5 Sterne


23
Aug 10

[Zeitgenössisch] Die Teilacher – Michel Bergmann

“Das jiddische Substantiv »Teilacher« ist der Cousin des jiddischen Berliner Verbs »teilachen«, und das heißt im vulgären Sprachgebrauch so viel wie »abhauen«. seinen Ursprung hat dies wiederum in dem Wort für Hausierer und müsste eigentlich »Teillaacher« geschrieben werden. Es ist ein Pleonasmus und setzt sich zusammen aus dem Begriff »Teil« und dem Wort »Laachod«, Einzelhandel. Der Teilacher, als Vertreter des Einzelhandels, ist das kleinste spaltbare Teilchen, das Atom der Kaufmannswelt. Was den Teilacher vom herkömmlichen Handlungsreisenden unterscheidet: Der Teilacher ist Jude. Oder er gibt sich als solcher aus. Denn es gab eine Zeit, da konnte das, unglaublich, aber wahr, Vorteile haben.
Aber auch Nachteile.”[1]

Inhalt
1972, David Bermann, der »Einstein unter den Teilachern«, ist tot. Nach der Beerdigung finden sich Verständig, Fajnbrot, und Szoros in ihrem Stammcafé ein. Man redet natürlich über alte Zeiten…

1946, Frankfurt am Main. Ausgerechnet nach Deutschland, ins Land der Täter, sind sie zurückgekommen. David Bermann, Emil Verständig, Max Holzmann und die anderen, sie sind zurück. Wie ist es ihnen ergangen? Fast alle waren aus den Lagern gekommen, oft als einzig Überlebende in ihrer Familie. Und doch ist jetzt Aufbruch angesagt: Tag für Tag sind sie unterwegs, um allerlei Dinge zu verkaufen. Wie viel Kraft hat es gekostet, wieder an Liebe, Nestbau und Zukunft zu glauben? [2]

~~~~~~~~~~~~~~~~

Die Geschichte um David Bermann beginnt 1972 als sein Ziehneffe, Alfred, im Altersheimzimmer des Verstorbenen steht und dessen Habseligkeiten zusammen packen soll. Es fällt ihm schwer, er kann sich nicht konzentrieren – zu tief sitzt noch der Schock und die Trauer über den Toten in den Gliedern. Also beginnt er alte Erinnerungen wieder hervorzurufen: wie er mit seinem „Onkel David“ im Boot sitzt und dieser ihm von der Flucht vor den Pogromen in Galizien 1918 berichtet. Seine Geschwister und er fliehen nach Deutschland und eröffnen das Wäschekaufhaus „Gebrüder Bermann“. Das Geschäft läuft gut, aber David Bermann ist das alles zu konventionell. Während seine Brüder jüdische Töchter heirateten und laut David Bermann selbstverständlich hochbegabten Nachwuchs zeugten, entschied er sich gegen das seiner Meinung nach heuchlerisch burgeoise Leben und bezeichnete sich als “Flaneur”.

“Flaneur. Den Begriff kennt man heute ja nicht mehr. [...] Ein Flaneur ist ein Bohemien, nur dass er das Kaffeehaus wechselt. Die frische Luft muss man allerdings in Kauf nehmen, wie Anton Kuh sagt.” [3]

Aber nicht nur das. In Folge entscheidet er sich sogar zum Entsetzen seiner Familie ein Teilacher – ein jüdischer Handlungsreisender – zu werden. Seine Brüder erklären ihn für verrückt einer so brotlosen Kunst zu verfallen und ärgern sich über seinen Eigensinn:

“Du bist doch eine Schande für die Familie, bist du!
Da habe ich gesagt: Und du bist a nudnik! Du weißt, was das ist, a nudnik? Ein nudnik ist einer, den du fragst, na, wie geht’s… und er erzählt es dir!” [4]

Onkel David erzählt Alfred noch von seiner ersten Liebe Maria, die er in einem Anfall jugendlichen Leichtsinns gleich heiraten wollte und sich großspurig brüstete die Sache mit ihren Eltern zu regeln, die als Deutsche sich womöglich wenig glücklich zeigen würden einen jüdischen Schwiegersohn aufzunehmen. Das Ende vom Lied war ein Veilchen und die Landung im Vorgarten der Eltern.

David Bermann wird durchweg als lebensfroher Mensch voller „chuzpe“ gezeichnet, der seine Freiheit und sein Junggesellendasein in vollen Zügen genießt. Bermanns Erzählungen sind stets erfrischend, übertrieben und zeugen von großer Fabulierkunst. Abschweifend, spannend und mit einer gehörigen Portion typisch jüdischem Humor erzählt er die Geschichten seines Lebens.

Später, nach der Beerdigung, geht es weiter mit den Erzählungen. Alfred sitzt mit den verbleibenden Teilachern und Freunden David Bermanns im Café Unterleitner, dem Stammcafé der Teilachermannschaft, und lässt sich dort die Geschichten der Nachkriegszeit erzählen.

Michel Bergmann hat ein Buch geschrieben, dass beim Lesen ein wohlig warmes Gefühl vermittelt. Es scheint, als wäre man mitten in der Runde, bei einem Kaffee in einem Frankfurter Kaffeehaus 1978. Und so erfährt man aus vielen einzelnen Anekdoten Stück für Stück die gesamte Geschichte der Teilacher. Natürlich sind auch hier die Schreckmomente des Krieges und die Demütigungen nicht ausgelassen. Aber Bergmann verzichtet darauf diese in den Mittelpunkt zu stellen. Seine Figuren sind gezeichnet durch ihre Erfahrungen aber nicht bereit aufzugeben, sondern sich auf zu neuen Ufern machen. Sie raufen sich zusammen, bauen sich ihre Leben neu auf und schauen sogar nach einiger Zeit hoffnungsvoll in die Zukunft. Viele verbringen die Kriegszeit im Ausland und überleben auf diese Weise. Sie alle kehren aber nach Frankfurt zurück und treffen sich dort. Es wird ein neues Wäschehaus eröffnet und so nehmen die Dinge ihren – guten – Lauf. Es ist ein Vergnügen den Teilachern bei ihren spektakulären und schelmischen „peckl“-Verkäufen über die Schultern zu schauen. Und immer wenn’s den Anschein macht, es könnte traurig werden, kommt von irgendwo ein Teilacher her und erhellt die Runde mit einem Witz.

„Sagt eine Frau zur anderen: „Mein Mann ist gestorben.“ „Woran denn?“, fragt die andere zurück. „An einer Erkältung.“ „Gott sei Dank nichts Ernstes!“

Fazit
Ein tolles, warmes Buch mit viel Humor, das ein stimmungsvolles Bild sowohl der Vorkriegszeit in Deutschland als auch über das Zusammenleben der Juden und Deutschen zur Nachkriegszeit vermittelt. Michel Bergmann ist ein toller Erzähler, der ein wundervolles Buch geschrieben hat. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule
Deutschlandradio
Bücher Hagalil

[1] Seite 105/106
[2] Seite 42
[3] Seite 43


Image of Die Teilacher

Die Teilacher – Michel Bergmann
288 Seiten, Gebunden, 2010
19,90 Euro,
Arche Verlag



22
Aug 10

[Kochen] Das geniale Familienkochbuch – Edith Gätjen

Wer möchte das nicht – frisch, saisonal und gesund kochen! Aber manchmal gehen einem im turbulenten Alltag die Rezeptideen aus, oder die Zeit reicht nicht und schon wieder sind die Spaghetti im Topf. Wenn Sie Ihre Zeit besser nutzen wollen als für ständige Einkaufstouren und langes Stehen am Herd, dann kommt hier die Rettung: In diesem genialen Familienkochbuch finden Sie fertige Rezeptpläne für jede Woche des Jahres. Fix und fertig geplant, garantiert frisch und gesund.

  • Zeit sparen mit dem Wochenplan: Von schnell und preiswert für jeden Tag bis raffiniert und aufwendiger fürs Wochenende oder für Gäste. Mit praktischen Einkaufs- und Vorratslisten: So ist immer alles im Haus.
