Rezensionen


31
Aug 10

[Zeitgenössisch] Die Ehe – Natascha Wodin

“Das war er, der deutsche Mann, den ich nie wollte. Aber er war der erste und einzige, der mir ein Leben als Deutsche anbot. [...] Er war das Beste, was ich bekommen konnte, und ich war das Beste, was er bekommen konnte. Er nahm meinen Mangel in Kauf und ich den seinen. Das war unser Handel, das war unsere Bestimmung füreinander.

Inhalt
Der neue Roman von Natascha Wodin führt zurück in eine deutsche Kleinstadt im Jahr 1964.
Die Heldin ist zu Beginn 19 Jahre alt und arbeitet als Sekretärin und Telefonistin. Bald lernt sie Harald kennen, der einen ganz neuen, aufsehenerregenden Beruf hat: Programmierer.
So recht vorzeigbar vor den Kolleginnen ist Harald wegen eines Körperschadens zwar nicht, aber dennoch ist die Heirat für die junge Frau wie ein Sprung auf die andere Seite des Lebens. Hatten sich doch Kindheit und Jugend in Blocks hinter dem Kanal abgespielt, wo nach dem Krieg fast ausschließlich versprengte, russische Familien wohnten und der Blick gutbürgerlichen Lebens jedenfalls hinreicht. Nun aber adelt ein deutscher Name die neue Existenz. Die Segnungen der neuen Umgebung, die Aufnahme in die Famile des Gatten, die der Christlichen Wissenschaft und der NPD huldigt, Urlaubsreisen nach Italien, Operbesuche, Begleitung des Ehemanns zur Jagd gewähren ganz ungeahnte Genüsse. Mit naivem, fast ungläubigem Staunen nimmt die junge Ehefrau die Atmosphäre wachsenden Wohlstandes in den sechziger Jahren wahr, aber bald erweist sich auch dessen Brüchigkeit.

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Ein beeindruckendes Buch angesichts der Tatsache, dass Natascha Wodin in ihren Werken ihre Vergangenheit aufarbeitet. So auch in diesem Werk. Es geht vor allem um Heimatlosigkeit, sie bezeichnet sich selbst als Fremde zwischen den Kulturen.
Der Lebenslauf der namenslosen Ich-Erzählerin ähnelt in allen Eckdaten Natascha Wodins Lebenslauf.

Die Ehe ist ein Roman vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit in Deutschland und ein detaillierter Blick hinter die Kulissen. Die Atmosphäre dieser Zeit ist beeindruckend aufgefangen (“die 68-er”, Studentenproteste gegen den Vietnam-Krieg, Willy Brandts Kanzlerschaft etc.). In einem distanzierten und äußerst schlichtem Ton berichtet die Ich-Erzählerin von ihren Erlebnissen dieser Zeit, von ihren Gefühlen und von ihrer Unkenntnis über die Kultur eines Landes, in dem sie zwar geboren ist, in dem sie jedoch völlig orientierungslos herumirrt.

Als die Ich-Erzählerin eines Tages beim Fernsehabend der Nachbarin auf den einäugigen Harald Sikora trifft, ekelt sie sich zwar, aber sie weiß, er ist ihre Chance auf eine “deutsche” Zukunft.

Er sah schaurig aus. Ich wollte davonlaufen, wenn mich ein Blick aus diesem Gesicht traf

Das war er, der deutsche Mann, den ich nie wollte. Aber er war der erste und einzige, der mir ein Leben als Deutsche anbot. [...] Er war das Beste, was ich bekommen konnte, und ich war das Beste, was er bekommen konnte. Er nahm meinen Mangel in Kauf und ich den seinen. Das war unser Handel, das war unsere Bestimmung füreinander.

Die Ehe steht von Beginn an unter schlechten Sternen. Haralds Eltern und auch er selbst sind Mitglieder einer Sekte, die sich “Christliche Wissenschaft” nennt und nebenbei engagiert sich ihr neuer Mann in einer neugegründeten Partei, die NPD heißt. Ihre Schwiegermutter hasst das Mädchen von Anfang an und versäumt es nicht ihr gegenüber dies zum Ausdruck zu bringen. Was zu Beginn noch Faszination auf die junge Frau ausübt – die Ehe, die Aufnahme in eine echte “deutsche” und bürgerliche Familie, die in Wohlstand lebt – entwickelt sich schon nach kurzer Zeit zu einem konventionellen Gefängnis. Das Mädchen kämpft sich im Laufe ihrer Ehejahre an ihrem Mann vorbei durch die Konventionen und schafft es zuletzt tatsächlich als Frau ihre Unabhängigkeit zu erringen.

Fazit
Ein kühles und beeindruckendes Buch. Es wirkt oft recht befremdlich, dadurch aber auch faszinierend. Ich bin schon sehr auf “Nachtgeschwister” gespannt. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule


Image of Die Ehe

Die Ehe – Natascha Wodin
200 Seiten, Gebunden, 1997
vergriffen



28
Aug 10

[Biografien] Grandhotel Bulgaria – Angelika Schrobsdorff

“Ja, Angelintsche, sieht dann alles ganz anders aus. Gibt es hier eine gute Spruch, der heißt: Wer überlebt diese Winter, wird es bereuen..” [1]

Inhalt
Das Ende des Kommunismus war für die Völker Osteuropas der Beginn einer Hoffnung und zugleich eine Reise ins gesellschaftliche und ökonomische Elend. Eine Schriftstellerin wie Angelika Schrobsdorff, die dort acht Jahre ihres Lebens verbracht hat, kann das nicht kalt lassen. Sie kennt die Verhältnisse, hat sie doch als Kind mit ihrer Mutter, einer deutschen Jüdin, den Naziterror in Bulgarien überlebt. Jetzt will sie selbst helfen.

