4 Sterne


29
Mrz 10

[Belletristik] Schöner wohnen mit Mann – Ursula Schröder

Lust auf “heile Welt”, “Happy End” und seichtes “Familien-Geplänkel”? Dann ab auf’s Sofa mit diesem Buch!

Schoener wohnen mit Mann

Kurzbeschreibung
Was, wenn der Mann deines Lebens der eigene Schwager ist? Jahrelang hat Dani niemandem davon erzählt, doch nun kommt Michael plötzlich nicht nur als Kunde in ihre Werbeagentur … Wie wird Rosi mit der neuen Situation umgehen? Und was will die Jüngste im Bunde bitte mit Jan anfangen, der sich gerade in den Kopf gesetzt hat, schwul zu sein? Es wird Zeit, dass sich die Schwestern über ihre innersten Wünsche und Gefühle klar werden.

Entspannung pur
Mit einem wehmütigen Seufzen habe ich diesen wunderbaren “Heile-Welt-Roman” zu Ende gelesen und mich daran erfreut, dass alles so gekommen ist, wie es sein sollte: Rosarot und auf sehr einfache Weise, wie ich es mir für alle handelnde Personen erwünschte.

Der Stoff, aus dem die Geschichte stammt, ist bekannt und nicht weiter kompliziert: Dani, die schönste und handwerklich begabte der drei Schwestern, trifft völlig unvermittelt auf ihren heimlichen Jugendschwarm, der zufälligerweise auch der Ex-Mann ihrer Schwester ist. Aufgrund dieser doch eher brisanten Thematik, die bei anderen Romanen schon mal zu Mord und Totschlag führen kann zumindest aber immer den Totalzusammenbruch einer Familie bedeutet, befürchtete ich eine hochdramatische Entwicklung, altbekannte Entwicklungsmuster und somit auch eine 08/15-Story um Geschwisterrivalität. Zu meinem großen Erstaunen jedoch stellte ich fest, dass diese Geschichte voller herzensguter Menschen steckt, die zwar alle ein bisschen Neid und Eifersucht durchscheinen lassen, aber niemals bösartig oder unsympathisch sind oder gar werden. Nicht einmal die fiese Chefin von Dani wird den Anforderungen an diesem Wort gerecht, allerhöchstens kann sie als ungemütlich bezeichnet werden. Keiner kommt auf üble Gedanken, und selbst wenn, werden diese im nächsten Moment absolut zivilisiert und menschlich aus der Welt geschaffen. Jeder hat jeden »lieb« (was mehr oder weniger häufig auch zum Ausdruck gebracht wird – sehr dezent, versteht sich) und bringt die notwendige Toleranz, nein, sogar das Verständnis, für etwaige negative Eigenheiten des anderen auf. Meines Erachtens hat die Autorin hier eine beachtliche Leistung abgegeben, denn Vor- und Nachteile der Figuren so zu zeichnen, dass sie 1:1 verteilt werden, stellt gewiss keine einfache Aufgabe dar. Somit ist jegliches Sympathiegedränge für die ein oder andere Person von vornherein ausgeschlossen und die Stimmung durchweg positiv. Schön, wirklich schön!

In dieser kleinen Stadt in Deutschland ist die Welt noch in Ordnung, ist alles nicht so schlimm, wie es erst einmal scheint. Und so kann man ein paar Stunden lang in den Alltag der drei Geschwister mit eintauchen, beobachten, wie sie sich einander nähern, die humorigen Dialoge genießen und sich schlichtweg an diesen herrlich friedliebenden Personen erfreuen – auch wenn an dieser Stelle erwähnt sei, dass eine hemmungslose Grundnaivität und Gutglaube an die Menschheit die Mindestbedingungen für einen Genuß oder Lesespaß darstellen.
(Für alle die Manneskraft per Postversand {1} gelesen haben sei an dieser Stelle erwähnt, dass die beiden Geschichten sich vom Stil her sehr ähneln).

Ich resümiere: »Schöner wohnen mit Mann« ist eine Art Rosamunde Pilcher für Softies. Klingt furchtbar? Mir hat es ein paar herrlich entspannte und humorige Lesestunden bereitet.

Fazit
Eine angenehm nervenschonende und seichte Geschichte ohne Anspruch und zur völligen Entspannung, frei nach dem Motto: “Piep, piep, piep, wir ham’ uns alle lieb”. Perfekte Lektüre für trübe Regentage oder trübsinnige Momente – zurücklehnen und genießen. Sollte es eine Fortsetzung geben, ich bin auf jeden Fall dabei!

