12
Sep 10

Sogar Papageien überleben uns – Olga Martynova

Der Zeitfluss, das Zeitflussweib, die Bergvogelfrauen
Klares Wasser eines Bergbaches eilt über die Steine. Ich schaue nach unten von der Brusthöhe einer Frau, die mich in ihren Armen hält, um mich hinüberzubringen. Die Frau tut keinen Schritt, sie steht einfach da in den auf den Wellen hüpfenden Sonnensplittern, knietief. Trotzdem sind wir nach einer Weile am anderen Ufer. Nie fand ich heraus, wie das ging.” [1]

Inhalt
Marina stammt aus Petersburg und ist zu Besuch in Deutschland, wo sie bei einem Kongress über Daniil Charms und seinen Freundeskreis spricht.
Außerdem ist da ein Mann, der in Leningrad Russisch studierte und mit dem sie damals, vor 20 Jahren, eine Liebesgeschichte erlebte.
Die Vergangenheit ist nicht vergangen – und das gilt nicht nur für diese private Geschichte: “Ich habe Angst vor den Geheimnissen der Zeit.”
Ein ganzes Jahrhundert (und manchmal auch darüber hinaus) passiert in Marinas Assoziationen Revue, und nirgendwo sonst ist dieses letzte Jahrhundert vielfältiger, durch gewaltige Brüche im Sozialsystem fragmentierter gewesen als in Russland: vom Zarenreich über die Revolution, die Sowjetunion, die Weltkriege, die Belagerung Leningrads durch die Deutschen, die Perestrojka…

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Irgendwo las ich, dass man dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und lesen kann. Dem ist wirklich so. Olga Martynova Roman besteht aus 88 mehr oder weniger kurzen Prosatexten, die fast vollständig unabhängig voneinander gelesen werden können. Der rote Faden ist die Beziehung Marinas zu ihrem deutschen Freund Andreas und der Dichterkreis um Daniil Charms.

Sogar die Papageien überleben uns ist eine ungewöhnliche Reise durch Zeit und Geschichte. Es handelt vom Zeitfluss, von Zeitflussweibern, von “Dingen, von früher” und “Dinge aus dem anderen Leben” und wirkt ein wenig selbstverliebt als Roman. Es braucht das ein oder andere Mal ein wenig Durchhaltevermögen um den Unsinn der Gedankenspiele zu druchschauen, aber insgesamt amüsieren die geistigen Achterbahnfahrten der Autorin.

“Wwedenskij sagte: Und überhaupt: Jede Beschreibung ist falsch. Der Satz: »Ein Mensch sitzt, über seinem Kopf ist ein Schiff« ist doch vielleicht richtiger als »Ein Mensch sitzt und liest ein Buch.«”

Es wäre falsch zu sagen (das habe ich in meinem Vortrag nicht mitgeteilt): Ich stehe in einem schattigen Hof. Neben mir steht ein deutscher Schauspieler. Ich warte, bis er sein Foto signiert hat. Nein. Ich stehe in einem schattigen Hof. Über meinem Kopf kauen die Kamele das dürftige Grün, das nicht einmal grün ist. Unter meinen Füßen hinter dem Schattengatter (-gitter?) staubt der gelbe Himmel der Wüste, der Andreas und mir vor fast zwanzig Jahren golden war.” [2]

Auch an den Gesprächen der Oberiuten (Charms und seine Dichterfreunde [3]), die “den Unsinn als Erkenntnisform gewählt haben, um die absurde Welt, in der sie zu leben hatten, besser zu verstehen”, die ähnliche (aber unterhaltsamere) Formen hatten, dürfen wir dank der Autorin teilhaben.

Der Roman ist sicherlich ein Exot unter den Nominierungen zum Deutschen Buchpreis. Vielleicht einen Hauch zu verspielt, zu wenig ernsthaft um in den Kreis der Shortlistnominierten aufgenommen zu werden. Olga Martynovas Sätze sind lang, verschachelt und bewusst konfus (mit zahlreichen gedanklichen Abschweifungen in Klammern versehen). Klammerung innerhalb von Klammerungen nicht ungewöhnlich bei Frau Martynova. Insgesamt macht es Spaß dieses Buch zu lesen, da es einfach anders ist und zum Mitdenken und Miträtseln auffordert. Ihren scherzig bissigen Tonfall setzt die Autorin mit Bravour ein.

Fazit
Die Kernaussage ist bei mir nicht so richtig angekommen, aber das Buch hat irgendwie etwas. Etwas, was Spaß macht . Eine lyrische Reise durch die Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Russland. Ganz sicher nicht jedermans Geschmack.

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Büchereule
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Die Zeit online
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[1] Seite 1 (ersten Sätze)
[2] Seite 59
[3] Daniil Charms bei Wikipedia, Die Oberiuten bei Wikipedia


Die Autorin
Olga Martynova, 1962 bei Krasnojarsk geboren, wuchs in Leningrad auf, studierte russische Sprache und Literatur; 1991 zog sie nach Deutschland. Sie lebt mit ihrem Mann Oleg Jurjew in Frankfurt/Main.
Sie schreibt Gedichte (auf Russisch) und Essays und Prosa (auf Deutsch).


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Sogar Papageien überleben uns – Olga Martynova
199 Seiten,
Gebunden,
19 Euro


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05
Sep 10

Die Attentäterin – Yasmina Khadra

“Ich erinnere mich nicht, eine Detonation gehört zu haben. Ein Zischen vielleicht, ähnlich dem Reißen eines Stoffes, aber sicher bin ich mir nicht. Meine Aufmerksamkeit ist abgelenkt von diesem Mann, der vom Heer seiner frommen Anhänger getragen wird wie ein Gott, während seine Leibgarde versucht, ihm einen Weg zu seinem Fahrzeug zu bahnen.” [1]

Amin Jaafari ist ein hoch angesehener Chirurg in einem Krankenhaus in Tel Aviv. Amin Jaafari ist aber auch ein arabischer Israeli und damit ein Musterbeispiel an Integration. Er wohnt, gemeinsam mit seiner Frau, die er sehr liebt und mit der er sehr glücklich ist, in einem der besten Viertel Tel Avivs, wo sie sich wohlhabend eingerichtet haben. Sie reisen um die Welt, verbringen ihre Zeit oft in geselligen Runden und auf exklusiven Partys. Klingt annehmbar, sollte man meinen.

