Must Reads...


13
Feb 10

[Zeitgenössisch - Hörbuch] Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland

“Es war im Jahr 1988, da hatte mein Freund Bernd den perfekten Plan: die DDR zu verlassen. Ausgerüstet allein mit seinem grünen Sozialversicherungsausweis, wollte er am Silvestertag sich über die VR Polen und die UDSSR nach Nordkorea durchschlagen und anschließend irgendwie nach Südkorea weiterziehen.”

Kurzbeschreibung
Herr W. hat eines Tages eine ominöse Einladung in der Post: Auf einer Podiumsdiskussion unbekannter Untergrunddichter soll er Auskunft geben über sein Werk, über die Unterdrückung in der DDR und über seine Erlebnisse als Staatsfeind. Zuerst glaubt er an einen schlechten Scherz. Ist er überhaupt gemeint? Mit der DDR hat er doch längst abgeschlossen, nachdem sie 1989 wie ein falsch montiertes Chemieklo zusammenklappte. War er je als Dichter auffällig geworden? Als unterdrückter gar?

Ich schlage vor, dass wir uns küssen W. stellt Nachforschungen an, unterzieht sich bei der Psychologin Tyna Novelli einer Rückführungstherapie in die DDR-Vergangenheit und nimmt schließlich Einsicht in seine Stasi-Akte. Was für ein Fund: Tatsächlich sind hier seine lyrischen Gehversuche unter dem Titel “Mögliche Exekution des Konjunktivs” abgeheftet, dazu sämtliche Liebesbriefe an Liane in München – alles von einem Oberleutnant Schnatz über Jahre akribisch gegengelesen, verwegen gedeutet und als staatszersetzend-konterrevolutionäres Schrifttum eingestuft.
“Ich schlage vor, dass wir uns küssen” ist ein Roman über die Absurditäten der Erinnerung, auch der eigenen, über rätselhafte Wirkungen unbeholfener Gedichte und über eine Liebe, wie sie nur in Zeiten der deutschen Teilung blühen konnte. Ein Buch über die Mauer, die es nie gab. Eine wahre Geschichte, die niemand für möglich gehalten hat. Nicht einmal ihr Verfasser.

Die Geschichte dieses Buches beruht auf einer wahren Begebenheit: die DDR hat es wirklich gegeben.

Herr W. fischt eines Tages eine Einladung vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands aus seinem Briefkasten. Eingeladen wird zum Symposion „Dichter, Dramen, Diktatur – Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR“. Gerade sein Werk bezeuge, welchen Widrigkeiten junge und kritische Literatur im Realsozialismus ausgesetzt war.
Herr W. ist einigermaßen überrascht von dieser Einladung, kann er sich doch nicht daran erinnern, zu DDR-Zeiten schriftstellerisch tätig gewesen zu sein noch als Unterdrückter gegolten zu haben. Laut Aussage der Frau Schneider, seiner Ansprechpartnerin vom Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands (VUDD) jedoch, habe er Gedichte geschrieben, die er nun öffentlich vortragen soll.

Ich sagte, es gäbe keine Gedichte, könne keine geben und falls es doch welche gäbe, dann seien sie nicht von mir. Sie erklärte, dass sie das nicht glauben könne, dass sie sie schließlich gelesen habe und dass ein Irrtum ausgeschlossen sei, es sei denn, sie irre. Ich wusste nichts. Sie wusste alles.

Ob dieser „Unterstellungen“ neugierig geworden, besorgt sich Herr W. das Bändchen mit Anthologien, herausgegeben von eben jenem Verein und entdeckt doch tatsächlich seinen Namen und, wie er selbst sagt, „interessante biografische Zusatzinformationen“. Sein Werk: „Mögliche Exekution des Konjunktivs“.

Ich habe eine Liebste und diese Liebste ist schön.
Ich wollt‘ ich könnt‘ mit der Liebsten
Mal um ein paar Ecken und hinter die Hecken
Von hier bis nach drübsten gehen.

