3 Sterne


21
Mai 10

[Sachbuch] Sternenkinder – Zebothsen/Ragosch

Wenn eine Schwangerschaft zu früh endet

Kurzbeschreibung
Etwa jede fünfte Schwangerschaft endet zu früh mit einer Fehlgeburt. Frauen leiden oft jahrelang unter diesem Verlust, geben häufig sich selbst die Schuld und fühlen sich von ihrer Umwelt unverstanden. Kaum jemand spricht darüber, außer in der Anonymität des Internets: Die einschlägigen Foren, wie z. B. www.sternenkinder.de, quellen über von dem Mitteilungsbedürfnis der Nutzerinnen.
Dieser Ratgeber lässt Betroffene und Ärzte zu Wort kommen, erläutert medizinische Hintergründe und bietet psychologische Hilfe. Ein sensibel geschriebenes und aufklärendes Buch zu einem wichtigen Thema. Prof. Dr. med. Ragosch, bekannt aus der ZDF Dokumentation „Babystation“, erklärt die medizinischen Hintergründe.

Jede Schwangerschaft ist anders… Und jede birgt die Gefahr einer Fehlgeburt in sich… Dieser Tatsache ist man sich als Frau meist bewusst. Und trotzdem ist es eines der härtesten Schicksalsschläge, die eine Mutter treffen kann nach der großen Freude der Schwangerschaft: die große Leere der Seele, die der Verlust hinterlässt. Wie geht man damit um? Wie lässt sich der Schmerz ertragen?

Das Buch setzt genau an dieser Stelle an. Es ist eine erste Anlaufstelle für Betroffene. Zwar gibt es nicht mehr oder weniger Antworten auf die bereits vielfach gestellte Fragen, aber es liefert gute Ansätze um ein besseres Verständnis zu unterstützen. Am hilfreichsten – vor allem in den ersten Tagen – sind allerdings die Erfahrungsberichte anderer Menschen, die ihre Kinder auf diese Weise verloren haben. Es ist nicht die Tatsache, dass Ihnen das gleiche widerfahren ist hilfreich, sondern der Umstand das alle, und wirklich alle, irgendwann wieder zuversichtlich in die Zukunft schauen können. Aus keinem Bericht, aus keinem Forenbeitrag Betroffener geht hervor, dass eine Frau aufgrund einer Fehlgeburt ihren Traum von einem (weiteren) Kind aufgegeben hätte. Das macht Hoffnung. Denn genau dies kann man sich erst einmal nicht mehr vorstellen. Diesen Verlust noch einmal ertragen? Niemals…

Im Vorwort schreibt die Autorin gemeinsam mit dem Herausgeber:

Doch erst die Bereitschaft zahlreicher Mütter und Väter, ihre ganz persönlichen »Sternenkinder«-Geschichten mit eigenen Worten zu erzählen – und so Verzweiflung, Gefühlschaos und neue Zuversicht hautnah nachempfinden lassen -, macht dieses Buch zu einem wirklichen Ratgeber.

Und es ist wirklich so. Der Verlust eines Menschen, den viele gekannt haben, ist nie so einsam, wie der Verlust eines Kindes, dass nie leben durfte, welches aber “in den Herzen ihrer Mütter und Väter gleichwohl für immer den ihnen gebührenden Platz gefunden haben“.

Ein wichtiges Thema auch, auf das im ersten Kapitel eingegangen wird, ist die des frühen Verlustes. Vielfach äußert sich die Umwelt auf eine Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft mit folgenden oder ähnlichen Worten: “Sei froh, dass es jetzt abgegangen ist und nicht erst im achten Monat!” oder “Du hast doch ein gesundes Kind. Sei froh darum!” oder “Das sind jetzt die Hormone. Dir wird es bald besser gehen…”.

Für eine Frau, die sich ein Kind wünscht und schwanger wird, das Leben in sich spürt, die Veränderungen ihres Körpers mit einem Glücksgefühl annimmt – mit dem Gefühl des freudigen Erwartens auf ein neues Leben nach neun Monaten -, für eine solche Frau, gibt es selten etwas Schlimmeres als das Kind zu verlieren. Natürlich steht außer Frage, dass der Tod eines Kindes zu einem Zeitpunkt, zu dem es schon als Mensch erkennbar ist (und in manchen Fällen auch überlebensfähig gewesen wäre) eine andere Sache. Dennoch ist ein Verlust in der Frühschwangerschaft ebenfalls grausam. Die Bindung einer Mutter zu ihrem Kind beginnt genau in dem Moment, in dem sich die Mutter dafür entscheidet eine Beziehung aufzubauen. Das mag in der ersten Schwangerschaft noch etwas später sein (manchmal aber auch nicht), aber spätestens in der zweiten Schwangerschaft, sobald man weiß, was es bedeutet, ein Kind zu lieben und einfach alles dafür zu tun, liebt man dieses Kind von Anfang an mit einer Intensität, die Außenstehende wahrscheinlich nur schwer nachvollziehen können. Das mag sich rein vom Verstand her auch völlig unrealistisch anhören, denn schließlich ist das Kind in einem Frühstadium noch kein Kind, sondern ein Zellklumpen. Aber Herz und Verstand sind leider meistens nicht so sehr im Einklang in solchen Angelegenheiten. Was zählt sind die Bilder im Kopf: das Ultraschallbild mit dem sichtbar pochenden Herzen, die kleine Nabelschnur, der kleine Kopf- und Körperansatz und die Freude darüber einem Kind das Leben schenken zu dürfen. Keineswegs möchte man sich unnötig mit dem Gedanken befassen (müssen), dass mit diesem Kind eventuell etwas nicht in Ordnung sein könnte – oder mit dem eigenen Körper.

Das erste Kapitel trägt die Überschrift “Wenn die Seele Trauer trägt” und geht in der Hauptsache auf den Aspekt des “Loslassens” ein. Es geht um das Gefühlschaos, die Trauerverarbeitung, die Partnerschaft und Anlaufstellen für Hilfe. Das Kapitel liefert eine Menge Erfahrungsberichte betroffener Eltern, die in dieser schwierigen Zeit immens helfen können und ist mit Sicherheit das wichtigste Kapitel des gesamten Buches. Denn alles, was darauf folgt, sind zwar gute und wertvolle aber dennoch auch Informationen, die man fast überall her bekommt.

