3 Sterne


27
Jan 10

[Belletristik] Zwei an einem Tag – David Nicholls * * *

“Ich glaube, das Wichtigste ist, irgendetwas zu verändern”, sagte sie. “Du weißt schon, wirklich zu verbessern.”
“Wie meinst du etwa ‘die Welt verbessern’?”
“Nicht gleich die ganze Welt. Nur das kleine Stück um dich rum.”

Zwei an einem Tag Der neue Roman von David Nicholls stellt einen Tag, den 15. Juli, und zwei eigentlich füreinander bestimmte Menschen, die es nur noch nicht wissen, in den Mittelpunkt. Er besticht nicht nur durch Situationskomik, sondern auch durch die genaue Darstellung des Allzumenschlichen »Gerade stelle ich mir dich mit 40 vor!« doch in dieser Nacht, am 15. Juli 1998, sind Emma und Dexter noch zwanzig, haben sich bei der Abschlussfeier kennengelernt, die Nacht zusammen durchgemacht, am nächsten Morgen gehen beide ihrer Wege. Wo werden sie an genau diesem Tag ein Jahr später stehen? Und wo in all den darauffolgenden Jahren? Und werden sich die beiden, die einander niemals vergessen können und deren Wege sich immer wieder kreuzen, weiterhin immer gerade knapp verpassen oder können sie sich selbst und dem anderen irgendwann eingestehen, dass sie trotz aller markanten Unterschiede füreinander bestimmt sind? Während zwanzig Jahren nimmt David Nicholls jeweils den 15. Juli ins Visier, zeigt, wie Emma und Dexter ihren Weg suchen, reisen, lieben, ausprobieren, sich aber nie aus den Augen verlieren.

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen…
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Emma, eine äußerst intelligente junge Frau, und Dexter, ein sehr gutaussehender junger Mann und Womanizer. Em und Dex verbringen den letzten Tag ihres Collegedaseins miteinander und schwelgen in Erwartungshaltungen der Zukunft gegenüber. “Wie wirst du wohl mit 40 sein?”, ist eine der Fragen, die sie sich gegenseitig stellen.

Dexter ist ein Aufreißer-Typ, der nach “Höherem” strebt. Er möchte berühmt werden oder zumindest bekannt und in aller Munde sein. Er wird erst einmal durch die Welt reisen, seine Hörner abstossen und erforschen, was die Welt denn so kostet. Emma dagegen ist eine besonnenere Figur. Vernünftig, weniger abenteuerlustig, möchte sie ihre Zukunft langsam angehen. Letztendlich landet sie – mit einem Doppel-Einser-Abschluss – erst einmal in einem mexikanischen Restaurant als Servicekraft.

Die erste Frage, die sich mir stellte, war der Sinn dieser Beziehung. Beide Charaktere sind im Grundsatz schon so verschieden von ihren Einstellungen her, dass es mir nicht verständlich erscheint, wie Emma auf Dex und Dex auf Emma “stehen” könnte. Dexter war und blieb mir lange völlig fremd. Abgehoben, das Klischee vom verwöhnten Söhnchen vermittelnd, hatte ich keinen Grund mich weiter für ihn zu interessieren. Und tatsächlich geht es in seinen Gedankengängen zu 90% um Frauen, Sex, Alkohol und Drogen. Trifft er mit Emma zusammen, geht es oftmals nur darum. Wie kann er nur, warum macht er das, warum ist er so oberfläch usw. Die Thematik hat mich stellenweise extrem gelangweilt.

Image of Zwei an einem Tag

Emmas Entwicklung hingegen ist spannender. Ihre Figur reift mit der Zeit und bekommt deutliche Züge, so dass es spannend in jeder Hinsicht bleibt, wie sie sich weiterentwickelt. Ich persönlich finde, hier breitet sich Nicholls Talent zu Erzählen vollständig aus. Hier fühlte ich mich der Figur nah; ich litt, freute und ärgerte mich mit ihr.

Ich habe diese Geschichte weniger als Liebesgeschichte empfunden. Es wird weit mehr thematisiert, zumal es bis über die Hälfte hinaus gar nicht so erscheint, als ob Emma und Dexter unbedingt ein Paar sein müssten. Sie machten als Freunde auf mich einen wesentlich besseren Eindruck.

