“Ich erinnere mich nicht, eine Detonation gehört zu haben. Ein Zischen vielleicht, ähnlich dem Reißen eines Stoffes, aber sicher bin ich mir nicht. Meine Aufmerksamkeit ist abgelenkt von diesem Mann, der vom Heer seiner frommen Anhänger getragen wird wie ein Gott, während seine Leibgarde versucht, ihm einen Weg zu seinem Fahrzeug zu bahnen.” [1]

Amin Jaafari ist ein hoch angesehener Chirurg in einem Krankenhaus in Tel Aviv. Amin Jaafari ist aber auch ein arabischer Israeli und damit ein Musterbeispiel an Integration. Er wohnt, gemeinsam mit seiner Frau, die er sehr liebt und mit der er sehr glücklich ist, in einem der besten Viertel Tel Avivs, wo sie sich wohlhabend eingerichtet haben. Sie reisen um die Welt, verbringen ihre Zeit oft in geselligen Runden und auf exklusiven Partys. Klingt annehmbar, sollte man meinen.
Eines Tages geschieht, was wohl so oft geschieht in dieser Gegend: es passiert ein Selbstmordanschlag in einem Fast-Food-Restaurant. Zahlreiche Kinder sind als Opfer zu vermelden. Amin nimmt die Verletzten entgegen und versucht Leben zu retten, wo er kann. Das ist nicht nur sein Job, es ist seine Berufung.
Kurze Zeit später erfährt Amin, dass seine Frau zu den Opfern des Anschlags zählt. Sie war offensichtlich nicht, wie von ihm angenommen in Kafr Kannan, bei ihrer Großmutter. Aber es kommt noch schlimmer. Sie soll nicht nur ein Opfer gewesen sein, sondern die Attentäterin. Amin ist völlig geschockt und überrumpelt von den Ereignissen und gerät dabei selbst noch in Verdacht. Bevor er überhaupt versteht wie ihm geschieht, findet er sich unter zähen Verhören und Beschuldigungen wieder.
Amin glaubt natürlich keineswegs an die Schuld seiner Frau. Völlig unmöglich erscheint es ihm, dass Sihem ohne sein Bemerken fundamentalistische Kreisen beigetreten ist und sogar ihr Leben dafür gelassen haben soll. Er beginnt eigene Erkundungen anzustellen, gerät dabei des Öfteren in Lebensgefahr und muss letztlich der schmerzhaften Wahrheit ins Gesicht blicken.
Ich bin ein wenig hin- und hergerissen bei der Beurteilung der Lektüre. Einerseits zwingt die Thematik zur Sachlichkeit, andererseits möchte man aber auch gerne unterhalten werden. Yasmina Khadra hat einen Mittelweg gefunden, der mir nicht ausnahmslos gefällt. Zwar habe ich dieses Buch regelrecht verschlungen – innerhalb dreieinhalb Stunden Wartezeit in einer Arztpraxis -, was aber keine Begeisterungsstürme in mir auslöst.
Insgesamt ist die Story sehr effekthascherisch. Zu viel Krimi, zu viele Dialoge. Amin wird verprügelt noch und nöcher, bedroht und verfolgt ohne Schaden zu erleiden. Sein seelischer Zustand wirkt glaubaft, die Beschreibungen dazu aber sind überstrapaziert. Er irrt völlig verwahrlost durch die Gegend, verbringt ein Gutteil der Zeit in einem geistigen Delirium. Dies ist alles grundsätzlich nachvollziehbar und dennoch im Gesamtgefüge der Geschichte einfach überzogen. Selten habe ich mich dem Protagonisten in seinen Gefühlen verbunden gefühlt. Lediglich die ersten und die letzten Seiten sind tatsächlich ergreifend und erschütternd.