  • Für den großen und den kleinen Hunger: Sättigende Hauptgerichte und schnelle Kleinigkeiten für zwischendurch.
  • Saisonale Angebote nutzen: Jede Woche steht ein anderes Gemüse oder Obst im Vordergrund. Nach Angebot vom Wochenmarkt oder dem eigenen Garten.
  • Praktische Kombi-Rezepte: Jede Woche aufeinander abgestimmte Kochideen. Kochen und dabei gleich die nächsten Mahlzeiten vorbereiten.

Nachdem das Kochbuch Essenspaß für kleine Kinder zu unseren meistgenutzten Kochbüchern gehört, suche ich stets nach neuen Büchern aus der Trias Reihe und bin dabei u.a. auch auf dieses aufmerksam geworden. Ich benutze es nun ca. seit einem halben Jahr und bin wieder begeistert!

Das Kochbuch richtet sich sehr bewusst an all diejenigen, die sich gesund und dabei mit Saisongemüse ernähren möchten. Es geht um ausgewogene, gesunde Ernährung, die trotzdem abwechslungsreich, zeitsparend und schmackhaft sein soll. Es bietet sich sehr gut als Begleitkochbuch für eine nachhaltige Umstellung zu einer gesünderen Familienernährung an.
Die Autorin ist sich ihrer z.T. ausgefallenen Rezeptkreationen bewusst und schreibt dazu:

Wenn Ihnen anfangs zwei oder drei Gerichte pro Woche zusagen, sodass noch genügend Raum für die bewährten Lieblingsgerichte bleibt, dann haben Sie schon einen vielversprechenden ersten Schritt getan

Im Gegensatz zu anderen Familienkochbüchern werden hier also keine bewährten Familienrezepte vorgestellt, sondern völlig neue und kreative Rezeptideen mit oftmals nicht genutzten Gemüsesorten.

Wie in beinahe allen Kochbüchern wird auch hier auf den ersten Seiten auf ein paar wesentliche Dinge eingegangen, z.B. die Ernährungspyramide (wieviel Obst und Gemüse pro Tag sind notwendig, welche Getränke eignen sich für eine gesunde Ernährung, wieviel Fleisch/Wurst sollte man verzehren, etc…) Dieser Teil ist allerdings sehr knapp gehalten und enthält die wichtigsten Informationen zur gesunden Ernährung.

Das Buch ist in einen allgemeinen Teil und in Folge saisonal (Winter, Frühjar, Sommer, Herbst) mit den jeweiligen Schwerpunkten auf den Saisongemüsesorten und entsprechenden Rezepte aufgebaut.

Die Rezeptteile enthalten jeweils pro Woche eine Einkaufsliste und einen “Gemüseschwerpunkt”.
Die Einkaufsliste ist stets nach dem Prinzip “Frisch dazukaufen” – “Aus dem Vorrat” und “Mögliche Beilagen” aufgebaut.

Bsp. Januar:
1. Woche – “Milchsäurepush für Ihr Immunsystem”, Steckbrief Sauerkraut, Einkaufsliste
2. Woche – “Von wegen im Winter wächst nichts!”, Steckbrief Chicorée, Einkaufsliste
3. Woche – “Weißkohl beugt Schnupfen vor!”, Steckbrief Weißkohl, Einkaufsliste
4. Woche – “Eine Woche mit jeder Menge Eisen und Folsäure”, Steckbrief Schwarzwurzeln, Einkaufsliste

Natürlich enthalten die Wochen nicht nur Rezepte mit dem jeweiligen Gemüse!

Alle Rezepte sind mit einem “Das passt dazu”-Vermerk versehen, in dem stets ein Salat oder Rohkost als Beilage empfohlen wird.
Des Weiteren enthalten die Abschnitte immer auch Zeitspar-Tipps. Hier werden sehr nützliche zeitsparende Ratschläge hinsichtlich Vorbereitung und Vorratsspeicherung gegeben. Dann gibt es stets auch Tipps für “Kleinigkeiten”, die man aus Gemüseresten herstellen kann (z.B. Linsenaufstrich aus den Resten vom Linsenauflauf oder eine schnelle Frühlingsgemüsesuppe).
Einige Sonderkapitel zum Thema Ostern, Gesund grillen etc. sind ebenfalls vorhanden.

Das Kochbuch ist sehr empfehlenswert für alle, die sich und ihre Familie gesund ernähren möchten. Es sind teilweise sehr ungewöhnliche Rezepte, die sicher nicht alle Begeisterungstürme hervorrufen, aber dennoch sind die Gerichte im Großen und Ganzen sehr lecker. Die Zeitangaben und Zutatenmengen sind hervorragend abgestimmt.

Sollten Rezeptideen vorhanden sein, die überhaupt nicht auf die eigenen Geschmacksnerven treffen, so können diese stets in eine für sich selbst geeignete Form abgewandelt werden. Somit hat man zumindest auch neue Ideen!

Fazit
Ein Kochbuch, das in unserem Haushalt einen festen Platz gefunden hat. Tolle Rezepte, die wirklich gut schmecken und vor allem auch keine komplizierten Kochprojekte in der Küche erfordern. Einkaufslisten für die Woche, Steckbriefe zu den Gemüsesorten, ein Saisonkalender im Einband und viele andere Nettigkeiten runden das empfehlenswerte Familienkochbuch ab.

Weitere Rezensionen
Rezension bei den Büchereulen


Image of Das geniale Familien-Kochbuch: Mein saisonaler Wochenplaner für entspanntes Kochen und vergnügliches Essen

Das geniale Familienkochbuch – Edith Gätjen
212 Seiten, Softcover, 2009
17,95 Euro,
Trias Verlag



19
Jul 10

[Jugend] Jefra heißt Palästina – Margret Greiner

“Ich hoffe, daß wir eines Tages sagen können: Wir haben nur kleine Schritte getan, hin zu mehr Verständigung und Aussöhnung, aber wir haben diese Schritte gewagt. Und alle kleinen Schritte, die heute überall vollbracht werden, von Juden und Christen und Muslimen, von Israelis und Palästinensern, werden den Weg zum Frieden verkürzen.”[1]

Der Frieden ist in diesem Roman.
Sehnsucht nach Frieden und Erwachsenwerden im Krieg. Die authentische Geschichte einer jungen Palästinenserin, hin- und hergerissen zwischen den Traditionen einer arabischen Familie und dem Traum von Freiheit.

Jefra ist eine 16-jährige Palästinenserin, die mit mit ihren fünf Geschwistern in einer recht liberal funktionierenden Familie in Ost-Jerusalem aufwächst. Ihre älteste Schwester Maryam arbeitet als Volontärin bei einer arabischen Tageszeitung. Laut Jefras Mutter ist Jefra “für ihre sechzehn Jahre ungewöhnlich erwachsen” und von allen Kindern “am ehesten in die Verantwortung zu nehmen”. Trotz allem ist Jefra ein normales Mädchen mit Schulalltag und Pflichten im Haus. Einzig ihre Umgebung unterscheidet sie von anderen “normalen” Mädchen dieser Welt: sie erlebt tagtäglich den brutalen und erbarmungslosen Kampf der Bevölkerungsgruppen zur Zeit der zweiten Intifada [2] in Israel und Palästina.

Jefras Vater war als palästinensischer Widerstandskämpfer jahrelang in israelischer Haft. Ihre beiden Zwillingsbrüder wachsen im Hass gegen ihre Nachbarn auf. Arabische Medien sparen nicht an Bildern über getötete, verletzte, verwaiste Kinder und Eltern. Mediale Aufklärung erfolgt meist sehr einseitig.

Jefra selbst entwickelt sich trotz dessen zur Widerstandskämpferin in der eigenen Familie. Sie nimmt Kontakt zu einem jüdischen Mädchen auf, der jedoch zu einem jähen Ende kommt als die beste Freundin dieses Mädchens durch ein Selbstmordattentat in einem israelischen Café getötet wird. Während Onkeln, Tanten, Eltern und Geschwister den Tod israelischer Kinder nach einem Attentat “feiern”, flüchtet sie angewidert angesichts des Anlasses nach Hause. Trotz der erniedrigenden Dinge, die sie täglich durch israelische Besatzung erfahren muss und die sie miterlebt, ist sie nicht bereit den Hass gegen die Juden in sich herauf zu beschwören.