Weitere Besprechungen
Büchereule
buchinformationen.de
webcritics
roterdorn

Fortsetzungen
2. Teil: Wochenlang kein Schönheitsschlaf
3. Teil: Träum schön weiter


Schöner wohnen mit Mann – Ursula Schröder
384 Seiten, TB,
8,95 Euro,
dtv


Ähnliche Bücher

{1} Manneskraft per Postversand
Die liebenswerten Schwestern Tilda und Elida Svensson führen seit Jahren ein ruhiges Leben im Haus ihrer verstorbenen Eltern. Doch dann zieht der attraktive Alvar ins Nachbarhaus, und das Leben der beiden Damen ändert sich über Nacht. Sie leisten sich den Luxus neuer Sommerkleider und lernen bei Alvar den Komfort eines Badezimmers kennen. Für die Modernisierung des eigenen Hauses fehlt leider das Geld. Als Tilda und Elida eines Tages beobachten, wie der Nachbarkater nach dem Genuß von Blumenerde aus Alvars Petunientopf ungeahnte Potenz entwickelt, kommt ihnen eine glänzende, wenn auch gewagte Geschäftsidee …


12
Mrz 10

[Zeitgenössisch] Der Verlorene – Hans-Ulrich Treichel

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Kurzbeschreibung
Eine Familie hat es nach der Flucht aus dem Osten im deutschen Westen zu etwas gebracht. Doch das alltägliche Leben wird von nur einem Thema beherrscht: der Suche nach dem auf dem Treck verlorengegangenen Erstgeborenen, Arnold. Der jüngere Bruder und Ich-Erzähler des Romans erfaßt schnell, daß ihm nur eine Nebenrolle zugedacht ist. In seiner Vorstellung wird das, was die Eltern ersehnen, nämlich die Rückkehr des Verschwundenen, zum Alptraum. Lakonisch-distanziert und zugleich ironisch-humorvoll erzählt Hans-Ulrich Treichel, Jahrgang 1952, die Geschichte seiner Generation.

Bedrückend…

Diese kurze Geschichte handelt von einer Familie, die aus Russland vertrieben wurden und dabei ihren Erstgeborenen, Arnold, verloren. Erzählt wird aus Sicht des jüngeren Bruders, der das verzweifelte Verhalten und die Ruhelosigkeit der Eltern in grotesken Szenen beschreibt, die sehr Konsternierung hervorrufen.

Viele Themen der Nachkriegszeit werden hier angegangen, nicht im Detail, denn aus Sicht eines Kindes sind es stets verschwommene, unklar bedrückende Geschehnisse, die nicht in Gänze erfasst werden können. Aber die bittere Realität, die dahinter steckt, lässt sich erahnen: die Schrecken der Flucht, die Vergewaltigung der Mutter, der Rassenhass. Und all dies immer mit Blick auf den verlorenen Sohn dessen “verloren gegangen sein” vor allem von der Mutter nicht überwunden werden kann. Die Selbstvorwürfe und das aus diesem Schuldgefühl heraus entstehende egozentrische Verhalten der Mutter sind nervenzerreißend für alle Beteiligten – vor allem aber natürlich für den Ich-Erzähler, der sich zunehmend nichts mehr wünscht, als das Arnold aus seinem Leben verschwindet.

“Damit war, für mich jedenfalls, Arnold ein weiteres Mal gestorben. Beziehungsweise das Findelkind 2307. So unwahrscheinlich es nun war, daß es sich bei dem Findelkind um meinen Bruder handelte, so unwahrscheinlich war es nun auch geworden, daß ich mit ihm mein Zimmer teilen mußte. Ich war beruhigt, auch ein wenig enttäuscht, aber mehr beruhigt als enttäuscht.”

Höhepunkt der Geschichte sind die Untersuchungen in Heidelberg, die die Eltern und der Ich-Erzähler über sich ergehen lassen müssen, um herauszufinden ob das “Findelkind 2307″ der verlorene Sohn Arnold sein könnte. Es ist eine schmerzhafte Odyssee, die letztendlich ein ebenso schmerzhaftes aber absolut angemessenes Ende nimmt.

Und so, nämlich aus Sicht des kindlichen Erzählers, bringt es Treichel mit seiner Erzählung fertig, diese eigentlich furchtbare Geschichte – eine Atmosphäre voller Schuldgefühle – in eine tragikkomische Verpackung zu hüllen, die über den monotonen Stil Distanz bewirkt aber dabei mit dem bestechend klaren Blick des Erzählers spannend bis zuletzt einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Treichel ist ohne Zweifel ein fesselnder Erzähler.

Fazit
Eine schmerzhafte Suche nach dem verlorenen Sohn und der verlorenen Vergangenheit, die die Unmöglichkeit der Aufarbeitung dieser Geschehnisse vor Augen führt. Eine kurze, aber sehr eindringliche Nachkriegserzählung.
Ein feines, kurzes und empfehlenswertes Buch!


Der Verlorene – Hans-Ulrich Treichel
174 Seiten, TB, 7.90 Euro,
Suhrkamp Verlag


Weitere Besprechungen

Weitere Bücher von Hans-Ulrich Treichel
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9
Mrz 10

[Kochbuchtipp] 20 minuten sind genug – Cornelia Trischberger [Hrsg.]