Als sie Anfang Dezember 1996 ein Anruf aus Sofia erreichte und ihre Nichte ihr von der Not und der Bedrückung der Menschen erzählte, machte sie sich spontan auf den Weg. Sie setzte sich in ihrer neugefundenen Heimat ins Flugzeug und flog in das Land ihres ehemaligen Exils. Während ihres Aufenthalts führte sie Gespräche mit alten und neuen Freunden und erlebte am Jahreswechsel den Beginn der Demonstrationen gegen die letzten Überreste des autoritären Regimes. Ihr Tagebuch ist ein Bericht aus erster Hand und ein erstaunliches literarisches Dokument.

~~~~~~~~~~~~~~~~

Ein tolles Buch! Aus jedem Satz liest man Angelika Schrobsdorffs Liebe zu ihrer Exilheimat heraus.

Angelika Schrobsdorff erhält Ende 1996 einen Anruf ihrer Nichte Evelina aus Bulgarien, der sie in tiefe Besorgnis stürzt. Laut Evelina werden im Winter aufgrund der verheerenden Verhältnisse in Bulgarien tausende von Menschen verhungern und erfrieren. Angelika Schrobsdorff weiß zu dieser Zeit nicht viel über die Zustände, aber sie weiß mit Sicherheit, “…daß es mal über Wochen kein Brot gab, mal kein Heizöl, mal nur stundenweise Elektrizität und daß die Preise für einen Normalverdienenden unerschwinglich geworden waren.[2]

Sie beschließt nach Bulgarien zu reisen um sich ein eigenes Bild über das Land zu machen, das ihr und ihrer Mutter acht Jahre lang als Exil während der Flucht vor den Nazis diente.

Frau Schrobsdorffs Ankunft in Sofia ist grau und traurig. Aufgrund des Wegfalls des sowjetischen Marktes befand sich Bulgarien Ende der Neunziger immernoch in einer schweren Krise. Im Frühjahr ‘96 brach das Bankensystem aufgrund der hohen Staatsverschuldung zusammen, was eine schwere Wirtschaftskrise im Land zur Folge hatte. Das Bild, das Angelika Schrobsdorff bei ihrer Ankunft zeichnet ist entmutigend:

Ich sah mir die Leute auf der Straße an. Sie machten keinen gefährlichen Eindruck, waren ärmlich und farblos gekleidet, hatten müde Gesichter und einen abwesenden Blick, der erkennen ließ, daß sie in keine angenehmen Gedanken verstrickt waren. Kein Mensch lachte, keiner schien einem Ziel entgegenzugehen, auf das er sich freute. An einer Haltestelle wartete ein nasses, frierendes Menschenknäuel auf den Bus. [3]

Sie versucht sich bei ihrem treuen Freund und Begleiter Bogdan zu versichern, dass das Stadtbild ein gänzlich anderes sei, sobald das Wetter sich bessere. Bogdan antwortet mit unverwüstlichem Galgenhumor:

Ja, Angelintsche, sieht dann alles ganz anders aus. Gibt es hier eine gute Spruch, der heißt: Wer überlebt diese Winter, wird es bereuen. [4]

Trotz der schlimmen Umstände lässt sich Angelika Schrobsdorff die Liebe zu Bulgarien nicht zermürben und berichtet stets in einem angenehm humorigen Ton. Sie erzählt von den Menschen, die trotz der katastrophalen Umstände, in denen sie Leben müssen, nichts von ihrer Warmherzigkeit eingebüßt haben. Einige sind ein bisschen kauzig, klar, viele andere halten sich mit Galgenhumor über Wasser, aber alle haben sie stets Freude an Geselligkeit und Gespräche über ihr Land und ihre Leute. Die Bulgaren sind zäh und harren der Dinge aus die da kommen – viel schlimmer kann’s ja nicht mehr werden…

Bemerkenswert ist, wie Frau Schrobsdorff es schafft, die Stimmung der Gespräche, die sie mit ihren bulgarischen Freunden führt, so detailliert – mit Sticheleien, politischen Streitigkeiten etc. – wiederzugeben.

Fazit
Angelika Schrobsdorff hat ein Buch über Bulgarien geschrieben, dass nur jemand schreiben kann, der die Menschen und das Land kennt und liebt. Bei allem Übel behält sie das Auge für die schönen Seiten und lässt es nicht aus, die Leserschaft von der Besonderheit Bulgariens zu überzeugen aber auch die Umstände aufzuzeigen, unter denen diese Menschen ihr Leben meistern müssen. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule

[1] Seite 31
[2] Seite 10
[3] Seite 30
[4] Seite 31


Image of Grandhotel Bulgaria: Heimkehr in die Vergangenheit Roman

Grandhotel Bulgaria – Angelika Schrobsdorff
288 Seiten, Taschenbuch, 1997
9,50 Euro,
dtv



23
Aug 10

[Zeitgenössisch] Die Teilacher – Michel Bergmann

“Das jiddische Substantiv »Teilacher« ist der Cousin des jiddischen Berliner Verbs »teilachen«, und das heißt im vulgären Sprachgebrauch so viel wie »abhauen«. seinen Ursprung hat dies wiederum in dem Wort für Hausierer und müsste eigentlich »Teillaacher« geschrieben werden. Es ist ein Pleonasmus und setzt sich zusammen aus dem Begriff »Teil« und dem Wort »Laachod«, Einzelhandel. Der Teilacher, als Vertreter des Einzelhandels, ist das kleinste spaltbare Teilchen, das Atom der Kaufmannswelt. Was den Teilacher vom herkömmlichen Handlungsreisenden unterscheidet: Der Teilacher ist Jude. Oder er gibt sich als solcher aus. Denn es gab eine Zeit, da konnte das, unglaublich, aber wahr, Vorteile haben.
Aber auch Nachteile.”[1]

Inhalt
1972, David Bermann, der »Einstein unter den Teilachern«, ist tot. Nach der Beerdigung finden sich Verständig, Fajnbrot, und Szoros in ihrem Stammcafé ein. Man redet natürlich über alte Zeiten…

1946, Frankfurt am Main. Ausgerechnet nach Deutschland, ins Land der Täter, sind sie zurückgekommen. David Bermann, Emil Verständig, Max Holzmann und die anderen, sie sind zurück. Wie ist es ihnen ergangen? Fast alle waren aus den Lagern gekommen, oft als einzig Überlebende in ihrer Familie. Und doch ist jetzt Aufbruch angesagt: Tag für Tag sind sie unterwegs, um allerlei Dinge zu verkaufen. Wie viel Kraft hat es gekostet, wieder an Liebe, Nestbau und Zukunft zu glauben? [2]

~~~~~~~~~~~~~~~~

Die Geschichte um David Bermann beginnt 1972 als sein Ziehneffe, Alfred, im Altersheimzimmer des Verstorbenen steht und dessen Habseligkeiten zusammen packen soll. Es fällt ihm schwer, er kann sich nicht konzentrieren – zu tief sitzt noch der Schock und die Trauer über den Toten in den Gliedern. Also beginnt er alte Erinnerungen wieder hervorzurufen: wie er mit seinem „Onkel David“ im Boot sitzt und dieser ihm von der Flucht vor den Pogromen in Galizien 1918 berichtet. Seine Geschwister und er fliehen nach Deutschland und eröffnen das Wäschekaufhaus „Gebrüder Bermann“. Das Geschäft läuft gut, aber David Bermann ist das alles zu konventionell. Während seine Brüder jüdische Töchter heirateten und laut David Bermann selbstverständlich hochbegabten Nachwuchs zeugten, entschied er sich gegen das seiner Meinung nach heuchlerisch burgeoise Leben und bezeichnete sich als “Flaneur”.