Fazit
Dieses Buch kann weder die Trauerarbeit abnehmen noch Antworten auf die Warum-Frage geben. Aber die darin enthaltenen Erfahrungsberichte sind voller Hoffnung, Zuversicht und Mut, damit eine große Stütze in einer schwierigen Zeit und machen dieses Buch zu einem wertvollen Ratgeber. Es beinhaltet daneben viele wichtige Informationen für Eltern deren Kinder in der Spätschwangerschaft verstorben sind.
Nichtsdestotrotz ist es “nur” ein Buch, welches das Gespräch/den Erfahrungsaustausch mit Betroffenen nicht ersetzen kann.


Image of Sternenkinder: Wenn eine Schwangerschaft zu früh endet

Sternenkinder – Wenn eine Schwangerschaft zu früh endet – Birgit Zebothsen (Autorin), Prof. Dr. med. Volker Ragosch (Hrsg.)
189Seiten, Softcover, 2007
17,95 Euro,
Südwest Verlag



18
Apr 10

[Zeitgenössisch] Eine besondere Vorsehung – Richard Yates

Ersten Sätze…
“Samstags, nach der Inspektion und nachdem in der Schreibstube Urlaubsscheine ausgegeben worden waren, brach in Camp Pickett, Virginia, eine Stampede aus. Man konnte nach Lynchburg oder Richmond oder Washington, D.C., fahren, und so man willens war, neun Stunden Fahrt auf sich zu nehmen – fünf Stunden mit dem Bus und vier mit dem Zug -, schaffte man es bis nach New York.”

Inhalt
Robert Prentice ist das Ein und Alles seiner Mutter Alice. Ihm, dem sie einst mit einer Statue ein Denkmal setzte, hat die Bildhauerin ihren bisher einzigen Kritikererfolg zu verdanken. Und sie hofft mit siner Hilfe irgendwann künstlerische Anerkennung zu erzielen. Doch plätzlich steht sie allein da mit ihren Fantasien von einem glamourösen Künstlerleben, denn Robert meldet sich zum Militär und geht nach Europa, um auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs zu Ruhm und Ehre zu gelangen.

Kein Yates wie gewohnt…
Richard Yates ist kein Neuland mehr. Nach „Easter Parade“ und „Zeiten des Aufruhrs“ war „Eine besondere Vorsehung“ das dritte Buch von einem Autor, den ich sehr zu schätzen gelernt habe. Während „Easter Parade“ das Scheitern zweier Schwestern darstellt und „Zeiten des Aufruhrs“ uns das gnadenlose Scheitern einer Bilderbuchehe vor Auge führt, befasst sich „Eine besondere Vorsehung“ mit einer gestörten Mutter-Sohn-Beziehung, wobei dies in einem weit weniger dramatischen Maße als die vorherigen Romane ihre Themen behandelten.

Der Prolog verspricht viel: Robert Prentice, in Ausbildung zum Gewehrschützen, achtzehn Jahre alt, befindet sich auf dem Weg nach New York um – wahrscheinlich ein letztes Mal vor dem Einzug zum Krieg – seine Mutter Alice zu besuchen. Robert wirkt dabei verloren, fast hilflos und vor allem heimatlos, wie viele Protagonisten Yates’.

„Er war zögerlich wie ein Tourist, als es galt, die richtige Bahn zu nehmen […]. Er hatte die meiste Zeit seines Lebens in New York oder in der Nähe gelebt, aber kein Stadtteil, keine Straße hatte sich jemals wie sein Zuhause angefühlt: Er hatte in keinem Haus länger als ein Jahr gewohnt.“

Beim Zusammentreffen mit seiner Mutter macht er eher einen unglücklichen und wiederum hilflosen Eindruck. Sie erdrückt ihn mit ihrer Zuneigung, „…sie war so zerbrechlich wie ein Spatz, doch die Kraft ihrer Liebe war so groß, dass er sich wie ein Boxer wappnen musste, um ihre Wucht abzufangen.“ Beim Gespräch im Restaurant verfällt die liebende Mutter in einen immer wieder kehrenden Redeschwall, dem sich Robert nur zu entziehen vermag, indem er ihre Worte in seinen Ohren verhallen lässt.

„Wovon sie sprach, war bedeutungslos, er wusste, was sie tatsächlich sagen wollte. Hilflos und vorsichtig, klein und müde und bestrebt zu gefallen, bat sie ihn, ihr zu bestätigen, dass ihr Lebe nicht gescheitert war. Erinnerte er sich an die guten Zeiten? Erinnerte er sich an die vielen netten Leute, die sie gekannt hatten, und an die vielen auf interessante Weise unterschiedlichen Orte, an denen sie gelebt hatten?“

Was diesen Roman wesentlich von den anderen unterscheidet ist seine Unaufgeregtheit – trotz der Kriegsschilderungen. Meisterhaft gelingt Yates wieder einmal die Emotionen und das Ungleichgewicht der Männerseelen im Krieg darzustellen. Sie halten sich mit Alkohol bei Laune, schwingen mehr oder weniger irgendwelche Heldenreden, machen auch ihrer Angst Luft und merken stets auf’s Neue wie wenig sie eigentlich auszurichten haben, wie sehr sie trotzdem dafür kämpfen müssen.

Roberts Abhängigkeit zu seiner Mutter verfolgt ihn auch ins Kriegsgebiet. Erst durch die Erlebnisse des Krieges schafft er es langsam und unbewusst sich von der seelischen Fesselung an Alice zu befreien. Er kämpft um seinen Platz in der Truppe, immer und immer wieder. Er erleidet stets Rückschläge, die ihn nie aber gänzlich zerstören. Er ist ein Kämpfer, der sich befreien will und um Respekt und Ansehen kämpft.

Auch Alice, Roberts Mutter, ist eine Kämpferin. Eine hoffnungslose. Sie lebt ausschließlich für ihren Traum als berühmte Künstlerin. Sie weigert sich einen Anstellung für einen geregelten Verdienst zu suchen. Alice ist eine sprunghafte, naive und selbstsüchtige Persönlichkeit. Ihre selbsterbauten Luftschlösser zerplatzen ein ums andere Mal, und sowohl Robert als auch sein Vater, der die finanziellen Notlagen ausgleichen muss, leiden darunter. Alice aber ist sich sicher: schon sehr bald wird alles besser und damit rückt die Einzelausstellung immer näher. Jahr für Jahr.