“Aber die Tatsache, daß Hunderte unschuldiger Zivilisten getötet worden waren, daß Häuser willkürlich von israelischen Soldaten demoliert wurden, daß palästinensische Bauern von jüdischen Siedlern daran gehindert wurden, ihre Olivenfelder abzuernten, daß schwangere Frauen an den Grenzübergängen ihre Kinder zu Welt brachten, weil man sie nicht ins Krankenhaus fahren ließ, das alles war doch keine Greulpropaganda, das war Alltag in Palästina.
Jefra stiegen Zornestränen in die Augen, wenn sie solche Geschichten hörte. Aber dann wischte sie die Tränen ab und sagte: »Ich möchte wissen, warum diese Menschen so etwas tun.«” [3]

Jefra nimmt in Folge an einem sogenannten Friedensprojekt teil. Dafür muss sie für zwei Wochen nach New York und dort mit isrealischen, gleichaltrigen Mädchen im Zimmer verbleiben. In dieser Zeit verändert sich ihre Sicht auf die Zustände zwischen Palästinensern und Juden immens. Jefra – und auch die anderen Teilnehmerinnen – begreifen, dass sie alle Opfer sind. Sie alle sind Opfer von Verfolgung und Hass.

“Heute haben wir Palästinenserinnen erfahren, was den Juden vor fünzig Jahren in Europa angetan wurde. Wir wußten das nicht. Oder wir wollten das nicht wissen. Wir konnten uns nicht vorstellen, daß Juden so gelitten haben. Wir haben nicht gelernt, in Juden Opfer zu sehen. Für uns sind Juden Menschen, die uns leiden machen. Man hat uns nicht erzählt, was eure Großeltern und Urgroßeltern durchgemacht haben. Vielleicht können wir euch jetzt besser verstehen. Aber gleichzeitig fragen wir uns: Warum müssen wir für die Verbrechen bezahlen, die andere verübt haben?” [4]

Die Mädchen lernen im Camp, dass sie ihre Werte und Vorstellungen von Leben und Freiheit nicht ändern oder aufgeben müssen um mit anderen in Frieden zu leben.
Neben den Aspekten des Konflikts behandelt das Buch jedoch auch das Leben und Aufwachsen der arabischen Frauen in kritischer Weise. Es scheint keine einfache Aufgabe zu sein, sich zu selbstverantwortlichen jungen Frauen zu entwickeln, wenn es die Kultur eigentlich verbietet. Jefras Tante Nibal ist dafür ein gutes Beispiel:

“In einem Umfeld, in dem Frauen nicht nur Steine, sondern ganze Geröllhalden in den Weg gelegt wurden, hatte sie sich durchgesetzt.[...] Sie hatte den Preis für ihre Karriere bezahlt, und der Preis war hoch gewesen, Eine gescheiterte Ehe mit einem amerikanischen Kollegen, der ihr immerhin die Vergünstigungen eines amerikanischen Passes hinterlassen hatte, Verzicht auf Kinder, Leben in einem arabischen Land, in dem bei einer klar patriarchalischen Gesellschaftsordnung wenig Platz war für eine intellektuelle Frau in einer Spitzenposition. Vielleicht noch nicht in dieser Generation.” [5]

Jefra kehrt nach dem Camp “Bridges for Peace” nach Hause zurück und löst dort erst einmal Unbehagen aus. Sie hat sich verändert. Sie muss lernen ihre Einstellung diplomatisch zu äußern – ohne die einen zu verletzen aber auch ohne den Respekt der anderen zu verlieren. Wie sie diesen Weg geht sollte man selbst nachlesen.

Margret Greiner hat einen wundervollen, hoffnungsvollen und großartigen Roman geschaffen. Dabei lässt sie ihre Erfahrungen aus ihrer eigenen Zeit als Lehrerin an einer palästinensischen Mädchenschule einfließen. Sie schafft eine realistische und unverklärte Sichtweise auf die Konfliktproblematik. Wie schwer es ist, Demütigungen und Leid ertragen zu müssen und dabei nicht zu pauschalisieren. Wie schwer es ist, als Jugendliche(r) in Palästina/Isreal aufzuwachsen und dabei den Frieden im Blick zu behalten. Sie lässt keine Schuldzuweisung unkommentiert stehen, sondern deutet in eine andere (Denk)Richtung. “Denken”, “Reflektieren” und “Differenzieren” sind Schlagwörter, die die Autorin unermüdlich herausarbeitet. Polarisierung, Polemisierung – davor warnt sie stets.

Jefra heißt Palästina habe ich in unserer örtlichen Bibliothek im Bereich “Maxi – Junge Erwachsene” vorgefunden. Auch wenn es sprachlich sicher genau dort anzusiedeln ist, verlangt die Thematik ein Mindestmaß an Kenntnissen um die Konfliktsituation im Nahen Osten. Leider fehlt es dem Buch an einem entsprechenden Glossar.

Fazit
Der Klappentext lobhudelt: “Der Frieden ist in diesem Roman”. Als ich diesen Satz das erste Mal gelesen habe, dachte ich, das wäre wohl ein bisschen hoch gegriffen. Nach dem Lesen allerdings bin ich mir sicher, dass Magret Greiners Ansatz den Frieden hochzuhalten sehr gut gelungen ist und dass das Buch an Aktualität nichts eingebüßt hat. Hier sind sicher jede Menge Zutaten für das Rezept Frieden zu finden. Sehr empfehlenswert – nicht nur für junge Erwachsene!

[1] Seite 212/213
[2] Zweite Intifada – Wikipedia
[3] Seite 16
[4] Seite 136
[5] Seite 114


Image of Jefra heißt Palästina: Ein Mädchen in Jerusalem

Jefra heißt Palästina – Margret Greiner
240 Seiten, TB, 2005
8,95 Euro,
Piper



26
Mrz 10

[Humor] Radio Heimat – Frank Goosen

“An lauen Sommerabenden stehe ich gern auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die Fiege-Brauerei, das neue Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus 2001), die Türme von Propstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbau-Museums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!”

Kurzbeschreibung
Wie heißt es im Pott so treffend: Woanders ist auch scheiße, oder?
In Radio Heimat erzählt Frank Goosen Geschichten von zuhause, von Helden und Laberfürsten, von Pomeesbuden und Kneipen. Zhause, das ist das Land der Autobahnen, der frechen Blagen und der alten Frauen, die nicht auf den Mund gefallen sind. Goosens Omma taucht hier ebenso wieder auf wie die Kumpels Mücke und Scotty, wenn der Autor und Kabarettist unterwegs ist in Stadien und Partykellern, in Parks und Brachen. Drängende Fragen werden beantwortet: Wieso sagte Vattern früher: Mach die Augen zu und iss? Was meinter der Wirt, als er sprach: Wat der Mensch braucht, dat muss er haben? Und wer kann hier von sich behaupten: Kär, wat ham wir früher malocht?

Ganz großes Kino!

Höflichkeit ist was für Leute, die nicht richtig arbeiten können!

Genial – ehrlich! Wir Goosen seine Heimat beschreibt, Land und Leute, Landschaften und Gebräuche, ist genial, erfrischend und hemmunglos ehrlich.
Schon der erste Satz ist grandios!

“An lauen Sommerabenden stehe ich gern auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die Fiege-Brauerei, das neue Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus 2001), die Türme von Propstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbau-Museums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!”

Mit einer großen Portion Ruhrpott-Patriotismus erzählt Frank Goosen in stetig humorvollen Ton von seiner Heimat, seinen Erfahrungen, seinem Aufwachsen und seinen “Lieben”. Er erzählt von einem Menschenschlag, der “nicht besonders höflich, dafür aber sehr direkt” ist. Die Folge davon? “Man kommt mit ihnen ins Gespräch, ob man will oder nicht”.