“Flaneur. Den Begriff kennt man heute ja nicht mehr. [...] Ein Flaneur ist ein Bohemien, nur dass er das Kaffeehaus wechselt. Die frische Luft muss man allerdings in Kauf nehmen, wie Anton Kuh sagt.” [3]

Aber nicht nur das. In Folge entscheidet er sich sogar zum Entsetzen seiner Familie ein Teilacher – ein jüdischer Handlungsreisender – zu werden. Seine Brüder erklären ihn für verrückt einer so brotlosen Kunst zu verfallen und ärgern sich über seinen Eigensinn:

“Du bist doch eine Schande für die Familie, bist du!
Da habe ich gesagt: Und du bist a nudnik! Du weißt, was das ist, a nudnik? Ein nudnik ist einer, den du fragst, na, wie geht’s… und er erzählt es dir!” [4]

Onkel David erzählt Alfred noch von seiner ersten Liebe Maria, die er in einem Anfall jugendlichen Leichtsinns gleich heiraten wollte und sich großspurig brüstete die Sache mit ihren Eltern zu regeln, die als Deutsche sich womöglich wenig glücklich zeigen würden einen jüdischen Schwiegersohn aufzunehmen. Das Ende vom Lied war ein Veilchen und die Landung im Vorgarten der Eltern.

David Bermann wird durchweg als lebensfroher Mensch voller „chuzpe“ gezeichnet, der seine Freiheit und sein Junggesellendasein in vollen Zügen genießt. Bermanns Erzählungen sind stets erfrischend, übertrieben und zeugen von großer Fabulierkunst. Abschweifend, spannend und mit einer gehörigen Portion typisch jüdischem Humor erzählt er die Geschichten seines Lebens.

Später, nach der Beerdigung, geht es weiter mit den Erzählungen. Alfred sitzt mit den verbleibenden Teilachern und Freunden David Bermanns im Café Unterleitner, dem Stammcafé der Teilachermannschaft, und lässt sich dort die Geschichten der Nachkriegszeit erzählen.

Michel Bergmann hat ein Buch geschrieben, dass beim Lesen ein wohlig warmes Gefühl vermittelt. Es scheint, als wäre man mitten in der Runde, bei einem Kaffee in einem Frankfurter Kaffeehaus 1978. Und so erfährt man aus vielen einzelnen Anekdoten Stück für Stück die gesamte Geschichte der Teilacher. Natürlich sind auch hier die Schreckmomente des Krieges und die Demütigungen nicht ausgelassen. Aber Bergmann verzichtet darauf diese in den Mittelpunkt zu stellen. Seine Figuren sind gezeichnet durch ihre Erfahrungen aber nicht bereit aufzugeben, sondern sich auf zu neuen Ufern machen. Sie raufen sich zusammen, bauen sich ihre Leben neu auf und schauen sogar nach einiger Zeit hoffnungsvoll in die Zukunft. Viele verbringen die Kriegszeit im Ausland und überleben auf diese Weise. Sie alle kehren aber nach Frankfurt zurück und treffen sich dort. Es wird ein neues Wäschehaus eröffnet und so nehmen die Dinge ihren – guten – Lauf. Es ist ein Vergnügen den Teilachern bei ihren spektakulären und schelmischen „peckl“-Verkäufen über die Schultern zu schauen. Und immer wenn’s den Anschein macht, es könnte traurig werden, kommt von irgendwo ein Teilacher her und erhellt die Runde mit einem Witz.

„Sagt eine Frau zur anderen: „Mein Mann ist gestorben.“ „Woran denn?“, fragt die andere zurück. „An einer Erkältung.“ „Gott sei Dank nichts Ernstes!“

Fazit
Ein tolles, warmes Buch mit viel Humor, das ein stimmungsvolles Bild sowohl der Vorkriegszeit in Deutschland als auch über das Zusammenleben der Juden und Deutschen zur Nachkriegszeit vermittelt. Michel Bergmann ist ein toller Erzähler, der ein wundervolles Buch geschrieben hat. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule
Deutschlandradio
Bücher Hagalil

[1] Seite 105/106
[2] Seite 42
[3] Seite 43


Image of Die Teilacher

Die Teilacher – Michel Bergmann
288 Seiten, Gebunden, 2010
19,90 Euro,
Arche Verlag



22
Aug 10

[Kochen] Das geniale Familienkochbuch – Edith Gätjen

Wer möchte das nicht – frisch, saisonal und gesund kochen! Aber manchmal gehen einem im turbulenten Alltag die Rezeptideen aus, oder die Zeit reicht nicht und schon wieder sind die Spaghetti im Topf. Wenn Sie Ihre Zeit besser nutzen wollen als für ständige Einkaufstouren und langes Stehen am Herd, dann kommt hier die Rettung: In diesem genialen Familienkochbuch finden Sie fertige Rezeptpläne für jede Woche des Jahres. Fix und fertig geplant, garantiert frisch und gesund.

  • Zeit sparen mit dem Wochenplan: Von schnell und preiswert für jeden Tag bis raffiniert und aufwendiger fürs Wochenende oder für Gäste. Mit praktischen Einkaufs- und Vorratslisten: So ist immer alles im Haus.
  • Für den großen und den kleinen Hunger: Sättigende Hauptgerichte und schnelle Kleinigkeiten für zwischendurch.
  • Saisonale Angebote nutzen: Jede Woche steht ein anderes Gemüse oder Obst im Vordergrund. Nach Angebot vom Wochenmarkt oder dem eigenen Garten.
  • Praktische Kombi-Rezepte: Jede Woche aufeinander abgestimmte Kochideen. Kochen und dabei gleich die nächsten Mahlzeiten vorbereiten.

Nachdem das Kochbuch Essenspaß für kleine Kinder zu unseren meistgenutzten Kochbüchern gehört, suche ich stets nach neuen Büchern aus der Trias Reihe und bin dabei u.a. auch auf dieses aufmerksam geworden. Ich benutze es nun ca. seit einem halben Jahr und bin wieder begeistert!

Das Kochbuch richtet sich sehr bewusst an all diejenigen, die sich gesund und dabei mit Saisongemüse ernähren möchten. Es geht um ausgewogene, gesunde Ernährung, die trotzdem abwechslungsreich, zeitsparend und schmackhaft sein soll. Es bietet sich sehr gut als Begleitkochbuch für eine nachhaltige Umstellung zu einer gesünderen Familienernährung an.
Die Autorin ist sich ihrer z.T. ausgefallenen Rezeptkreationen bewusst und schreibt dazu:

Wenn Ihnen anfangs zwei oder drei Gerichte pro Woche zusagen, sodass noch genügend Raum für die bewährten Lieblingsgerichte bleibt, dann haben Sie schon einen vielversprechenden ersten Schritt getan

Im Gegensatz zu anderen Familienkochbüchern werden hier also keine bewährten Familienrezepte vorgestellt, sondern völlig neue und kreative Rezeptideen mit oftmals nicht genutzten Gemüsesorten.