Insgesamt wirkt der Roman ein wenig zerstückelt und an manchen Stellen auch zu sehr gewollt. Meinem persönlichen Empfinden nach hätte die ein oder andere Kriegstaktikschilderung ausbleiben dürfen. Diese wirkten bisweilen langatmig und unbedeutend. Im Vergleich zu „Zeiten des Aufruhrs“ schneidet dieses Buch wesentlich schlechter ab. Der Spannungsbogen, der sich „Zeiten des Aufruhrs“ Seite für Seite langsam aufbaut, wird nicht nahezu in der gleichen Qualität erreicht. Sicher, auch hier versteht es Yates das Scheitern der Figuren detailliert herauszuarbeiten – Robert im Krieg und Alice in ihrem vermeintlichen Künstlerdasein -, aber dennoch fehlte mir das „gewisse Etwas“. Wahrscheinlich ist es die fehlende Eskalation. Es findet keine Begegnung dieser Figuren miteinander statt.

„Eine besondere Vorsehung“ reicht qualitativ sicher nicht an den Vorgänger „Zeiten des Aufruhrs“ heran. Es ist weit weniger dramatisch, viel ruhiger und vom Grundaufbau her weniger zusammen hängend. Im Prinzip sind es zwei Geschichten: die der Möchtegern-Künstlerin Alice, getrennt lebend mit einem Kind, und die von Robert, einem Verlierer-Typ, der um Respekt kämpft und seinen Platz in der Gesellschaft sucht. Beide zusammen haben im Prinzip wenig miteinander zu tun.

Es ist sehr ruhiger Roman. Er ist nicht so, wie man es von Yates kennt. Es baut sich kein grausamer Spannungsbogen im Hintergrund auf, auf den man zusteuert, den man sich aber nicht zu erklären weiß. Hier wird einfach die Geschichte von Robert und Alice erzählt. Wenig aufregend, aber dennoch lesenswert.

Fazit
„Eine besondere Vorsehung“ ist zweifelsohne ein Buch, das sich von der Masse deutlich hervorhebt und immer noch die typischen Yates-Elemente enthält: eine Atmosphäre des Scheiterns und Figuren, die ihrer hilflosen Einsamkeit nicht oder nur schwer entkommen können. Die Erwartungshaltung an eine Story über eine gescheiterte „Mutter-Sohn-Beziehung“ sehe ich jedoch nicht erfüllt.

Weitere Besprechungen
Büchereule
perlentaucher
hr-online
Die Leselust
Berliner Literaturkritik


Image of Eine besondere Vorsehung: Roman

Eine besondere Vorsehung – Richard Yates
390 Seiten, TB, 2008, Originaltitel »A special Providence« (1969)
10,00 Euro,
btb Verlag


Weitere Bücher von Richard Yates
Zeiten des Aufruhrs
Easter Parade
Ruhestörung
Elf Arten der Einsamkeit (Short Stories)
Verliebte Lügner (Short Stories)


1
Apr 10

[Hörbuch] Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch

Lust auf einen überaus netten, humorigen und modernen Liebesroman? Hier ist einer…

Robert und Monika – er 27, sie 42
Robert, siebenundzwanzig und Angestellter eines PC-Game Unternehmens, trifft unerwartet auf seine große Liebe Monika. In einer Reinigung. Robert beschreibt sich selbst als selbstbewusst und gutaussehend. Ja, sogar als Frauenschwarm. Dennoch macht er einen liebenswürdigen Eindruck. Er wirkt ein wenig naiv bei seinen Schilderungen, neigt dazu das ein oder andere Fettnäpfchen mitzunehmen und ist mit einem warmen Herzen ausgestattet. Zum Gernhaben halt.

Mit eher mäßiger Begeisterung habe ich mich dieser Geschichte angenähert. Dafür gab es allerdings keinen Grund. Gernot Gricksch beschreibt realistisch und dabei stets mit Humor die Entwicklung dieser eher ungewöhnlichen Liebe. Ungewöhnlich ist vielleicht nicht das richtige Wort, vielleicht wäre seltene Konstellation besser ausgedrückt. Monika ist fünfzehn Jahre älter als Robert. Das stört ihn jedoch überhaupt nicht. Im Gegensatz zu Monika, die nicht nur um die Beziehung zu ihrem pubertierenden Sohn fürchtet, sondern auch um ihr Ansehen bei Freunden und Verwandten. Und so entwickelt sich nach und nach eine tiefe Zuneigung, die ihre Momente der Leidenschaft erlebt, aber auch die der kräftezerrenden Routine.

Hier ist alles vereint, was unterhält – vor allem Komik. Obwohl die Story eher unspektakulär ist, ja sich fast schon eines 08/15-Plots bedient, unterliegt man umgehend dem Sogeffekt. Keine langweiligen Szenen, keine überflüssigen Beschreibungen – einfach Unterhaltung pur. Es ist sicher nichts spektakulär Neues und auch nicht sonderlich tiefgründig. Aber es ist durchaus nett.

Das Hörbuch bietet zwei große Vorteile: gute Unterhaltung für Erkältungstage im Bett, an denen es nicht zum Lesen reicht, aber der Schlaf nicht kommen will und es ist ungekürzt. Ich habe mich an den Sprecher gewöhnt, bin aber davon überzeugt, dass mir das Buch selbst gelesen besser gefallen hätte. Die Aussprache ist teilweise holprig und die Betonung der Aussagen mit sarkastischem Inhalt bisweilen ermüdend. Ich hätte mich über ein wenig mehr Pointierung gefreut.

Fazit
Die Geschichte macht Spaß! Das Hörbuch ist empfehlenswert, wenn auch nicht ganz nach meinem Geschmack gesprochen. Ich habe mir den Film auf meine Leihliste gesetzt und bin schon sehr gespannt darauf.