Egal, ob es um den besagten Menschenschlag geht, der sich im Ruhrpott so herumtreibt oder um den ruhrpotteigenen Budenzauber, Frank Goosen erzählt ohne zu spotten. Einfach so, wie es ist. Für Auswärtige sehr informativ, für Einheimische völlig normal und für alle ausgesprochen amüsant.

“Das größte Plus für die Lebensqualität zwischen Recklinghausen und Hattingen, Duisburg und Unna ist jedoch die “Trinkhalle” oder “Selterbude”, kurz: die Bude, ein nicht wegzudenkender Versorgungsstützpunkt, der elementare Grundnahrungsmittel wie Flaschenbier, Kartoffelchips und Klümpchen auch jenseits der üblichen Ladenöffnungszeiten bereithält.”

Woran man gute Buden erkennt, das sollte man besser selbst nachlesen.

Um das obige Zitat besser einordnen zu können, muss man natürlich wissen, dass für Goosen “Südlich von Hattingen Tirol ist und nördlich von Recklinghausen Dänemark, östlich von Unna beginnt für ihn Sibirien und westlich von Duisburg ist die Welt zu Ende und da fallen alle ins Urmeer!”

Umgehauen hat mich auch die Beschreibung der Haushaltskittel der Ruhrfrauen – das wohl meistgetragenste Kleidungsstück dieser Gegend.

“Man fragte sich spontan: Wie kam die Tante da überhaupt rein? Vermutlich wie der Christbaum ins Netz kommt: Im Altersheim stand auf dem Gang eine durchgeschnittene Tonne, da kam vorne der Pullover drauf, und hinten schoben zwei Zivis.”

Ich habe gelernt, Schrebbagahten und Currywurstpommesamayo gehören zum Pott wie Stoibers “äh” und Hofbräuhaus zu Bayern. Das ist Kultur! Von wegen Klischees! Und eines ist sicher: “Woanders is auch scheiße!”

Fazit
Egal ob Ruhrpottler oder Auswärtiger, der bei einem Ruhrbesuch den Begriff der Schönheit erweitert bekommt, dieses Buch ist eine Meisterleistung und eine großartige Hommage an Land, Leute und Kultur. Umwerfend komisch, aber von Herzen kommend. Bitte Herr Goosen, mehr davon!

Weitere Besprechungen
Büchereule
aus.gelesen
Bernd Weber
Buch Avisio


Radio Heimat – Frank Goosen
163 Seiten, Gebunden, 14,95 Euro,
Eichborn Verlag


28
Feb 10

[Zeitgenössisch] Die Leinwand – Benjamin Stein

[avhamazon locale="DE" asin="3406598412" linktype="pic" picsize="medium"]

Kurzbeschreibung
Ein Spiegelkabinett mit zwei Eingängen. Hinter beiden Buchdeckeln beginnt je eine Geschichte. Genau in der Mitte kommt es zur Konfrontation, treffen die beiden Erzähler, Amnon Zichroni und Jan Wechsler, aufeinander.

Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. Geboren in Jerusalem und streng jüdisch erzogen, studiert er in den USA und lässt sich in Zürich als Analytiker nieder. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermuntert, seine traumatische Kindheit in einem NS-Vernichtungslager schreibend zu verarbeiten. Beider Existenz steht auf dem Spiel, als der Journalist Jan Wechsler behauptet, das Minsky-Buch sei reine Fiktion…
Zehn Jahre später wird eben diesem Jan Wechsler ein Koffer zugestellt, der ihm bei einer Reise nach Israel verloren gegangen sein soll – doch Wechsler kann sich an den Koffer nicht erinnern. Auf den Spuren fragwürdig gewordener Erinnerungen reist er nach Israel und gerät in ein Verhör. Tatsächlich, stellt sich heraus, ist er schon einmal dort gewesen, und sein damaliger Gastgeber, Amnon Zichroni, gilt seither als vermisst …

Ein faszinierender, spannender Roman über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen und das Ringen um Identität. Meisterhaft konstruiert – und als Buch zum Wenden zugleich eine Liebeserklärung an das Medium Buch.

Ein Wort voraus…
Es gibt Bücher, die liest man, bespricht man und vergisst man. Es gibt Bücher, die liest man, man bespricht sie ausführlich, weil sie einen Eindruck hinterlassen und behält sie in guter oder schlechter Erinnerung. Und dann gibt es Bücher, die können nicht einfach besprochen werden, weil sie so beeindruckend sind, weil sie so viel vermitteln, dass man eine ganze Weile braucht, um überhaupt zu verstehen, was einem geboten wurde. Und um ein solches Buch handelt es sich bei „Die Leinwand“ von Benjamin Stein.

Das erste, was auffällt ist die Aufmachung. Von hinten oder von vorne, egal mit welcher Geschichte man beginnt, es ist sehr wahrscheinlich entscheidend für den Gesamteindruck, den das Buch hinterlässt. Mein Einstieg war der um Jan Wechsler. Jan Wechsler, ein Verleger, der enorme Erinnerungslücken hat und sich mit einem intensiven Prozess um seine Identität auseinandersetzen muss. Die andere Geschichte, das ist die um Amnon Zichroni, ein jüdischer Psychonanalytiker , streng jüdisch erzogen, mit einem interessanten Lebenslauf. Ist es jetzt eigentlich eine Geschichte oder sind es zwei? Was haben diese Personen miteinander zu tun?

Um das Buch zu verstehen, sollten die Hintergründe des Plots bekannt sein. Es ist nicht zwingend notwendig, aber es verleiht dem Roman einen besonderen Reiz.

Der Hintergrund
1995 veröffentlichte ein Mann namens Binjamin Wilkomirski sein Buch namens „Bruchstücke – aus einer Kindheit 1939 – 1948“. Darin berichtete er in autobiografischer Form über die Ermordung eines Mannes durch einen Uniformierten in Riga, die er beobachtet haben soll, über seinen Aufenthalt in zwei Konzentrationslagern, Auschwitz und Madjanek, und über seine Opferschaft „bestialischer Menschenversuche“ in diesen KZs.

Von Kritikern wurde Wilkomirskis Buch seinerzeit mit Begeisterungswellen überschüttet und erhielt zahlreiche Literaturpreise. Laut der Zeit online gab es zwar „Gewalt- und Horrorszenen aus den Lagern, die ein wenig zu klar und zu effektvoll wirken“ – wie „auf der Couch eines Psychoanalytikers rekonstruierte Alpträume eines Traumatisierten“ (Süddeutsche Zeitung). „Da kriechen Ratten aus Frauenbäuchen, Hirnmasse quillt aus Babyschädeln und Blut schießt den Opfern in mächtigen schwarzen Fontänen aus den Hälsen.“ Im Allgemeinen jedoch hielt man sich stark mit zweifelnden Aussagen zurück, da es Erinnerungen eines Zeitzeugen waren deren Anzweiflung als revolutionär anmaßende Bösartigkeit gedeutet worden wäre.

Der Journalist Daniel Ganzfried jedoch veröffentlichte am 27. August 1998 einen Artikel in der Züricher Weltwoche, in der er Binjamin Wilkomirskis wahre Identität preisgab. Laut Ganzfried hieße Wilkomirski in Wahrheit Bruno Grosjean und in einem Weisenhaus in der Schweiz aufgewachsen. Von dort sei er von einem wohlhabenden Ehepaar namens Dössekker aus Zürich adoptiert worden. Ganzfried konnte im Laufe der Zeit einen lückenlosen Lebenslauf Wilkomirskis vorlegen, was dazu führte, dass dessen Erinnerungen tatsächlich als Fiktion entlarvt wurden.