Eines Tages geschieht, was wohl so oft geschieht in dieser Gegend: es passiert ein Selbstmordanschlag in einem Fast-Food-Restaurant. Zahlreiche Kinder sind als Opfer zu vermelden. Amin nimmt die Verletzten entgegen und versucht Leben zu retten, wo er kann. Das ist nicht nur sein Job, es ist seine Berufung.

Kurze Zeit später erfährt Amin, dass seine Frau zu den Opfern des Anschlags zählt. Sie war offensichtlich nicht, wie von ihm angenommen in Kafr Kannan, bei ihrer Großmutter. Aber es kommt noch schlimmer. Sie soll nicht nur ein Opfer gewesen sein, sondern die Attentäterin. Amin ist völlig geschockt und überrumpelt von den Ereignissen und gerät dabei selbst noch in Verdacht. Bevor er überhaupt versteht wie ihm geschieht, findet er sich unter zähen Verhören und Beschuldigungen wieder.

Amin glaubt natürlich keineswegs an die Schuld seiner Frau. Völlig unmöglich erscheint es ihm, dass Sihem ohne sein Bemerken fundamentalistische Kreisen beigetreten ist und sogar ihr Leben dafür gelassen haben soll. Er beginnt eigene Erkundungen anzustellen, gerät dabei des Öfteren in Lebensgefahr und muss letztlich der schmerzhaften Wahrheit ins Gesicht blicken.

Ich bin ein wenig hin- und hergerissen bei der Beurteilung der Lektüre. Einerseits zwingt die Thematik zur Sachlichkeit, andererseits möchte man aber auch gerne unterhalten werden. Yasmina Khadra hat einen Mittelweg gefunden, der mir nicht ausnahmslos gefällt. Zwar habe ich dieses Buch regelrecht verschlungen – innerhalb dreieinhalb Stunden Wartezeit in einer Arztpraxis -, was aber keine Begeisterungsstürme in mir auslöst.

Insgesamt ist die Story sehr effekthascherisch. Zu viel Krimi, zu viele Dialoge. Amin wird verprügelt noch und nöcher, bedroht und verfolgt ohne Schaden zu erleiden. Sein seelischer Zustand wirkt glaubaft, die Beschreibungen dazu aber sind überstrapaziert. Er irrt völlig verwahrlost durch die Gegend, verbringt ein Gutteil der Zeit in einem geistigen Delirium. Dies ist alles grundsätzlich nachvollziehbar und dennoch im Gesamtgefüge der Geschichte einfach überzogen. Selten habe ich mich dem Protagonisten in seinen Gefühlen verbunden gefühlt. Lediglich die ersten und die letzten Seiten sind tatsächlich ergreifend und erschütternd.

Nichtsdestotrotz, Yasmina Khadra wäre nicht so erfolgreich mit seinen Büchern, wenn sie nicht inhaltlich einer gewissen Qualität, in Bezug auf die politischen Themen, unterliegen würde. So auch in diesem Fall. Beeindruckend beispielsweise ist es, wie er die Motivation einzelner beschreibt. So auch Amin Jaafaris Motivation zur Berufswahl:

“Ich erinnere mich nicht, dem Kampf der einen je Beifall gezollt oder den der anderen je verurteilt zu haben, da ich sie beide unendlich vernunftwidrig fand. Nicht ein einziges Mal habe ich mich betroffen gefühlt, oder auch nur angesprochen, in dem blutigen Konflikt, der bei Licht besehen Prügelknaben und Sündenböcke einer verbrecherischen Geschichte, die jederzeit rückfällig werden kann, unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegeneinander hetzt. Ich habe so viel an Anfeindung erlebt, dass das einzige Mittel darin besteht, denen nicht ähnlich zu werden, die dahinterstecken, und nicht meinerseits darein zu verfallen. Statt die andere Wange hinzuhalten oder Auge um Auge auszuteilen, habe ich mich dafür entschieden den Kranken zu helfen. Ich habe den edelsten Beruf, den die Menschheit kennt, ich bin stolz auf ihn und würde um nichts in der Welt etwas tun, was seinem Ansehen schaden könnte.” [2]

Das ist natürlich ohne Zweifel eine wunderschöne Liebeserklärung an einen Beruf und gleichzeitig ein starkes Plädoyer für den Frieden. Solche Szenen sind bezeichnend für Yasmina Khadras Schreibe und es verwundert mich ein wenig davon so wenige zu finden in diesem Roman. Vor kurzem habe ich von ihm “Die Schuld des Tages an die Nacht” als Hörbuch gehört (Rezension folgt) und war angesichts des feinfühligen Tons sehr begeistert. Allerdings unterscheidet sich die Thematik grundlegend, so dass ein direkter Vergleich einem Vergleich mit Äpfel und Birnen gleich käme.

Letzten Endes ist es dem Autor hoch anzurechnen, dass er mit diesem Roman keinen Versuch unternimmt dem Konflikt mit einer Lösung nahe zu kommen. Eine solche sieht er nicht. Diese Feststellung trifft er mit dem Romanende ganz deutlich. Es ist ihm gelungen, die Beweggründe der verfeindeten Parteien aufzuzeigen. Er gibt zu, dass er spätestens beim Verständnis kapitulieren muss – beeindruckend und ehrlich. Aber leider, und das ist wiederum als Leser/in enttäuschend, zieht man keinen Gewinn aus diesen Überlegungen. Mir ist immernoch völlig unklar, was genau Amins Frau dazu getrieben hat, sich, trotz ihrer gesellschaftlich gut situierten Persönlichkeit, zu opfern. Die einzige Motivationsgrundlage, die Yasmina Khadra dazu liefert, bleibt wenig glaubwürdig.

Fazit
Thematisch hat Yasmina Khadra ein sehr interessantes Buch vorgelegt. Literarisch ist es sicherlich keine Meisterleistung, eher trivial. Und da ersteres gut umgesetzt ist und letzteres nicht immer schlecht sein muss, ist es trotz allem eine Leseempfehlung.

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Büchereule
Buchkritik
Die Leselust
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[1] Seite 1 (ersten Sätze)
[2] Seite 175


Der Autor
Yasmina Khadra ist das Pseudonym von Mohammed Moulessehoul. Der 1955 geborene Autor war hoher Offizier in der algerischen Armee. Wegen der strengen Zensurbestimmungen veröffentlichte er seine beliebten Kriminalromane mit Kommissar Llob unter dem Namen einer Frau. Erst nachdem er im Dezember 2000 mit seiner Familie nach Frankreich ins Exil gegangen war, konnte er das Geheimnis um seine Identität lüften. Yasmina Khadra ist eine der wichtigsten Stimmen der arabischen Welt, seine Romane sind in 17 Sprachen übersetzt.