Weitere Besprechungen
Büchereule


Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe – Gernot Gricksch
9 Std. 54 Min. (ungekürzt),
Gesprochen von Max Trüffel,
17,95 Euro (regulär), 9,95 Euro (als Audible-Abonnent)
audible


Ähnliche Bücher

Image of Neue Vahr Süd. 12 CDs: Autorenlesung

Neue Vahr Süd
Wir befinden uns im Jahre 1980 in der Neuen Vahr Süd, einem ganz und gar nicht pittoresken Neubauviertel im Osten von Bremen. Für Frank Lehmann, der gerade seine Lehre beendet hat, noch immer bei seinen Eltern wohnt und irgendwie vergessen hat, den Wehrdienst zu verweigern, wird es ein hartes halbes Jahr. Zwar gelingt ihm nach einem Streit der Auszug aus dem Elternhaus in eine chaotische Wohngemeinschaft im Bremer Studentenviertel Ostertor, aber ein neues Zuhause hat er damit noch lange nicht gefunden, und die Neue Vahr Süd holt ihn immer wieder ein. Und während Frank – noch immer rätselnd, wie es so weit kommen konnte – in der Kaserne strammstehen, Hemden auf Din-A-4 falten und durchs Gelände robben muss, streiten seine Freunde für ihre Version der proletarischen Weltrevolution, gegen Militär und Aufrüstung und um die energische Sibille, ohne diese allerdings vorher nach ihrer Meinung gefragt zu haben. Hin- und hergerissen zwischen Auflehnung und Resignation kämpft Frank Lehmann hart am Abgrund und mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln für eine eigene, würdige Existenz zwischen zwei widersprüchlichen Welten. Sven Regener ist ein komischer und zugleich beklemmender Roman gelungen, der uns über den Aufbruch seines Helden in eine verwirrende Zukunft die frühen achtziger Jahre von einer Seite nahebringt, die wir erfolgreich verdrängt zu haben glaubten.
(© Roof Music)
34,95 Euro Audible Preis, 9,95 Euro Audible Abo Preis


7
Mrz 10

[Belletristik] Durch den Wind – Annika Reich

Die ersten Sätze

Alison lehnt ihren Hinterkopf so an Victors Brust, dass sein Kinn auf ihren langen roten Haaren lag. Ihre Haut schimmerte wie vom Mond beschienen, und ihre Augen waren halb geschlossen. Die grüne Seidenbluse hing an einer Seite aus ihrer Hose heraus, und der Kragen war etwas verrutscht. so sah Alison eigentlich fast immer aus, ein bisschen müde oder als wäre sie gerade erst aufgestanden.

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Kurzbeschreibung
Yoko ist Japanerin, Architektin, erfolgreich, selbstsicher. Männer braucht sie nur für eine Nacht. Sie ist auf der Flucht – vor der Familie, vor dem Tod ihres Vaters. Friederike liebt die Natur, die Bücher, aber auch einen Mann, der leider nur seine Freiheit liebt. Dabei wollte sie eigentlich schon mit zwanzig Mutter sein und ihre Doktorarbeit fertig haben. Alison scheint stets ein wenig entrückt. Nichts ist für sie sicher. Vielleicht hat sie eine Doppelgängerin. Vielleicht glaubt sie nur, Victro sei der Mann ihres Lebens. Vielleicht ist der aber auch in Japan auf einer Geschäftsreise verschwunden. Sicher ist: Sie reist ihm hinterher, ins sehr unsichere Gewirr Tokios. Siri ist schön, schillernd und unglücklich. Siehat einen Sohn, einen perfekten Mann, der alles für sie tut und den sie deshalb verachtete. Als ausgerechnet ihre siebzigjährige Großmutter das macht, was sie selbst nicht wagt, und ihren Mann verlässt, bricht Siris wacklige Welt zusammen. Haben die Alten etwa mehr Mut als die jungen Leute?
Annika Reich erzählt in ihrem Roman unterhaltsam und intelligent von Hoffnungen und Enttäuschungen. Am Schluss stellen die vier Frauen fest: Auch wenn sie Verbündete sind, ihre Wünsche sind voll von Gegensätzen. Leben lernen muss jede für sich selbst.

Sind das die Mittdreißigerinnen von heute…

Es fällt mir einigermaßen schwer, für dieses Buch die Worte zu finden, die beschreiben, was ich darüber denke, es aber dabei nicht in einem allzu schlechten Licht belassen. Soviel steht fest: es war nichts für meinen Geschmack. Dabei hatte ich mir sehr viel erhofft, gehöre ich doch am Rande schon zur Zielgruppe der angesprochenen Leserschaft.

So harmlos, wie die Kurzbeschreibung daher kommt, ist die Geschichte der vier Protagonistinnen nicht. Der Klappentext klingt unterhaltsam? Nicht wirklich. Die Story ist eher zermürbend, wenig melancholisch, bisweilen hoch depressiv.

Wenn das die Mittdreißigerinnen von heute sind, dann hat die Psychatrie alle Hände voll zu tun. Da wäre zum einen Alison, die völlig hörig ihrem Victor hinterher rennt, der sie alle paar Tage sitzen lässt, abtaucht, um dann wieder aufzutauchen. Alison wirkt dabei so unerträglich naiv und unreif, dass es mir absurd erscheint, bei einer solchen Frau und ihrer Problematik von alltäglichen Problemen der Frauen Mitte dreißig zu sprechen. Oder nehmen wir Siri. Siri ist bereits verheiratet, hat einen wunderbaren Sohn und einen Mann, der sie offenbar liebt. Und trotzdem, diese Bindung scheint der allergrößte Fehler ihres Lebens gewesen zu sein, weshalb bei Siri nicht mehr die Rede sein kann von “Angst vor dem Scheitern”. Sie ist gescheitert. Zumindest stellt sich die Situation so dar. Stellt sich die Frage nach Fluch oder Segen was zuletzt dann passiert…

Yoko und Friederike sind tatsächlich eher normal. Und trotzdem, auch mit diesen Figuren konnte ich mich zu keiner Zeit identifizieren. Mittlerweile weiß ich auch warum. Annika Reich hat die Figuren nicht genügend voneinander differenziert. Sicher, sie haben alle ihre ganz eigenen Probleme, und dennoch erleben sie ihre Gefühle alle auf die gleiche Art und Weise. Alle heben in ihren Gedanken und mit ihren Problemen völlig ab. Die Problemlösungstrategien sind im Prinzip nicht unterscheidbar und damit wirken die Themen und mit ihnen die Figuren eher belanglos. Ich wurde nicht mitgezogen, ich habe nicht mitgelitten. Spätestens nach der zehnten methaphorischen Beschreibung eines einzelnen Gedankengangs wird es schlichtweg langweilig.