Nichtsdestotrotz, Yasmina Khadra wäre nicht so erfolgreich mit seinen Büchern, wenn sie nicht inhaltlich einer gewissen Qualität, in Bezug auf die politischen Themen, unterliegen würde. So auch in diesem Fall. Beeindruckend beispielsweise ist es, wie er die Motivation einzelner beschreibt. So auch Amin Jaafaris Motivation zur Berufswahl:
“Ich erinnere mich nicht, dem Kampf der einen je Beifall gezollt oder den der anderen je verurteilt zu haben, da ich sie beide unendlich vernunftwidrig fand. Nicht ein einziges Mal habe ich mich betroffen gefühlt, oder auch nur angesprochen, in dem blutigen Konflikt, der bei Licht besehen Prügelknaben und Sündenböcke einer verbrecherischen Geschichte, die jederzeit rückfällig werden kann, unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegeneinander hetzt. Ich habe so viel an Anfeindung erlebt, dass das einzige Mittel darin besteht, denen nicht ähnlich zu werden, die dahinterstecken, und nicht meinerseits darein zu verfallen. Statt die andere Wange hinzuhalten oder Auge um Auge auszuteilen, habe ich mich dafür entschieden den Kranken zu helfen. Ich habe den edelsten Beruf, den die Menschheit kennt, ich bin stolz auf ihn und würde um nichts in der Welt etwas tun, was seinem Ansehen schaden könnte.” [2]
Das ist natürlich ohne Zweifel eine wunderschöne Liebeserklärung an einen Beruf und gleichzeitig ein starkes Plädoyer für den Frieden. Solche Szenen sind bezeichnend für Yasmina Khadras Schreibe und es verwundert mich ein wenig davon so wenige zu finden in diesem Roman. Vor kurzem habe ich von ihm “Die Schuld des Tages an die Nacht” als Hörbuch gehört (Rezension folgt) und war angesichts des feinfühligen Tons sehr begeistert. Allerdings unterscheidet sich die Thematik grundlegend, so dass ein direkter Vergleich einem Vergleich mit Äpfel und Birnen gleich käme.
Letzten Endes ist es dem Autor hoch anzurechnen, dass er mit diesem Roman keinen Versuch unternimmt dem Konflikt mit einer Lösung nahe zu kommen. Eine solche sieht er nicht. Diese Feststellung trifft er mit dem Romanende ganz deutlich. Es ist ihm gelungen, die Beweggründe der verfeindeten Parteien aufzuzeigen. Er gibt zu, dass er spätestens beim Verständnis kapitulieren muss – beeindruckend und ehrlich. Aber leider, und das ist wiederum als Leser/in enttäuschend, zieht man keinen Gewinn aus diesen Überlegungen. Mir ist immernoch völlig unklar, was genau Amins Frau dazu getrieben hat, sich, trotz ihrer gesellschaftlich gut situierten Persönlichkeit, zu opfern. Die einzige Motivationsgrundlage, die Yasmina Khadra dazu liefert, bleibt wenig glaubwürdig.
Fazit
Thematisch hat Yasmina Khadra ein sehr interessantes Buch vorgelegt. Literarisch ist es sicherlich keine Meisterleistung, eher trivial. Und da ersteres gut umgesetzt ist und letzteres nicht immer schlecht sein muss, ist es trotz allem eine Leseempfehlung.
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[1] Seite 1 (ersten Sätze)
[2] Seite 175
Der Autor
Yasmina Khadra ist das Pseudonym von Mohammed Moulessehoul. Der 1955 geborene Autor war hoher Offizier in der algerischen Armee. Wegen der strengen Zensurbestimmungen veröffentlichte er seine beliebten Kriminalromane mit Kommissar Llob unter dem Namen einer Frau. Erst nachdem er im Dezember 2000 mit seiner Familie nach Frankreich ins Exil gegangen war, konnte er das Geheimnis um seine Identität lüften. Yasmina Khadra ist eine der wichtigsten Stimmen der arabischen Welt, seine Romane sind in 17 Sprachen übersetzt.
Die Attentäterin – Yasmina Khadra
272 Seiten,
Taschenbuch,
9,90 Euro