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Die Attentäterin – Yasmina Khadra
272 Seiten,
Taschenbuch,
9,90 Euro


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31
Aug 10

[Zeitgenössisch] Die Ehe – Natascha Wodin

“Das war er, der deutsche Mann, den ich nie wollte. Aber er war der erste und einzige, der mir ein Leben als Deutsche anbot. [...] Er war das Beste, was ich bekommen konnte, und ich war das Beste, was er bekommen konnte. Er nahm meinen Mangel in Kauf und ich den seinen. Das war unser Handel, das war unsere Bestimmung füreinander.

Inhalt
Der neue Roman von Natascha Wodin führt zurück in eine deutsche Kleinstadt im Jahr 1964.
Die Heldin ist zu Beginn 19 Jahre alt und arbeitet als Sekretärin und Telefonistin. Bald lernt sie Harald kennen, der einen ganz neuen, aufsehenerregenden Beruf hat: Programmierer.
So recht vorzeigbar vor den Kolleginnen ist Harald wegen eines Körperschadens zwar nicht, aber dennoch ist die Heirat für die junge Frau wie ein Sprung auf die andere Seite des Lebens. Hatten sich doch Kindheit und Jugend in Blocks hinter dem Kanal abgespielt, wo nach dem Krieg fast ausschließlich versprengte, russische Familien wohnten und der Blick gutbürgerlichen Lebens jedenfalls hinreicht. Nun aber adelt ein deutscher Name die neue Existenz. Die Segnungen der neuen Umgebung, die Aufnahme in die Famile des Gatten, die der Christlichen Wissenschaft und der NPD huldigt, Urlaubsreisen nach Italien, Operbesuche, Begleitung des Ehemanns zur Jagd gewähren ganz ungeahnte Genüsse. Mit naivem, fast ungläubigem Staunen nimmt die junge Ehefrau die Atmosphäre wachsenden Wohlstandes in den sechziger Jahren wahr, aber bald erweist sich auch dessen Brüchigkeit.

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Ein beeindruckendes Buch angesichts der Tatsache, dass Natascha Wodin in ihren Werken ihre Vergangenheit aufarbeitet. So auch in diesem Werk. Es geht vor allem um Heimatlosigkeit, sie bezeichnet sich selbst als Fremde zwischen den Kulturen.
Der Lebenslauf der namenslosen Ich-Erzählerin ähnelt in allen Eckdaten Natascha Wodins Lebenslauf.

Die Ehe ist ein Roman vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit in Deutschland und ein detaillierter Blick hinter die Kulissen. Die Atmosphäre dieser Zeit ist beeindruckend aufgefangen (“die 68-er”, Studentenproteste gegen den Vietnam-Krieg, Willy Brandts Kanzlerschaft etc.). In einem distanzierten und äußerst schlichtem Ton berichtet die Ich-Erzählerin von ihren Erlebnissen dieser Zeit, von ihren Gefühlen und von ihrer Unkenntnis über die Kultur eines Landes, in dem sie zwar geboren ist, in dem sie jedoch völlig orientierungslos herumirrt.

Als die Ich-Erzählerin eines Tages beim Fernsehabend der Nachbarin auf den einäugigen Harald Sikora trifft, ekelt sie sich zwar, aber sie weiß, er ist ihre Chance auf eine “deutsche” Zukunft.

Er sah schaurig aus. Ich wollte davonlaufen, wenn mich ein Blick aus diesem Gesicht traf

Das war er, der deutsche Mann, den ich nie wollte. Aber er war der erste und einzige, der mir ein Leben als Deutsche anbot. [...] Er war das Beste, was ich bekommen konnte, und ich war das Beste, was er bekommen konnte. Er nahm meinen Mangel in Kauf und ich den seinen. Das war unser Handel, das war unsere Bestimmung füreinander.

Die Ehe steht von Beginn an unter schlechten Sternen. Haralds Eltern und auch er selbst sind Mitglieder einer Sekte, die sich “Christliche Wissenschaft” nennt und nebenbei engagiert sich ihr neuer Mann in einer neugegründeten Partei, die NPD heißt. Ihre Schwiegermutter hasst das Mädchen von Anfang an und versäumt es nicht ihr gegenüber dies zum Ausdruck zu bringen. Was zu Beginn noch Faszination auf die junge Frau ausübt – die Ehe, die Aufnahme in eine echte “deutsche” und bürgerliche Familie, die in Wohlstand lebt – entwickelt sich schon nach kurzer Zeit zu einem konventionellen Gefängnis. Das Mädchen kämpft sich im Laufe ihrer Ehejahre an ihrem Mann vorbei durch die Konventionen und schafft es zuletzt tatsächlich als Frau ihre Unabhängigkeit zu erringen.

Fazit
Ein kühles und beeindruckendes Buch. Es wirkt oft recht befremdlich, dadurch aber auch faszinierend. Ich bin schon sehr auf “Nachtgeschwister” gespannt. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule


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Die Ehe – Natascha Wodin
200 Seiten, Gebunden, 1997
vergriffen


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28
Aug 10

[Biografien] Grandhotel Bulgaria – Angelika Schrobsdorff

“Ja, Angelintsche, sieht dann alles ganz anders aus. Gibt es hier eine gute Spruch, der heißt: Wer überlebt diese Winter, wird es bereuen..” [1]

Inhalt
Das Ende des Kommunismus war für die Völker Osteuropas der Beginn einer Hoffnung und zugleich eine Reise ins gesellschaftliche und ökonomische Elend. Eine Schriftstellerin wie Angelika Schrobsdorff, die dort acht Jahre ihres Lebens verbracht hat, kann das nicht kalt lassen. Sie kennt die Verhältnisse, hat sie doch als Kind mit ihrer Mutter, einer deutschen Jüdin, den Naziterror in Bulgarien überlebt. Jetzt will sie selbst helfen.