Annika Reich hat sicher Talent zum Schreiben, das steht außer Frage. Allerdings hat sie meiner Meinung nach für dieses Buch viel zu sehr ausgeholt. Es häufen sich pseudointellektuelle Abschnitte, die oftmals völlig kontextfrei in den Raum geworfen werden. In unberechenbarem Tempo gibt es dramatische Szenenwechsel zwischen irreal/real. Ich mag solche metaphorischen Ausschweifungen nur bedingt. Sie müssen stimmig sein. Das ist der Autorin hier nicht gut gelungen. Es wirkt aufgesetzt und gezwungen abstrakt. Direkt wäre mir lieber gewesen. Die eigentliche Problembewältigung rückt damit weit in den Hintergrund.

Als Beispiel sei Yokos Umgang mit dem Tod ihres Vaters aufgeführt. Yoko ist offensichtlich überzeugt davon, die Schuld am Krebstod ihres Vaters zu tragen. Nach dessen Tod packt sie ihre Sachen und zieht nach Deutschland, da ihr Vater über Literatur eine große Bindung zu Deutschland hatte.

Yoko ruft eines Tages in Japan an, um an vertraute Stimmen zu kommen. Sie sagt nichts, bis auf: Er ist tot. Die Schwägerin, die den Hörer abnimmt am anderen Ende, beginnt zu Schreien, da sie denkt es dreht sich um ihren Mann. Die Mutter, die im selben Haushalt lebt, nimmt den Hörer in die Hand und sagt: Er lebt, meine Tochter ist tot.

Daraufhin durchlebt Yoko folgendes:

Ihre Fersen hoben vom Boden ab. Die weißen Holzbohlen unter sich. Sie verfolgte die weiße Linie bis zur Wand, glitt die weiße Wand hinauf, das Mauerwerk löste sich auf, wälzte sich als weiße Lawine auf sie zu. Sie rang nicht nach Luft. Sie verlor den Boden unter den Füßen, breitete die Arme aus und wurde von der weißen Welle davongetragen. Die Telefonschnur riss, sie sah die getrennte Leitung als unterbrochene Linie im weißen Raum. Schon wieder so eine filigrane Zeichnung, in die sie geraten war. In einer Art Zeitlupe schaute sie sich dabei zu, wie sie sich auf der weißen Welle aus dem Raum bewegte. Die Lawine entzog ihr das weiße Hemd und umschloss sie nun ganz und gar. Kalt war es nicht, eher lauwarm, nichttemperiert. Die Linie der gerissenen Leitung verblasste, und das Weiß wurde allgegenwärtig. Wieder mischten sich Worte und Bilder in ihr Schweben. Auf einmal fühlte sich das Weiß so an, als sei es aus hauchdünnem Papier und ihr Körper eine gezeichnete Linie, nur Umrisse. Sie rieb eine Haarsträhne zwischen den Fingern. Sie fühlte sich wie eine Perücke an.

Was man dem Buch gut entnehmen kann ist Annika Reichs Liebe zu Japan. Was ich in diesem Zusammenhang sehr interessant fand, war die Erwähnung des japanischen Dichters und Schriftstellers Mishima Yukio, auf dessen Werke und Person ich jetzt recht neugierig geworden bin.

Fazit
Leider hat Annika Reichs Stil nicht meinen Geschmack getroffen. Zuviel Bilder, zuviel poetische Ansätze, die eigentlich hätten keine sein müssen und zu wenig realistische. Stil und Thema wollen sich hier nicht so recht zu einem Ganzen vereinen.


Durch den Wind – Annika Reich
336 Seiten, Gebunden, 2010, 19,90 Euro,
Hanser Verlag

Weitere Besprechungen

Weitere Informationen
Yoko spricht im Zusammenhang mit ihrem Vater vom japanischen Schrifststeller Mishima Yukio. Mishima Yukio war ein japanischer Dichter und Schriftsteller, der laut Wikipedia “sowohl für seine nihilistische Nachkriegsliteratur als auch für die außergewöhnlichen Umstände seines Suizids” bekannt ist. Sein Selbstmord bestand aus dem Ritual des Seppuku, bei dem der sitzende Mann sich ausgehend von der linken Seite den Bauch waagrecht aufschlitzt und somit die Aorta anschneidet oder zertrennt.

Mishimas Bücher
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Über Mishima
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25
Feb 10

[Belletristik] Der Schneeflockenbaum – Maarten ‘t Hart

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Kurzbeschreibung
Vom ersten Tag an war seine Mutter misstrauisch gewesen gegenüber der »dürren Missgeburt«, wie sie seinen Freund Jouri immer nannte. Als Sohn eines Kollaborateurs hatte Jouri in den Niederlanden der Fünfziger Jahre wahrhaftig nicht viel zu lachen, genauso wenig wie der Erzähler selbst, der mit seinem eigensinnigen Humor und seinen Darmwinden Mitschüler und Lehrer quälte. Als sich dann einmal die kleine Ria Dons tapfer an seine Seite stellt und ihm, gegen Bezahlung von fünf Cent, sogar erlaubt sie zu küssen, ist das der Beginn einer schmerzlichen Erfahrung – denn Jouri zerreißt das zarte Band und spannt ihm ungerührt die Freundin aus. Voller funkelnder Lust am Erzählen ist »Der Schneeflockenbaum« ein Roman um verlorene Liebe, ein lebenslanges Missverständnis und eine unerklärliche Freundschaft.

Seichtes dahinplätschern…
Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, weil ich vor längerer Zeit Das Wüten der Welt von diesem Autor gelesen habe und begeistert war. Demnach hatte ich mir eine genauso spannende und unterhaltsame Lektüre erhofft, bin jedoch zu dem Schluß gekommen, dass Der Schneeflockenbaum qualitativ keineswegs an das oben genannte Buch heran kommt.

Es dreht sich alles um eine lebenslange Freundschaft zwischen einem namenslosen Ich-Erzähler und seinem Sandkastenkumpel Jouri. Beide stehen stets ein wenig im Abseits. Der Ich-Erzähler aufgrund einer üblen desozialisierenden Darmerkrankung, die ihn ständig und in den unmöglichsten Situationen laut furzen und auf die Toilette rennen lässt. Der andere, Jouri, aufgrund der Tatsache Sohn eines Kollaborateurs zu sein. Die Eltern anderer Kinder ermuntern diese natürlich nicht zum Umgang mit Jouri.