Wie in beinahe allen Kochbüchern wird auch hier auf den ersten Seiten auf ein paar wesentliche Dinge eingegangen, z.B. die Ernährungspyramide (wieviel Obst und Gemüse pro Tag sind notwendig, welche Getränke eignen sich für eine gesunde Ernährung, wieviel Fleisch/Wurst sollte man verzehren, etc…) Dieser Teil ist allerdings sehr knapp gehalten und enthält die wichtigsten Informationen zur gesunden Ernährung.

Das Buch ist in einen allgemeinen Teil und in Folge saisonal (Winter, Frühjar, Sommer, Herbst) mit den jeweiligen Schwerpunkten auf den Saisongemüsesorten und entsprechenden Rezepte aufgebaut.

Die Rezeptteile enthalten jeweils pro Woche eine Einkaufsliste und einen “Gemüseschwerpunkt”.
Die Einkaufsliste ist stets nach dem Prinzip “Frisch dazukaufen” – “Aus dem Vorrat” und “Mögliche Beilagen” aufgebaut.

Bsp. Januar:
1. Woche – “Milchsäurepush für Ihr Immunsystem”, Steckbrief Sauerkraut, Einkaufsliste
2. Woche – “Von wegen im Winter wächst nichts!”, Steckbrief Chicorée, Einkaufsliste
3. Woche – “Weißkohl beugt Schnupfen vor!”, Steckbrief Weißkohl, Einkaufsliste
4. Woche – “Eine Woche mit jeder Menge Eisen und Folsäure”, Steckbrief Schwarzwurzeln, Einkaufsliste

Natürlich enthalten die Wochen nicht nur Rezepte mit dem jeweiligen Gemüse!

Alle Rezepte sind mit einem “Das passt dazu”-Vermerk versehen, in dem stets ein Salat oder Rohkost als Beilage empfohlen wird.
Des Weiteren enthalten die Abschnitte immer auch Zeitspar-Tipps. Hier werden sehr nützliche zeitsparende Ratschläge hinsichtlich Vorbereitung und Vorratsspeicherung gegeben. Dann gibt es stets auch Tipps für “Kleinigkeiten”, die man aus Gemüseresten herstellen kann (z.B. Linsenaufstrich aus den Resten vom Linsenauflauf oder eine schnelle Frühlingsgemüsesuppe).
Einige Sonderkapitel zum Thema Ostern, Gesund grillen etc. sind ebenfalls vorhanden.

Das Kochbuch ist sehr empfehlenswert für alle, die sich und ihre Familie gesund ernähren möchten. Es sind teilweise sehr ungewöhnliche Rezepte, die sicher nicht alle Begeisterungstürme hervorrufen, aber dennoch sind die Gerichte im Großen und Ganzen sehr lecker. Die Zeitangaben und Zutatenmengen sind hervorragend abgestimmt.

Sollten Rezeptideen vorhanden sein, die überhaupt nicht auf die eigenen Geschmacksnerven treffen, so können diese stets in eine für sich selbst geeignete Form abgewandelt werden. Somit hat man zumindest auch neue Ideen!

Fazit
Ein Kochbuch, das in unserem Haushalt einen festen Platz gefunden hat. Tolle Rezepte, die wirklich gut schmecken und vor allem auch keine komplizierten Kochprojekte in der Küche erfordern. Einkaufslisten für die Woche, Steckbriefe zu den Gemüsesorten, ein Saisonkalender im Einband und viele andere Nettigkeiten runden das empfehlenswerte Familienkochbuch ab.

Weitere Rezensionen
Rezension bei den Büchereulen


Image of Das geniale Familien-Kochbuch: Mein saisonaler Wochenplaner für entspanntes Kochen und vergnügliches Essen

Das geniale Familienkochbuch – Edith Gätjen
212 Seiten, Softcover, 2009
17,95 Euro,
Trias Verlag



19
Jul 10

[Jugend] Jefra heißt Palästina – Margret Greiner

“Ich hoffe, daß wir eines Tages sagen können: Wir haben nur kleine Schritte getan, hin zu mehr Verständigung und Aussöhnung, aber wir haben diese Schritte gewagt. Und alle kleinen Schritte, die heute überall vollbracht werden, von Juden und Christen und Muslimen, von Israelis und Palästinensern, werden den Weg zum Frieden verkürzen.”[1]

Der Frieden ist in diesem Roman.
Sehnsucht nach Frieden und Erwachsenwerden im Krieg. Die authentische Geschichte einer jungen Palästinenserin, hin- und hergerissen zwischen den Traditionen einer arabischen Familie und dem Traum von Freiheit.

Jefra ist eine 16-jährige Palästinenserin, die mit mit ihren fünf Geschwistern in einer recht liberal funktionierenden Familie in Ost-Jerusalem aufwächst. Ihre älteste Schwester Maryam arbeitet als Volontärin bei einer arabischen Tageszeitung. Laut Jefras Mutter ist Jefra “für ihre sechzehn Jahre ungewöhnlich erwachsen” und von allen Kindern “am ehesten in die Verantwortung zu nehmen”. Trotz allem ist Jefra ein normales Mädchen mit Schulalltag und Pflichten im Haus. Einzig ihre Umgebung unterscheidet sie von anderen “normalen” Mädchen dieser Welt: sie erlebt tagtäglich den brutalen und erbarmungslosen Kampf der Bevölkerungsgruppen zur Zeit der zweiten Intifada [2] in Israel und Palästina.

Jefras Vater war als palästinensischer Widerstandskämpfer jahrelang in israelischer Haft. Ihre beiden Zwillingsbrüder wachsen im Hass gegen ihre Nachbarn auf. Arabische Medien sparen nicht an Bildern über getötete, verletzte, verwaiste Kinder und Eltern. Mediale Aufklärung erfolgt meist sehr einseitig.

Jefra selbst entwickelt sich trotz dessen zur Widerstandskämpferin in der eigenen Familie. Sie nimmt Kontakt zu einem jüdischen Mädchen auf, der jedoch zu einem jähen Ende kommt als die beste Freundin dieses Mädchens durch ein Selbstmordattentat in einem israelischen Café getötet wird. Während Onkeln, Tanten, Eltern und Geschwister den Tod israelischer Kinder nach einem Attentat “feiern”, flüchtet sie angewidert angesichts des Anlasses nach Hause. Trotz der erniedrigenden Dinge, die sie täglich durch israelische Besatzung erfahren muss und die sie miterlebt, ist sie nicht bereit den Hass gegen die Juden in sich herauf zu beschwören.