Als sie Anfang Dezember 1996 ein Anruf aus Sofia erreichte und ihre Nichte ihr von der Not und der Bedrückung der Menschen erzählte, machte sie sich spontan auf den Weg. Sie setzte sich in ihrer neugefundenen Heimat ins Flugzeug und flog in das Land ihres ehemaligen Exils. Während ihres Aufenthalts führte sie Gespräche mit alten und neuen Freunden und erlebte am Jahreswechsel den Beginn der Demonstrationen gegen die letzten Überreste des autoritären Regimes. Ihr Tagebuch ist ein Bericht aus erster Hand und ein erstaunliches literarisches Dokument.

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Ein tolles Buch! Aus jedem Satz liest man Angelika Schrobsdorffs Liebe zu ihrer Exilheimat heraus.

Angelika Schrobsdorff erhält Ende 1996 einen Anruf ihrer Nichte Evelina aus Bulgarien, der sie in tiefe Besorgnis stürzt. Laut Evelina werden im Winter aufgrund der verheerenden Verhältnisse in Bulgarien tausende von Menschen verhungern und erfrieren. Angelika Schrobsdorff weiß zu dieser Zeit nicht viel über die Zustände, aber sie weiß mit Sicherheit, “…daß es mal über Wochen kein Brot gab, mal kein Heizöl, mal nur stundenweise Elektrizität und daß die Preise für einen Normalverdienenden unerschwinglich geworden waren.[2]

Sie beschließt nach Bulgarien zu reisen um sich ein eigenes Bild über das Land zu machen, das ihr und ihrer Mutter acht Jahre lang als Exil während der Flucht vor den Nazis diente.

Frau Schrobsdorffs Ankunft in Sofia ist grau und traurig. Aufgrund des Wegfalls des sowjetischen Marktes befand sich Bulgarien Ende der Neunziger immernoch in einer schweren Krise. Im Frühjahr ‘96 brach das Bankensystem aufgrund der hohen Staatsverschuldung zusammen, was eine schwere Wirtschaftskrise im Land zur Folge hatte. Das Bild, das Angelika Schrobsdorff bei ihrer Ankunft zeichnet ist entmutigend:

Ich sah mir die Leute auf der Straße an. Sie machten keinen gefährlichen Eindruck, waren ärmlich und farblos gekleidet, hatten müde Gesichter und einen abwesenden Blick, der erkennen ließ, daß sie in keine angenehmen Gedanken verstrickt waren. Kein Mensch lachte, keiner schien einem Ziel entgegenzugehen, auf das er sich freute. An einer Haltestelle wartete ein nasses, frierendes Menschenknäuel auf den Bus. [3]

Sie versucht sich bei ihrem treuen Freund und Begleiter Bogdan zu versichern, dass das Stadtbild ein gänzlich anderes sei, sobald das Wetter sich bessere. Bogdan antwortet mit unverwüstlichem Galgenhumor:

Ja, Angelintsche, sieht dann alles ganz anders aus. Gibt es hier eine gute Spruch, der heißt: Wer überlebt diese Winter, wird es bereuen. [4]

Trotz der schlimmen Umstände lässt sich Angelika Schrobsdorff die Liebe zu Bulgarien nicht zermürben und berichtet stets in einem angenehm humorigen Ton. Sie erzählt von den Menschen, die trotz der katastrophalen Umstände, in denen sie Leben müssen, nichts von ihrer Warmherzigkeit eingebüßt haben. Einige sind ein bisschen kauzig, klar, viele andere halten sich mit Galgenhumor über Wasser, aber alle haben sie stets Freude an Geselligkeit und Gespräche über ihr Land und ihre Leute. Die Bulgaren sind zäh und harren der Dinge aus die da kommen – viel schlimmer kann’s ja nicht mehr werden…

Bemerkenswert ist, wie Frau Schrobsdorff es schafft, die Stimmung der Gespräche, die sie mit ihren bulgarischen Freunden führt, so detailliert – mit Sticheleien, politischen Streitigkeiten etc. – wiederzugeben.

Fazit
Angelika Schrobsdorff hat ein Buch über Bulgarien geschrieben, dass nur jemand schreiben kann, der die Menschen und das Land kennt und liebt. Bei allem Übel behält sie das Auge für die schönen Seiten und lässt es nicht aus, die Leserschaft von der Besonderheit Bulgariens zu überzeugen aber auch die Umstände aufzuzeigen, unter denen diese Menschen ihr Leben meistern müssen. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule

[1] Seite 31
[2] Seite 10
[3] Seite 30
[4] Seite 31


Image of Grandhotel Bulgaria: Heimkehr in die Vergangenheit Roman

Grandhotel Bulgaria – Angelika Schrobsdorff
288 Seiten, Taschenbuch, 1997
9,50 Euro,
dtv


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23
Aug 10

[Zeitgenössisch] Die Teilacher – Michel Bergmann

“Das jiddische Substantiv »Teilacher« ist der Cousin des jiddischen Berliner Verbs »teilachen«, und das heißt im vulgären Sprachgebrauch so viel wie »abhauen«. seinen Ursprung hat dies wiederum in dem Wort für Hausierer und müsste eigentlich »Teillaacher« geschrieben werden. Es ist ein Pleonasmus und setzt sich zusammen aus dem Begriff »Teil« und dem Wort »Laachod«, Einzelhandel. Der Teilacher, als Vertreter des Einzelhandels, ist das kleinste spaltbare Teilchen, das Atom der Kaufmannswelt. Was den Teilacher vom herkömmlichen Handlungsreisenden unterscheidet: Der Teilacher ist Jude. Oder er gibt sich als solcher aus. Denn es gab eine Zeit, da konnte das, unglaublich, aber wahr, Vorteile haben.
Aber auch Nachteile.”[1]

Inhalt
1972, David Bermann, der »Einstein unter den Teilachern«, ist tot. Nach der Beerdigung finden sich Verständig, Fajnbrot, und Szoros in ihrem Stammcafé ein. Man redet natürlich über alte Zeiten…