Wie es die Umstände so wollen, werden der Ich-Erzähler und Jouri gute Freunde – Jouri stört der Gestank, den der Ich-Erzähler oftmals ausbreitet und weswegen er gemieden wird, nicht. Selbstverständlich werden sie auch älter. Und auf einmal beginnt die Misere: Jouri spannt seinem Freund sämtliche Freundinnen aus. Kaum hat sich der Ich-Erzähler in eine junge Dame verguckt, ist Jouri schon zur Stelle um sie ihm auszuspannen. Dieses Szenario zieht sich sogar bis zur Ehe der beiden Männer hin. Überraschend dabei ist, wie loyal der Ich-Erzähler stets gegenüber seinem Freund bleibt. Das wirkt gelegentlich schon recht unglaubwürdig.

Maarten ‘t Harts Kernaussage ist kurz und bündig. Wohin es führen kann, wenn destruktiven Neidgefühlen nachgegeben wird und was das mit verpassten Chancen zu tun hat, davon handelt dieses Buch. Wahrscheinlich geht es auch um die Schwierigkeiten des “Erwachsen werden”, aber dies sicher nur am Rande.

Der beliebte niederländische Autor besitzt einen amüsanten und lockeren Stil, den er auch hier einsetzt. Er ist ein sehr guter Erzähler. Letztlich rettet diese Tatsache das Buch, denn schon früh zieht sich die Thematik hin. Augenscheinlich dreht dreht sich alles um die Ausspannerei, aber leider ist weit weniger ersichtlich, wo es letztendlich hinführen soll. Jouri spannt eben am laufenden Band die Freundinnen aus, aber na ja, nach der dritten müssen nicht noch drei weitere folgen. Irdendwann besteht der Wunsch nach Aufklärung.
Die Unklarheiten – auch in Bezug auf den Titel – lösen sich natürlich auf. Allerdings bleiben große Überraschungen bis zum Ende hin aus. Die Figuren als farblos zu bezeichnen wäre unangebracht, aber sie bleiben entfernt, da die Motivation für ihre Handlungsweise nicht klar dargestellt wird. Man liest, man findet seltsam, was das vor sich geht, aber man leidet oder freut sich sicher nicht mit den Figuren. Das hat wohl den Grund, das eine Unklarheit doch bestehen bleibt: warum der Ich-Erzähler und Jouri ein Leben lang befreundet bleiben, erschließt sich beim besten Willen in keiner Weise.

Auch auch in diesem Roman, wie so oft bei Maarten ‘t Hart, spielt die klassische Musik wieder eine bedeutende Rolle. Die große Leidenschaft des Autors zu dieser Musikrichtung muss man zwar nicht teilen, aber es schadet nicht ein wenig Interesse dafür übrig zu haben, um der Langatmigkeit entgegen zu kommen.

Fazit
Eine ruhige und mäßig unterhaltende Geschichte, die ein wenig mehr Plot vertragen hätte. Die Kernbotschaft ist recht dürftig und wird im Laufe der Erzählung schlichtweg überstrapaziert. Es schadet nicht dieses Buch zu lesen, aber es macht auch nichts, wenn man es nicht tut. Als Hörbuch könnte ich es mir besser vorstellen…


Der Schneeflockenbaum – Maarten ‘t Hart
350 Seiten, 2010 HC, 19,95 Euro,
Piper

Weitere Besprechungen

Weitere Bücher von Maarten ‘t Hart
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21
Feb 10

[Zeitgenössisch] Die entscheidende Nacht – Tobias Wolff

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Tobias Wolff erzählt in seinen Storys von den ganz großen Momenten. Ein Bahnangestellter muss sich entscheiden: Sein Sohn ist in die Hubmechanik der hochgeklappten Zugbrücke geklettert und ein vollbesetzter Personenzug naht heran.Wessen Leben soll er retten?

Kurzweilige, manchmal anstrengende Kurzgeschichtensammlung
Tobias Wolff, Dozent an der Stanford University, ist ein Name unter den etablierten amerikanischen zeitgenössischen Autoren, wie auch Richard Ford und Jonathan Franzen. Da ich selbst eine begeisterte Leserin dieses Genres im Allgemeinen und der amerikanischen Ausprägung im Speziellen bin, griff ich in freudiger Erwartung zu dieser Kurzgeschichtensammlung um Tobias Wolffs Schreibe kennen zu lernen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es an den Kurzgeschichten liegt, aber insgesamt machten mir die Texte eher einen müden Eindruck. Es gibt ein paar wenige, die mich angesprochen haben, wie z.B. die Vater-Sohn-Geschichte, in der der Vater seinem Sohn beweisen möchte, was für ein toller, selbstbewusster Kerl er ist und beide in Lebensgefahr bringt, indem er bei stärksten Schneeverwehungen eine Absperrung durchfährt.
Viele andere Geschichten waren mir zu verworren, von der Aussage her nicht präzise genug.

Nichtsedestotrotz sind die Texte im gewohnt amerikanischen Stil allesamt schnörkellos, durchaus tiefgründig und scharf beobachtet. Wie immer geht es um gescheiterte Figuren, um hoffnungslose Situationen und um die alltäglichen Leiden der Liebe. Die ein oder andere Story war jedoch zu trocken, zu erzählt. Der unterhaltende Aspekt bleibt oft auf der Strecke.

Fazit
Nett, aber nichts, was dauerhaft hängen bleibt. Als Einstieg in Tobias Wolffs Werke scheint es mir eher ungeeignet. Ich kann nicht sagen, die Geschichten hätten mir nicht gefallen, aber insgesamt blieb die Begeisterung aus.


Die entscheidende Nacht – Tobias Wolff
240 Seiten, 2008,
Berliner Taschenbuch Verlag

Weitere Besprechungen

Weitere Informationen

Weitere Bücher von Tobias Wolff
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29
Jan 10

[Belletristik - Hörbuch]: Die Eleganz des Igels – Muriel Barbery * * *

“Ich heiße Renée. Ich bin 54 Jahre alt. Seit 27 Jahren bin ich Concierge in der Rue de Grenelle 7, einem schönen, herrschaftlichen Stadthaus mit Innenhof und Innengarten, aufgeteilt in acht exquisite Luxuswohnungen, alle bewohnt, alle gigantisch. Ich bin Witwe. Klein, hässlich, mollig, ich habe Hühneraugen und, gewissen Morgenstunden zufolge, in denen er mich selbst stört, einen Mundgeruch wie ein Mammut.”