“Aber die Tatsache, daß Hunderte unschuldiger Zivilisten getötet worden waren, daß Häuser willkürlich von israelischen Soldaten demoliert wurden, daß palästinensische Bauern von jüdischen Siedlern daran gehindert wurden, ihre Olivenfelder abzuernten, daß schwangere Frauen an den Grenzübergängen ihre Kinder zu Welt brachten, weil man sie nicht ins Krankenhaus fahren ließ, das alles war doch keine Greulpropaganda, das war Alltag in Palästina.
Jefra stiegen Zornestränen in die Augen, wenn sie solche Geschichten hörte. Aber dann wischte sie die Tränen ab und sagte: »Ich möchte wissen, warum diese Menschen so etwas tun.«” [3]

Jefra nimmt in Folge an einem sogenannten Friedensprojekt teil. Dafür muss sie für zwei Wochen nach New York und dort mit isrealischen, gleichaltrigen Mädchen im Zimmer verbleiben. In dieser Zeit verändert sich ihre Sicht auf die Zustände zwischen Palästinensern und Juden immens. Jefra – und auch die anderen Teilnehmerinnen – begreifen, dass sie alle Opfer sind. Sie alle sind Opfer von Verfolgung und Hass.

“Heute haben wir Palästinenserinnen erfahren, was den Juden vor fünzig Jahren in Europa angetan wurde. Wir wußten das nicht. Oder wir wollten das nicht wissen. Wir konnten uns nicht vorstellen, daß Juden so gelitten haben. Wir haben nicht gelernt, in Juden Opfer zu sehen. Für uns sind Juden Menschen, die uns leiden machen. Man hat uns nicht erzählt, was eure Großeltern und Urgroßeltern durchgemacht haben. Vielleicht können wir euch jetzt besser verstehen. Aber gleichzeitig fragen wir uns: Warum müssen wir für die Verbrechen bezahlen, die andere verübt haben?” [4]

Die Mädchen lernen im Camp, dass sie ihre Werte und Vorstellungen von Leben und Freiheit nicht ändern oder aufgeben müssen um mit anderen in Frieden zu leben.
Neben den Aspekten des Konflikts behandelt das Buch jedoch auch das Leben und Aufwachsen der arabischen Frauen in kritischer Weise. Es scheint keine einfache Aufgabe zu sein, sich zu selbstverantwortlichen jungen Frauen zu entwickeln, wenn es die Kultur eigentlich verbietet. Jefras Tante Nibal ist dafür ein gutes Beispiel:

“In einem Umfeld, in dem Frauen nicht nur Steine, sondern ganze Geröllhalden in den Weg gelegt wurden, hatte sie sich durchgesetzt.[...] Sie hatte den Preis für ihre Karriere bezahlt, und der Preis war hoch gewesen, Eine gescheiterte Ehe mit einem amerikanischen Kollegen, der ihr immerhin die Vergünstigungen eines amerikanischen Passes hinterlassen hatte, Verzicht auf Kinder, Leben in einem arabischen Land, in dem bei einer klar patriarchalischen Gesellschaftsordnung wenig Platz war für eine intellektuelle Frau in einer Spitzenposition. Vielleicht noch nicht in dieser Generation.” [5]

Jefra kehrt nach dem Camp “Bridges for Peace” nach Hause zurück und löst dort erst einmal Unbehagen aus. Sie hat sich verändert. Sie muss lernen ihre Einstellung diplomatisch zu äußern – ohne die einen zu verletzen aber auch ohne den Respekt der anderen zu verlieren. Wie sie diesen Weg geht sollte man selbst nachlesen.

Margret Greiner hat einen wundervollen, hoffnungsvollen und großartigen Roman geschaffen. Dabei lässt sie ihre Erfahrungen aus ihrer eigenen Zeit als Lehrerin an einer palästinensischen Mädchenschule einfließen. Sie schafft eine realistische und unverklärte Sichtweise auf die Konfliktproblematik. Wie schwer es ist, Demütigungen und Leid ertragen zu müssen und dabei nicht zu pauschalisieren. Wie schwer es ist, als Jugendliche(r) in Palästina/Isreal aufzuwachsen und dabei den Frieden im Blick zu behalten. Sie lässt keine Schuldzuweisung unkommentiert stehen, sondern deutet in eine andere (Denk)Richtung. “Denken”, “Reflektieren” und “Differenzieren” sind Schlagwörter, die die Autorin unermüdlich herausarbeitet. Polarisierung, Polemisierung – davor warnt sie stets.

Jefra heißt Palästina habe ich in unserer örtlichen Bibliothek im Bereich “Maxi – Junge Erwachsene” vorgefunden. Auch wenn es sprachlich sicher genau dort anzusiedeln ist, verlangt die Thematik ein Mindestmaß an Kenntnissen um die Konfliktsituation im Nahen Osten. Leider fehlt es dem Buch an einem entsprechenden Glossar.

Fazit
Der Klappentext lobhudelt: “Der Frieden ist in diesem Roman”. Als ich diesen Satz das erste Mal gelesen habe, dachte ich, das wäre wohl ein bisschen hoch gegriffen. Nach dem Lesen allerdings bin ich mir sicher, dass Magret Greiners Ansatz den Frieden hochzuhalten sehr gut gelungen ist und dass das Buch an Aktualität nichts eingebüßt hat. Hier sind sicher jede Menge Zutaten für das Rezept Frieden zu finden. Sehr empfehlenswert – nicht nur für junge Erwachsene!

[1] Seite 212/213
[2] Zweite Intifada – Wikipedia
[3] Seite 16
[4] Seite 136
[5] Seite 114


Image of Jefra heißt Palästina: Ein Mädchen in Jerusalem

Jefra heißt Palästina – Margret Greiner
240 Seiten, TB, 2005
8,95 Euro,
Piper



15
Jul 10

[Sachbuch] Die Geschichte der Isrealis und Palästinenser

Vom Nahost-Konflikt hören wir jeden Tag in den Nachrichten. Und immer sind es Schreckensmeldungen. Aber warum und worum kämpfen Israelis und Palästinenser eigentlich? Die Autoren nehmen den Leser mit auf eine Zeitreise ins Heilige Land: von den ersten Auseinandersetzungen um Jerusalem bis zum Libanon-Krieg 2006. Zeitzeugen auf beiden Seiten berichten von ihrer leidvollen Geschichte und ihrem Leben im permanenten Ausnahmezustand. Für alle, die den Nahost-Konflikt und seine Geschichte verstehen wollen! Mit Abbildungen, Karten und einer Zeittafel.

Angestachelt von zahlreichen Diskussionen rund um Thema, suchte ich ein Buch, das mir in Sachen Nahost-Konflikt auf die Sprünge helfen kann, dabei nicht mit Zahlen und Fakten überladen ist (die können in späteren Lektüren aufgearbeitet werden) und prinzipell erst einmal einen Grundüberblick verschafft. Zu meiner Schande muss ich gestehen, mich noch nie ernsthaft mit dem Thema bzw. vielmehr mit den Hintergründen des Konfliktes auseinandergesetzt zu haben.

Das vorliegende Buch von Martin Schäuble und Noah Flug hat meine Erwartungen in dieser Hinsicht mehr als erfüllt. Es wird als Jugendbuch beworben, kann jedoch ohne Weiteres auch allen Erwachsenen empfohlen werden, die sich einen ersten groben Überblick ohne detaillierte wissenschaftliche Details verschaffen möchten.

