“Die Erinnerung, sagt Jean Paul, ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Manchmal mag das zutreffen. Öfter aber ist die Erinnerung die einzige Hölle,
in die wir schuldlos verdammt werden.”
(Arthur Schnitzler)
Ein Mann denkt über sein Leben nach, erinnert sich an seine Erfolge, seine Liebesabenteuer. Aus kleinen Verhältnissen hat er sich emporgearbeitet, heiratete aus Liebe eine Frau, durch die er gesellschaftlich avancierte und doch ist der Blick auf sein Leben nicht versöhnlich.
Ein alter Mann namens Carlo Ciscar, im Rollstuhl sitzend und auf den letzten Schuß wartend, blickt zurück auf ein turbulentes Leben und zieht Bilanz mit sich, mit seiner Familie,mit seinem Umfeld und mit seinen Taten.
Trotz einer großen Familie steht ihm lediglich noch ein Mensch zur Seite, sein Diener, der ihn schon ein Leben lang begleitet und ihn nun im Alter pflegt. Das Abhängigkeitsverhältnis zu diesem Diener und die Gedanken, die in Ciscar beim Anblick an diesen jungen, gesunden, kraftvollen Mann überfallen,
sind reichlich beklemmend.
In den Erinnerungen an sein Leben, begleiten wir ihn durch seine Zeit als rücksichtslosen Geschäftsmann zu Zeiten von Francos Dikatur. Jedoch, vielmehr als die Erinnerungen an seine Geschäfte dringen die Gedanken vor an seine unnahbare Frau Eva und seine vielen Geliebten.
“Es waren Abenteuer fern vom täglichen Leben, die nie den Bestand der Familie gefährdeten, …”
Das Ehepaar hatte sich nie richtig gut verstanden, es war eine reine Zweckehe, vor allem für Carlo.
Sie kam aus gebildeten und traditionellen Verhältnissen, während er sich mühevoll hoch arbeiten musste und als neureicher Emporkömmling eher einen schlechten Stand im Kreise ihrer Familie hatte. Seine Frau und er entfernten sich immer mehr voneinander, offensichtlich mit Zunahme seiner Geschäftstätigkeiten. Sie erwarb eine zwanghafte Leidenschaft zur Musik und Kunst, die Carlo Ciscar fast in den Wahnsinn trieb.
Carlo Ciscar denkt auch an seine Tochter, die während einer Reise früh verstarb, und an seinen Sohn, der ihn aufgrund seines politischen Mitläufertums hasst. Er denkt an seine Zeit als Jäger und daran, was er den Menschen und Tieren, die ihm im Leben begegnet sind, angetan hat. Und natürlich auch daran, was man ihm angetan hat.
“Und ich frage mich, warum es keine Erinnerungen ohne Gefühle geben kann.”
Nur etwas über 100 Seiten hat dieses Buch, aber es gehört definitiv zu den besten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe!
Es ist sehr berührend und eindringlich. Chirbes besitzt eine enorme Sprachgewalt, die er auf gerade mal 130 Seiten voll zur Schau stellt.
Er soll gesagt haben, dass er an nichts Gutes mehr glaubt. Die Menschen sind schlecht, sie wollen immer schneller immer mehr und es ekelt ihn schlichtweg an. So ein bisschen von diesem Ekel ist zu spüren in diesem Buch (insbesondere im Bereich der Politik). Er stellt seinen Protagonisten zwar nicht bloß, allerdings, und das schmerzt mehr als eine Bloßstellung, hält er ihm einen Spiegel der Vergangenheit vor, der gnadenlos reflektiert.
“Erinnerungen besitzen eine Reihenfolge, ein Vorher und Nachher, die Zeit der Verletzungen und die der Wunden, die jahrelang weitereitern, ohne daß etwas sie heilen könnte.”
Das obige Zitat von Schnitzler trifft sehr genau den Kern der Erzählung. Es sind starke Worte um eine gescheiterte Existenz. Ein bisschen schwere Kost für einen Weihnachtsnachmittag, aber es ist die Niedergeschlagenheit auf alle Fälle wert. Ein Buch auch, dessen Nachhaltigkeit lange nach Beendigung das Bewusstsein erreicht.
Sehr empfehlenswert!
Der Schuß des Jägers – Rafael Chirbes
128 Seiten, Antje Kunstmann Verlag
2006, Taschenbuch, 10 Euro
Weitere Informationen
- Rezension bei den Büchereulen
- “In Granada geschah der Mord” – ein Beitrag zur Ermordung des spanischen Dichters Federico García Lorca zur Zeit der Franco-Ära (mit einer Fülle Hintergrundinformationen)
- Wikipedia Eintrag zu Franco
Bücher von Rafael Chirbes im Überblick



Über die schmale Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit
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