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Kurzbeschreibung
Stress im Alltag, danach hektisch ins Freizeitvergnügen, dazwischen hurtig, hurtig in die Kantine oder der schnelle Griff zu Tiefkühlpizza, Miracoli und Co. – so sieht die Situation bei vielen aus, ob bei Familien oder Singles. Dass kulinarische Langeweile keineswegs zum Alltag gehören muss und man es besser machen kann, zeigt diese 20-Minuten-Küche: Hier gibt es über 150 unkomplizierte und abwechslungsreiche Rezepte mit dem Genuss-Plus, die dank einfacher Zubereitung und Supermarkt-Zutaten in max. 20 Minuten auf dem Tisch stehen. Genau richtig für die Bedürfnisse von heute – von Sandwich und Salat bis Schnitzel und Spätzle-Pfanne.

Die Herausgeberin
Cornelia Trischberger hat ihre Koch-Leidenschaft zum Beruf gemacht und ist erfolgreiche Autorin und Food-Journalistin. Nach dem Studium der Sozialwissenschaften und einer Ausbildung an der Journalistenschule war sie Ressortleiterin für Kulinarisches bei einer großen Frauenzeitschrift. Als Testesser für ihre neuesten Küchenkreationen vertraut sie auf das strenge Urteil von Tochter Theresa.

Tolle Ideen für die schnelle und gesunde Küche!

Der Klappentext verspricht 150 unkomplizierte und abwechslungsreiche Rezepte und damit verspricht er nicht zuviel.

Wie gewohnt ist auch dieses GU-Kochbuch reich und hochwertig bebildert und macht Appetit auf mehr. Die Gerichte, die ich bisher nachgekocht habe (Linsentopf mit Lauch, Zucchini-Tortilla-Pfanne und Marseiller Bohnentopf) waren tatsächlich rasch zubereitet, gekocht und sehr lecker.

Ein kleines Manko ist die fleisch- und fischlastigkeit der Rezepte. Wünschenswert wären hier Angaben von Alternativen zu den häufigen Fleisch- oder Fischprodukten. So hätten auch diejenigen etwas von diesen wunderbaren Rezepten, die nicht ganz so häufig mit Fleisch/Fisch kochen. Allerdings stellt es meist kein Problem dar, das Fleisch oder den Fisch einfach auszulassen (abgesehen von den entsprechenden Gerichten, die sich darauf konzentrieren natürlich).

Was hier besonders positiv auffällt, ist der Fokus auf die Verwendung frischer Zutaten. Trotz schneller Kücher sollte die Zubereitung nicht darunter leiden. Damit hebt es sich von der Masse ab, denn nicht selten wird die Verwendung von TK- und/oder Dosenprodukten empfohlen anstatt darauf hinzuweisen, dass frische Zutaten sich ebenfalls schnell zubereiten lassen.

Fazit
Dieses Kochbuch enthält tolle Rezepte und auch Ideen für Rezepte, die leicht und mit gängigen Zutaten nachzukochen sind und damit voll überzeugen. Rundum empfehlenswert!
Über eine vegetarische Ausgabe davon würde ich mich auch riesig freuen…

Der Inhalt

  • Alles aus einem Topf
  • Alles aus einer Pfanne
  • Schnelle Nudeln
  • Schnelles Fleisch
  • Schneller Fisch
  • Salate zum Sattessen
  • Snacks zum Sattessen
  • Süsse Blitzdesserts

20 minuten sind genug – Cornelia Trischberger [Hrsg.]
187 Seiten, Gebunden, 2010, 14,90 Euro,
Gräfe & Unzer Verlag


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1
Mrz 10

[Belletristik] Adressat unbekannt – Kressmann Taylor

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Kurzbeschreibung
Adressat unbekannt, erstmals 1938 veröffentlicht, ist ein literarisches Meisterwerk von beklemmender Aktualität. Gestaltet als Briefwechsel zwischen einem Deutschen und einem amerikanischen Juden in den Monaten um Hitlers Machtergreifung, zeichnet dieser kurze Roman in bewegender Schlichtheit die dramatische Entwicklung einer Freundschaft.

Die Kraft der Worte…
Das Vorwort von Elke Heidenreich scheint länger als der eigentliche Inhalt des Buches. Und trotzdem, diese 1938 veröffentlichte Geschichte um die Freundschaft eines Juden und eines Deutschen, die sich in Amerika kennen lernen, gemeinsam ein Geschäft eröffnen und dann getrennt werden, weil der Deutsche wieder nach Deutschland zieht, ist ein extrem starkes Stück.

Es beginnt sehr liebevoll. Der Deutsche kehrt im Jahr 1932 mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Die beiden Männer trauern um ihre Freundschaft, was sie sich in Briefen auch stets beteuern. Nach und nach jedoch beginnt sich der politische Wandel Deutschlands, die Nazifizierung, auch in den Kopf des Deutschen, Martin Schulse, festzusetzen. Und plötzlich wendet sich das Blatt. Aus wahrer Freundschaft wird wahre Feindschaft. Der Jude in Amerika muss hilflos miterleben wie sein ehemals bester Freund sich als Opportunist dem Mitläufertum hingibt und beginnt Dinge zu schreiben, wie

…aber du weißt, daß ich mit aller Aufrichtigkeit spreche, wenn ich sage, daß ich dir nicht wegen, sondern trotz deiner Rasse gewogen bin.