Nach dieser Aufdeckung begann die Diskussion darüber, was diesen Mann, Bruno Grosjean, dazu brachte solche Erinnerungen nieder zu schreiben. Es wurde Ermittlungen von allen Seiten angestellt, die darlegten, dass Wilkormiski bzw. Grosjean nicht aus einer bloßen Laune heraus diese Erinnerungen verfasst hatte. Ganz im Gegenteil sollen es bruchstückhafte Erinnerungsfetzen gewesen sein, die im Laufe einer jahrelangen Therapie, die dem Mann helfen sollte verdrängte Erinnerungen wieder zu erlangen, hervor geholt wurden. Dabei wurde festgestellt, dass die Geschehnisse in Polen aus Wilkomirskis Buch sich mit den Erfahrungen seiner Schweizer Kindheit deckten. Auch schlimme Misshandlungen hatte Grosjean erlitten, nur nicht im Zusammenhang mit Konzentrationslagern. Der Züricher Historiker Stefan Mächler versuchte mit diesen Nachforschungen darzustellen, dass Wilkomirski nicht berechenden und kalt vorgegangen war, sondern Opfer einer Erinnerungsfälschung im Rahmen einer „Recoverd Memory Therapy“ geworden sei.

„Dabei muß der Therapeut dem Klienten zur Ermutigung immer wieder bestätigen, daß seine Erinnerungen als Bestandteile einer historischen Realität angehört und aufgenommen werden. […] Es bedarf bei dieser Form der Psychotherapie, wie die Autoren ausführen, der Zusammenarbeit des Psychologen mit einem Historiker, um die oft vagen Erinnerungssplitter der Patienten im richtigen Kontext einzuordnen. Das klingt auf Anhieb sehr einleuchtend. Wer jedoch Wilkomirskis Buch kennt, den wird es im Fortlauf des Referats schaudern. Denn erstens stammen alle Beispiele für das Gelingen der Therapie aus ebendiesem Buch. Wenn hier dreimal von “einem Klienten” die Rede ist, wodurch der Eindruck erweckt wird, es sei von mehreren Personen die Rede, so verbirgt sich dahinter doch jedesmal nur Bruno Doessekker, das abgelegte Alter ego des Binjamin Wilkomirski. Und es scheint, als sei der in der Therapie Doessekkers maßgeblich zu Rate gezogene “Historiker” wiederum niemand anders als Binjamin Wilkomirski (“Ostrava University, Czech Republic”). Man bekommt hier einen tiefen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Buches. Es ist gezeugt worden aus dem Geist einer anmaßenden Psychotherapie, die sich zutraut, Lebenssinn und gar eine “Identität” zu erzeugen, indem sie als “historische Wirklichkeit” akzeptiert, unterstützt und bestätigt, was auch immer vom Klienten vorgebracht wird.“
[Quelle: Zeit online]

Das Buch
Stein nimmt den oben beschriebenen Hintergrund als Grundlage seines Romans. Als thematischen Hintergrund. Dabei geht er nicht in der Hauptsache auf die Person „Wilkomirski“, im Buch „Minsky“, ein, sondern auf die beiden anderen Figuren, den Journalisten Jan Wechsler und den Psychoanalytiker Amnon Zichroni. Was der Autor aus diesen Figuren macht, wie er die Geschichten der beiden zu seiner Geschichte macht, und uns damit die Kultur des Judentums und die Problematik des Identitätsverlustes nahe bringt, ist großartig und äußerst beeindruckend.

Über Jan Wechsler erfahren wir sehr intensiv, wie es sich anfühlen mag, wenn die eigene Identität, der eigene Hintergrund, nicht vorhanden ist. Wie kann man ein verlässliches Leben führen, wenn man sich nicht auf seine Erinnerungen verlassen kann? Wie wird Identität erworben und wie zu einem unauslöschlichen Bestandteil einer Persönlichkeit? Diese Fragen beantwortet Stein natürlich nicht, nein, er wirft sie auf mit der Geschichte um Jan Wechsler. Es sind Fragen, mit denen wir uns nicht alltäglich beschäftigen, weil sie nichts mit unseren alltäglichen Problemen zu tun haben. Umso faszinierender ist es, die Auseinandersetzung mit der Thematik Identitätsverlust zu verfolgen.

“Ich weiß nicht, ob ich mich mehr vor der Möglichkeit fürchtete, dass Wechsler meine Erinnerungen und damit mich selbst gestohlen hatte, oder aber vor einer zweiten, die ich für schlimmer hielt: Ich selbst könnte der Dieb sein und irgendwann in den letzten zehn Jahren die Regensburgers, Hillers und Markovás adoptiert und ihre Familiensaga zur Geschichte meiner Familie gemacht haben. Wenn es so war, dann existierte ich gar nicht. Dann bestand ich nur aus der Vorstellung, die ich mir und anderen von mir gemacht hatte.”

Amnon Zichroni dagegen hat kein Problem mit Identitätsverlust. Ganz im Gegenteil besitzt er sogar die Fähigkeit in die Erinnerungen anderer einzutauchen, deren Identität quasi nachvollziehen bzw. vielmehr selbst erleben zu können. Es ist nicht so, dass der Fall „Minsky“ das zentrale Thema um Zichronis Teil ausmacht. Dies wird lediglich auf den letzten zwanzig Seiten behandelt. Vielmehr wird Amrons Leben, sein Aufwachsen in der Schweiz bei seinem Onkel, seine Studienzeit in New York und seine als Psychonanalytiker bedeutendsten Fälle dargestellt. Amnon wächst stets in einer strengen jüdischen Glaubensgemeinschaft auf und behält diesen tiefen Glauben auch.
Wir begleiten Amnon auf seinen Weg zum Psychoanalytiker. Der allgemeinen Schulmedizin gegenüber entwickelt er eine große Skepsis, die nach den Begegnungen mit alternativer Medizin sogar in Ablehnung überschlägt.

“Der mechanistisch argumentierende und auf Apparate und Substanzen vertrauende Medizin erschien mir wie ein faszinierendes Ende aber doch abwegiges Gedankenexperiment, das nicht aufgehen konnte, weil in ihrer Gleichung die Variable des göttlichen Funken in allem Lebenden fehlte.“

Benjamin Stein schreibt aus eigener Erfahrung. Er selbst ist Jude und wuchs in der DDR auf. Allerdings berichtet er durch Jan Wechsler, der glaubt, in der DDR aufgewachsen zu sein, über die Erfahrungen des jüdischen Lebens in der DDR, nicht durch Amnon. Ein sehr interessanter Einblick übrigens.

Stein erzählt in einem sehr anspruchsvollen aber unterhaltenden Ton über jüdisches Leben, über Identität und Wahrheit. Für mich war es eine herausfordernde Lektüre, da ich mich nur bedingt mit jüdischen Gepflogenheiten auskannte und mich nebenbei einlesen musste bzw. wollte. Schon lange habe ich mich nicht mehr mit den Inhalten eines Romans so intensiv beschäftigt, wie bei diesem Buch. Das ist es, was ich mir unter Literatur vorstelle, die Kultur ausmacht.

Aufgrund dessen ist es, so schätze ich, der falsche Ansatz diesen Roman als Unterhaltung zu verstehen. Ich verstehe ihn als Vermittlung von Kultur und einen Beitrag zur Völkerverständigung auf unterhaltender Ebene. Er ist etwas ganz Besonderes. Nicht nur, weil man es von vorne oder von hinten lesen kann. Es führt an Themen heran, die nicht häufig als Plot dienen. Daneben vermittelt die Lektüre eine Fülle an Informationen, die aufgenommen, erforscht und bewertet werden wollen.

Fazit
In Sternen ist hier schwer zu urteilen – meines Erachtens werden nur fünf Sterne dem Werk nicht gerecht. Viel Zeit und Muße sollte man sich für das Lesen nehmen. Keine Empfehlung an alle. Aber eine große Bereicherung, wenn man sich darauf einlässt, die sich setzen muss und die nachwirkt. Also doch eine Empfehlung – eine ganz persönliche.

Am Rande...
Hintergrundinformationen über den Fall Wilkomirski bei Wikipedia
Als Zweitbuch bzw. Sekundärliteratur empfehle ich wärmstens [avhamazon locale="DE" asin="3548367135" linktype="text" picsize="small"] von Paul Spiegel.