Nicholls verschont uns erfreulicherweise in Sachen Herzschmerz und Drama. Er besitzt die Gabe eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und das Leben mit Humor und Realistik zu zeichnen (nicht immer realistisch, aber überwiegend…). Keine Aktivierung der Tränendrüsen und keine überflüssigen Floskeleien.

Aber, es ist immernoch eine Geschichte mit Schwächen. Warum muss Dexter so extrem in das Klischee des “Möchtegerns” fallen? Warum muss Emma stets um alles ein bisschen mehr kämpfen? Warum sind die zwei eigentlich nicht zusammen? Warum muss der Leser seitenweise Dexters Alkohol- und Drogenexzesse ertragen? Warum muss Emma sich stets so viel ärgern? Und warum… na ja, Schwamm drüber.

Wenn man von den Standard-Drehbuch-Figuren, der teilweise schlecht nachvollziehbaren Motivation der handelnden Figuren und den doppelt und dreifach Schilderungen der Dexter-Exzesse absieht, bietet die Geschichte alles in allem gute Unterhaltung.

Fazit
Insgesamt sticht dieses Buch aus der Menge der Unterhaltungsromane rund um Beziehung und Freundschaft heraus. Es ist feinfühlig, auf eine unsentimentale Weise, besticht durch unterhaltsame Schlagabtäusche und vor allem frei von Kitsch. Von ein paar Schwachstellen abgesehen, die oben nachzulesen sind, ein gutes Buch in meinem Sinne.


Zwei an einem Tag – David Nicholls
560 Seiten, Kein & Aber Verlag
2009, Gebunden, 22,90 Euro

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Weitere Informationen


Bücher von David Nicholls im Überblick

Zwei an einem Tag
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9
Jan 10

Krimi: Die blaue Liste – Wolfgang Schorlau

1. Teil der Georg Dengler Reihe

Schorlau Die blaue Liste

Privatdetektiv Georg Dengler, früher Zielfahnder beim BKA, ist einem Fall auf der Spur, der fast zu gefährlich für ihn wird und zurückführt in die Zeit der Wende und der großen Gier …

Georg Dengler ist im Unfrieden beim BKA ausgeschieden. Sein erster Fall als Privatdetektiv verspricht leicht verdientes Geld zu werden. »Es geht um meine Freundin«, sagt der Anrufer. »Ihr Vater kam vor zwölf Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Merkwürdig ist nur, er rief sie vorher an und sagte, er habe die Maschine verpasst. Forschen Sie ein bisschen nach und schreiben Sie einen Bericht, damit sie wieder ruhig schlafen kann.« Der Vermisste war Mitarbeiter der Treuhand und Verfasser der »Blauen Liste« – des Dokuments, das der Deutschen Vereinigung einen völlig anderen Weg wies …

Da steckt noch mehr drin!
Georg Dengler ist ein sympathischer Ermittler. Man hat Spaß ihn zu begleiten, seine Vorliebe für die Musik zu genießen und seine netten Nachbarn kennen zu lernen. Aber, er ist durchschnittlich sympathisch. Kein Überflieger, kein Tolpatsch, kein Don Juan der Krimiszene, eben einfach ein typischer “Looser-Typ”-Ermittler. Ist froh, wenn er seine Rechnungen begleichen kann, weil er aus einem Anflug an Gerechtigkeitswahn seinen Job beim BKA geschmissen hat und somit recht mittellos da steht, geschieden, hat einen Sohn, den er selten sieht und eine Ex-Frau, die ihn nervt. Keine seltene Krimifigur also.

Die Story selbst ist bis fast zum Ende hin sehr seicht. Es passiert nicht viel, aber man erfährt dafür viel. Zur Zeit des Rohwedder-Attentats und dem Absturz der Lauda-Air war ich selbst noch zu jung um das bewusst zu erleben. Das von Schorlau aufgegriffene Thema der Privatisierung der Betriebe der ehemaligen DDR und die (möglicherweise) dahinter stehende Korruption, hat jedoch mein Interesse geweckt und mich animiert mehr darüber nachzulesen.