Die Eleganz des Igels Muriel Barberys Roman über eine kleine, hässliche, aber ungemein gebildete Concierge in Paris und eine altkluge Tochter reicher Eltern. Hinreißend komisch und zuweilen bitterböse erzählen die beiden sehr sympathischen Figuren von ihrem Leben, ihren Nachbarn im Stadtpalais, von Musik und Mangas, von Gott und der Welt. Eine großartige Gesellschaftssatire, ein sehr intelligenter Führer durch Kunst und Philosophie, die höchst unterhaltsame und anrührende Geschichte zweier Außenseiter.Renée ist nun schon seit fast dreißig Jahren Concierge in einem Pariser Stadtpalais. Und seit eben dieser Zeit setzt sie alles daran vor den reichen Hausbewohnern das Klischee der einfältigen Witwe zu erfüllen. Doch hinter der spröden Kulisse blitzt immer wieder ihre Leidenschaft für die schönen Künste auf. Damit zieht sie die Aufmerksamkeit der zwölfjährigen Paloma auf sich. Das altkluge Mädchen seziert haargenau die Gepflogenheiten der Hausbewohner, um die gewonnenen philosophischen Erkenntnisse dann ihrem Tagebuch anzuvertrauen.

Wunderbar komisch, bitterböse und überaus originell erzählen die beiden sympathischen Außenseiter von ihrem Leben, den Bewohnern des Stadtpalais, von Musik und Mangas, Gott und der Welt… doch diese Welt gerät ins Wanken, als Monsieur Ozu, ein japanischer Geschäftsmann, ins Haus einzieht und alle Konventionen über Bord wirft.

Bezaubernde Lesung – zweifelhafter Plot…
Das Hörbuch ist ein Genuß. Allerdings nicht der Handlung wegen, sondern aufgrund der Stimmen, die sie vermitteln. Anna und Katharina Thalbach meistern ihre Aufgabe hier mit Bravour. Sicherlich ist das ein nicht unwesentlicher Grund an der Geschichte dran zu bleiben. Die Entscheidung das Hörbuch mitzunehmen, kam bei der Entdeckung in der Bücherei. Ich wusste, das Buch würde mich langweilen (ich habe die Stimmen dazu verfolgt), aber mit dem Hörbuch für die Autofahrt wollte ich es probieren.
Und tatsächlich, es hat mir gefallen, weil die Sprecherinnen mir gefallen haben.

Ansonsten hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Madame Michel als “heimlich” intelligente Concierge, die sich versucht vor den elitären Hausbewohnern zu verstecken, ist mir ein Rätsel. Natürlich stellt sich eine geraume Zeit die Frage, warum sie dies überhaupt macht. Die Auflösung folgt gegen Ende, jedoch, na ja, einer solch intelligenten Dame hätte ich in diesem Fall mehr Verstand zugetraut.

Daneben gibt es noch Paloma. Paloma, das zwölfjährige hochintelligente Mädchen, das ebenfalls in dem Haus wohnt, das von Madame Michel als Concierge betrieben wird, die ihre “tiegründigen Gedanken” in Form hochphilosophischer Ansätze mit sich selbst diskutiert und sich nur unwesentlich von der Figur der Madame Michel unterscheidet (ein übrigens häufig genannter Kritikpunkt vieler Rezensenten, dem ich mich anschließe). Aus den Figuren spricht die gleiche Stimme. Das ist einfallslos. Vielmehr hätte mich eine gegensätzliche Haltung eingenommen. Darüber hinaus verfügt Paloma über eine Weitsicht, die ihrer Lebenserfahrung schlichtweg nicht entspricht, womit sie als Figur unglaubwürdig wirkt.

Die Handlung ist im Übrigen nebensächlich. Im Prinzip prallt hier über Stunden hinweg ein Schwall philosophischer Ansätze auf den Hörer nieder, deren Sinn sich oftmals nicht erschließen lässt, da sie in hochkomplexe, verschachtelte Satzstrukturen eingebettet sind, die es zu entschlüsseln gilt. Es ist ein konsequentes und wahrscheinlich auch ein der Philiosophie gerecht werdendes Vorgehen. Das jedoch alle Leser und Hörer dieser Welt diesen inflationären Umgang in hohem Maße genossen haben, das will ich nicht so recht glauben. Hier wird zu dick aufgetragen. Anzumerken sei jedoch, dass der zweite Teil – nach dem Einzug von dem japanischen Herrn Kakuro Ozu -, ein bisschen Bewegung annimmt. Vorher gibt es nur philosophische Diskussionen – ohne Rahmenhandlung. Das Ende allerdings ist Mist.

Gesamtheitlich betrachtet jedoch, abgesehen von der schwachen Handlung, hat mir das Hörbuch gut gefallen. Manche Abschnitte sind tatsächlich interessant und regen zum Nachdenken an. Es gibt auch vereinzelt amüsante Momente, die den Unterhaltungswert anheben. Im großen Ganzen ist es – als Hörbuch zumindest – eine durchaus nette Berauschung.

Fazit
Das Hörbuch ist allein aufgrund der Sprecherinnen hörenswert. Es ist einfach bezaubernd diesen beiden zu lauschen. Katharina Thalbach vermittelt gerade Madame Michels sehr langen Sätze überaus pointiert und verständlich, setzt Atempausen richtig ein und betont an den richtigen Stellen. Das gleiche gilt für Anna Thalbach, allerdings ist ihr Part nicht ganz so komplex wie der ihrer Mutter. Die Handlung ist nebensächlich. Wer sich gerne stundenlang über “das Sein” und “das Nichtsein” berieseln lässt und keine meisterhaft orginelle Handlung erwartet, der wird hier sicher belohnt.