Es ist unbegreiflich, wie die Menschen diesen Hasstiraden gefolgt sind, nein viel schlimmer noch, sie für gut geheißen haben. Aber genau so, wie Kressmann Taylor es schon 1938 beschrieb, mag es sich vielfach zugetragen haben. Das erschreckende am Fall Martin Schulse ist jedoch, dass der politische Wandel wohl auch zahlreiche Menschen beeindruckte, denen es stets gut ging. Martin Schulse hat die Leiden der Nachwehen des ersten Weltkrieges nicht erlebt. Er war in Amerika, wohlhabend und weit entfernt vom Kriegsgeschehen. Demnach müsste man davon ausgehen, dass er Dinge differenzierter bewerten würde, als diejenigen, die aufgrund ihrer katastrophalen Lage nach jedem Strohhalm griffen, jeden Führer mit einem Strahlen aufgenommen hätten.

Auf nur knapp 60 Seiten bekommen wir ein äußerst pointiertes Bild davon, wie sich der Wahnsinn nicht schleichend, sondern rasend schnell im Kopf eines Mannes festsetzt und sein Werteverhalten komplett verändert. Dass der Jude letztlich seinen Freund Feind mit der eigenen Munition trifft, tröstet im Wissen um die Millionen Gequälten und Toten dieses Grauens leider nur bedingt.

Fazit
Ich neige nicht dazu pauschale Buchempfehlungen auszusprechen. Aber in diesem Fall mache ich eine Ausnahme. “Adressat unbekannt” ist ein sehr kurzes, sehr eindringliches und sehr wichtiges Buch, das an dieser Stelle mit Nachdruck empfohlen sei!

Achtung: Es sollte erwähnt werden, dass das Vorwort die gesamte Geschichte vorweg nimmt. Möchte man noch intensiver an das Geschehen heran kommen, empfiehlt es sich sehr, das Vorwort erst als Nachwort zu lesen!


Adressat unbekannt – Kressmann Taylor
61 Seiten, TB, 1938, 4,95 Euro,
Rowohlt Verlag

Weitere Besprechungen

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26
Feb 10

[Zeitgenössisch] Einfache Gewitter – William Boyd

Kurzbeschreibung
Ein Mann. Eine Zufallsbekanntschaft. Ein Aktenordner. Ein Toter.

Von einer Sekunde auf die andere muss Adam Kindred, angesehener Klimatologe, auf Durchreise in London, untertauchen. Jeder Weg zu seinem früheren Leben ist versperrt. Kontakt zur Familie nicht möglich, Kreditkarte und Mobiltelefon nicht zu benutzen, das Hotelzimmer außer Reichweite.

Nur Stunden zuvor hatte er in einem kleinen italienischen Restaurant in Chelsea Philip Wang kennengelernt, Chef-Entwickler des Pharmakonzerns Calenture-Deutz. Als er ihn wenig später in seinem Appartment aufsucht, um einen vergessenen Ordner vorbeizubringen, findet er einen sterbenden Mann vor. In Panik flieht Adam, alle Indizien weisen auf ihn. Er versteckt sich auf Brachland nahe der Themse und muss nun, wie tausend andere in London, im Untergrund, im Verborgenen leben. Schnell hofft er seine Unschuld zu beweisen, doch ahnt er nicht, welchen Mächten er gegenübersteht.

William Boyd erzählt die Geschichte eines Mannes, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Er erzählt, welche Kräfte jemand entwickelt, dem alles genommen ist, und welch unerwartete Wege sich in düsterer Stunde auftun. Ein Roman über die Zerbrechlichkeit unserer Identität, in dem Boyd einmal mehr sein großes Können entfaltet. Und wie bei Ruhelos fasziniert er auch hier durch glänzend recherchierte Hintergründe, Glaubwürdigkeit und ein hohes Maß an Authentizität.

Gute Unterhaltung -mysteriöse Genrezuordnung
Identität und Identitätsverlust scheint dieser Tage ein beliebtes Romanthema zu sein. So auch bei William Boyd und seinem aktuellen Roman „Einfache Gewitter“, mein erstes (Hör)Buch übrigens von diesem Autor.

Das Buch wird momentan in den Spannungsecken der Buchhandlungen bzw. in den Krimi/Thriller-Ecken der Online Buchhandlungen verkauft. Wie es dazu kommt, keine Ahnung. Ich könnte mir vorstellen, dass es ob dieser Zuordnung schon den ein oder anderen unzufriedenen Leser gegeben haben mag. Klar, es wird gemordet, es wird gejagd, aber alles recht vorhersehbar und nervenschonend. Ich darf das behaupten, weil ich prinzipiell aufgrund zu schwacher Nerven das Thriller-Genre meide – nicht nur aus diesem Grund, aber mitunter.