1946, Frankfurt am Main. Ausgerechnet nach Deutschland, ins Land der Täter, sind sie zurückgekommen. David Bermann, Emil Verständig, Max Holzmann und die anderen, sie sind zurück. Wie ist es ihnen ergangen? Fast alle waren aus den Lagern gekommen, oft als einzig Überlebende in ihrer Familie. Und doch ist jetzt Aufbruch angesagt: Tag für Tag sind sie unterwegs, um allerlei Dinge zu verkaufen. Wie viel Kraft hat es gekostet, wieder an Liebe, Nestbau und Zukunft zu glauben? [2]

~~~~~~~~~~~~~~~~

Die Geschichte um David Bermann beginnt 1972 als sein Ziehneffe, Alfred, im Altersheimzimmer des Verstorbenen steht und dessen Habseligkeiten zusammen packen soll. Es fällt ihm schwer, er kann sich nicht konzentrieren – zu tief sitzt noch der Schock und die Trauer über den Toten in den Gliedern. Also beginnt er alte Erinnerungen wieder hervorzurufen: wie er mit seinem „Onkel David“ im Boot sitzt und dieser ihm von der Flucht vor den Pogromen in Galizien 1918 berichtet. Seine Geschwister und er fliehen nach Deutschland und eröffnen das Wäschekaufhaus „Gebrüder Bermann“. Das Geschäft läuft gut, aber David Bermann ist das alles zu konventionell. Während seine Brüder jüdische Töchter heirateten und laut David Bermann selbstverständlich hochbegabten Nachwuchs zeugten, entschied er sich gegen das seiner Meinung nach heuchlerisch burgeoise Leben und bezeichnete sich als “Flaneur”.

“Flaneur. Den Begriff kennt man heute ja nicht mehr. [...] Ein Flaneur ist ein Bohemien, nur dass er das Kaffeehaus wechselt. Die frische Luft muss man allerdings in Kauf nehmen, wie Anton Kuh sagt.” [3]

Aber nicht nur das. In Folge entscheidet er sich sogar zum Entsetzen seiner Familie ein Teilacher – ein jüdischer Handlungsreisender – zu werden. Seine Brüder erklären ihn für verrückt einer so brotlosen Kunst zu verfallen und ärgern sich über seinen Eigensinn:

“Du bist doch eine Schande für die Familie, bist du!
Da habe ich gesagt: Und du bist a nudnik! Du weißt, was das ist, a nudnik? Ein nudnik ist einer, den du fragst, na, wie geht’s… und er erzählt es dir!” [4]

Onkel David erzählt Alfred noch von seiner ersten Liebe Maria, die er in einem Anfall jugendlichen Leichtsinns gleich heiraten wollte und sich großspurig brüstete die Sache mit ihren Eltern zu regeln, die als Deutsche sich womöglich wenig glücklich zeigen würden einen jüdischen Schwiegersohn aufzunehmen. Das Ende vom Lied war ein Veilchen und die Landung im Vorgarten der Eltern.

David Bermann wird durchweg als lebensfroher Mensch voller „chuzpe“ gezeichnet, der seine Freiheit und sein Junggesellendasein in vollen Zügen genießt. Bermanns Erzählungen sind stets erfrischend, übertrieben und zeugen von großer Fabulierkunst. Abschweifend, spannend und mit einer gehörigen Portion typisch jüdischem Humor erzählt er die Geschichten seines Lebens.

Später, nach der Beerdigung, geht es weiter mit den Erzählungen. Alfred sitzt mit den verbleibenden Teilachern und Freunden David Bermanns im Café Unterleitner, dem Stammcafé der Teilachermannschaft, und lässt sich dort die Geschichten der Nachkriegszeit erzählen.

Michel Bergmann hat ein Buch geschrieben, dass beim Lesen ein wohlig warmes Gefühl vermittelt. Es scheint, als wäre man mitten in der Runde, bei einem Kaffee in einem Frankfurter Kaffeehaus 1978. Und so erfährt man aus vielen einzelnen Anekdoten Stück für Stück die gesamte Geschichte der Teilacher. Natürlich sind auch hier die Schreckmomente des Krieges und die Demütigungen nicht ausgelassen. Aber Bergmann verzichtet darauf diese in den Mittelpunkt zu stellen. Seine Figuren sind gezeichnet durch ihre Erfahrungen aber nicht bereit aufzugeben, sondern sich auf zu neuen Ufern machen. Sie raufen sich zusammen, bauen sich ihre Leben neu auf und schauen sogar nach einiger Zeit hoffnungsvoll in die Zukunft. Viele verbringen die Kriegszeit im Ausland und überleben auf diese Weise. Sie alle kehren aber nach Frankfurt zurück und treffen sich dort. Es wird ein neues Wäschehaus eröffnet und so nehmen die Dinge ihren – guten – Lauf. Es ist ein Vergnügen den Teilachern bei ihren spektakulären und schelmischen „peckl“-Verkäufen über die Schultern zu schauen. Und immer wenn’s den Anschein macht, es könnte traurig werden, kommt von irgendwo ein Teilacher her und erhellt die Runde mit einem Witz.

„Sagt eine Frau zur anderen: „Mein Mann ist gestorben.“ „Woran denn?“, fragt die andere zurück. „An einer Erkältung.“ „Gott sei Dank nichts Ernstes!“

Fazit
Ein tolles, warmes Buch mit viel Humor, das ein stimmungsvolles Bild sowohl der Vorkriegszeit in Deutschland als auch über das Zusammenleben der Juden und Deutschen zur Nachkriegszeit vermittelt. Michel Bergmann ist ein toller Erzähler, der ein wundervolles Buch geschrieben hat. Sehr empfehlenswert!

Weitere Rezensionen
Büchereule
Deutschlandradio
Bücher Hagalil

[1] Seite 105/106
[2] Seite 42
[3] Seite 43


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Die Teilacher – Michel Bergmann
288 Seiten, Gebunden, 2010
19,90 Euro,
Arche Verlag


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22
Aug 10

[Kochen] Das geniale Familienkochbuch – Edith Gätjen

Wer möchte das nicht – frisch, saisonal und gesund kochen! Aber manchmal gehen einem im turbulenten Alltag die Rezeptideen aus, oder die Zeit reicht nicht und schon wieder sind die Spaghetti im Topf. Wenn Sie Ihre Zeit besser nutzen wollen als für ständige Einkaufstouren und langes Stehen am Herd, dann kommt hier die Rettung: In diesem genialen Familienkochbuch finden Sie fertige Rezeptpläne für jede Woche des Jahres. Fix und fertig geplant, garantiert frisch und gesund.