Hier wird Wissen vermittelt ohne eine lenkende politische Haltung einzunehmen. Vielmehr geht es um die Menschen der Konfliktzonen, die den Horror der Kriege und des alltäglichen Grauens auf beiden Seiten erleben müssen. Die Kapitel beginnen stets mit der politischen Lage – mit allen notwendigen Hintergrundinformationen der Entwicklungen – und enthalten in Folge eingestreute Zitate von Zeugen dieser Zeit.

Letztendlich beende ich die Lektüre mit dem sicheren Gefühl darüber, nicht urteilen zu können, wer hier “Gut” und “Böse” ist. Ich habe eher das Gefühl, dass eine Menge politischer Fehlentscheidungen zu einem Konfliktausmaß führten, der in seiner zukünftigen Tragweite nicht abzuschätzen ist.

Zwei junge Männer – Elad (Israeli) und Aiyub (Palästinenser) -, die an einem internationen Hilfsprojektzur Verständigung der beiden Bevölkerungsgruppen teilgenommen haben, drücken sich wie folgt aus:

Elad
“Ich dachte, es gibt keine Chance für Frieden. Ich war der Meinung, wir brauchen Barrieren und Mauern, um uns zu schützen. Aber es gibt viele Leute wie Aiyub, nur leider nicht in der palästinensischen Regierung. Viele sind zu stolz und dickköpfig. Leute Aiyub und ich müssten uns mehr durchsetzen. Das gilt auch in der eigenen Familie, ich muss meinen Geschwistern zeigen, dass es nicht nur eine Meinung gibt. Es ist dumm, Aiyub zu hassen, nur weil jemand mit seiner Religion jemanden umgebracht hat, den ich kenne.

Aiyub
“Auf beiden Seiten gibt es schlechte Leute. Elad und ich glauben zwar an unterschiedliche Fakten, aber wir können miteinander reden. Wenn wir beide es schaffen, im selben Zimmer zu wohnen, dann muss es doch möglich sein, friedlich am gleichen Ort zu leben. Für mich hießt das Land Palästina, für Elad Israel. Über den Namen können wir uns später streiten, wenn sich beide Völker anerkennen und alle die gleichen Rechte haben. Wir kämpfen seit über 60 Jahren gegeneinander. Nichts wurde erreicht. Beide Seiten haben so viel Zeit verschwendet, um einen eigenen Staat zu haben. Wieso nicht Zeit für Frieden verschwenden?”

Ja, wenn’s doch nur so einfach wäre… Aber solange es auch dort junge Menschen gibt, die ihre anerzogenen Haltung des Hasses ablegen können, besteht ein wenig Hoffnung für die Zukunft.

Im Anhang des Buches befindet sich umfangreiches Kartenmaterial und eine detaillierte Zeittafel.

Fazit
Ein sehr empfehlenswertes Sachbuch für junge Menschen und Erwachsene – ohne erschlagende Zahlen und Fakten – , die sich unkompliziert an die Thematik des Konfliktes heranwagen möchten. Als Sachbuch für Jugendliche zum Thema ist es perfekt geeignet und das Preis-Leistungsverhältnis ist mehr als fair.


Image of Die Geschichte der Israelis und Palästinenser: Mit Karten, Zeittafel und Medienhinweisen: Mit Karten, Zeittafel und Medienhinweisen zum Nahost-Konflikt

Die Geschichte der Isrealis und Palästinenser – Martin Schäuble/Noah Flug
216 Seiten, Softcover, 2009
8,95 Euro,
Empfohlenes Alter: 14 – 17 Jahre
dtv / Reihe Hanser



24
Mai 10

[Belletristik] Die Cappuccino Jahre – Sue Townsend

Ersten Sätze…
Mittwoch, 30. April 1997
So greife ich dann wieder zur Feder, um das Treiben meiner Zeitgenossen aufzuzeichnen (den Schmus »und -genossinen« kann ich mir bei der strengen Nichtöffentlichkeit dieses Tagebuchs gottlob sparen).
Ich wage vorherzusagen, dass mit Anbruch des übermorgigen zweiten Mai die Labour Party mit hauchdünner Mehrheit obsiegt haben und folglich die neue Regierung bilden wird. Das Gerede von einem erdrutschartigen Wahlsieg ist hysterischer Medienschwachsinn.”

Inhalt
Adrian Mole ist wieder da – diesmal im Alter von 30 3/4 Jahren. Der beliebteste Tagebuchautor Englands bekommt langsam eine Glatze, fühlt sich selbst ganz als Intellektueller, trifft Bridget Jones und arbeitet als Koch in dem noblen Szenelokal Hoi Polloi in Soho. Sehr zu seinem Leidwesen ist noch immer nichts aus der erträumten Schriftstellerkarriere geworden. Auch ansonsten verläuft in Adrians Leben bei weitem nicht alles nach Plan: seine Ehe liegt in Scherben, sein junger Sohn wird von der Mutter in Ashby-de-la-Zouch aufgezogen, seine 16-jährige Schwester zieht mit ihrem mehrfach gepiercten Freund zusammen, und sein Vater ist manisch-depressiv ans Bett gefesselt. Adrian führt immer noch Listen mit jugendlichen Neurosen und befasst sich ausgiebig mit der lebenswichtigen Frage, ob Viagra tatsächlich hält, was es verspricht. Von einem Kabefernsehproduzenten entdeckt, wird Adrian schließlich zum Star einer Kochsendung, die sich auf Innereien spezialisiert hat. Selbstverständlich träumt Adrian imm noch von seiner großen Liebe Pandora Braithwaite, die mittlerweile für Tony Blairs Labour-Partei kandidiert. Es versteht sich von selbst, dass er sogleich ins heimatliche Leicester aufbricht, um seine Stimme für die atemberaubende Politikerin abzugeben…

Nicht ganz das alte, aber trotzdem nicht schlecht…
Adrian ist wieder da! Nicht in Höchstform, aber in guter. Wie immer macht er sich viele Gedanken um Nichtigkeiten, fährt übervorsichtig Auto, ist mittlerweile süchtig nach Gummibärchen usw.

Adrian wird dieses Mal Koch in einer Fernsehsendung spezialisiert auf die ekelhaftesten Gerichte (Innereien) – nur, er kann nicht kochen. Macht nichts, wie immer schlingelt er sich durch. Ach ja, ein entsprechendes Buch muss er auch schreiben (»Alle schreien nach Innereien – das Buch!«). Die Show seiner Sendung wird ihm, wie sollte es anders sein, komplett von seinem Assistenten Dev Singh gestohlen. Er wird der eigentliche Star, aber Adrian hat eine tiefe Begabung dafür, die Dinge nicht so zu sehen, wie sie wirklich sind. Er findet die ein oder andere Aktion, die ihn aussen vor lässt, zwar empörend, aber dennoch hält er an seinem intellektuellen Starstatus bis zuletzt fest.