Doch das ist alles erst der Anfang, erst ein Beispiel der lyrischen Ergüsse Herr W‘s.. Nachdem er seine Stasiakte zugeschickt bekommt, die nicht wenige Unterlagen enthält bzw. so ziemlich all das, was er jemals zu Papier gebracht hat (inklusiver aller Liebesbriefe an seine Liane), beginnt sein Rückblick in allen Einzelheiten. Was er so angestellt hat und wie das, was er so machte, von der Stasi nebenbei „operativ“ bearbeitet wurde.

Es ist wie vielfach beschrieben: eine Geschichte prall gefüllt mit geistreicher Spaß-Lyrik und viel Klamauk ohne verklärende Blicke und frei von Nostalgie über die letzten Stunden der DDR. Gelesen vom Autor selbst bietet dieses Hörbuch einen hohen Genuss, dem sich zu entziehen schwer fällt. Seine Analysen sind haarscharf, seine Vergleiche erfrischend originell, ein Kalauer jagd den nächsten. Und das alles, auf einem sehr intelligenten Niveau!

“OPK – Operative Personenkontrolle. Keine Ahnung, was das ist. In der DDR wurde ja gern und ausdauernd kontrolliert. Wenn Länder Neurosen haben könnten, dann hätte die DDR chronischen Kontrollzwang. Zum Krankheitsbild gehört, wie man weiß, sorgfältige Verheimlichungstendenzen, da Zwänge auf Mitmenschen oft absurd und lächerlich wirken können. Zwangsneurotiker wissen auch um die Sinnlosigkeit ihrer Kontrollrituale und doch müssen sie, wie ferngesteuert, immer weiter machen.“

Rayk Wieland liest äußerst gelungen sein eigenes Buch. Wie sollte es auch anders sein? Besonders die Gedichte erhalten durch ihn die richtige Tonlage. Die Stimme ist angenehm „rauh“ und enthält stets einen amüsierten – irgendwie naiven – und leichten Unterton. Die Autofahrten wurden zu den vergnüglichsten Zeiten meines Tages. Vielen Dank dafür, Herr Wieland! Und um alle Zweifel bezüglich der Hörbuchversion auszuräumen: Es ist ungekürzt!

Fazit
Ein hoch vergnügliches Gute-Laune-(Hör)Buch zum Thema „Erinnerungen an die DDR“. Es tut einfach gut, die sinnlose Absurdität der Aktivitäten und Spitzeleien, die dort betrieben wurde, auf die Spitze getrieben serviert zu bekommen. Herr W. und sein Konjunktiv als Staatsfeind Nr. 1. Ganz großes Kino!


Ich schlage vor, dass wir uns küssen – Rayk Wieland
5 Std. 4 Min., ungekürzte Lesung, Audible Download,
Hörprobe auf der Audible Seite erhältlich

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10
Feb 10

[Must-Reads] David Sedaris’ gesammelte Anekdoten…

Wer David Sedaris nicht kennt, hat lesetechnisch, menschlich und im Bereich der satirischen Erzählungen tatsächlich etwas verpasst. Aber kein Grund zur Panik: das kann und sollte nachgeholt werden!

David Sedaris Texte stecken voller wortgewaltiger Momentaufnahmen, die an Situationskomik nicht zu überbieten sind. Teilweise sind sie einfach völlig absurd und unglaublich, teilweise aber auch grotesk und ungewollt komisch, besonders wenn es um um sein schwieriges Heranwachsen geht. Er kommt aus einer völlig verdrehten Familie, über die er sich nicht zu schade wird zu schreiben. Ich frage mich manchmal, ob seine Verwandten seine Bücher lesen bzw. wissen, womit er eigentlich sein Geld verdient… Seine Rückblicke sind gnadenlos detailliert, zynisch und alles andere als loyal der Familie gegenüber, wenn Loyalität auch darauf abzielt, Dinge, die sich hinter den bekannten vier Wänden in Familien abspielen, auch dort zu belassen. Ganz getreu dem Grundsatz “Die besten Geschichten schreibt das Leben“.