  • Zeit sparen mit dem Wochenplan: Von schnell und preiswert für jeden Tag bis raffiniert und aufwendiger fürs Wochenende oder für Gäste. Mit praktischen Einkaufs- und Vorratslisten: So ist immer alles im Haus.
  • Für den großen und den kleinen Hunger: Sättigende Hauptgerichte und schnelle Kleinigkeiten für zwischendurch.
  • Saisonale Angebote nutzen: Jede Woche steht ein anderes Gemüse oder Obst im Vordergrund. Nach Angebot vom Wochenmarkt oder dem eigenen Garten.
  • Praktische Kombi-Rezepte: Jede Woche aufeinander abgestimmte Kochideen. Kochen und dabei gleich die nächsten Mahlzeiten vorbereiten.

Nachdem das Kochbuch Essenspaß für kleine Kinder zu unseren meistgenutzten Kochbüchern gehört, suche ich stets nach neuen Büchern aus der Trias Reihe und bin dabei u.a. auch auf dieses aufmerksam geworden. Ich benutze es nun ca. seit einem halben Jahr und bin wieder begeistert!

Das Kochbuch richtet sich sehr bewusst an all diejenigen, die sich gesund und dabei mit Saisongemüse ernähren möchten. Es geht um ausgewogene, gesunde Ernährung, die trotzdem abwechslungsreich, zeitsparend und schmackhaft sein soll. Es bietet sich sehr gut als Begleitkochbuch für eine nachhaltige Umstellung zu einer gesünderen Familienernährung an.
Die Autorin ist sich ihrer z.T. ausgefallenen Rezeptkreationen bewusst und schreibt dazu:

Wenn Ihnen anfangs zwei oder drei Gerichte pro Woche zusagen, sodass noch genügend Raum für die bewährten Lieblingsgerichte bleibt, dann haben Sie schon einen vielversprechenden ersten Schritt getan

Im Gegensatz zu anderen Familienkochbüchern werden hier also keine bewährten Familienrezepte vorgestellt, sondern völlig neue und kreative Rezeptideen mit oftmals nicht genutzten Gemüsesorten.

Wie in beinahe allen Kochbüchern wird auch hier auf den ersten Seiten auf ein paar wesentliche Dinge eingegangen, z.B. die Ernährungspyramide (wieviel Obst und Gemüse pro Tag sind notwendig, welche Getränke eignen sich für eine gesunde Ernährung, wieviel Fleisch/Wurst sollte man verzehren, etc…) Dieser Teil ist allerdings sehr knapp gehalten und enthält die wichtigsten Informationen zur gesunden Ernährung.

Das Buch ist in einen allgemeinen Teil und in Folge saisonal (Winter, Frühjar, Sommer, Herbst) mit den jeweiligen Schwerpunkten auf den Saisongemüsesorten und entsprechenden Rezepte aufgebaut.

Die Rezeptteile enthalten jeweils pro Woche eine Einkaufsliste und einen “Gemüseschwerpunkt”.
Die Einkaufsliste ist stets nach dem Prinzip “Frisch dazukaufen” – “Aus dem Vorrat” und “Mögliche Beilagen” aufgebaut.

Bsp. Januar:
1. Woche – “Milchsäurepush für Ihr Immunsystem”, Steckbrief Sauerkraut, Einkaufsliste
2. Woche – “Von wegen im Winter wächst nichts!”, Steckbrief Chicorée, Einkaufsliste
3. Woche – “Weißkohl beugt Schnupfen vor!”, Steckbrief Weißkohl, Einkaufsliste
4. Woche – “Eine Woche mit jeder Menge Eisen und Folsäure”, Steckbrief Schwarzwurzeln, Einkaufsliste

Natürlich enthalten die Wochen nicht nur Rezepte mit dem jeweiligen Gemüse!

Alle Rezepte sind mit einem “Das passt dazu”-Vermerk versehen, in dem stets ein Salat oder Rohkost als Beilage empfohlen wird.
Des Weiteren enthalten die Abschnitte immer auch Zeitspar-Tipps. Hier werden sehr nützliche zeitsparende Ratschläge hinsichtlich Vorbereitung und Vorratsspeicherung gegeben. Dann gibt es stets auch Tipps für “Kleinigkeiten”, die man aus Gemüseresten herstellen kann (z.B. Linsenaufstrich aus den Resten vom Linsenauflauf oder eine schnelle Frühlingsgemüsesuppe).
Einige Sonderkapitel zum Thema Ostern, Gesund grillen etc. sind ebenfalls vorhanden.

Das Kochbuch ist sehr empfehlenswert für alle, die sich und ihre Familie gesund ernähren möchten. Es sind teilweise sehr ungewöhnliche Rezepte, die sicher nicht alle Begeisterungstürme hervorrufen, aber dennoch sind die Gerichte im Großen und Ganzen sehr lecker. Die Zeitangaben und Zutatenmengen sind hervorragend abgestimmt.

Sollten Rezeptideen vorhanden sein, die überhaupt nicht auf die eigenen Geschmacksnerven treffen, so können diese stets in eine für sich selbst geeignete Form abgewandelt werden. Somit hat man zumindest auch neue Ideen!

Fazit
Ein Kochbuch, das in unserem Haushalt einen festen Platz gefunden hat. Tolle Rezepte, die wirklich gut schmecken und vor allem auch keine komplizierten Kochprojekte in der Küche erfordern. Einkaufslisten für die Woche, Steckbriefe zu den Gemüsesorten, ein Saisonkalender im Einband und viele andere Nettigkeiten runden das empfehlenswerte Familienkochbuch ab.

Weitere Rezensionen
Rezension bei den Büchereulen


Image of Das geniale Familien-Kochbuch: Mein saisonaler Wochenplaner für entspanntes Kochen und vergnügliches Essen

Das geniale Familienkochbuch – Edith Gätjen
212 Seiten, Softcover, 2009
17,95 Euro,
Trias Verlag


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19
Jul 10

[Jugend] Jefra heißt Palästina – Margret Greiner

“Ich hoffe, daß wir eines Tages sagen können: Wir haben nur kleine Schritte getan, hin zu mehr Verständigung und Aussöhnung, aber wir haben diese Schritte gewagt. Und alle kleinen Schritte, die heute überall vollbracht werden, von Juden und Christen und Muslimen, von Israelis und Palästinensern, werden den Weg zum Frieden verkürzen.”[1]

Der Frieden ist in diesem Roman.
Sehnsucht nach Frieden und Erwachsenwerden im Krieg. Die authentische Geschichte einer jungen Palästinenserin, hin- und hergerissen zwischen den Traditionen einer arabischen Familie und dem Traum von Freiheit.