Was bietet dieser Roman? Nun, einen guten Einblick in die Londoner Untergrund- und Bettlerszene sicherlich. Aber auch eine kleine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, heutzutage einfach abzutauchen, seine Identität abzulegen. Von heute auf morgen den Verlust des eigenen Hintergrundes und eine Neuorientierung in eine Richtung, die im Optimalfall nur eine große Verschlechterung der Lebenssituation darstellt, im Normallfall jedoch ein Kampf ums Überleben bedeutet. Daneben wartet Boyd mit interessanten Figuren auf. Leider bleibt aber auch kein Klischee auf der Strecke, insbesondere was die „bösen Buben“ aus den osteuropäischen Ländern, die in den Londoner Untergrund abtauchen, angeht.

Viel Neues wird nicht geboten. Dubiose, politisch weitreichende, Machenschaften in der Pharmaindustrie sind keine Überraschung. Die Auflösung, sofern von Auflösung überhaupt gesprochen werden kann, ist keine Auflösung, da von vornherein ersichtlich. Als Thriller funktioniert die Geschichte nicht. Keine rasanten Actionszenen, keine überraschenden Wendungen – ganz im Gegenteil, die Jagd läuft mehr als gut aus Adam Kindreds Sicht des Gejagden, und keine falschen Fährten.

Was William Boyd zweifellos kann, ist gut erzählen. Seine Figuren sind zwar nicht in der Tiefe ausgearbeitet, aber sie sind wunderbar „Gut“ und „Böse“ und manchmal auch ein bisschen zwischendrin (so z.B. die Prostituierte, in die sich Adam Kindred ein bisschen verliebt). Die Dialoge wirken zwar hin und wieder recht aufgesetzt (besonders die Unterschicht mit den Migranten, oder bei Jonjo, dem Ex-Soldat und Berufskiller), aber wahrscheinlich ist das die notwendige Portion Authenzität aus Boyds Sicht.

Ich habe mich auf die Geschichte eingelassen und wurde auf rein unterhaltender Ebene nicht enttäuscht. Bis zum Schluss habe ich dem Sprecher gebannt zugehört. Rückblickend bin ich zwar über den Schluss enttäuscht, aber das wusste ich zum Zeitpunkt des Hörens ja nicht…

Was die Genrezuordnung angeht ist es weder Fisch noch Fleisch. Für eine Einordnung ins zeitgenössische Genre hat es meines Erachtens nicht genug Substanz, für einen Thriller bietet es zu wenig Rasanz und/oder Spannung. Gewünscht hätte ich mir einen „runderen“ Plot mit einem adäquaten Abschluss oder aber eine differenziertere Gesellschaftsstudie.

Die Lesung selbst war makellos. David Nathan besitzt eine angenehm ausdrucksstarke Stimme, mit der er Persönlichkeiten gekonnt in Szene setzt und eine optimale Atmosphäre erzeugt. Besonders das gesprochene Herantragen des unterkühlten Milieus der Shaft-Bewohner hat mich beeindruckt. Wirklich gut. Es hat großen Spaß gemacht ihm zuzuhören. Langweiligen Autofahren wurde damit das Garaus gemacht.

Fazit
Was immer es auch wirklich sein soll, als Hörbuch funktioniert es wunderbar und bietet beste Unterhaltung. Als netten Zeitvertreib kann ich es nur empfehlen! Ganz im Gegensatz zu meiner Erwartung (nach den Kritiken zu Ruhelos) allerdings keineswegs anspruchsvoll.


Einfache Gewitter – William Boyd
7 Std. 39 Min., 2010, Audible Download,
Sprecher: David Nathan

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23
Feb 10

[Belletristik] Begrabt mich hinter der Fußleiste – Pawel Sanajew

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Kurzbeschreibung
Sascha Saweljew lebt bei seiner Großmutter, die mit ihren wilden Flüchen, ihrer tyrannischen Fürsorge und der unerklärlichen Wut auf Saschas ferne Mutter wie einem bösen Märchen entsprungen zu sein scheint. Seine Welt besteht aus Verboten, Wollstrumpfhosen, merkwürdigen Badeprozeduren und dem Staphylococcus aureus, der angeblich in seinem Körper wütet. Sascha ist überzeugt, dass er mit 16 verfault sein wird und wie die Geschenke seiner Mutter in dem Müllschlucker in der Küche landet. Saschas Glück ist die Mutter, sein Leben ist die Großmutter, und das eine scheint das andere auszuschließen. Kaum je wurde der Horror einer Kindheit mit solch tragikomischer Verve beschrieben wie in dem erzählerischen Debüt des russischen Filmautors Pawel Sanajew.

Tragikkomische und autobiografische Erzählung einer russischen Kindheit
Sascha ist ein ca. fünfähriger Junge, der, weil seine Mutter in laut seiner Großmutter einfach hergegeben hat, bei eben dieser aufwachsen muss. Sie ist tyrannisch, leidet an Depressionen und flucht in einem Maße, was mich zu Beginn das Buch weglegen lassen wollte. Eigentlich “ver”flucht sie vielmehr. Sie verflucht Sascha, den armen Kerl, der dies jedoch stets recht gelassen hinnimmt, dafür, dass er die “Missgeburt” ihrer Tochter ist, sie verflucht ihren Mann dafür, dass er sie geheiratet hat, sie verflucht ihre Tochter dafür ihren Sohn hergegeben zu haben und ihn ihr “aufgehalst” hat … – sie verflucht eben jeden und alles. Was sie aber am allermeisten verflucht, das jedoch, bleibt dem Leser überlassen zu erkennen, ist sich selbst.