Die Leinwand – Benjamin Stein
416 Seiten, Gebunden, 2010, 19,95 Euro,
C.H.Beck

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Weitere Bücher von Benjamin Stein und weiterführende Literatur
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19
Feb 10

[Fachbuch] GIMP – Bettina K. Lechner

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Klappentext
Das Buch liefert in zwei großen Teilen alles, was frischgebackene oder erfahrene GIMP-User brauchen. Der erste Teil widmet sich grundlegenden Arbeitstechniken und zeigt, wie z.B. Ebenen funktionieren, was welches Werkzeug leistet oder wie man eine exakte Auswahl umsetzt. Der zweite Teil liefert Praxisworkshops für alle Aufgaben rund um Bildbearbeitung und Webdesign. Digitalfotografen be- und verarbeiten Fotos und bereiten sie für den Druck auf, Webdesigner erfahren, wie sie Banner und Buttons, aber auch ganze Websites erstellen und vieles mehr. Ein Exkurs zeigt Fotografen, wie sie Bilder direkt aus dem Camera-Raw-Format bearbeiten und mit Copyright-Informationen ihre Fotos schützen.Der Anhang bietet Kapitel über das Erstellen von Scriptings für Script-Fu und einen Überblick über die wichtigsten Plug-Ins und wo man sie findet.

Sowohl als Lehr- als auch als Nachschlagewerk hervorragend!

Mein Einstieg in die Nutzung von Zeichenprogrammen war eine mehr als frustrierende Erfahrung. Ich wollte ab und an etwas für die Website gestalten und scheiterte spätestens an den Ebenen. Dann beginnt man sich an Tutorials entlang zu hangeln, was für dedizierte Aufgabenstellungen sicherlich stets sinnvoll ist. Wenn jedoch das Grundlagenverständnis nicht vorhanden ist, ist das Scheitern bei individuellen Aufgaben vorherzusehen.

Das vorliegende Buch von Bettina K. Lechner hat meine Ansprüche an ein Lehrbuch in dieser Hinsicht mehr als erfüllt. Seitdem ich es besitze, hat es GIMP zum Zeichenprogamm erster Wahl gebracht. Der Aufbau gliedert sich in vier Hauptteile:

  • Einstieg in die GIMPologie
  • Praxis
  • Extras für Fortgeschrittene
  • Webdesign und einen ausführlichen
  • Anhang

Der Einstieg bietet alles, was es braucht, um das Konzept von GIMP zu verstehen und somit den erfolgreichen Umgang damit zu erlernen. Hier werden alle Aspekte und Werkzeuge ausführlich vorgestellt und anhand bebilderter Schritt-für-Schritt Anleitungen zum “Mitmachen” vorgeführt. Diverse Exkurse zu den Themen Digitale Bilder und Farben runden das Einsteigerkapitel voll und ganz ab. Es bleiben keine Fragen offen.
Besonders betont werden sollte an dieser Stelle, dass die Autorin wirklich keine Verständnislücke hinterlässt und mit hilfreichen Tipps am Seitenrand noch Möglichkeiten zum schnelleren Vorgehen anbietet. Und sollte von der Beschreibung her nicht exakt klar sein, was Frau Lechner vorführt, so geht sie sehr explizit auf mögliche Fehlerquellen ein und nimmt damit der Frustration jeglichen Wind aus den Segeln. Es ist auf jeder Seite spürbar, dass die Autorin GIMP und GIMPs Tücken sehr genau kennt.

Das Praxis-Kapitel ist der Abschnitt, der von mir stets aufs Neue aufgesucht wird. Hier geht’s um konkrete Problemstellungen und deren Bearbeitung, denen man während der täglichen Arbeit begegnet: Kontraste, Schärfen, Moiré-Effekte, Verschönerungen von Portraits (typische Aspekte hierbei sind rote Augen, Hautunreinheiten, Augenringe etc., die alle entfernt werden wollen), das Freistellen von Objekten, Montage aus mehreren Bildern usw. Auch hier sind wieder alle Anleitungen bebildert und in nummerierten Schritt-für-Schritt Beschreibungen vorhanden, so dass das Gelingen garantiert ist.

Im Fortgeschrittenen Teil werden speziell Themen für professionelle Fotografinnen und Fotografen erarbeitet. An dieser Stelle fällt mir eine Bewertung schwer, da mich dieses Kapitel bisher nicht berührt hat. Es sind kleine Extras für Professionelle, die wahrscheinlich nicht jederman interessieren aber dennoch die Profis nicht außer Acht lässt.

Das letzte und wiederum sehr interessante Kapitel ist “Webdesign” und richtet sich an alle, die Bilder für das Web erstellen wollen/müssen. Hier wird die Erstellung grafischer Buttons und Banner erläutert, als auch die Bearbeitung von Bildern speziell für das Web und ein paar weitere webspezifische Dinge.

Im Anhang erläutert die Autorin die Installation von Plugins und Erweiterungen, die Installation von GIMP unter Mac und reicht noch eine umfangreiche Linkliste nach, die bei weiteren Fragen und/oder Unklarheiten aufgesucht werden können.

Die Aufmachung und Qualität dieses Buches ist sehr hochwertig und lässt rein gar nichts zu Wünschen übrig. Auf dem Buchrücken wird darauf hingewiesen, dass dieses Buch eher für Fortgeschrittene Anwender ist. Dem möchte ich widersprechen. Wie oben schon erläutert, habe ich mir das Buch zugelegt als ich noch nicht einmal wusste, wie eine Fläche mit Hintergrundfarbe ausgefüllt werden kann. Sprich, ich war eine echte Anfängerin. Die Inhalte des Buches haben mich jedoch schon weit über diesen Status hinaus gebracht. Eine grundsätzliche Empfehlung also auch für Einsteiger.

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Da mir das Buch so gut gefallen hat, habe ich mir im Nachgang noch die inhaltlich gleiche Lern-DVD gekauft und dies nicht bereut. Heute nutze ich zwar nur noch das Buch, aber gerade zu Anfangszeiten war mir die DVD als Parallelwerkzeug eine große Hilfe.

Fazit
Ein Fachbuch, das sowohl Basiswissen als auch fortgeschrittene Techniken vermittelt. Dabei wird detailliert und didaktisch vorbildlich auf die Vermittlung der Praxiskenntnisse eingegangen. Wer mit GIMP arbeitet oder dies zukünftig tun möchten, sollte sich nicht scheuen, dieses Buch als Standardwerk zuzulegen. Dabei ist das Preis/Leistungsverhältnis mehr als fair!
Hervorragend!


GIMP – Bettina K. Lechner
355 Seiten, 2009, 39,95 Euro
Addison-Wesley Verlag

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GIMP: Fotos korrigieren, retuschieren und raffiniert präsentieren
GIMP ist mittlerweile so leistungsfähig und dabei so benutzerfreundlich, dass es eine echte Alternative zu den kommerziellen Software-Produkten darstellt.
Dieses Buch begleitet ambitionierte Digitalfotografen ab dem Zeitpunkt, wo das Bild aus der Kamera oder dem Scanner kommt, bis hin zu einer gelungenen Präsentation. Bettina Lechner erklärt Schritt für Schritt das Schärfen, die Farbkorrektur, wie man Rauschen reduziert oder extravagante Effekte einbringt. Sie zeigt aber auch alle gängigen Retusche- und Montagetechniken wie Freistellen, Porträtretusche oder außergewöhnliche Texteffekte.
Die CD enthält eine Auswahl der im Buch verwendeten Bilder zum Ausprobieren und eine uneingeschränkt verwendbare Vollversion von GIMP.

