüngste im Bunde bitte mit Jan anfangen, der sich gerade in den Kopf gesetzt hat, schwul zu sein? Es wird Zeit, dass sich die Schwestern über ihre innersten Wünsche und Gefühle klar werden.

Entspannung pur
Mit einem wehmütigen Seufzen habe ich diesen wunderbaren “Heile-Welt-Roman” zu Ende gelesen und mich daran erfreut, dass alles so gekommen ist, wie es sein sollte: Rosarot und auf sehr einfache Weise, wie ich es mir für alle handelnde Personen erwünschte.

Der Stoff, aus dem die Geschichte stammt, ist bekannt und nicht weiter kompliziert: Dani, die schönste und handwerklich begabte der drei Schwestern, trifft völlig unvermittelt auf ihren heimlichen Jugendschwarm, der zufälligerweise auch der Ex-Mann ihrer Schwester ist. Aufgrund dieser doch eher brisanten Thematik, die bei anderen Romanen schon mal zu Mord und Totschlag führen kann zumindest aber immer den Totalzusammenbruch einer Familie bedeutet, befürchtete ich eine hochdramatische Entwicklung, altbekannte Entwicklungsmuster und somit auch eine 08/15-Story um Geschwisterrivalität. Zu meinem großen Erstaunen jedoch stellte ich fest, dass diese Geschichte voller herzensguter Menschen steckt, die zwar alle ein bisschen Neid und Eifersucht durchscheinen lassen, aber niemals bösartig oder unsympathisch sind oder gar werden. Nicht einmal die fiese Chefin von Dani wird den Anforderungen an diesem Wort gerecht, allerhöchstens kann sie als ungemütlich bezeichnet werden. Keiner kommt auf üble Gedanken, und selbst wenn, werden diese im nächsten Moment absolut zivilisiert und menschlich aus der Welt geschaffen. Jeder hat jeden »lieb« (was mehr oder weniger häufig auch zum Ausdruck gebracht wird – sehr dezent, versteht sich) und bringt die notwendige Toleranz, nein, sogar das Verständnis, für etwaige negative Eigenheiten des anderen auf. Meines Erachtens hat die Autorin hier eine beachtliche Leistung abgegeben, denn Vor- und Nachteile der Figuren so zu zeichnen, dass sie 1:1 verteilt werden, stellt gewiss keine einfache Aufgabe dar. Somit ist jegliches Sympathiegedränge für die ein oder andere Person von vornherein ausgeschlossen und die Stimmung durchweg positiv. Schön, wirklich schön!

In dieser kleinen Stadt in Deutschland ist die Welt noch in Ordnung, ist alles nicht so schlimm, wie es erst einmal scheint. Und so kann man ein paar Stunden lang in den Alltag der drei Geschwister mit eintauchen, beobachten, wie sie sich einander nähern, die humorigen Dialoge genießen und sich schlichtweg an diesen herrlich friedliebenden Personen erfreuen – auch wenn an dieser Stelle erwähnt sei, dass eine hemmungslose Grundnaivität und Gutglaube an die Menschheit die Mindestbedingungen für einen Genuß oder Lesespaß darstellen.
(Für alle die Manneskraft per Postversand {1} gelesen haben sei an dieser Stelle erwähnt, dass die beiden Geschichten sich vom Stil her sehr ähneln).

Ich resümiere: »Schöner wohnen mit Mann« ist eine Art Rosamunde Pilcher für Softies. Klingt furchtbar? Mir hat es ein paar herrlich entspannte und humorige Lesestunden bereitet.

Fazit
Eine angenehm nervenschonende und seichte Geschichte ohne Anspruch und zur völligen Entspannung, frei nach dem Motto: “Piep, piep, piep, wir ham’ uns alle lieb”. Perfekte Lektüre für trübe Regentage oder trübsinnige Momente – zurücklehnen und genießen. Sollte es eine Fortsetzung geben, ich bin auf jeden Fall dabei!

Weitere Besprechungen
Büchereule
buchinformationen.de
webcritics
roterdorn

Fortsetzungen
2. Teil: Wochenlang kein Schönheitsschlaf
3. Teil: Träum schön weiter


Schöner wohnen mit Mann – Ursula Schröder
384 Seiten, TB,
8,95 Euro,
dtv


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{1} Manneskraft per Postversand
Die liebenswerten Schwestern Tilda und Elida Svensson führen seit Jahren ein ruhiges Leben im Haus ihrer verstorbenen Eltern. Doch dann zieht der attraktive Alvar ins Nachbarhaus, und das Leben der beiden Damen ändert sich über Nacht. Sie leisten sich den Luxus neuer Sommerkleider und lernen bei Alvar den Komfort eines Badezimmers kennen. Für die Modernisierung des eigenen Hauses fehlt leider das Geld. Als Tilda und Elida eines Tages beobachten, wie der Nachbarkater nach dem Genuß von Blumenerde aus Alvars Petunientopf ungeahnte Potenz entwickelt, kommt ihnen eine glänzende, wenn auch gewagte Geschäftsidee …


26
Mrz 10

[Humor] Radio Heimat – Frank Goosen

“An lauen Sommerabenden stehe ich gern auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die Fiege-Brauerei, das neue Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus 2001), die Türme von Propstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbau-Museums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!”