Sascha erzählt im Laufe der Geschichte die verschiedensten Anekdoten aus seiner Kindheit. Das fängt bei wüsten Beschimpfungen an und hört bei großmütterlichen Überfürsorge auf. Dazwischen gibt es alles an Befindungen und entsprechenden Situationen, die man sich vorstellen kann.

Die Großmutter hat in mir das tiefste Gefühl an Mitleid geweckt. Mitleid für ihr verlorenes Leben, Mitleid für ihre verlorene Seele, Mitleid dafür, dass sie auf so unbeholfene Art und Weise so innig liebt und selbst nicht geliebt werden kann. Sie selbst spricht zum Schluss von ihrer Liebe als “einer hässlichen Liebe”, ohne die sie aber nicht atmen kann. Ich glaube, besser kann man es nicht ausdrücken.

Erzählt wird das ganze aus Saschas Sicht, in einem kindlich naiven Stil, der jedoch die Ernsthaftigkeit der Situationen stets durchblicken lässt. Es dreht sich alles um den Hass der Großmutter gegen die ihr nahe stehenden – ihrer Tochter, ihrem Mann – und vor allem um ihre Schuldgefühle, denen sie hoffnungslos ausgeliefert ist. Wüste Beschimpfungen sind Gang und Gebe, Gewalt steht an der Tagesordnung und auch der Tod spielt eine alltägliche und wesentliche Rolle. Trotzdem, es gibt auch einige wenige Abschnitte, die erkennen lassen, dass die Großmutter nicht nur das Böse verkörperte. Aber, herrje, was Familie an Zerstörungskraft besitzt, das will man manchmal gar nicht so sehr wissen… Sascha ist diesen schlimmen Verhältnissen völlig ausgeliefert und versucht sie auf seine Art für sich zu erklären. Das schmerzt richtig.

Fazit
Eine aussergewöhnliche, schonungslose, erschreckende aber immer auch mit der einer gehörigen Portion Galgenhumor erzählte Geschichte eines russichen Jungen mit einem hoffnungsvollen Ende. Stellenweise lähmend traurig. Ich wünsche diesem Buch eine große Leserschaft. Empfehlenswerte Leseerfahrung!


Begrabt mich hinter der Fußleiste – Pawel Sanajew
240 Seiten, 2009 TB, 8,95 Euro,
Heyne,
Übersetzung von Natascha Wodin

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15
Feb 10

[Zeitgenössisch] Das war ich nicht – Kristof Magnusson

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Drei Personen, eine Stadt: Chicago. Jasper, Meike und Henry treffen dort, rein zufällig, aufeinander. Jasper ist Trader. Er handelt mit virtuellem Geld. Dass das mal schief gehen kann haben wir in letzten zwei Jahr im Rahmen der Finanzkrise selbst erfahren. Warum das aber schief gehen kann, was dahinter steckt und was „virtuelles Geld“ eigentlich im engeren Sinne bedeutet, das haben vielleicht nicht alle verstanden. Jasper begeht eine kleine überhebliche Dummheit, nein, eigentlich macht er alles richtig, aber es läuft eben alles aus dem Ruder. An dieser Stelle setzt Magnusson an. Der Part rund um Jasper und seine Geschäfte ist eine gute Möglichkeit die Hintergründe der Finanzwelt nachzuvollziehen. Keine Angst, dabei prasseln nicht seitenweise Fachbegriffe der Finanzwelt nieder, nein, vielmehr bekommen wir unvergleich einleuchtende Erläuterungen, die auf unterhaltsame Weise für einen Mehrwert an Allgemeinbildung sorgen.

“Es könnte so kommen wie in dem Disney-Comic, den jemand an die Wand hinter dem Wasserspender gehängt hatte: Tick, Trick und Track bieten auf einem Flohmarkt Limonade an. Tick hat einen Taler, kauft ein Glas, trinkt es. Zahlt den Taler an Trick. Der kauft damit ein Glas, trinkt es. Zahlt an Track. Auch der kauft ein Glas und zahlt mit dem Taler. So verkaufen die Drei sich reihum mit demselben Taler immer wieder neue Limonade. Als alle Flaschen leer sind, glauben Tick, Trick und Track, dass sie viel Geld verdient haben – schließlich haben sie ja jedes Glas Limonade verkauft. Als sie festestellen, dass in ihrer Kasse nur ein Taler ist, fallen sie aus allen Wolken.”

Klasse, absolut laientauglich diese Erklärung, oder?! Ja, so oder so ähnlich muss es den Finanzexperten wohl auch gegangen sein.