Jefra ist eine 16-jährige Palästinenserin, die mit mit ihren fünf Geschwistern in einer recht liberal funktionierenden Familie in Ost-Jerusalem aufwächst. Ihre älteste Schwester Maryam arbeitet als Volontärin bei einer arabischen Tageszeitung. Laut Jefras Mutter ist Jefra “für ihre sechzehn Jahre ungewöhnlich erwachsen” und von allen Kindern “am ehesten in die Verantwortung zu nehmen”. Trotz allem ist Jefra ein normales Mädchen mit Schulalltag und Pflichten im Haus. Einzig ihre Umgebung unterscheidet sie von anderen “normalen” Mädchen dieser Welt: sie erlebt tagtäglich den brutalen und erbarmungslosen Kampf der Bevölkerungsgruppen zur Zeit der zweiten Intifada [2] in Israel und Palästina.

Jefras Vater war als palästinensischer Widerstandskämpfer jahrelang in israelischer Haft. Ihre beiden Zwillingsbrüder wachsen im Hass gegen ihre Nachbarn auf. Arabische Medien sparen nicht an Bildern über getötete, verletzte, verwaiste Kinder und Eltern. Mediale Aufklärung erfolgt meist sehr einseitig.

Jefra selbst entwickelt sich trotz dessen zur Widerstandskämpferin in der eigenen Familie. Sie nimmt Kontakt zu einem jüdischen Mädchen auf, der jedoch zu einem jähen Ende kommt als die beste Freundin dieses Mädchens durch ein Selbstmordattentat in einem israelischen Café getötet wird. Während Onkeln, Tanten, Eltern und Geschwister den Tod israelischer Kinder nach einem Attentat “feiern”, flüchtet sie angewidert angesichts des Anlasses nach Hause. Trotz der erniedrigenden Dinge, die sie täglich durch israelische Besatzung erfahren muss und die sie miterlebt, ist sie nicht bereit den Hass gegen die Juden in sich herauf zu beschwören.

“Aber die Tatsache, daß Hunderte unschuldiger Zivilisten getötet worden waren, daß Häuser willkürlich von israelischen Soldaten demoliert wurden, daß palästinensische Bauern von jüdischen Siedlern daran gehindert wurden, ihre Olivenfelder abzuernten, daß schwangere Frauen an den Grenzübergängen ihre Kinder zu Welt brachten, weil man sie nicht ins Krankenhaus fahren ließ, das alles war doch keine Greulpropaganda, das war Alltag in Palästina.
Jefra stiegen Zornestränen in die Augen, wenn sie solche Geschichten hörte. Aber dann wischte sie die Tränen ab und sagte: »Ich möchte wissen, warum diese Menschen so etwas tun.«” [3]

Jefra nimmt in Folge an einem sogenannten Friedensprojekt teil. Dafür muss sie für zwei Wochen nach New York und dort mit isrealischen, gleichaltrigen Mädchen im Zimmer verbleiben. In dieser Zeit verändert sich ihre Sicht auf die Zustände zwischen Palästinensern und Juden immens. Jefra – und auch die anderen Teilnehmerinnen – begreifen, dass sie alle Opfer sind. Sie alle sind Opfer von Verfolgung und Hass.

“Heute haben wir Palästinenserinnen erfahren, was den Juden vor fünzig Jahren in Europa angetan wurde. Wir wußten das nicht. Oder wir wollten das nicht wissen. Wir konnten uns nicht vorstellen, daß Juden so gelitten haben. Wir haben nicht gelernt, in Juden Opfer zu sehen. Für uns sind Juden Menschen, die uns leiden machen. Man hat uns nicht erzählt, was eure Großeltern und Urgroßeltern durchgemacht haben. Vielleicht können wir euch jetzt besser verstehen. Aber gleichzeitig fragen wir uns: Warum müssen wir für die Verbrechen bezahlen, die andere verübt haben?” [4]

Die Mädchen lernen im Camp, dass sie ihre Werte und Vorstellungen von Leben und Freiheit nicht ändern oder aufgeben müssen um mit anderen in Frieden zu leben.
Neben den Aspekten des Konflikts behandelt das Buch jedoch auch das Leben und Aufwachsen der arabischen Frauen in kritischer Weise. Es scheint keine einfache Aufgabe zu sein, sich zu selbstverantwortlichen jungen Frauen zu entwickeln, wenn es die Kultur eigentlich verbietet. Jefras Tante Nibal ist dafür ein gutes Beispiel:

“In einem Umfeld, in dem Frauen nicht nur Steine, sondern ganze Geröllhalden in den Weg gelegt wurden, hatte sie sich durchgesetzt.[...] Sie hatte den Preis für ihre Karriere bezahlt, und der Preis war hoch gewesen, Eine gescheiterte Ehe mit einem amerikanischen Kollegen, der ihr immerhin die Vergünstigungen eines amerikanischen Passes hinterlassen hatte, Verzicht auf Kinder, Leben in einem arabischen Land, in dem bei einer klar patriarchalischen Gesellschaftsordnung wenig Platz war für eine intellektuelle Frau in einer Spitzenposition. Vielleicht noch nicht in dieser Generation.” [5]

Jefra kehrt nach dem Camp “Bridges for Peace” nach Hause zurück und löst dort erst einmal Unbehagen aus. Sie hat sich verändert. Sie muss lernen ihre Einstellung diplomatisch zu äußern – ohne die einen zu verletzen aber auch ohne den Respekt der anderen zu verlieren. Wie sie diesen Weg geht sollte man selbst nachlesen.

Margret Greiner hat einen wundervollen, hoffnungsvollen und großartigen Roman geschaffen. Dabei lässt sie ihre Erfahrungen aus ihrer eigenen Zeit als Lehrerin an einer palästinensischen Mädchenschule einfließen. Sie schafft eine realistische und unverklärte Sichtweise auf die Konfliktproblematik. Wie schwer es ist, Demütigungen und Leid ertragen zu müssen und dabei nicht zu pauschalisieren. Wie schwer es ist, als Jugendliche(r) in Palästina/Isreal aufzuwachsen und dabei den Frieden im Blick zu behalten. Sie lässt keine Schuldzuweisung unkommentiert stehen, sondern deutet in eine andere (Denk)Richtung. “Denken”, “Reflektieren” und “Differenzieren” sind Schlagwörter, die die Autorin unermüdlich herausarbeitet. Polarisierung, Polemisierung – davor warnt sie stets.