Vielleicht hat die Autorin in diesem Band etwas über das Ziel hinaus geschossen und damit die Story überladen. Es geht u.a. um Pandoras Wahlkampf, Adrian als Koch im Szenelokal Hoi Polloi und sein Rausschmiss, Adrian als Pseudo-Koch einer niveaulosen Fernsehsendung, die Affären seiner Eltern (Adrians Mutter und Pandoras Vater ziehen zusammen, im Anschluss natürlich auch Adrians Vater mit Pandoras Mutter…), das Auftauchen seines Sohnes Glenn, der Umzug ins neue Haus usw.

Es gibt einen Abschnitt, der mir wieder besonders gut gefallen hat und den ich hier wiedergeben möchte:

Sonntag, 15. Februar
Les Banks, der Dachdecker, den ich mit den Arbeiten an Archies Haus beauftragt habe, rief an, um zu sagen, er könne heute leider nicht wie verabredet anfangen. Seine Schwiegermutter sei vergangene Nacht unerwartet gestorben.

Montag, 16. Februar
Ein Mensch namens Nobby kam vorbei und fragte, ob er die »Leitern mal hinten abstellen» könne. Er behauptete, ein Betriebsangehöriger von Les Banks zu sein. Ich bat ihn, sich in irgendeiner Form entsprechend auszuweisen. Er sagte:»Rufen Sie doch Les über das Handy an.«
Ich tat’s. Les bestätigte, dass Nobby einer seiner Arbeiter sei und dass die Arbeiten in Rampart Terrace am Mittwoch aufgenommen werden würden, »sobald wir die Beerdigung hinter uns gebracht haben«. Er hörte sich nicht besonders gramgebeugt an. Im Hintergrund dudelte Radio One, und es klang fast, als befände er sich auf einem Dach.
15 Uhr
Ich finde, die Familie Banks bringt die Verstorbene in unziemlicher Hast unter die Erde!

Mittwoch, 18. Februar
Keine Spur von Les Banks. Nobby kam nachmittags um fünf vorbei und nahm die Leiter wieder mit. Ich rief Les an, bekam aber nur seine automatische Ansage zu hören. [...]

Donnerstag, 19. Februar
Les Banks rief an, um mir mitzuteilen, er könne heute leider die Arbeiten nicht aufnehmen. Er sei »mit der Frau in der Unfallstation vom Krankenhaus. Sie ist mit den Fingern in ihr elektrisches Tranchiermesser geraten.«
Nobby brachte die Leitern wieder.

Freitag, 20. Februar
Die Finger von Mrs Banks haben sich entzündet, was einen neuerlichen Krankenhausbesuch erforderlich machte. Les ist seiner Frau offensichtlich sehr zugetan. Er hat hoch und heilig versprochen, am Montag anzufangen. »Da gibt es kein Vertun, Mr Mole.«

Montag, 23. Februar
An Mrs Banks verletzten Fingern hat sich eine Blutvergiftung entwickelt. »Die ganze Hand steht jetzt auf dem Spiel.« Im Haus ist es indessen eiskalt, und das Dach ist undicht. Wird der von häuslichem Pech verfolgte Mr Banks jemals in der Lage sein, die Arbeiten an meinem Haus aufzunehmen?

Dienstag, 3. März
Habe Les Banks getroffen, als er im BP-Shop Zigaretten kaufte. Ich erkundigte mich nach seiner Frau. Er sah mir mit geweiteter Pupille tief in die Augen und sagte: »Es geht ihr gar nicht gut. Ihr Vater ist letzte Nacht tot umgefallen.« Ich gab ein zynisch-bitteres Lachen von mir und empfahl mich.
Ich hörte Banks »Gefühlloses Arschloch!« hinter mir herrufen.

Donnerstag, 5. März
Bin sehr erschrocken, als ich heute Abend im »Leicester Mercury» ein Foto von Les Banks und Familie sah. Die Schlagzeile lautete:»vom Pech verfolgt: Tapfere Familie zittert vor weiteren Schicksalsschlägen.«
Ich brachte es nicht fertig, den zugehörigen Artikel zu lesen, und wünschte, mein Blick wäre nicht zufällig auf das Fettgedruckte unter dem Foto gefallen, wo die Rede ar von der »trotz Handamputation ungebrochenen Hausfrau Lydia Banks (41)«.
[...]
Ich habe Les Banks angerufen und mich entschuldigt. Er sagte, er würde morgen kommen, »wenn das Wetter mitspielt«. Ich fragte ihn, wann das Wetter für ihn nicht mehr mitspielt. Er sagte:»Wenn’s mich vom Dach weht.«

Freitag, 6. März
Den ganzen Tag Wind mit Sturmböen.[...]

Sonntag, 8. März
Les Banks rief gestern an. Er sagte, ein Sattelschlepper habe beim Zurücksetzen seinen Hund angefahren. Ich achtete darauf, gebührend Mitgefühl zu äußern. [...]
Ich wünschte ihm gute Besserung für seinen Hund.

Fazit
Insgesamt ist dieser Teil der Reihe wahrscheinlich einer der schwächeren. Einige Abschnitte ziehen sich hin, was man nun von Sue Townsend wirklich nicht gewöhnt ist, andere aber gleichen das wieder aus. Trotz allem, die Adrian Mole-Tagebücher gehören für mich zu den besten Büchern. Gerade in schlechten Zeiten sind sie für mich unersetzlich.

Die Adrian Mole Reihe im Überblick
1. Das Intimleben des Adrian Mole, 13 3/4 Jahre
(fasst die beiden ersten englischen Bände »The Secret Diary of Adrian Mole, Aged 13¾« und »The Growing Pains of Adrian Mole« zusammen)
2. The True Confessions of Adrian Albert Mole (nicht in deutscher Sprache erschienen?)
3. Adrian Moles wilde Träume. Geheime Tagebücher, vierter Teil
4. Die Cappuccino-Jahre. Ein Adrian-Mole-Roman
5. Adrian Mole und die Achse des Bösen
6. Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole
7. The Prostrate Years (2009, noch nicht auf Deutsch erschienen)

Weitere Besprechungen
Die Leselust
Hansblog


Image of Die Cappuccino-Jahre: Ein Adrian-Mole-Roman

Die Cappuccino Jahre – Sue Townsend
432 Seiten, TB, 2007, Originaltitel »The Cappuccion Years«
8,95 Euro,
Heyne Verlag


Weitere Bücher von Sue Townsend
Queen Camilla
Downing Street No. 10


21
Mai 10

[Sachbuch] Sternenkinder – Zebothsen/Ragosch

Wenn eine Schwangerschaft zu früh endet

Kurzbeschreibung
Etwa jede fünfte Schwangerschaft endet zu früh mit einer Fehlgeburt. Frauen leiden oft jahrelang unter diesem Verlust, geben häufig sich selbst die Schuld und fühlen sich von ihrer Umwelt unverstanden. Kaum jemand spricht darüber, außer in der Anonymität des Internets: Die einschlägigen Foren, wie z. B. www.sternenkinder.de, quellen über von dem Mitteilungsbedürfnis der Nutzerinnen.
Dieser Ratgeber lässt Betroffene und Ärzte zu Wort kommen, erläutert medizinische Hintergründe und bietet psychologische Hilfe. Ein sensibel geschriebenes und aufklärendes Buch zu einem wichtigen Thema. Prof. Dr. med. Ragosch, bekannt aus der ZDF Dokumentation „Babystation“, erklärt die medizinischen Hintergründe.