Neben Jasper gibt es noch Meike. Meike übersetzt überwiegend „Hausfrauenpornos“. Einmal aber darf sie ein ganz großes Werk übersetzen: „Unterm Ahorn“, vom gefeierten amerikanischen Schriftsteller Henry La Marck. Das ist ihr Durchbruch. Denkt sie.
Wir lernen Meike kennen, als sie gerade dabei ist, aus ihrem vermeintlichen Bilderbuchleben zu verschwinden. Im Prinzip hat sie in Hamburg alles, was man sich so wünschen kann: einen zuverlässigen, netten Freund (das ist jetzt mal so angenommen, wir kommen ihm nicht sehr nahe und Meike verrät auch nicht allzu viel über ihre Beziehung), weitere nette und sorgende Bekannte, alle gerade auf dem Weg Familie zu gründen und sesshaft zu werden. Meike sieht sich in die Enge getrieben, fühlt sich unwohl, vielleicht auch dem Druck der Bilderbuchgesellschaft nicht mehr gewachsen, packt ihre sieben Sachen, nimmt Abschied von Hamburg und zieht ans Ende der deutschen Welt. Dort angekommen, wartet sie nun auf das neueste Werk von Henry La Marck, das sie wieder übersetzen soll. Zuvor muss sie jedoch lernen ihr Holz zu hacken für den Ofen.

Tja, und dann gibt es noch Henry. Henry, der Schriftsteller, der mit seinem Buch „Unterm Ahorn“ den Bestseller schlechthin geschrieben hat. Henry ist gefeiert, darf in Talkshows, gemeinsam mit Elton John, auftreten und erhält Preisnominierungen. Besser könnte es nicht laufen. Schwer im Magen liegt ihm nur, dass die Menschheit gerade auf seinen Jahrhundertroman wartet, den er selbst versprochen hat zu schreiben. Noch schwerer im Magen liegt jedoch die Tatsache, dass er nicht nur nicht fertig ist mit diesem Roman, sondern, dass er noch nicht einmal ein Wort dazu niedergeschrieben hat. Er steckt ein bisschen in der Klemme. Um unangenehmen Fragen nach dem Manuskript auszuweichen haut er auf einer Party einfach ab und versteckt sich.

Jasper, Meike, Henry. So ist auch das Buch aufgebaut. Aus immer wechselnder Erzählperspektive und immer aus Sicht der jeweiligen Person berichtet, nimmt die Story eine rasante Entwicklung an. Jasper ist bereits in Chicago, Meike fliegt im Laufe dorthin und Henry ist ohnehin aus dieser Gegend. Alle drei treffen sie per Zufall aufeinander und ihr Schicksal wird auf originelle Art und Weise miteinander verwoben. Jasper ist Henrys „Business-Boy“, Meike findet Henry toll und Jasper findet Meike toll.

Kristof Magnusson hat ein tolles Händchen für’s Schreiben – das steht fest. Keine Zeile Langatmigkeit, kein Wort zu viel. Der Plot ist originell, der Spaßfaktor ganz hoch. Klasse Unterhaltung. Kurze Kapitel, rasante Handlung machen „Das war ich nicht“ zu einem rasanten Roman über aktuelles Zeitgeschehen. Hinterher passt alles, alles ist schön, es bleibt kein Türchen offen. „Das war ich nicht“ als Titel war eine gute Wahl.

Fazit
Nichts Tiefgründiges, nichts Schweres, aber flott und sehr unterhaltsam. Eine sichere Empfehlung für ein paar gelungene Lesestunden. Gute Unterhaltung!


Das war ich nicht – Kristof Magnusson
283 Seiten, 1. Auflage 2010,
Kunstmann Verlag

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Zuhause
Auf Weihnachten in Reykjavik hat Larus Ludvigsson sich so richtig gefreut. Aber dann kommt alles anders. Kurz vor der Abreise macht sein Freund mit ihm Schluss, das isländische Einwohnermeldeamt erklärt ihn für tot, und Dagur, der sich in Larus verliebt hat, begeht Selbstmord. Dagur, der aus der einflussreichsten Familie Islands stammt, war einer mysteriösen Enthüllung über seine Vorfahren auf der Spur. Larus gelingt es, hinter das Geheimnis um Dagurs Familie zu kommen. Doch dabei wird er selbst mit seiner isländischen Herkunft auf eine Weise konfrontiert, die er sich nie hätte träumen lassen …


3
Feb 10

[Biografie] Wo fahren wir hin, Papa? – Jean-Louis Fournier

“Wenn man über behinderte Kinder spricht, macht man meistens ein betretenes Gesicht. Wenigstens diese eine Mal möchte ich versuchen, mit einem Lächeln über euch zu reden. Ihr habt mich oft zum Lachen gebracht – nicht immer unabsichtlich.”

Wo fahren wir hin PapaWie gerne hätte der Vater seinen Söhnen ‘Tim und Struppi’ geschenkt – aber leider können sie nicht lesen. Wie gerne wäre er mit ihnen auf die Berge gestiegen, hätte mit ihnen Musik gemacht, hätte mit ihnen Volleyball gespielt – aber leider können sie immer nur mit Holzklötzchen spielen. Thomas und Mathieu sind behindert und waren nie das, was sich der Vater gewünscht hätte: normale Kinder.
Pointiert und mutig schildert Fournier das Leben mit seinen zwei Söhnen, die zu lieben nicht leicht war. Für die beiden wäre eine Engelsgeduld nötig gewesen, doch Fournier, bekennt er offen, war kein Engel.