Jefra heißt Palästina habe ich in unserer örtlichen Bibliothek im Bereich “Maxi – Junge Erwachsene” vorgefunden. Auch wenn es sprachlich sicher genau dort anzusiedeln ist, verlangt die Thematik ein Mindestmaß an Kenntnissen um die Konfliktsituation im Nahen Osten. Leider fehlt es dem Buch an einem entsprechenden Glossar.

Fazit
Der Klappentext lobhudelt: “Der Frieden ist in diesem Roman”. Als ich diesen Satz das erste Mal gelesen habe, dachte ich, das wäre wohl ein bisschen hoch gegriffen. Nach dem Lesen allerdings bin ich mir sicher, dass Magret Greiners Ansatz den Frieden hochzuhalten sehr gut gelungen ist und dass das Buch an Aktualität nichts eingebüßt hat. Hier sind sicher jede Menge Zutaten für das Rezept Frieden zu finden. Sehr empfehlenswert – nicht nur für junge Erwachsene!

[1] Seite 212/213
[2] Zweite Intifada – Wikipedia
[3] Seite 16
[4] Seite 136
[5] Seite 114


Image of Jefra heißt Palästina: Ein Mädchen in Jerusalem

Jefra heißt Palästina – Margret Greiner
240 Seiten, TB, 2005
8,95 Euro,
Piper


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15
Jul 10

[Sachbuch] Die Geschichte der Isrealis und Palästinenser

Vom Nahost-Konflikt hören wir jeden Tag in den Nachrichten. Und immer sind es Schreckensmeldungen. Aber warum und worum kämpfen Israelis und Palästinenser eigentlich? Die Autoren nehmen den Leser mit auf eine Zeitreise ins Heilige Land: von den ersten Auseinandersetzungen um Jerusalem bis zum Libanon-Krieg 2006. Zeitzeugen auf beiden Seiten berichten von ihrer leidvollen Geschichte und ihrem Leben im permanenten Ausnahmezustand. Für alle, die den Nahost-Konflikt und seine Geschichte verstehen wollen! Mit Abbildungen, Karten und einer Zeittafel.

Angestachelt von zahlreichen Diskussionen rund um Thema, suchte ich ein Buch, das mir in Sachen Nahost-Konflikt auf die Sprünge helfen kann, dabei nicht mit Zahlen und Fakten überladen ist (die können in späteren Lektüren aufgearbeitet werden) und prinzipell erst einmal einen Grundüberblick verschafft. Zu meiner Schande muss ich gestehen, mich noch nie ernsthaft mit dem Thema bzw. vielmehr mit den Hintergründen des Konfliktes auseinandergesetzt zu haben.

Das vorliegende Buch von Martin Schäuble und Noah Flug hat meine Erwartungen in dieser Hinsicht mehr als erfüllt. Es wird als Jugendbuch beworben, kann jedoch ohne Weiteres auch allen Erwachsenen empfohlen werden, die sich einen ersten groben Überblick ohne detaillierte wissenschaftliche Details verschaffen möchten.

Hier wird Wissen vermittelt ohne eine lenkende politische Haltung einzunehmen. Vielmehr geht es um die Menschen der Konfliktzonen, die den Horror der Kriege und des alltäglichen Grauens auf beiden Seiten erleben müssen. Die Kapitel beginnen stets mit der politischen Lage – mit allen notwendigen Hintergrundinformationen der Entwicklungen – und enthalten in Folge eingestreute Zitate von Zeugen dieser Zeit.

Letztendlich beende ich die Lektüre mit dem sicheren Gefühl darüber, nicht urteilen zu können, wer hier “Gut” und “Böse” ist. Ich habe eher das Gefühl, dass eine Menge politischer Fehlentscheidungen zu einem Konfliktausmaß führten, der in seiner zukünftigen Tragweite nicht abzuschätzen ist.

Zwei junge Männer – Elad (Israeli) und Aiyub (Palästinenser) -, die an einem internationen Hilfsprojektzur Verständigung der beiden Bevölkerungsgruppen teilgenommen haben, drücken sich wie folgt aus:

Elad
“Ich dachte, es gibt keine Chance für Frieden. Ich war der Meinung, wir brauchen Barrieren und Mauern, um uns zu schützen. Aber es gibt viele Leute wie Aiyub, nur leider nicht in der palästinensischen Regierung. Viele sind zu stolz und dickköpfig. Leute Aiyub und ich müssten uns mehr durchsetzen. Das gilt auch in der eigenen Familie, ich muss meinen Geschwistern zeigen, dass es nicht nur eine Meinung gibt. Es ist dumm, Aiyub zu hassen, nur weil jemand mit seiner Religion jemanden umgebracht hat, den ich kenne.

Aiyub
“Auf beiden Seiten gibt es schlechte Leute. Elad und ich glauben zwar an unterschiedliche Fakten, aber wir können miteinander reden. Wenn wir beide es schaffen, im selben Zimmer zu wohnen, dann muss es doch möglich sein, friedlich am gleichen Ort zu leben. Für mich hießt das Land Palästina, für Elad Israel. Über den Namen können wir uns später streiten, wenn sich beide Völker anerkennen und alle die gleichen Rechte haben. Wir kämpfen seit über 60 Jahren gegeneinander. Nichts wurde erreicht. Beide Seiten haben so viel Zeit verschwendet, um einen eigenen Staat zu haben. Wieso nicht Zeit für Frieden verschwenden?”

Ja, wenn’s doch nur so einfach wäre… Aber solange es auch dort junge Menschen gibt, die ihre anerzogenen Haltung des Hasses ablegen können, besteht ein wenig Hoffnung für die Zukunft.

Im Anhang des Buches befindet sich umfangreiches Kartenmaterial und eine detaillierte Zeittafel.

Fazit
Ein sehr empfehlenswertes Sachbuch für junge Menschen und Erwachsene – ohne erschlagende Zahlen und Fakten – , die sich unkompliziert an die Thematik des Konfliktes heranwagen möchten. Als Sachbuch für Jugendliche zum Thema ist es perfekt geeignet und das Preis-Leistungsverhältnis ist mehr als fair.


Image of Die Geschichte der Israelis und Palästinenser: Mit Karten, Zeittafel und Medienhinweisen: Mit Karten, Zeittafel und Medienhinweisen zum Nahost-Konflikt

Die Geschichte der Isrealis und Palästinenser – Martin Schäuble/Noah Flug
216 Seiten, Softcover, 2009
8,95 Euro,
Empfohlenes Alter: 14 – 17 Jahre
dtv / Reihe Hanser


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