Jede Schwangerschaft ist anders… Und jede birgt die Gefahr einer Fehlgeburt in sich… Dieser Tatsache ist man sich als Frau meist bewusst. Und trotzdem ist es eines der härtesten Schicksalsschläge, die eine Mutter treffen kann nach der großen Freude der Schwangerschaft: die große Leere der Seele, die der Verlust hinterlässt. Wie geht man damit um? Wie lässt sich der Schmerz ertragen?

Das Buch setzt genau an dieser Stelle an. Es ist eine erste Anlaufstelle für Betroffene. Zwar gibt es nicht mehr oder weniger Antworten auf die bereits vielfach gestellte Fragen, aber es liefert gute Ansätze um ein besseres Verständnis zu unterstützen. Am hilfreichsten – vor allem in den ersten Tagen – sind allerdings die Erfahrungsberichte anderer Menschen, die ihre Kinder auf diese Weise verloren haben. Es ist nicht die Tatsache, dass Ihnen das gleiche widerfahren ist hilfreich, sondern der Umstand das alle, und wirklich alle, irgendwann wieder zuversichtlich in die Zukunft schauen können. Aus keinem Bericht, aus keinem Forenbeitrag Betroffener geht hervor, dass eine Frau aufgrund einer Fehlgeburt ihren Traum von einem (weiteren) Kind aufgegeben hätte. Das macht Hoffnung. Denn genau dies kann man sich erst einmal nicht mehr vorstellen. Diesen Verlust noch einmal ertragen? Niemals…

Im Vorwort schreibt die Autorin gemeinsam mit dem Herausgeber:

Doch erst die Bereitschaft zahlreicher Mütter und Väter, ihre ganz persönlichen »Sternenkinder«-Geschichten mit eigenen Worten zu erzählen – und so Verzweiflung, Gefühlschaos und neue Zuversicht hautnah nachempfinden lassen -, macht dieses Buch zu einem wirklichen Ratgeber.

Und es ist wirklich so. Der Verlust eines Menschen, den viele gekannt haben, ist nie so einsam, wie der Verlust eines Kindes, dass nie leben durfte, welches aber “in den Herzen ihrer Mütter und Väter gleichwohl für immer den ihnen gebührenden Platz gefunden haben“.

Ein wichtiges Thema auch, auf das im ersten Kapitel eingegangen wird, ist die des frühen Verlustes. Vielfach äußert sich die Umwelt auf eine Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft mit folgenden oder ähnlichen Worten: “Sei froh, dass es jetzt abgegangen ist und nicht erst im achten Monat!” oder “Du hast doch ein gesundes Kind. Sei froh darum!” oder “Das sind jetzt die Hormone. Dir wird es bald besser gehen…”.

Für eine Frau, die sich ein Kind wünscht und schwanger wird, das Leben in sich spürt, die Veränderungen ihres Körpers mit einem Glücksgefühl annimmt – mit dem Gefühl des freudigen Erwartens auf ein neues Leben nach neun Monaten -, für eine solche Frau, gibt es selten etwas Schlimmeres als das Kind zu verlieren. Natürlich steht außer Frage, dass der Tod eines Kindes zu einem Zeitpunkt, zu dem es schon als Mensch erkennbar ist (und in manchen Fällen auch überlebensfähig gewesen wäre) eine andere Sache. Dennoch ist ein Verlust in der Frühschwangerschaft ebenfalls grausam. Die Bindung einer Mutter zu ihrem Kind beginnt genau in dem Moment, in dem sich die Mutter dafür entscheidet eine Beziehung aufzubauen. Das mag in der ersten Schwangerschaft noch etwas später sein (manchmal aber auch nicht), aber spätestens in der zweiten Schwangerschaft, sobald man weiß, was es bedeutet, ein Kind zu lieben und einfach alles dafür zu tun, liebt man dieses Kind von Anfang an mit einer Intensität, die Außenstehende wahrscheinlich nur schwer nachvollziehen können. Das mag sich rein vom Verstand her auch völlig unrealistisch anhören, denn schließlich ist das Kind in einem Frühstadium noch kein Kind, sondern ein Zellklumpen. Aber Herz und Verstand sind leider meistens nicht so sehr im Einklang in solchen Angelegenheiten. Was zählt sind die Bilder im Kopf: das Ultraschallbild mit dem sichtbar pochenden Herzen, die kleine Nabelschnur, der kleine Kopf- und Körperansatz und die Freude darüber einem Kind das Leben schenken zu dürfen. Keineswegs möchte man sich unnötig mit dem Gedanken befassen (müssen), dass mit diesem Kind eventuell etwas nicht in Ordnung sein könnte – oder mit dem eigenen Körper.

Das erste Kapitel trägt die Überschrift “Wenn die Seele Trauer trägt” und geht in der Hauptsache auf den Aspekt des “Loslassens” ein. Es geht um das Gefühlschaos, die Trauerverarbeitung, die Partnerschaft und Anlaufstellen für Hilfe. Das Kapitel liefert eine Menge Erfahrungsberichte betroffener Eltern, die in dieser schwierigen Zeit immens helfen können und ist mit Sicherheit das wichtigste Kapitel des gesamten Buches. Denn alles, was darauf folgt, sind zwar gute und wertvolle aber dennoch auch Informationen, die man fast überall her bekommt.

Fazit
Dieses Buch kann weder die Trauerarbeit abnehmen noch Antworten auf die Warum-Frage geben. Aber die darin enthaltenen Erfahrungsberichte sind voller Hoffnung, Zuversicht und Mut, damit eine große Stütze in einer schwierigen Zeit und machen dieses Buch zu einem wertvollen Ratgeber. Es beinhaltet daneben viele wichtige Informationen für Eltern deren Kinder in der Spätschwangerschaft verstorben sind.
Nichtsdestotrotz ist es “nur” ein Buch, welches das Gespräch/den Erfahrungsaustausch mit Betroffenen nicht ersetzen kann.


Image of Sternenkinder: Wenn eine Schwangerschaft zu früh endet

Sternenkinder – Wenn eine Schwangerschaft zu früh endet – Birgit Zebothsen (Autorin), Prof. Dr. med. Volker Ragosch (Hrsg.)
189Seiten, Softcover, 2007
17,95 Euro,
Südwest Verlag