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GIMP Workshops für Fortgeschrittene
Erscheint im Juli 2010

Zu diesem Buch gibt es noch keine Kurzbeschreibung

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CSS Pur! – Ultimative Weblösungen mit Stil – komplett in Farbe – mit ausführlicher Referenzkarte
In der professionellen Gestaltung von Websites kommt niemand mehr um Cascading Style Sheets herum. Erst mit dem Einsatz von CSS ist eine Trennung von Layout und Design möglich. Die Vorteile liegen auf der Hand: Suchmaschinenoptimierung, rasche Umsetzung von Designänderungen, Umsetzung von Templates für Content Management Systeme und Barrierefreiheit.Das Buch CSS in der Praxis gibt einen umfassenden Überblick in die umfangreiche Welt der Cascading Style Sheets. Zu Beginn erhalten Sie fundiertes Wissen zu CSS, Sie lernen die Grundlagen auf einem lösungsorientierten Anwender-Level, perfekt erklärt für Einsteiger und Fortgeschrittene! Dieses Wissen hilft Ihnen den weiteren großen Praxis-Teil des Buchs noch besser zu verstehen. Anhand von drei kompletten Websites sehen Sie wie Sie CSS problemlos einsetzen um unterschiedliche Designwünsche zu realisieren. Jedes dieser Designs hat einen anderen Grundaufbau und andere Lösungen bei der Umsetzung, die verständlich erklärt werden. Viele der CSS-Elemente lassen sich untereinander kombinieren sodass sich unzählige Möglichkeiten und Wege zur Umsetzung von Websites eröffnen!


13
Feb 10

[Zeitgenössisch - Hörbuch] Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland

“Es war im Jahr 1988, da hatte mein Freund Bernd den perfekten Plan: die DDR zu verlassen. Ausgerüstet allein mit seinem grünen Sozialversicherungsausweis, wollte er am Silvestertag sich über die VR Polen und die UDSSR nach Nordkorea durchschlagen und anschließend irgendwie nach Südkorea weiterziehen.”

Kurzbeschreibung
Herr W. hat eines Tages eine ominöse Einladung in der Post: Auf einer Podiumsdiskussion unbekannter Untergrunddichter soll er Auskunft geben über sein Werk, über die Unterdrückung in der DDR und über seine Erlebnisse als Staatsfeind. Zuerst glaubt er an einen schlechten Scherz. Ist er überhaupt gemeint? Mit der DDR hat er doch längst abgeschlossen, nachdem sie 1989 wie ein falsch montiertes Chemieklo zusammenklappte. War er je als Dichter auffällig geworden? Als unterdrückter gar?

Ich schlage vor, dass wir uns küssen W. stellt Nachforschungen an, unterzieht sich bei der Psychologin Tyna Novelli einer Rückführungstherapie in die DDR-Vergangenheit und nimmt schließlich Einsicht in seine Stasi-Akte. Was für ein Fund: Tatsächlich sind hier seine lyrischen Gehversuche unter dem Titel “Mögliche Exekution des Konjunktivs” abgeheftet, dazu sämtliche Liebesbriefe an Liane in München – alles von einem Oberleutnant Schnatz über Jahre akribisch gegengelesen, verwegen gedeutet und als staatszersetzend-konterrevolutionäres Schrifttum eingestuft.
“Ich schlage vor, dass wir uns küssen” ist ein Roman über die Absurditäten der Erinnerung, auch der eigenen, über rätselhafte Wirkungen unbeholfener Gedichte und über eine Liebe, wie sie nur in Zeiten der deutschen Teilung blühen konnte. Ein Buch über die Mauer, die es nie gab. Eine wahre Geschichte, die niemand für möglich gehalten hat. Nicht einmal ihr Verfasser.

Die Geschichte dieses Buches beruht auf einer wahren Begebenheit: die DDR hat es wirklich gegeben.

Herr W. fischt eines Tages eine Einladung vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands aus seinem Briefkasten. Eingeladen wird zum Symposion „Dichter, Dramen, Diktatur – Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR“. Gerade sein Werk bezeuge, welchen Widrigkeiten junge und kritische Literatur im Realsozialismus ausgesetzt war.
Herr W. ist einigermaßen überrascht von dieser Einladung, kann er sich doch nicht daran erinnern, zu DDR-Zeiten schriftstellerisch tätig gewesen zu sein noch als Unterdrückter gegolten zu haben. Laut Aussage der Frau Schneider, seiner Ansprechpartnerin vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands (VUDD) jedoch, habe er Gedichte geschrieben, die er nun öffentlich vortragen soll.

Ich sagte, es gäbe keine Gedichte, könne keine geben und falls es doch welche gäbe, dann seien sie nicht von mir. Sie erklärte, dass sie das nicht glauben könne, dass sie sie schließlich gelesen habe und dass ein Irrtum ausgeschlossen sei, es sei denn, sie irre. Ich wusste nichts. Sie wusste alles.

Ob dieser „Unterstellungen“ neugierig geworden, besorgt sich Herr W. das Bändchen mit Anthologien, herausgegeben von eben jenem Verein und entdeckt doch tatsächlich seinen Namen und, wie er selbst sagt, „interessante biografische Zusatzinformationen“. Sein Werk: „Mögliche Exekution des Konjunktivs“.

Ich habe eine Liebste und diese Liebste ist schön.
Ich wollt‘ ich könnt‘ mit der Liebsten
Mal um ein paar Ecken und hinter die Hecken
Von hier bis nach drübsten gehen.

Doch das ist alles erst der Anfang, erst ein Beispiel der lyrischen Ergüsse Herr W‘s.. Nachdem er seine Stasiakte zugeschickt bekommt, die nicht wenige Unterlagen enthält bzw. so ziemlich all das, was er jemals zu Papier gebracht hat (inklusiver aller Liebesbriefe an seine Liane), beginnt sein Rückblick in allen Einzelheiten. Was er so angestellt hat und wie das, was er so machte, von der Stasi nebenbei „operativ“ bearbeitet wurde.

Es ist wie vielfach beschrieben: eine Geschichte prall gefüllt mit geistreicher Spaß-Lyrik und viel Klamauk ohne verklärende Blicke und frei von Nostalgie über die letzten Stunden der DDR. Gelesen vom Autor selbst bietet dieses Hörbuch einen hohen Genuss, dem sich zu entziehen schwer fällt. Seine Analysen sind haarscharf, seine Vergleiche erfrischend originell, ein Kalauer jagd den nächsten. Und das alles, auf einem sehr intelligenten Niveau!

“OPK – Operative Personenkontrolle. Keine Ahnung, was das ist. In der DDR wurde ja gern und ausdauernd kontrolliert. Wenn Länder Neurosen haben könnten, dann hätte die DDR chronischen Kontrollzwang. Zum Krankheitsbild gehört, wie man weiß, sorgfältige Verheimlichungstendenzen, da Zwänge auf Mitmenschen oft absurd und lächerlich wirken können. Zwangsneurotiker wissen auch um die Sinnlosigkeit ihrer Kontrollrituale und doch müssen sie, wie ferngesteuert, immer weiter machen.“

Rayk Wieland liest äußerst gelungen sein eigenes Buch. Wie sollte es auch anders sein? Besonders die Gedichte erhalten durch ihn die richtige Tonlage. Die Stimme ist angenehm „rauh“ und enthält stets einen amüsierten – irgendwie naiven – und leichten Unterton. Die Autofahrten wurden zu den vergnüglichsten Zeiten meines Tages. Vielen Dank dafür, Herr Wieland! Und um alle Zweifel bezüglich der Hörbuchversion auszuräumen: Es ist ungekürzt!

Fazit
Ein hoch vergnügliches Gute-Laune-(Hör)Buch zum Thema „Erinnerungen an die DDR“. Es tut einfach gut, die sinnlose Absurdität der Aktivitäten und Spitzeleien, die dort betrieben wurde, auf die Spitze getrieben serviert zu bekommen. Herr W. und sein Konjunktiv als Staatsfeind Nr. 1. Ganz großes Kino!


Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland
5 Std. 4 Min., ungekürzte Lesung, Audible Download,
Hörprobe auf der Audible Seite erhältlich

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5
Feb 10

[All-Time-Favourites] Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4 – Sue Townsend

Das Intimleben des Adrian Mole... Inhalt
Adrian Mole ist ein ganz normaler Jugendlicher und so hat er auch die ganz normalen, altersbedingten Träume und die ganz normalen, altersbedingten Probleme: Pickel, Schule und Mädchen. Mal altklug, mal Herz erfrischend naiv kommentiert er aus der Sicht des Heranwachsenden die – für seine Begriffe – reichlich verworrene und undurchschaubare Erwachsenenwelt. Nicht nur die Beziehung seiner Eltern ist ihm manchmal ein unerklärliches Rätsel, unbegreiflich ist ihm auch, wie der Rundfunk seine Gedichte ablehnen kann. So sind Adrians Gefühle wie ein Jojo in einem ständigen Auf und Ab begriffen. Da sind ihm weder sein 39 Jahre alter, Kette rauchender Kumpel Bert, seine vierzehn Jahre alte Freundin, noch sein bester Freund Nigel eine große Hilfe. Nein, Adrian sieht sich als missverstandener Intellektueller und allein gelassen im Kampf gegen eine uneinsichtige, unsensible Umwelt …

“1. Januar Donnerstag Neujahr

Im neuen Jahr werde ich:
1. den Blinden über die Straße helfen,
2. meine Hosen über den Bügel hängen,
3. meine Platten wieder in die Hülle stecken,
4. nicht mit dem Rauchen anfangen,
5. nicht an meinen Pickeln herumdrücken,
6. den Hund gut behandeln,
7. den Armen und Unwissenden helfen,
8. niemals einen Tropfen Alkohol anrühren. Das habe ich mir geschworen, nachdem ich gestern nacht meine Eltern beduselt erlebt habe – wie entwürdigend!

Bei der gestrigen Party hat der Vater den Hund mit Weinbrand vollaufen lassen. Wenn das der Tierschutzverein wüßte, könnte er was erleben! Seit Weihnachten sind acht Tage vergangen, doch Mutter aht die grüne Lurex-Schürze, die ich ihr geschenkt habe, immer noch nicht umgehabt. Nächstes Jahr bekommt sie Badesalz.
Natürlich muss ich ausgerechnet am ersten Tag des neuen Jahres einen Pickel am Kinn bekommen.”

[Erster Tagebucheintrag]

Sympathischster Verlierer-Typ des Universums!
Ein Buch, das man mit fünfzehn das erste Mal mit großer Begeisterung gelesen hat, mit dreißig das zehnte Mal und mit mindestens genauso großer Begeisterung liest – das kann nur eines der besten Bücher überhaupt sein!
In Tagebuchform, aus Sicht des Adrian Mole natürlich, wird hier die Thatcher-Ära der 80-er Jahre ohne Unterlass auf’s Korn genommen. Und zwar derart, dass auch Jugendliche bzw. Menschen ohne Kenntnisse der politischen Vorgänge dieser Zeit verstehen dürften was “Gut” und “Böse” ist.

Im Kern selbst ist die Story nicht lustig. Aber wie so oft erzeugt dies die Lacher. Adrian ist ein völlig orientierungsloser Pubertierender, der in einem eher asozialen unkonventionellen Umfeld aufwächst. Ihm geht es eigentlich nicht sehr gut. Er macht sich Sorgen über sein Aussehen (Pickel), über die Größe seines Penises (Lineal muss her…) und über seine soziale Herkunft und die ihm versperrten Möglichkeiten. Seine Eltern versaufen das Geld lieber als das sie ihm ordentliche Sportkleidung für den Unterricht besorgen und er muss sich einigen Mobbing-Attacken von Schulkollegen stellen. Wie er dies macht bzw. wie er dies beschreibt ist selbstverständlich nicht entsetzend, sondern zum Lachen, denn Adrian bemitleidet sich nicht selbst. Also, doch, eigentlich schon, aber auf eine sehr neutrale Art und Weise. Bis Adrian versteht was ihm widerfährt ist es schon vorbei. Und im Nachhinein betrachtet man die Dinge ja immer etwas nüchterner – er ist schließlich auch hochintellektuell und betrachtet sämtliche Umstände aus einer weisen Distanz… Was soll er auch sonst machen als intellektueller Geist zwischen einem arbeitslosen Versager-Vater und einer trinksüchtigen Mutter, die die Hilfe des lieben Nachbarn für seinen Geschmack manchmal “zu häufig und zu intensiv” in Anspruch nimmt?

Adrian stapft tapfer von einem Fettnäpfchen ins nächste und es ist ein Genuss ihm dabei zuzuschauen. Darüber hinaus aber nimmt er aber auch auf seine herrlich naive Art an der politischen Entwicklung seines Landes teil. Er hat zwar überhaupt keine Vorstellung davon, was die Aktivitäten der Eltern seiner Freundin “Pandora”, die mächtig einen Sprung in der Schüssel hat, bewirken, aber er schreibt sehr unterhaltsam darüber und deutet sie zumindest im Ansatz positiv.

Die Autorin überspitzt natürlich maßlos und fühlt dabei den Schwächen des politischen Systems mächtig auf den Zahn. Sie ist in England weit bekannt für ihre Kritik an der Klassengesellschaft und der Monarchie. Margaret Thatchers Wirtschaftspolitik hatte schlimme Auswirkungen im Land: Massenarbeitslosigkeit, Armut, Zerfall der Gesellschaft in eine “Zweiklassengesellschaft” mit politisch gewollter Hinnahme der Ungleichheit, mangelnde Toleranz, Ignoranz dagegen im Überfluss…
Alles, was kritisch zu beäugen ist, beäugt die Autorin kritisch, immer mit Fokus auf Absurditäten der Gesellschaft. Und Durch Adrian Moles Augen. Sicher, das ein oder andere Malheur darf da nicht fehlen und der Humor schon gar nicht, aber nichtsdestotrotz sind die Botschaften, die hinter diesen Einträgen stecken sehr deutlich und furchtlos. Ihrer maßlosen Verachtung gegenüber dem politischen System lässt Sue Townsend freien Lauf. Einige Thatcher-Szenen dürften zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches sicherlich nicht bei allen Lesern Freude hervorgerufen haben…
Alle bedeutenden politische Ereignisse dieser Zeit finden übrigens auch einen Platz in Moles Tagebüchern.

Sue Townsend trifft folgende Aussage zu ihrer Motivation die Bücher zu schreiben, die sie schreibt:

Ich denke, wenn die Menschen lachen, und sie lachen gerne, achten sie auch auf das, was hinter dem Lachen steckt. Das Kunststück besteht also darin, auch ernste Themen mit Humor zu behandeln, Komik nicht außer Acht zu lassen, wenn es ernst wird – das soll die Leser herausfordern und sie sensibilisieren. Ich nenne diese Art der Schreibe “serious comedy”. Darum geht es mir, dieses Genre liegt mir am Herzen.
[Quelle: sueddeutsche.de: Interview mit Sue Townsend ]

Fazit
Was soll ich sagen? Dieser erste Teil gehört meiner Meinung nach zu den besten Jugendbüchern, die es zum Thema “politische Kritizität” gibt. Das Adrian die gleichen Höhen und Tiefen durchlebt wie fast jeder Pubertierende in seinem Alter, dürfte auch seinen großen Erfolg in Deutschland erklären. Der Wiedererkennungseffekt ist recht hoch und herrlich belustigend. Ein Buch, dass tief verwurzelte Fehlzustände aufzeigt und gesellschaftskritische Grundsätze vermittelt. Und das sicher nicht nur für Jugendliche – unbedingt lesen!


Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4 – Sue Townsend
410 Seiten, Goldmann,
ISBN 3442101638, 8,50 Euro


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Die Reihe um Adrian Mole

  • Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4. Die geheimen Tagebücher erstmals komplett und unzensiert vollständig in einem Band
  • Die Cappucino-Jahre
  • Adrian Mole und die Achse des Bösen
  • Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole

Die Reihe um Adrian Mole (Englisch)

  1. The Secret Diary of Adrian Mole Aged 13 ¾
  2. The Growing Pains of Adrian Mole
  3. True Confessions of Adrian Albert Mole
  4. Adrian Mole – The Wilderness Years
  5. Adrian Mole – The Cappuccino Years
  6. The Weapons of Mass Destruction
  7. The Lost Diaries Of Adrian Mole 1999 – 2001
  8. Adrian Mole – The Prostrate Years

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Krieg der Schnecken
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