Die geschichtlichen Ereignisse, auf die Schorlau in diesem Buch eingeht, sind folgende:

  • Das Attentat an Rohwedder, das bis heute nicht aufgeklärt ist
  • Der Tod vom RAF-Mitglied Wolfgang Grams, der ebenfalls bis heute nicht wirklich aufgeklärt ist
  • Der Flugzeugabsturz der Lauda Air, dessen Ursache zwar ermittelt wurde, aber dennoch nicht klar ist, warum dies passieren konnte

Im Prinzip können diese Ereignisse zwar unmittelbar miteinander zusammen hängen, müssen es aber nicht. Es ist jedoch sehr interessant, wie Wolfgang Schorlau die Stränge zusammen führt und damit auch sehr bewusst eine politische Haltung klar stellt. Der Autor nimmt erfreulicherweise und mit Quellenangaben ausführlich Stellung zu den Ereignissen und seiner Haltung im Nachwort.

Das Thema reißt übrigens alles raus. Wie oben schon erwähnt, ist der Krimi selbst sehr seicht. Es passieren einige Dinge, die nichts mit der Story an sich zu tun haben und auch überhaupt nicht interessieren. Auch inhaltlich, finde ich, gab es den ein oder anderen Fauxpas, gerade in Bezug auf sexuelle Aspekte. Über den Satz “Hübsche Frauen f… schlecht” bin ich besonders gestolpert.
Oder, völlig vorhersehbare 08/15-Szenen, wie das verärgerte Abnehmen des Telefonhörers “Was willst du noch!” nach einem telefonischen Streitgespräch mit seiner Ex-Frau und dann ist doch jemand anderes dran. Ein abgedroschener Kunstgriff, aber verzeihbar.

Wolfgang Schorlau baut zwei Stränge auf: die Gegenwart, in der Georg Dengler versucht heraus zu finden, was es mit dem Flugzeugabsturz zu tun hat, und die Vergangenheit (ca. 10 Jahre zurück), in der die Ereignisse im Zusammenhang mit Rohwedder wiedergegeben werden. Im Prinzip hätte es diese nicht unbedingt benötigt für den Verlauf der Geschichte. Den theoretischen Hintergrund schon, ja, aber den hätte man auch auf andere Weise vermitteln können. Die Zeitsprünge sind zu Beginn nicht immer nachvollziehbar. Ich musste auf den ersten Seiten einige Male zurückblättern und eine Stelle finden, an der eine Zeitangabe gemacht wird, um mich zu orientieren. Jahresangaben zu Beginn der Kapitel hätten an dieser Stelle sicherlich geholfen.

Image of Die blaue Liste: Denglers erster Fall

Trotzdem, mir hat das Lesen Spaß gemacht. Der Auftakt ist vielversprechend und ich werde in Kürze auch den zweiten Teil lesen, um zu sehen, ob sich Wolfgang Schorlau nicht nur thematisch gut hält, sondern vielleicht auch seine Figuren etwas reifen lässt.

Das Ende war für meinen Geschmack zu fulminant. Dengler wird völlig überraschend zum Actionheld schlechthin. Allerdings hatte ich mich schon sehr bald gefragt, wie der Autor zum Schluß hin die Kurve kriegt, weil schon früh klar ist, dass hier kein normales Krimi-Ende zu erwarten ist. Das hat er, meiner Meinung nach, wiederum souverän gelöst. Könnte sogar so oder so ähnlich gewesen sein.

Fazit
In Bezug auf das zeitgeschichtliche deutsche Thema sehr interessant, in Bezug auf den Krimiinhalt und Protagonisten noch recht ausbaufähig, aber durchaus unterhaltsam.

Die Reihe im Überblick

  1. Die blaue Liste
  2. Das dunkle Schweigen
  3. Fremde Wasser
  4. Brennende Kälte
  5. Das München-Komplott

Informationen

Weiterführende Literatur

  • Raubzug Ost. Wie die Treuhand die DDR plünderte
  • Der Baader-Meinhof-Komplex
  • Black Box BRD: Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams
  • Der letzte Mythos der RAF. Das Desaster von Bad Kleinen. Wer erschoss Wolfgang Grams?

Die blaue Liste
Wolfgang Schorlau
350 Seiten, Taschenbuch, 7,95 Euro,
KiWi Verlag