Kurzbeschreibung
Wie heißt es im Pott so treffend: Woanders ist auch scheiße, oder?
In Radio Heimat erzählt Frank Goosen Geschichten von zuhause, von Helden und Laberfürsten, von Pomeesbuden und Kneipen. Zhause, das ist das Land der Autobahnen, der frechen Blagen und der alten Frauen, die nicht auf den Mund gefallen sind. Goosens Omma taucht hier ebenso wieder auf wie die Kumpels Mücke und Scotty, wenn der Autor und Kabarettist unterwegs ist in Stadien und Partykellern, in Parks und Brachen. Drängende Fragen werden beantwortet: Wieso sagte Vattern früher: Mach die Augen zu und iss? Was meinter der Wirt, als er sprach: Wat der Mensch braucht, dat muss er haben? Und wer kann hier von sich behaupten: Kär, wat ham wir früher malocht?

Ganz großes Kino!

Höflichkeit ist was für Leute, die nicht richtig arbeiten können!

Genial – ehrlich! Wir Goosen seine Heimat beschreibt, Land und Leute, Landschaften und Gebräuche, ist genial, erfrischend und hemmunglos ehrlich.
Schon der erste Satz ist grandios!

“An lauen Sommerabenden stehe ich gern auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die Fiege-Brauerei, das neue Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus 2001), die Türme von Propstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbau-Museums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!”

Mit einer großen Portion Ruhrpott-Patriotismus erzählt Frank Goosen in stetig humorvollen Ton von seiner Heimat, seinen Erfahrungen, seinem Aufwachsen und seinen “Lieben”. Er erzählt von einem Menschenschlag, der “nicht besonders höflich, dafür aber sehr direkt” ist. Die Folge davon? “Man kommt mit ihnen ins Gespräch, ob man will oder nicht”.

Egal, ob es um den besagten Menschenschlag geht, der sich im Ruhrpott so herumtreibt oder um den ruhrpotteigenen Budenzauber, Frank Goosen erzählt ohne zu spotten. Einfach so, wie es ist. Für Auswärtige sehr informativ, für Einheimische völlig normal und für alle ausgesprochen amüsant.

“Das größte Plus für die Lebensqualität zwischen Recklinghausen und Hattingen, Duisburg und Unna ist jedoch die “Trinkhalle” oder “Selterbude”, kurz: die Bude, ein nicht wegzudenkender Versorgungsstützpunkt, der elementare Grundnahrungsmittel wie Flaschenbier, Kartoffelchips und Klümpchen auch jenseits der üblichen Ladenöffnungszeiten bereithält.”

Woran man gute Buden erkennt, das sollte man besser selbst nachlesen.

Um das obige Zitat besser einordnen zu können, muss man natürlich wissen, dass für Goosen “Südlich von Hattingen Tirol ist und nördlich von Recklinghausen Dänemark, östlich von Unna beginnt für ihn Sibirien und westlich von Duisburg ist die Welt zu Ende und da fallen alle ins Urmeer!”

Umgehauen hat mich auch die Beschreibung der Haushaltskittel der Ruhrfrauen – das wohl meistgetragenste Kleidungsstück dieser Gegend.

“Man fragte sich spontan: Wie kam die Tante da überhaupt rein? Vermutlich wie der Christbaum ins Netz kommt: Im Altersheim stand auf dem Gang eine durchgeschnittene Tonne, da kam vorne der Pullover drauf, und hinten schoben zwei Zivis.”

Ich habe gelernt, Schrebbagahten und Currywurstpommesamayo gehören zum Pott wie Stoibers “äh” und Hofbräuhaus zu Bayern. Das ist Kultur! Von wegen Klischees! Und eines ist sicher: “Woanders is auch scheiße!”

Fazit
Egal ob Ruhrpottler oder Auswärtiger, der bei einem Ruhrbesuch den Begriff der Schönheit erweitert bekommt, dieses Buch ist eine Meisterleistung und eine großartige Hommage an Land, Leute und Kultur. Umwerfend komisch, aber von Herzen kommend. Bitte Herr Goosen, mehr davon!