Die Eleganz des Igels – Muriel Barbery
gekürzte Lesung (6 Std. 44 Min.), 24,95 Euro
Hörbuch Hamburg
Sprecherinnen: Anna und Katharina Thalbach

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(Hör-)Bücher von Muriel Barbery im Überblick

Die Eleganz des Igels: Roman
Price: EUR 9,90

101 used & new available from EUR 2,89

Die letzte Delikatesse: Roman
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Die Eleganz des Igels
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27
Jan 10

[Belletristik] Zwei an einem Tag – David Nicholls * * *

“Ich glaube, das Wichtigste ist, irgendetwas zu verändern”, sagte sie. “Du weißt schon, wirklich zu verbessern.”
“Wie meinst du etwa ‘die Welt verbessern’?”
“Nicht gleich die ganze Welt. Nur das kleine Stück um dich rum.”

Zwei an einem Tag Der neue Roman von David Nicholls stellt einen Tag, den 15. Juli, und zwei eigentlich füreinander bestimmte Menschen, die es nur noch nicht wissen, in den Mittelpunkt. Er besticht nicht nur durch Situationskomik, sondern auch durch die genaue Darstellung des Allzumenschlichen »Gerade stelle ich mir dich mit 40 vor!« doch in dieser Nacht, am 15. Juli 1998, sind Emma und Dexter noch zwanzig, haben sich bei der Abschlussfeier kennengelernt, die Nacht zusammen durchgemacht, am nächsten Morgen gehen beide ihrer Wege. Wo werden sie an genau diesem Tag ein Jahr später stehen? Und wo in all den darauffolgenden Jahren? Und werden sich die beiden, die einander niemals vergessen können und deren Wege sich immer wieder kreuzen, weiterhin immer gerade knapp verpassen oder können sie sich selbst und dem anderen irgendwann eingestehen, dass sie trotz aller markanten Unterschiede füreinander bestimmt sind? Während zwanzig Jahren nimmt David Nicholls jeweils den 15. Juli ins Visier, zeigt, wie Emma und Dexter ihren Weg suchen, reisen, lieben, ausprobieren, sich aber nie aus den Augen verlieren.

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen…
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Emma, eine äußerst intelligente junge Frau, und Dexter, ein sehr gutaussehender junger Mann und Womanizer. Em und Dex verbringen den letzten Tag ihres Collegedaseins miteinander und schwelgen in Erwartungshaltungen der Zukunft gegenüber. “Wie wirst du wohl mit 40 sein?”, ist eine der Fragen, die sie sich gegenseitig stellen.

Dexter ist ein Aufreißer-Typ, der nach “Höherem” strebt. Er möchte berühmt werden oder zumindest bekannt und in aller Munde sein. Er wird erst einmal durch die Welt reisen, seine Hörner abstossen und erforschen, was die Welt denn so kostet. Emma dagegen ist eine besonnenere Figur. Vernünftig, weniger abenteuerlustig, möchte sie ihre Zukunft langsam angehen. Letztendlich landet sie – mit einem Doppel-Einser-Abschluss – erst einmal in einem mexikanischen Restaurant als Servicekraft.

Die erste Frage, die sich mir stellte, war der Sinn dieser Beziehung. Beide Charaktere sind im Grundsatz schon so verschieden von ihren Einstellungen her, dass es mir nicht verständlich erscheint, wie Emma auf Dex und Dex auf Emma “stehen” könnte. Dexter war und blieb mir lange völlig fremd. Abgehoben, das Klischee vom verwöhnten Söhnchen vermittelnd, hatte ich keinen Grund mich weiter für ihn zu interessieren. Und tatsächlich geht es in seinen Gedankengängen zu 90% um Frauen, Sex, Alkohol und Drogen. Trifft er mit Emma zusammen, geht es oftmals nur darum. Wie kann er nur, warum macht er das, warum ist er so oberfläch usw. Die Thematik hat mich stellenweise extrem gelangweilt.

Image of Zwei an einem Tag

Emmas Entwicklung hingegen ist spannender. Ihre Figur reift mit der Zeit und bekommt deutliche Züge, so dass es spannend in jeder Hinsicht bleibt, wie sie sich weiterentwickelt. Ich persönlich finde, hier breitet sich Nicholls Talent zu Erzählen vollständig aus. Hier fühlte ich mich der Figur nah; ich litt, freute und ärgerte mich mit ihr.

Ich habe diese Geschichte weniger als Liebesgeschichte empfunden. Es wird weit mehr thematisiert, zumal es bis über die Hälfte hinaus gar nicht so erscheint, als ob Emma und Dexter unbedingt ein Paar sein müssten. Sie machten als Freunde auf mich einen wesentlich besseren Eindruck.

Nicholls verschont uns erfreulicherweise in Sachen Herzschmerz und Drama. Er besitzt die Gabe eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und das Leben mit Humor und Realistik zu zeichnen (nicht immer realistisch, aber überwiegend…). Keine Aktivierung der Tränendrüsen und keine überflüssigen Floskeleien.

Aber, es ist immernoch eine Geschichte mit Schwächen. Warum muss Dexter so extrem in das Klischee des “Möchtegerns” fallen? Warum muss Emma stets um alles ein bisschen mehr kämpfen? Warum sind die zwei eigentlich nicht zusammen? Warum muss der Leser seitenweise Dexters Alkohol- und Drogenexzesse ertragen? Warum muss Emma sich stets so viel ärgern? Und warum… na ja, Schwamm drüber.

Wenn man von den Standard-Drehbuch-Figuren, der teilweise schlecht nachvollziehbaren Motivation der handelnden Figuren und den doppelt und dreifach Schilderungen der Dexter-Exzesse absieht, bietet die Geschichte alles in allem gute Unterhaltung.

Fazit
Insgesamt sticht dieses Buch aus der Menge der Unterhaltungsromane rund um Beziehung und Freundschaft heraus. Es ist feinfühlig, auf eine unsentimentale Weise, besticht durch unterhaltsame Schlagabtäusche und vor allem frei von Kitsch. Von ein paar Schwachstellen abgesehen, die oben nachzulesen sind, ein gutes Buch in meinem Sinne.


Zwei an einem Tag – David Nicholls
560 Seiten, Kein & Aber Verlag
2009, Gebunden, 22,90 Euro

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Bücher von David Nicholls im Überblick

Zwei an einem Tag
Price: EUR 22,90

69 used & new available from EUR 11,49

Keine weiteren Fragen: Roman
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