Bei youtube.com gibt es dieses amüsante Video einer Kurzlesung von Sedaris aus dem Titel “Schöner wird’s nicht” bei Letterman:

Infos und Interviews

Hier die Empfehlungen (die Bücher im Original sind übrigens auch nicht zu verachten!):
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Nackt
Willkommen in der haarsträubenden Welt des David Sedaris. Sedaris packt die gegenwärtige Autobiographienmode beim sprichwörtlichen Schlafittchen und erklärt das weite Feld seines Lebens und das seiner Familie zum Minenfeld. In siebzehn Geschichten erzählt er von seinen Betätigungen als halbwüchsiger Tramper, Apfelpflücker, Möchtegern-Schauspieler, Collegestudent oder Nudist – witzig, anrührend, exzentrisch, pingelig und zutiefst charmant.

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Ich ein Tag sprechen hübsch
“Nackt” war erst der Anfang – jetzt kommt die Fortsetzung!
David Sedaris schreibt hier seinen mit dem Erfolgstitel “Nackt” begonnenen “Roman in autobiographischen Geschichten” fort. Noch einmal wirft der Autor einen Blick zurück in die Kindheit. Wir erleben Davids Vater und dessen Jazz-Leidenschaft, gehen mit Klein David zur Logopädin, begleiten den Kunststudenten David zum ersten Mal in den Aktsaal und beobachten, wie aus David “Mr. Sedaris” wird.

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Oft kopiert – nie erreicht: Sedaris ist das Original, denn niemand kann die Schrecken des Jungseins und des Familienlebens so haarsträubend komisch und charmant schildern.

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Die fünf schönsten Geschichten, die David Sedaris zum Thema Weihnachten geschrieben hat!

Die Weihnachtszeit kann nervenaufreibend sein, vor allem als Zwerg im größten Kaufhaus der Welt, bei Macy’s. Denn es glaube keiner, dass es nur eine Art von Zwergen gibt … Aus diesem Stoff sind die kleinen und großen Tragödien, die hinter jeder Ecke lauern und von denen David Sedaris erzählt. Kongenial ins Deutsche übertragen von Harry Rowohlt.

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Seine Geschichten sind Satire und Sozialstudie, Eigentherapie und Eventliteratur in einem, sein Humor brachte ihm Grammy-Nominierungen und internationale Bestseller ein. Endlich gewährt uns Staressayist David Sedaris mit »Schöner wird’s nicht« nun wieder einen Aufenthalt. Und zwar in dem neurotischen, von skurrilster Materie erfüllten und in unnachahmlicher Tragikomik erstrahlenden Universum, das er sein Leben nennt.

Dem Alltag wohnt der Wahnwitz inne: Wer daran verzweifelt, findet Trost bei manch kurzweiligem Kolumnisten. David Sedaris ist das nicht genug. Ihn witzig zu nennen hieße, das Weltall als geräumig zu bezeichnen. Das Beste an seinem Leben ist, dass er darüber Buch führt. Ob er seine Kindheit aufarbeitet (die Hölle eines amerikanischen Vorortes, begleitet von einer trinkenden Mutter, schizophrenen Schwestern und schwulen Ambitionen), seiner Jugend nachspürt (der Versuch, der Hölle durch haarsträubende Jobs und persönlichkeitsverändernde Drogen zu entkommen) oder einen erwachsenen Wahlfranzosen darstellt: Sedaris’ Beobachtungen und Erinnerungen sind immer präzise, ernstlich überraschend und herrlich wahrhaftig.»Schöner wird’s nicht« liefert die sehnlich erwarteten neuen Episoden aus dem Paralleluniversum des Kultautors. Er erläutert, wie man sich mit Schallplattenhüllen vor psychopathischen Singvögeln schützt, was modische Herrenaccessoires über Erektionsschwierigkeiten verraten und warum man in Tokio weder Japanisch lernen noch mit dem Rauchen aufhören sollte. Und er stellt unter Beweis, dass Kreuzworträtsel viel mit Lebensbewältigung gemein haben. Du kannst immer die passende Lösung aufschreiben. Du musst einfach nur die Vorgaben ignorieren.