Weitere Besprechungen
Büchereule
aus.gelesen
Bernd Weber
Buch Avisio


Radio Heimat – Frank Goosen
163 Seiten, Gebunden, 14,95 Euro,
Eichborn Verlag


7
Mrz 10

[Belletristik] Durch den Wind – Annika Reich

Die ersten Sätze

Alison lehnt ihren Hinterkopf so an Victors Brust, dass sein Kinn auf ihren langen roten Haaren lag. Ihre Haut schimmerte wie vom Mond beschienen, und ihre Augen waren halb geschlossen. Die grüne Seidenbluse hing an einer Seite aus ihrer Hose heraus, und der Kragen war etwas verrutscht. so sah Alison eigentlich fast immer aus, ein bisschen müde oder als wäre sie gerade erst aufgestanden.

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Kurzbeschreibung
Yoko ist Japanerin, Architektin, erfolgreich, selbstsicher. Männer braucht sie nur für eine Nacht. Sie ist auf der Flucht – vor der Familie, vor dem Tod ihres Vaters. Friederike liebt die Natur, die Bücher, aber auch einen Mann, der leider nur seine Freiheit liebt. Dabei wollte sie eigentlich schon mit zwanzig Mutter sein und ihre Doktorarbeit fertig haben. Alison scheint stets ein wenig entrückt. Nichts ist für sie sicher. Vielleicht hat sie eine Doppelgängerin. Vielleicht glaubt sie nur, Victro sei der Mann ihres Lebens. Vielleicht ist der aber auch in Japan auf einer Geschäftsreise verschwunden. Sicher ist: Sie reist ihm hinterher, ins sehr unsichere Gewirr Tokios. Siri ist schön, schillernd und unglücklich. Siehat einen Sohn, einen perfekten Mann, der alles für sie tut und den sie deshalb verachtete. Als ausgerechnet ihre siebzigjährige Großmutter das macht, was sie selbst nicht wagt, und ihren Mann verlässt, bricht Siris wacklige Welt zusammen. Haben die Alten etwa mehr Mut als die jungen Leute?
Annika Reich erzählt in ihrem Roman unterhaltsam und intelligent von Hoffnungen und Enttäuschungen. Am Schluss stellen die vier Frauen fest: Auch wenn sie Verbündete sind, ihre Wünsche sind voll von Gegensätzen. Leben lernen muss jede für sich selbst.

Sind das die Mittdreißigerinnen von heute…

Es fällt mir einigermaßen schwer, für dieses Buch die Worte zu finden, die beschreiben, was ich darüber denke, es aber dabei nicht in einem allzu schlechten Licht belassen. Soviel steht fest: es war nichts für meinen Geschmack. Dabei hatte ich mir sehr viel erhofft, gehöre ich doch am Rande schon zur Zielgruppe der angesprochenen Leserschaft.

So harmlos, wie die Kurzbeschreibung daher kommt, ist die Geschichte der vier Protagonistinnen nicht. Der Klappentext klingt unterhaltsam? Nicht wirklich. Die Story ist eher zermürbend, wenig melancholisch, bisweilen hoch depressiv.

Wenn das die Mittdreißigerinnen von heute sind, dann hat die Psychatrie alle Hände voll zu tun. Da wäre zum einen Alison, die völlig hörig ihrem Victor hinterher rennt, der sie alle paar Tage sitzen lässt, abtaucht, um dann wieder aufzutauchen. Alison wirkt dabei so unerträglich naiv und unreif, dass es mir absurd erscheint, bei einer solchen Frau und ihrer Problematik von alltäglichen Problemen der Frauen Mitte dreißig zu sprechen. Oder nehmen wir Siri. Siri ist bereits verheiratet, hat einen wunderbaren Sohn und einen Mann, der sie offenbar liebt. Und trotzdem, diese Bindung scheint der allergrößte Fehler ihres Lebens gewesen zu sein, weshalb bei Siri nicht mehr die Rede sein kann von “Angst vor dem Scheitern”. Sie ist gescheitert. Zumindest stellt sich die Situation so dar. Stellt sich die Frage nach Fluch oder Segen was zuletzt dann passiert…

Yoko und Friederike sind tatsächlich eher normal. Und trotzdem, auch mit diesen Figuren konnte ich mich zu keiner Zeit identifizieren. Mittlerweile weiß ich auch warum. Annika Reich hat die Figuren nicht genügend voneinander differenziert. Sicher, sie haben alle ihre ganz eigenen Probleme, und dennoch erleben sie ihre Gefühle alle auf die gleiche Art und Weise. Alle heben in ihren Gedanken und mit ihren Problemen völlig ab. Die Problemlösungstrategien sind im Prinzip nicht unterscheidbar und damit wirken die Themen und mit ihnen die Figuren eher belanglos. Ich wurde nicht mitgezogen, ich habe nicht mitgelitten. Spätestens nach der zehnten methaphorischen Beschreibung eines einzelnen Gedankengangs wird es schlichtweg langweilig.