“Keine Literatur kann in puncto Zynismus das wirkliche Leben übertreffen.” (Anton P. Tschechow)

Ich habe bereits viele Meinungen zu diesem Buch gehört und gelesen und kann die teilweise vernichtenden Kritiken zwar nachvollziehen aber nicht für gut heißen. Allein den Aspekt “hier spottet ein Vater über seine schwerstbehinderten Kinder” zu betrachten ist – meiner Meinung nach – zu oberflächlich.
Was Jean-Louis Fournier hier verfasst hat, ist schonungslos ehrlich – vor allem sich selbst gegenüber. Wie schwer er an diesem, seinem Schicksal hadert, ist äußerst niederschmetternd. So schreibt Fournier an einer Stelle:

Wenn Kinder einen Vater brauchen, auf den sie stolz sein können, dann brauchen Väter umgekehrt die Bewunderung ihrer Kinder, um selbstsicherer zu sein.
(Seite 126)

Ja, das ist wohl wahr und gilt sicherlich nicht nur für Väter. Jeder, der Kinder hat, wird wissen, dass es wenig schönere Momente im Leben gibt, als die, in denen wir die ehrliche Zuneigung unserer Kinder bekommen und wie sehr uns dies für unsere Mühe, Sorgen und Ängste entlohnt, die wir mit ihnen auch haben.

Wo fahren wir hin, Papa?
Price: EUR 12,90

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Das Buch selbst ist eine Aneinanderreihung von Wünschen, Verwünschungen, Hoffnungen, Hoffnungslosigkeiten, Äußerungen der Selbstverachtung, Äußerungen zum Selbstschutz und nicht zuletzt auch die Suche nach dem “Warum”. Und dabei gilt: je schwärzer der Humor, desto tiefer die Verzweiflung.

Die anderen sagen: “Ein behindertes Kind ist ein Geschenk des Himmels.” Sie sagen es aber nicht etwa aus Spaß. Und es sind selten Leute, die selbst behinderte Kinder haben.
Wenn man so ein Geschenk bekommt, will man am liebsten zurufen: “Ach! Das wäre doch nicht nötig gewesen…”
(Seite 34)

Mathieu hat nicht viel Ablenkung. Er sieht nie fern, ist auch nicht nötig, er hat´s auch so zum geistig Behinderten gebracht.

Die Konzentration auf die Söhne ist so stark,dass seine Frau und seine gesunde Tochter (mit der ebenfalls etwas nicht stimmt, was wir aber nicht erfahren) kaum eine Erwähnung finden. Es scheint, als wäre die Trennung von seiner Frau und der Verlust(?) seiner Tochter nur die konsequente Fortführung seines Bilderbuch-Schicksals. Er ist letztlich “nur” noch Vater von zwei schwerbehinderten Kindern. Sicher liest sich aus der ein oder anderen Zeile auch eine Spur Selbstmitleid heraus. Aber das ist doch völlig legitim, oder nicht? Darf ein Mensch mit einem solchen Schicksal nicht damit hadern? Zu keiner Zeit macht Fournier seinen Kindern einen Vorwurf. Lediglich sich selbst sieht er als Objekt für Mobbingattacken von “ganz oben”.

Ich betrachte dieses Buch als bewussten Tabubruch. Natürlich könnte man die Beweggründe zur Verfassung hinterfragen. Allerdings haben das schon andere getan und selbstverständlich ist die Antwort darauf “die Verarbeitung des Schicksals”. Sicher hat Fournier mit diesen wenigen Sätzen nicht die “ganze Wahrheit” dargestellt – das würde den Unterhaltungswert sicher schmälern. Aber es gibt durchaus auch Momente in diesem dünnen Büchlein, die mich glauben lassen, Fournier habe seine Kinder geliebt. Er hat sich nur nicht von dem Bild bzw. seinem Traum der “perfekten Familie” trennen können, die er meint, hätte haben zu können, wenn die Kinder nicht behindert gewesen wären. Ich weigere mich jedenfalls, davon auszugehen, Fournier hätte dieses Buch nur geschrieben um Aufmerksamkeit zu erlangen. Natürlich war das ein netter und nicht zu unterschätzender Nebeneffekt. Und es sei ihm gegönnt.

Fazit
Es liegt nicht an mir eine Meinung im engsten Sinne abzugeben. Jean-Louis Fournier hat mit diesem Buch sicher eine Lanze gebrochen hat. Die Behinderung seiner Söhne wird von ihm bis auf’s Letzte ins Lächerliche gezogen. Ich sehe dies als eine Art, der Auswegslosigkeit der Situation die Stirn zu bieten, der Autor selbst hält sich für einen schlechten Vater. Ein gewagtes aber mutiges Buch!

Weitere Besprechungen


Wo fahren wir hin, Papa? – Jean-Louis Fournier
160 Seiten, Softcover, dtv,
2009, ISBN 3423247452, 12,90 Euro