Annika Reich hat sicher Talent zum Schreiben, das steht außer Frage. Allerdings hat sie meiner Meinung nach für dieses Buch viel zu sehr ausgeholt. Es häufen sich pseudointellektuelle Abschnitte, die oftmals völlig kontextfrei in den Raum geworfen werden. In unberechenbarem Tempo gibt es dramatische Szenenwechsel zwischen irreal/real. Ich mag solche metaphorischen Ausschweifungen nur bedingt. Sie müssen stimmig sein. Das ist der Autorin hier nicht gut gelungen. Es wirkt aufgesetzt und gezwungen abstrakt. Direkt wäre mir lieber gewesen. Die eigentliche Problembewältigung rückt damit weit in den Hintergrund.

Als Beispiel sei Yokos Umgang mit dem Tod ihres Vaters aufgeführt. Yoko ist offensichtlich überzeugt davon, die Schuld am Krebstod ihres Vaters zu tragen. Nach dessen Tod packt sie ihre Sachen und zieht nach Deutschland, da ihr Vater über Literatur eine große Bindung zu Deutschland hatte.

Yoko ruft eines Tages in Japan an, um an vertraute Stimmen zu kommen. Sie sagt nichts, bis auf: Er ist tot. Die Schwägerin, die den Hörer abnimmt am anderen Ende, beginnt zu Schreien, da sie denkt es dreht sich um ihren Mann. Die Mutter, die im selben Haushalt lebt, nimmt den Hörer in die Hand und sagt: Er lebt, meine Tochter ist tot.

Daraufhin durchlebt Yoko folgendes:

Ihre Fersen hoben vom Boden ab. Die weißen Holzbohlen unter sich. Sie verfolgte die weiße Linie bis zur Wand, glitt die weiße Wand hinauf, das Mauerwerk löste sich auf, wälzte sich als weiße Lawine auf sie zu. Sie rang nicht nach Luft. Sie verlor den Boden unter den Füßen, breitete die Arme aus und wurde von der weißen Welle davongetragen. Die Telefonschnur riss, sie sah die getrennte Leitung als unterbrochene Linie im weißen Raum. Schon wieder so eine filigrane Zeichnung, in die sie geraten war. In einer Art Zeitlupe schaute sie sich dabei zu, wie sie sich auf der weißen Welle aus dem Raum bewegte. Die Lawine entzog ihr das weiße Hemd und umschloss sie nun ganz und gar. Kalt war es nicht, eher lauwarm, nichttemperiert. Die Linie der gerissenen Leitung verblasste, und das Weiß wurde allgegenwärtig. Wieder mischten sich Worte und Bilder in ihr Schweben. Auf einmal fühlte sich das Weiß so an, als sei es aus hauchdünnem Papier und ihr Körper eine gezeichnete Linie, nur Umrisse. Sie rieb eine Haarsträhne zwischen den Fingern. Sie fühlte sich wie eine Perücke an.

Was man dem Buch gut entnehmen kann ist Annika Reichs Liebe zu Japan. Was ich in diesem Zusammenhang sehr interessant fand, war die Erwähnung des japanischen Dichters und Schriftstellers Mishima Yukio, auf dessen Werke und Person ich jetzt recht neugierig geworden bin.

Fazit
Leider hat Annika Reichs Stil nicht meinen Geschmack getroffen. Zuviel Bilder, zuviel poetische Ansätze, die eigentlich hätten keine sein müssen und zu wenig realistische. Stil und Thema wollen sich hier nicht so recht zu einem Ganzen vereinen.


Durch den Wind – Annika Reich
336 Seiten, Gebunden, 2010, 19,90 Euro,
Hanser Verlag

Weitere Besprechungen

Weitere Informationen
Yoko spricht im Zusammenhang mit ihrem Vater vom japanischen Schrifststeller Mishima Yukio. Mishima Yukio war ein japanischer Dichter und Schriftsteller, der laut Wikipedia “sowohl für seine nihilistische Nachkriegsliteratur als auch für die außergewöhnlichen Umstände seines Suizids” bekannt ist. Sein Selbstmord bestand aus dem Ritual des Seppuku, bei dem der sitzende Mann sich ausgehend von der linken Seite den Bauch waagrecht aufschlitzt und somit die Aorta anschneidet oder zertrennt.

Mishimas Bücher
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Über Mishima
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